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Die große Cate und die Quinzaine

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Cannes-Tagebuch (2) 8. Mai 2018

In Frankreich ist Feiertag. Das Kriegsende 1945 wird am 8. Mai gefeiert. Doch wer nun denkt, in der Stadt wären alle Läden zu wie in Deutschland an Feiertagen, der irrt. Der Panikkauf am Vorabend mit Klopapier, Kaffee und Obst & Co. wäre nicht nötig gewesen. Die meisten Läden haben geöffnet, egal ob Supermarkt oder kleiner Kleiderladen, denn niemand will sich ein Geschäft entgehen lassen, heute, wo doch das Filmfestival beginnt, und aus dem 60.000-Einwohner-Städchen eins mit doppelt so vielen Menschen wird. Auch am Donnerstag, dem nächsten Feiertag (Christi Himmelfahrt) werden die Läden offen sein, das ist doch beruhigend, was das frische Frühstückscroissant von der Bäckerei am Eck angeht – und auch beunruhigend, denn mein Apartment liegt an der Straße zur Croisette. Es gibt also auch am Feiertag morgens früh schon Lärm.

Erstmals seit ich nach Cannes fahre (seit 1994, damals gewann so ein US-Newcomer mit einem furiosen  Film namens „Pulp Fiction), gibt es am ersten Tag nachmittags vorab nicht den Eröffnungsfilm für die Presse. Wir dürfen ihn erst abends parallel zur offiziellen Gala sehen. So hat man tagsüber genug Zeit, endlich einen Plan zu machen – im Internet steht im Pressebereich tatsächlich der Plan der Pressevorführungen und Pressekonferenzen. Die erste Zusage für ein Interview trudelt ein, mit Wim Wenders über seinen Papst-Film, der außer Konkurrenz läuft. Blöderweise am Tag, bevor der Film läuft – so wird das Interview eine Herausforderung.

Der Verleih neue Filmkunst Werner Kirchner war für seine Plakate berühmt. Dieses Plakat maslte Regisseur Jan Lenica selbst. Zu sehen in der Quinzaine-Ausstellung in Cannes.

Der Verleih neue Filmkunst Werner Kirchner war für seine Plakate berühmt. Dieses Plakat maslte Regisseur Jan Lenica selbst. Zu sehen in der Quinzaine-Ausstellung in Cannes.

Einen Kilometer vom Festivalzentrum entfernt, bietet die Sektion „Quinzaine des réalisateurs“ eine Ausstellung, sie wird 50. Sie entstand 1969 als Folge des 1968 wegen der Mai-Unruhen angebrochenen Festivals. Damals hatten sechs Regisseure aus Solidarität mit den Demonstranten in Paris den Abbruch gefordert: Jean-Luc-Godard (87, hat dieses Jahr einen Film im Wettbewerb), Roman Polanski (84, hatte 2017 einen Film im Wettbewerb), Claude Lelouch (80, macht zu schlechte Filme, um in den Wettbewerb zu kommen), Louis Malle (1932-1995), Claude Berri (1934-2009) und Jean-Gabriel Albicocco (1936-2001). Die Quinzaine zeigte die ersten Filme des neuen deutschen Kinos. Von Rainer Werner Fassbinder, Werner Herzog, Volker Schlöndorff. Doch in der Ausstellung tauchen die Deutschen nicht auf. Diese ignoranten Franzosen! Das einzig Deutsche in der Zusammenschau mit Fotos und Filmen ist ein deutsches Plakat des Films „Adam 2“ ´(1968) von Jan Lenica, von Lenica selbst gemalt, das der Verleih Neue Filmkunst Werner Kirchner aus Göttingen anfertigen ließ. Das ist schon enttäuschend. Immerhin gibt es im neuen Buch zur Quinzaine sechs Seiten über das deutsche Kino nebst einen schönen Herzog-Karikatur. Das versöhnt. https://www.quinzaine-realisateurs.com/

In dem neuen Buch "Quinzaine des réalisateurs Cannes les jeunes années" gibt es diese schöne Herzog-Karikatur des Autors Bruno Icher

In dem neuen Buch „Quinzaine des réalisateurs Cannes les jeunes années“ gibt es diese schöne Herzog-Karikatur des Autors Bruno Icher

Das kann man vom Eröffnungsfilm nicht sagen. Schlimm genug ist, dass die 1000 Journalisten, die parallel zur Gala im großen Saal Lumière (2300 Plätze) im kleineren Saal Debussy Einlass gefunden hatten, sich die Eröffnungsfeier ansehen mussten (sonst wären sie nicht mehr ins Kino gekommen). Sie dauert etwa eine Stunde und ist um vieles langweiliger ist als bei der Berlinale, weil die Franzosen keine freche Anke Engelke als Moderatorin haben und Festivalleiter Thierry Frémaux (57), obwohl schon ein Jahr länger im Amt als Dieter Kosslick (69), längst nicht so witzig ist. Auch spielt sich alles auf Französisch ohne  Untertitel ab, was nicht jedermanns Sache ist. Immerhin war es nett anzusehen, dass Jury-Präsidentin Cate Blanchett zusammen mit dem einen Kopf kleineren Martin Scorsese das Festival für eröffnet erklärte. Dass der Eröffnungsfilm „Everybody Knows“ des zweifachen Oscar-Preisträgers Asgar Farhadi aus dem Iran schlecht war, konnten die beiden nicht ahnen. Wir Kritiker auch nicht. Sind alle Wettbewerbsfilme so schlecht, und Frémaux hat deshalb beschlossen, den Journalisten nichts vorab zu zeigen? Mal sehen, wie es weitergeht.

Andrea Dittgen

 

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Filme kommen wie Einbrecher in der Nacht

Werner Herzog (74) bekam in der Nebenreihe „Quinzaine des réalisateurs“ gestern als erster Deutscher die „Carosse d’or“ (Goldene Kutsche) des französischen Regisseursverbandes. Er kam, zeigte seinen Film „Bad Lieutenant“ und lud zu einem öffentlichen Gespräch ein, bei dem er sich den Fragen dreier junger französischer Regisseure (Guillaume Brac, Alice Diop, Arthur Harari) stellte. Sie fragten auf Französisch, er antwortete auf Englisch. Ein kurzer Auszug aus dem einstündigen Gespräch, das vor vollem Kinosaal stattfand und in dem Herzog mit seiner trockenen Art viele zum Lachen brachte.

Warum drehen Sie nicht in Deutschland?

Werner Herzog im Gespräch mit Guillaume Brac

Werner Herzog im Gespräch mit Guillaume Brac

Es sollte niemand nervös machen, dass ich keine Filme in Deutschland drehe. Das habe ich früher gemacht, „Kaspar Hauser“ (1974) zum Beispiel. Aber: alle Filme, die ich gemacht habe, ob in Australien, Amerika oder Amazonien, sind bayerische Filme! Ich habe mein Land verlassen, aber nicht meine Kultur. Apropos Bayern: Der letzte bayerische König war Ludwig II. Man sagte ihm nach, dass er ein bisschen verrückt war. Er wäre der Einzige, der einen Film wie „Fitzcarraldo“ hätte machen können – in dieser Bedeutung ist der Ausdruck „bayerische Filme“ zu verstehen.

 

Sie leben in Amerika, haben Sie nicht geschaut, welche Dinge sich in Deutschland ändern?

Der amerikanische Traum funktioniert nicht. Es ist ein sehr zerbrechlicher Traum. Die Träume in meinen Filmen sind stabiler als in die in der Wirklichkeit. Deshalb ich froh dass ich Filme mache, die in der Gegenwart spielen und nicht in den 70er Jahren stecken geblieben bin. Viele meiner Kollegen, die ihre ersten Filme damals hier in der Quinzaine gezeigt haben, sind stecken geblieben, sie haben sich seit den 70er Jahren nicht weiterentwickelt. Der Einzige, der das Potenzial hatte, sich über die 70er hinaus zu entwickeln war – meiner Meinung nach – Rainer Werner Fassbinder.

Aber er blieb in Deutschland…

Ja, aber sein Deutschland war auch Bayern! Er war auch sehr bayerisch. Wenn man seine letzten Filme betrachtet, war er doch weit entfernt von den deutschen Zirkeln und der deutschen Art des Denkens. Er hatte etwas Wildes.
Nicht alles, was in meinen Film „Bad Lieutenant“ drin ist, stand im Drehbuch, da habe ich meine Fantasie eingebracht: Die Iguanas zum Beispiel, ich nahm sie rein, weil ich dachte, dann ist es mein Film, etwas Persönliches.

Wie haben Sie Ihre Karriere gesteuert?

Es gibt keine Zauberformel, und ich habe auch nie Karriere gemacht. Ich bin immer auf der Suche. Die meisten Filme kamen mit großer Vehemenz zu mir, sie waren nicht eingeladen. Sie kamen wie Einbrecher mitten in der Nacht durch die Küche!

Machen Sie einen Unterschied zwischen Spielfilmen und Dokumentarfilmen?

Nein. Ich versuche, etwas tiefer zu graben, die Dokumentarfilme haben nicht nur Fakten als Grundlage, sondern auch etwas anderes. Ich suche eine tiefere Wahrheit, das geht nur durch Erfindung und Stil. Meine Kollege sagen oft: wenn man Dokumentarfilme dreht, soll man so sein wie die Fliege an der Wand. Aber im günstigen Fall bist du der Tresor in der Bank, die 50 Jahre lang nicht ausgeraubt wurde. Wir sind Filmemacher, keine Fliegen an der Wand, die stinken. Ob ich einen Dokumentarfilm oder einen Spielfilm mache, ist nicht so wichtig, es geht immer um den besonderen Blick, die Ekstase, die ekstatische Wahrheit. Die Filme müssen etwas Erhellendes haben. Ich habe wilde Sachen gemacht wie einen Film unter dem Feuer in Kuwait: „Lessons of Darkness“. Er beginnt mit einem Zitat von Blaise Pascal: „Der Untergang des Universums vollzieht sich so wie seine Erschaffung – in großen Glanz.“ Aber es war gar nicht Pascal, der das sagte, sondern ich! Und Pascal hätte es auch nicht besser sagen können!

Andrea Dittgen