Winding Refn bietet Gratisfilme an

Der Auftritt des US-Dänen Nicolas Winding Refn, kurz NWR, im Kino des Institut Lumière, ist spektakulär: „Heute, am 17. Oktober 2017, erkläre ich das Kino für tot. Nun brauchen wir zehn Schweige-Sekunden. Ich starte mein Iphone und möchte, dass Sie sich zehn Sekunden an das Kino erinnern … die zehn Sekunden sind um. Nun erkläre ich das Kino für wiedergeboren. Applaudieren sie bitte. Wie der dritte Lumière-Bruder werde ich Ihnen sagen, wie die Zukunft aussieht.“ Der schlanke Mann im teuren schwarzen Anzug mit dem dicken, hellgrauen, schick gewickelten Schal um den Hals sieht nicht gerade wie ein Messias aus, aber er spricht vom alten Kino als Bibel und vom Institut Lumière als Kathedrale.

IMG_20171016_200901

Dann beginnt er den Kinozuschauern beim Filmfestival von Lyon  von seinem Projekt zu erzählen, von der Webseite, die er im Februar 2018 startet. NWR sammelt Filme, 35-mm-Negative, Kopien und er lässt sie restaurieren. Aber nicht die Klassiker, sondern vergessene Filme, Filme, die keiner kennt.  „„Ich will Teenager dazu ermuntern, selbst kreativ zu werden. Sie sollen unser Wissen, was Kino einmal war, nutzen, und etwas Neues machen.“ Soweit so gut. Er will die Filme auf eine neue Webseite stellen, einen pro Quartal, mit umfangreichem Begleitmaterial. Umsonst, auch das Streamen kostet nichts. Eine tolle Sache. Und beim Festival Lumiere zeigte er die ersten zwei Filme, die er dort anbieten will: zwei Schwarzweiß-Filme, zwei Horror-Filme, zwei B-Pictures.

Der erste Film, mit dem die Webseite startet, ist „The Night  of the Cuckoo Birds“ (1967) von Bert Williams, ohne Stars. WNR kannte lange nur den gleichnamigen Song der Band the Cramps, der sich auf einen Film bezog, den niemand kannte., der aber eine urbane Legende war, seit man ein Plakat des Films veröffentlichte. Bis er einen Anruf von der Filmabteilung der Harvard Universität bekam: Der Film sei im Keller eines alten Kinos gefunden worden. Für 30.000 Dollar ließ NWR den Film restaurieren, um ihn endlich zu sehen. Bert Williams machte nur diesen einen Film, wird aber öfter erwähnt als andere, was mich eifersüchtig machte, scherzte Winding Refn. Es ist ein krudes Werk mit verrückten älteren Männern im Dschungel, bei dem die Musik das Beste ist. Wie sagte Winding Refn: „Man kann seine Inspiration aus allem ziehen, aus Filmen, aber auch aus anderen Dingen“. Man kann hinzufügen: auch aus schlechten Filmen.

Den zweiten Film, der auf die Webseite soll, zeigte NWR auch: Er ist gut und witzig: „Night Tide“ (1963) von Curtis Harrington mit dem jungen Dennis Hopper in seiner ersten Hauptrolle, der sich in eine Meerjungfrau verliebt, die natürlich keine ist. Er kaufte das Negativ, das in einem lamentablen Zustand war und fand eine Firma in Frankreich, die sieben Monate an der Restaurierung arbeitete, erzählte NWR nicht ohne auszurufen: „Thank God for the French“.

200 Filme hat der 47-jährige Regisseur, der in den USA schon fast so kultig verehrt wird wie Quentin Tarantino, auch wenn er schlechtere Filme macht – inzwischen gekauft. Das macht ihn richtig sympathisch, auch wenn man seine Filme nicht mag. So hat einst auch Martin Scorsese angefangen, der heute die größte private Filmstiftung zur Rettung und Restaurierung von Kinofilmen aufgebaut hat.

Winding Refn kam auf diese Idee der Gratis-Webseite, die wohl wie eine Art Gratis-Fernhochschule funktioniert, durch seine Filmleidenschaft, seine Sammellandschaft  und durch seine Kinder, die mit einem ganz anderen Film- und Technikverständnis aufwachsen als er: „Wir sind heute alle Künstler“.  „Alles begann mit eine romantischen Essen mit Thierry Frémaux im Hotel Vier Jahreszeiten in Hollywood“, scherzte NWR, während Frémaux, der Leiter des Institut Lumière, des Filmfestivals Lumière und des Filmfestivals von Cannes, neben ihm stand, lachte und bekannte, dass er zu Beginn der Vorstellung von NWR ganz schön erschrocken war.

Weil bei NWR alles stilvoll sein muss, verteilte er den Zuschauern schwarze, visitenkartenkleine Umschläge. Drin ist auch eine Art Visitenkarte. Ebenfalls in Schwarz: Darauf steht in Rot: „An unadulterated cultural expressway for the arts ByNWR.com. Be a part of the movement.” (Eine unverfälschte kulturelle Autobahn für die Künste. Werde ein Teil dieser Bewegung). Die Webseite soll übrigens in drei Sprachen funktionieren: Englisch, Französisch und Chinesisch. Sagt NWR und setzt sich in den Saal, um auch selbst sein Doppelfeature anzusehen, das stilgemäß bis Mitternacht dauert.

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt am von .
Andrea Dittgen

Über Andrea Dittgen

RHEINPFALZ-Redakteurin Andrea Dittgen schaut Filme . Seit 1981 hat sie im Kino etwa 20.000 Filme gesehen. Und sie schreibt darüber (seit 1990). In der RHEINPFALZ in Gestalt von Kino- und DVD-Kritiken, jetzt auch in Form eines Blogs. Außerdem ist sie für uns in Cannes, Toronto, Berlin und bei anderen Film-Festivals dabei.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *