Überraschungsgast Julia Jentsch

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Julia Jentsch und Regisseur Florian Hoffmeister. Foto: ütz

Von Susanne Schütz

Stars kann man auf der Ludwigshafener Parkinsel beim 13. Festival des deutschen Films auch mal unverhofft begegnen. Zum Beispiel Julia Jentsch. Die Schauspielerin hatte überraschend doch Zeit, um ihren Film „Die Habenichtse“ vorzustellen, in dem sie ungewohnt sanft und weich eine Grafikerin spielt, die sich etwas zu schnell in eine Ehe stürzt und ihrem Mann nach London folgt, wo sie nicht richtig Fuß fassen kann. Etwas geisterhaft wirkt der Film; das Paar ist haltlos, ein Spielball der Umstände: Ausgerechnet am 11. September 2001 haben beide zueinander gefunden, der Tag auch, an dem der beste Freund ihres künftigen Mannes in New York umkam. Die Romanverfilmung lief bereits im vergangenen Dezember in den Kinos an, mit nicht allzu großer Resonanz. Vielleicht auch, weil mutig in Schwarzweiß gedreht wurde. Das Schwarz-Weiß habe sich genau richtig angefühlt, um zum Kern der Geschichte zu kommen, erklärte Julia Jentsch, die selbst eher auf grün setzte und sehr sorgsam ihre Antworten überdachte, sich aber doch schwer tat, den auch für sie lange geheimnisvollen Stoff zu analysieren.

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Szene mit Julia Jentsch als Isabelle aus „Die Habenichtse“. Foto: Festival

Immer wieder überraschend sind auch die Begegnungen mit Regisseur Dietrich Brüggemann, der sozusagen schon Stammgast auf der Parkinsel ist und stets fesselnd zu erzählen vermag. Sprudelnd wie ein Wasserfall. Diesmal schwäbelte er, schließlich stellte er seinen ersten „Tatort“ vor, „Stau“, der in Stuttgart spielt. Dort hat er Teile seiner Jugend verbracht, deshalb kam er auch auf das für Stuttgarter naheliegende Thema. Und den Schauplatz Weinsteige, an dem die Kommissare inmitten eines scheinbar endlosen Staus nach einem tödlichen Verkehrsunfall ermitteln: „Diese große Weite und dabei gleichzeitig eingesperrt sein in einem Stau, das fand ich toll“, erklärt Brüggemann, bevor er wieder zum Dialekt übergeht.

„Ich versteh dich nicht“, nörgelt Interviewer Rüdiger Suchsland da schon mal. Und fragt etwas angefressen nach, ob das Thema nicht aus einem anderen Film der 1950er geklaut sei. „Nein, ich bin ja nicht Christoph Petzold“, rutscht es Brüggemann da in Anspielung auf dessen Film „Phoenix“ heraus. „Diese Idee ist mir wirklich reinen Herzens eingefallen.“ Und sie hat den Sender SWR ganz schön gefordert: Die Weinsteige ist in einer riesigen Messehalle in Freiburg vor Bluescreen nachgebaut worden, ziemlich viele Spezialeffekte stecken also in dem Stoff, der heute Abend auch in der ARD zu sehen sein wird.

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Dietrich Brüggemann und seine SWR-Redakteurin haben Spaß beim Filmgespräch. Foto: Ütz

Brüggemann hat gleichzeitig eine Parodie des Genres drehen und den „Tatort“-Rahmen auch ernst nehmen wollen. „Ich mag die Beschränkungen des Formats. Und wollte aber auch künstlerisch dahinter stehen können“, sagt er und strahlt übers ganze Gesicht. Der 41-Jährige, der formale Experimente wie „Neun Szenen“ oder „Kreuzweg“ gedreht hat, aber auch die schwarze Satire „Heil!“, wirkt wie ein großes Spielkind, stets abenteuerlustig und neugierig. Und er hat sozusagen Blut geleckt: Ein nächster Brüggemann-„Tatort“ ist gerade in der Mache. Ein absurder Stoff. Für den Hessischen Rundfunk natürlich. Was Kinokritiker Suchsland auch wieder auf den Plan ruft, der mit Brüggemann in der Stadt von Ernst Bloch lieber über die philosophische Dimension des Krimigenres sprechen möchte, den Ermittler als Stifter von Ordnung in einer Welt, in der Chaos herrscht. Und die „Utopie, dass die Sache gut ausgehen kann“. Brüggemann mag es lieber geerdeter. „Ich bin gern auf Augenhöhe mit dem Zuschauer“, wehrt er intellektuelle Diskurse etwas ab, obwohl er gern hinter die Dinge schaut. Nur eben aufs Menschliche bezogen: „Mehr als das Ermitteln interessieren mich die individuellen Lebensumstände.“ Und das ist doch schön. Ein Humanist also durchaus.

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Richy Müller in „Tatort: Stau“. Foto: ütz

 

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