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Filme kommen wie Einbrecher in der Nacht

Werner Herzog (74) bekam in der Nebenreihe „Quinzaine des réalisateurs“ gestern als erster Deutscher die „Carosse d’or“ (Goldene Kutsche) des französischen Regisseursverbandes. Er kam, zeigte seinen Film „Bad Lieutenant“ und lud zu einem öffentlichen Gespräch ein, bei dem er sich den Fragen dreier junger französischer Regisseure (Guillaume Brac, Alice Diop, Arthur Harari) stellte. Sie fragten auf Französisch, er antwortete auf Englisch. Ein kurzer Auszug aus dem einstündigen Gespräch, das vor vollem Kinosaal stattfand und in dem Herzog mit seiner trockenen Art viele zum Lachen brachte.

Warum drehen Sie nicht in Deutschland?

Werner Herzog im Gespräch mit Guillaume Brac

Werner Herzog im Gespräch mit Guillaume Brac

Es sollte niemand nervös machen, dass ich keine Filme in Deutschland drehe. Das habe ich früher gemacht, „Kaspar Hauser“ (1974) zum Beispiel. Aber: alle Filme, die ich gemacht habe, ob in Australien, Amerika oder Amazonien, sind bayerische Filme! Ich habe mein Land verlassen, aber nicht meine Kultur. Apropos Bayern: Der letzte bayerische König war Ludwig II. Man sagte ihm nach, dass er ein bisschen verrückt war. Er wäre der Einzige, der einen Film wie „Fitzcarraldo“ hätte machen können – in dieser Bedeutung ist der Ausdruck „bayerische Filme“ zu verstehen.

 

Sie leben in Amerika, haben Sie nicht geschaut, welche Dinge sich in Deutschland ändern?

Der amerikanische Traum funktioniert nicht. Es ist ein sehr zerbrechlicher Traum. Die Träume in meinen Filmen sind stabiler als in die in der Wirklichkeit. Deshalb ich froh dass ich Filme mache, die in der Gegenwart spielen und nicht in den 70er Jahren stecken geblieben bin. Viele meiner Kollegen, die ihre ersten Filme damals hier in der Quinzaine gezeigt haben, sind stecken geblieben, sie haben sich seit den 70er Jahren nicht weiterentwickelt. Der Einzige, der das Potenzial hatte, sich über die 70er hinaus zu entwickeln war – meiner Meinung nach – Rainer Werner Fassbinder.

Aber er blieb in Deutschland…

Ja, aber sein Deutschland war auch Bayern! Er war auch sehr bayerisch. Wenn man seine letzten Filme betrachtet, war er doch weit entfernt von den deutschen Zirkeln und der deutschen Art des Denkens. Er hatte etwas Wildes.
Nicht alles, was in meinen Film „Bad Lieutenant“ drin ist, stand im Drehbuch, da habe ich meine Fantasie eingebracht: Die Iguanas zum Beispiel, ich nahm sie rein, weil ich dachte, dann ist es mein Film, etwas Persönliches.

Wie haben Sie Ihre Karriere gesteuert?

Es gibt keine Zauberformel, und ich habe auch nie Karriere gemacht. Ich bin immer auf der Suche. Die meisten Filme kamen mit großer Vehemenz zu mir, sie waren nicht eingeladen. Sie kamen wie Einbrecher mitten in der Nacht durch die Küche!

Machen Sie einen Unterschied zwischen Spielfilmen und Dokumentarfilmen?

Nein. Ich versuche, etwas tiefer zu graben, die Dokumentarfilme haben nicht nur Fakten als Grundlage, sondern auch etwas anderes. Ich suche eine tiefere Wahrheit, das geht nur durch Erfindung und Stil. Meine Kollege sagen oft: wenn man Dokumentarfilme dreht, soll man so sein wie die Fliege an der Wand. Aber im günstigen Fall bist du der Tresor in der Bank, die 50 Jahre lang nicht ausgeraubt wurde. Wir sind Filmemacher, keine Fliegen an der Wand, die stinken. Ob ich einen Dokumentarfilm oder einen Spielfilm mache, ist nicht so wichtig, es geht immer um den besonderen Blick, die Ekstase, die ekstatische Wahrheit. Die Filme müssen etwas Erhellendes haben. Ich habe wilde Sachen gemacht wie einen Film unter dem Feuer in Kuwait: „Lessons of Darkness“. Er beginnt mit einem Zitat von Blaise Pascal: „Der Untergang des Universums vollzieht sich so wie seine Erschaffung – in großen Glanz.“ Aber es war gar nicht Pascal, der das sagte, sondern ich! Und Pascal hätte es auch nicht besser sagen können!

Andrea Dittgen