The Great Udo

Es ist Mitternacht. Nach der Vorstellung von “Brawl in Cell Block 99“ (Schlägerei im Zellenblock 99) kündigt der Moderator in Toronto dem Publikum den Gast mit den drei Worten an: „The Great Udo!“ Gemeint ist – natürlich – Udo Kier. Es gibt nur zwei Film-Deutsche, die schon seit Jahrzehnten in Amerika leben und dort sowie in Kanada Kultstatus genießen: Werner Herzog (75) und Udo Kier (72). Beide drehen seit über 50 Jahren Filme. Sie werden geliebt wegen ihrer Filme – und wegen ihrer witzig-trockenen Art, wenn sie dem Publikum gegenübertreten.

Udo Kier in Toronto. Foto: Courtesy of TIFF

Udo Kier in Toronto. Foto: Courtesy of TIFF

Herzog war letztes Jahr (mit zwei Filmen)  beim Toronto International Film Festival, jetzt ist Kier dran. Auch mit zwei Filmen. In besagtem B-Picture-Horror-Slasher-Film (Hauptrolle Vince Vaughn, Kier hat eine Nebenrolle, ebenso Don Johnson) des Amerikaners S. Craig Zahler und in der Komödie „Downsizing“ (Schrumpfen) von Alexander Payne. Er spielt jeweils eine Nebenrolle, in „Downsizing“ hießt er Konrad und ist der beste Freund des Mannes, der sich zur Größe des Däumlings schrumpfen lassen will, weil dann das Leben viel billiger rund schöner ist und man die Umweltressourcen mehr schont. Konrad sitzt auf dem Sofa in der Villa und gibt den netten Playboy, der eine Yacht hat, auf die er seine Freunde mitnimmt. Im zweiten Film steckt Kier als „Placid Man“ (gelassener Mann) in einem eleganten Anzug und spielt den Helfershelfer des Oberschurken. Seltsamerweise kommt er in beiden Filmen nicht – wie sonst üblich – ums Leben.

Der erste Film ist besser als der zweite, wie man sich denken kann, aber das ist unerheblich, denn Kier ist in erster Linie Kier. Dafür sorgt der starke deutsche Akzent, mit dem er Englisch spielt, sein nicht ganz wegzukriegender leicht tuntiger Einschlag und seine strahlendblauen Augen. All das kommt in diesen neuen Filmen zur Geltung. Während der erste Film eine Komödie ist, macht Kier bei seinem amüsanten Auftritt auch aus dem zweiten ein. Ein bisschen O-Ton: „Ich habe den Film gestern schon gesehen und heute noch einmal das Ende: Er ist so wunderbar brutal! Wenn er den Kopf abschlägt, yeah, das mag ich, und dann wenn er den Arm bricht, yeah. Ich finde Vince Vaugh ganz toll in dem Film. Mit Zahler bin ich inzwischen befreundet, ich glaube, ich spiele jetzt in all seinen Filmen mit. Ich spiele in seinem neuen Film „The Puppetmaster: the Littelst Reich“ mit, ich habe einen Zahler-Film mit Mel Gibson gedreht und hoffe, dass wir noch viele Filme zusammen machen.

Aber als mir Zahler die Rolle anbot, meinte ich: ,Das kann ich nicht sagen. Mein Boss will jemanden töten. Er will die Arme und Bein des Fötus im Bauch deiner Frau abschneiden. Und dann wirst du ein kleines Paket bekommen.‘ Das kann ich doch nicht sagen! Ich habe schon jede Menge Bösewichter gespeilt, von Dracula bis Frankenstein, aber in einem Film, der heute spielt, so etwas zu sagen  – das gefällt mir! Nach den Vorführungen  kommen oft Frauen zu mir und sagen: „Du bist so böse“. Ich bin ein Schauspieler, der so böse ist, dass Frauen davon einen Orgasmus bekommen. Wunderbar. Ich bin glücklich. Ich habe noch einen Film hier, „Downsizing“. Ich habe zwei Filme hier, ist das nicht toll? Ich komme aus Palm Springs, müde, und mache hier das Frage-und Antwort-Spiel. Wenn man nicht die Hauptrolle hat, sondern eine Nebenrolle spielt, muss man etwas tun, an das sich jeder erinnert. Den Freund der Hauptfigur zu spielen ist schrecklich. Wenn ich ein Drehbuch bekomme – und egoistisch wie ich bin, lese ich zuerst meine Rolle, dann das ganze Drehbuch mit meiner Rolle, dann denke ich. Da muss ich nicht mitspielen, es ändert nichts, aber dann mache ich es doch. Ich mache schon seit  50 Jahren Filme, ich habe schon mit den Regisseuren der Welt gearbeitet, aber was zählt: Ich will Spaß haben. Und dieser Film hat mir viel Spaß gemacht! Ich war schon ein paarmal in Toronto, vor langer Zeit drehte ich hier auch einen Film mit Regisseur Richard Longo und mit Keanu Reeves („Johnny Mnemonic“, 1995), aber ich habe ein Problem: ich verwechsele Toronto und Vancouver. Die Städte sehen sich so ähnlich. Wo war noch mal das japanische Sushi-Restaurant? Nein, das war in Vancouver. Morgen früh um 4.30 Uhr muss ich aufstehen, um 8 Uhr startet der Flieger, um mich nach Hause zu bringen. Ich habe einen Hund und eine Ranch, die von Bergen umgeben ist, ich bin Linkshänder, also werde ich dann in meiner linken Hand ein Glas Wein halten und einen Lizard und einen Roadrunner sehen – mit dem Toronto-Lächeln.“

Dieser Beitrag wurde am von in Toronto 2017 veröffentlicht. Schlagworte: .
Andrea Dittgen

Über Andrea Dittgen

RHEINPFALZ-Redakteurin Andrea Dittgen schaut Filme . Seit 1981 hat sie im Kino etwa 20.000 Filme gesehen. Und sie schreibt darüber (seit 1990). In der RHEINPFALZ in Gestalt von Kino- und DVD-Kritiken, jetzt auch in Form eines Blogs. Außerdem ist sie für uns in Cannes, Toronto, Berlin und bei anderen Film-Festivals dabei.

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