Berlinale-Jury-Präsident Tom Tykwer. Foto: Joachim Gern/Berlinale

Tom Tykwers Harvey-Weinstein-Geschichte

Harvey Weinstein. Die Geschichte, die Berlinale-Jury-Präsident Tom Tykwer mit ihm erlebte, liegt ziemlich genau 20 Jahre zurück. Mit Sex hat sie nichts zu tun. Mit Anmache schon. Es war im September 1998, beim Filmfestival von Toronto. Die US-Verleiher überschlugen sich förmlich, um „Lola rennt“ zu bekommen, erzählte Tom Tykwer am Sonntag beim Publikumsgespräch der „Berlinale Talents“: „Damals kaufte man noch fertige Filme, nachdem man sie gesehen hatte, nicht schon nach dem Drehbuch wie heute. Die Filme waren nackt, niemand kannte sie, alles hatte eine unglaubliche Reinheit. Die Einkäufer waren hysterisch, sie verfolgten uns im Hotel. Wenn man da die Hände schüttelte, war das schon ein Vertrag. Miramax, die Weinstein-Brüder, kamen nach Toronto, und wenn sie einen Film kauften, sagten die Regisseure: „Danke, Meister“. Sie zahlten viel, deshalb war es interessant. Die Miramax-Leute trafen Stefan Arndt (der den Film für X-Filme mitproduzierte) in Toronto, aber er sagte, dass sie auch andere Käufer treffen.

Eine Situation wie im „Paten“

Dann kam ich nach Toronto, wir trafen andere Leute, und fanden jemanden, der uns sympathisch war, die Leute von Sony Classics, Michael Barker. Und wir sagten zu Miramax: Wir haben an jemand anderes verkauft. Dann sagten sie: „Oh je, Harvey kommt, du musst ihn treffen und ihm den Film verkaufen.“ Also trafen wir uns. Es ist eine dieser Geschichten, die du nie vergisst.

Die Präsidentensuite. Als ich in den Raum kam, saß er schon da im Sessel. „Wie kannst du es wagen, den Film nicht uns zu geben!“ Er war aufgeregt und wütend. Dann wurde er wirklich unfreundlich. Es war eine Situation wie im „Paten“ und er war der Pate. „Du beleidigst meine Familie“, sagte Harvey. Die Luft wurde dünner, man hörte Schritte, schwere Schritte. Es war Harvey, der hinter uns her rannte: „Komm zurück, wir müssen reden!“ (er imitiert Harveys Stimme). Und dann: „Wir müssen eine Lösung finden“.

Ein First-Look-Deal zur Beschwichtigung

Die Lösung war: Weil sie „Lola rennt“ nicht bekommen haben, wollten sie einen anderen Film. „Können wir einen First-Look-Deal machen?“, fragte Harvey. Das heißt, er schickt uns Drehbücher und wenn uns eins gefällt, können wir den Film machen. Das klang gut. Das erste Drehbuch war „Highlander 4“ (Lachen im Saal). Das wollten wir natürlich nicht machen. Dann kamen andere Drehbücher, oft gab es darin einen Moment, in dem eine Frau rennt (wieder Lachen im Saal). Ganz absurde Filme haben die uns angeboten. Dann kam das Drehbuch von Krzysztof Kieslowski, es war „Heaven“. Es war toll. Kieslowski war gerade ein Jahr tot, Co-Produzenten waren Sydney Pollack und Anthony Minghella.“

So kam es, dass Harvey Weinstein Tykwers Hollywood-Film „Heaven“ produzierte. Tom Tykwer erzählte es am Sonntag beim Publikumsgespräch der „Berlinale Talents“ – auf Englisch natürlich (die ganze Sektion kennt nur Englisch), nachdem man zuvor eine Rarität gesehen hatte: einen Ausschnitt aus „Lola rennt“, englisch synchronisiert, sehr bizarr. Aber passend zum Titel des 90-Minuten-Gesprächs: „Secrets“ – Geheimnisse“. Man kann diese Reihe nur empfehlen.

Dieser Beitrag wurde am von in Berlinale 2018 veröffentlicht. Schlagworte: .
Andrea Dittgen

Über Andrea Dittgen

RHEINPFALZ-Redakteurin Andrea Dittgen schaut Filme . Seit 1981 hat sie im Kino etwa 20.000 Filme gesehen. Und sie schreibt darüber (seit 1990). In der RHEINPFALZ in Gestalt von Kino- und DVD-Kritiken, jetzt auch in Form eines Blogs. Außerdem ist sie für uns in Cannes, Toronto, Berlin und bei anderen Film-Festivals dabei.

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