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Herzog – Gorbatschow

Herzog-Gorbatschow

„Meeting Gorbachev“ war quasi eine Auftragsarbeit vom deutschen und britischen Fernsehen: Ein Interview mit Michail Gorbatschow, dem früheren Generalsekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (1985-1991) und dem Staatspräsidenten (1990-1991). Doch wer den Dokumentarfilmer Werner Herzog kennt, der weiß, dass mehr als ein Gespräch herauskommt. „Ich wollte etwas von seiner russischen Seele einfangen“, sagte Herzog in Toronto. Das ist nicht so leicht bei einem 87-jährigen. Doch die beiden fanden schnell einen Draht zueinander. „Ich bin Deutscher – und der erste Deutsche, den Sie sahen, wollte sie wohl töten“, sagt Herzog und blickt Gorbatschow direkt in die Augen. Doch der erzählt gar keine Kriegsgeschichte, sondern die vom Nachbarhof der Kolchose im Kaukasus, wo er aufwuchs. Die Leute dort machten tolle Ingwerplätzchen, sagt Gorbatschow. Es waren Deutsche. „Leute, die so gute Ingwerplätzchen machen, können nicht schlecht sein“, sagte Gorbatschow langsam.

Szene aus "Meeting Gorbachev" mit Werner Herzog (links) und Michail Gorbatschow, zwei älteren Herren im Polohemd mit Anzugsjacke. Foto: Courtesy of Tiff

Szene aus „Meeting Gorbachev“ mit Werner Herzog (links) und Michail Gorbatschow, zwei älteren Herren im Polohemd mit Anzugsjacke. Foto: Courtesy of Tiff

Später, als Herzog auf den Kalten Krieg und auf die Wiedervereinigung Deutschlands zu sprechen kommt, sagt Gorbatschows auch etwas Unerwartetes. „Der Beginn der Gespräche zur Wiedervereinigung war denkbar schlecht, Helmut Kohl verglich den russischen Staatschef mit Goebbels. Doch dann nahmen die Gespräche einen guten Verlauf“. Herzog sitzt Gorbatschow gegenüber und fragt auf Englisch, der antwortet auf Russisch. Langsam und bedächtig, ob wegen des Alters oder weil er die Worte genau abwägt, weiß man nicht.

Zu dem Interview kommen Archivaufnahmen, die Herzog suchen ließ und die sein Co-Regisseur André Singer, ein Brite, mit der schon 30 Jahren zusammenarbeitet, dann fand: Wie der senile Staatspräsident Breschnew Gorbatschow ehrt, nicht mehr seinen Namen weiß (er wird ihm zugeflüstert), dann nicht mehr weiß, wofür er Gorbatschow die Medaille geben soll und der laut und vernehmlich sagt: „Kanal“ (er hatte gerade einen wichtigen Kanal fertiggestellt). Archivaufnahmen zeigen den jungen Gorbatschow und nacheinander die immer nach demselben Ritual ablaufenden Beerdigungen von Breschnew, Andropow, Tschernenko, den Staatschefs (Herzog nennt sie Fossile), die innerhalb von nur drei Jahren alle starben – bevor Gorbatschow der letzte Präsident der UdSSR werden sollte.

Locker und respektvoll gingen Gorbatschow und Herzog miteinander um. Foto: Courtesy of Tiff

Locker und respektvoll gingen Gorbatschow und Herzog miteinander um. Foto: Courtesy of Tiff

„Perestroika stand ganz oben auf meiner Liste“, erinnert sich Gorbatschow an seine erste Zeit im neuen Amt. Fernsehausschnitte zeigen, wie gut Gorbatschow im Westen ankam (die Amerikaner machten ihn zu einem Maskottchen, dem guten Sowjet, kommentiert Herzog mit seiner markanten Erzählerstimme). Herzog fragt auch Aktuelles, etwa zur Krim-Annektierung. Die findet Gorbatschow gut „die Menschen dort haben sich immer als Russen gesehen, nicht als Ukrainer“, zu Putin sagt er nichts.

Dreimal kommt Privates durch, als Herzog (er ist seit 25 Jahren mit einer Russin aus Sibirien verheiratet) ihn nach seiner Frau Raissa fragt (Gorbatschow: „Als sie starb, war mein Leben zu Ende“) und einmal, als er Archivaufnahmen aus einem Film von Vitali Mansky einfügt, die Gorbatschow im Jahr 2000 zeigen, als er kurz in seinen Heimatort zurückkehrt, wo alles leer ist und er im Garten des Elternhauses als Steingefäße im Hof öffnet. Und am Ende des Films zitiert Gorbatschow ein Gedicht von Michael Lermontov über das Leben. Da hat Herzog sie wirklich gefunden, die russische Seele.

Doch der Clou des Films ist eigentlich etwas Nebensächliches: Die Öffnung des Eisernen Vorhangs, der Zaun zwischen Österreich und Ungarn wird zerschnitten. Das ist in den Nachrichten des österreichischen Fernsehen aber nur die kleine Meldung: Wichtiger und ausführlicher wird dargelegt, wie man Nacktschnecken mit Bier bekämpfen kann. So etwas gibt es nur bei Herzog.

Dem langen Applaus nach der Filmpremiere folgt tags drauf eine öffentliche Talkrunde mit Herzog. Da erklärt er, dass er Gorbatschow dreimal interviewte, im Oktober und Dezember 2017 und auf Gorbatschows Wunsch noch einmal im April 2018. Kurz nach seinem Geburtstag, die Gäste bringen ihm einen Diabetiker-Schokoladenkuchen mit, bei dem während des Transports der Buchstabe G von Gorbatschow der Kuchendekoration abgebrochen ist. Gorbatschow lacht darüber nur. Zu diesem letzten Treffen habe sich der 87-jährige extra aus dem Krankenhaus fahren lassen – und hinterher wieder zurück. Herzog hat wohl wirklich einen Draht zu ihm gefunden. Drei Tage habe er an dem Film geschnitten, verrät er. Das ginge bei ihm immer schnell, seit er digital arbeitet und höchstens dreimal so viel dreht, wie er braucht.  Inzwischen habe er noch einen weiteren Dokumentarfilm fertig geschnitten und einen Spielfilm, den er in Japan auf Japanisch drehte, erklärt der 76-Jährige.

Werner Herzog, der Kultur-regisseur gibt seinen Fans ganz altmodishc Autogramme auf die Plakate seiner Film, die sie mitgebracht haben. Foto: Dittgen

Werner Herzog, der Kultregisseur gibt seinen Fans auf der Straße ganz altmodisch Autogramme auf die Plakate seiner Film, die sie mitgebracht haben. Foto: Dittgen

Die Kanadier verehren Herzog. Als Herzog aus dem Haus auf die Straße tritt, sind sofort Fans mit Plakaten seiner Filme da und bitten richtig altmodisch um Autogramme. Das gefällt ihm. Herzog ist freundlich, unterschreibt und stellt sich auch für Selfies vor die Kamera. Das passiert ihm in Deutschland nicht. Aber hier in Kanada (und auch in Amerika, wo er seit Jahrzehnten lebt) ist er ein Star. Der größte deutsche Regisseur.

Andrea Dittgen

Die große Cate und die Quinzaine

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Cannes-Tagebuch (2) 8. Mai 2018

In Frankreich ist Feiertag. Das Kriegsende 1945 wird am 8. Mai gefeiert. Doch wer nun denkt, in der Stadt wären alle Läden zu wie in Deutschland an Feiertagen, der irrt. Der Panikkauf am Vorabend mit Klopapier, Kaffee und Obst & Co. wäre nicht nötig gewesen. Die meisten Läden haben geöffnet, egal ob Supermarkt oder kleiner Kleiderladen, denn niemand will sich ein Geschäft entgehen lassen, heute, wo doch das Filmfestival beginnt, und aus dem 60.000-Einwohner-Städchen eins mit doppelt so vielen Menschen wird. Auch am Donnerstag, dem nächsten Feiertag (Christi Himmelfahrt) werden die Läden offen sein, das ist doch beruhigend, was das frische Frühstückscroissant von der Bäckerei am Eck angeht – und auch beunruhigend, denn mein Apartment liegt an der Straße zur Croisette. Es gibt also auch am Feiertag morgens früh schon Lärm.

Erstmals seit ich nach Cannes fahre (seit 1994, damals gewann so ein US-Newcomer mit einem furiosen  Film namens „Pulp Fiction), gibt es am ersten Tag nachmittags vorab nicht den Eröffnungsfilm für die Presse. Wir dürfen ihn erst abends parallel zur offiziellen Gala sehen. So hat man tagsüber genug Zeit, endlich einen Plan zu machen – im Internet steht im Pressebereich tatsächlich der Plan der Pressevorführungen und Pressekonferenzen. Die erste Zusage für ein Interview trudelt ein, mit Wim Wenders über seinen Papst-Film, der außer Konkurrenz läuft. Blöderweise am Tag, bevor der Film läuft – so wird das Interview eine Herausforderung.

Der Verleih neue Filmkunst Werner Kirchner war für seine Plakate berühmt. Dieses Plakat maslte Regisseur Jan Lenica selbst. Zu sehen in der Quinzaine-Ausstellung in Cannes.

Der Verleih neue Filmkunst Werner Kirchner war für seine Plakate berühmt. Dieses Plakat maslte Regisseur Jan Lenica selbst. Zu sehen in der Quinzaine-Ausstellung in Cannes.

Einen Kilometer vom Festivalzentrum entfernt, bietet die Sektion „Quinzaine des réalisateurs“ eine Ausstellung, sie wird 50. Sie entstand 1969 als Folge des 1968 wegen der Mai-Unruhen angebrochenen Festivals. Damals hatten sechs Regisseure aus Solidarität mit den Demonstranten in Paris den Abbruch gefordert: Jean-Luc-Godard (87, hat dieses Jahr einen Film im Wettbewerb), Roman Polanski (84, hatte 2017 einen Film im Wettbewerb), Claude Lelouch (80, macht zu schlechte Filme, um in den Wettbewerb zu kommen), Louis Malle (1932-1995), Claude Berri (1934-2009) und Jean-Gabriel Albicocco (1936-2001). Die Quinzaine zeigte die ersten Filme des neuen deutschen Kinos. Von Rainer Werner Fassbinder, Werner Herzog, Volker Schlöndorff. Doch in der Ausstellung tauchen die Deutschen nicht auf. Diese ignoranten Franzosen! Das einzig Deutsche in der Zusammenschau mit Fotos und Filmen ist ein deutsches Plakat des Films „Adam 2“ ´(1968) von Jan Lenica, von Lenica selbst gemalt, das der Verleih Neue Filmkunst Werner Kirchner aus Göttingen anfertigen ließ. Das ist schon enttäuschend. Immerhin gibt es im neuen Buch zur Quinzaine sechs Seiten über das deutsche Kino nebst einen schönen Herzog-Karikatur. Das versöhnt. https://www.quinzaine-realisateurs.com/

In dem neuen Buch "Quinzaine des réalisateurs Cannes les jeunes années" gibt es diese schöne Herzog-Karikatur des Autors Bruno Icher

In dem neuen Buch „Quinzaine des réalisateurs Cannes les jeunes années“ gibt es diese schöne Herzog-Karikatur des Autors Bruno Icher

Das kann man vom Eröffnungsfilm nicht sagen. Schlimm genug ist, dass die 1000 Journalisten, die parallel zur Gala im großen Saal Lumière (2300 Plätze) im kleineren Saal Debussy Einlass gefunden hatten, sich die Eröffnungsfeier ansehen mussten (sonst wären sie nicht mehr ins Kino gekommen). Sie dauert etwa eine Stunde und ist um vieles langweiliger ist als bei der Berlinale, weil die Franzosen keine freche Anke Engelke als Moderatorin haben und Festivalleiter Thierry Frémaux (57), obwohl schon ein Jahr länger im Amt als Dieter Kosslick (69), längst nicht so witzig ist. Auch spielt sich alles auf Französisch ohne  Untertitel ab, was nicht jedermanns Sache ist. Immerhin war es nett anzusehen, dass Jury-Präsidentin Cate Blanchett zusammen mit dem einen Kopf kleineren Martin Scorsese das Festival für eröffnet erklärte. Dass der Eröffnungsfilm „Everybody Knows“ des zweifachen Oscar-Preisträgers Asgar Farhadi aus dem Iran schlecht war, konnten die beiden nicht ahnen. Wir Kritiker auch nicht. Sind alle Wettbewerbsfilme so schlecht, und Frémaux hat deshalb beschlossen, den Journalisten nichts vorab zu zeigen? Mal sehen, wie es weitergeht.

Andrea Dittgen

 

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Filme kommen wie Einbrecher in der Nacht

Werner Herzog (74) bekam in der Nebenreihe „Quinzaine des réalisateurs“ gestern als erster Deutscher die „Carosse d’or“ (Goldene Kutsche) des französischen Regisseursverbandes. Er kam, zeigte seinen Film „Bad Lieutenant“ und lud zu einem öffentlichen Gespräch ein, bei dem er sich den Fragen dreier junger französischer Regisseure (Guillaume Brac, Alice Diop, Arthur Harari) stellte. Sie fragten auf Französisch, er antwortete auf Englisch. Ein kurzer Auszug aus dem einstündigen Gespräch, das vor vollem Kinosaal stattfand und in dem Herzog mit seiner trockenen Art viele zum Lachen brachte.

Warum drehen Sie nicht in Deutschland?

Werner Herzog im Gespräch mit Guillaume Brac

Werner Herzog im Gespräch mit Guillaume Brac

Es sollte niemand nervös machen, dass ich keine Filme in Deutschland drehe. Das habe ich früher gemacht, „Kaspar Hauser“ (1974) zum Beispiel. Aber: alle Filme, die ich gemacht habe, ob in Australien, Amerika oder Amazonien, sind bayerische Filme! Ich habe mein Land verlassen, aber nicht meine Kultur. Apropos Bayern: Der letzte bayerische König war Ludwig II. Man sagte ihm nach, dass er ein bisschen verrückt war. Er wäre der Einzige, der einen Film wie „Fitzcarraldo“ hätte machen können – in dieser Bedeutung ist der Ausdruck „bayerische Filme“ zu verstehen.

 

Sie leben in Amerika, haben Sie nicht geschaut, welche Dinge sich in Deutschland ändern?

Der amerikanische Traum funktioniert nicht. Es ist ein sehr zerbrechlicher Traum. Die Träume in meinen Filmen sind stabiler als in die in der Wirklichkeit. Deshalb ich froh dass ich Filme mache, die in der Gegenwart spielen und nicht in den 70er Jahren stecken geblieben bin. Viele meiner Kollegen, die ihre ersten Filme damals hier in der Quinzaine gezeigt haben, sind stecken geblieben, sie haben sich seit den 70er Jahren nicht weiterentwickelt. Der Einzige, der das Potenzial hatte, sich über die 70er hinaus zu entwickeln war – meiner Meinung nach – Rainer Werner Fassbinder.

Aber er blieb in Deutschland…

Ja, aber sein Deutschland war auch Bayern! Er war auch sehr bayerisch. Wenn man seine letzten Filme betrachtet, war er doch weit entfernt von den deutschen Zirkeln und der deutschen Art des Denkens. Er hatte etwas Wildes.
Nicht alles, was in meinen Film „Bad Lieutenant“ drin ist, stand im Drehbuch, da habe ich meine Fantasie eingebracht: Die Iguanas zum Beispiel, ich nahm sie rein, weil ich dachte, dann ist es mein Film, etwas Persönliches.

Wie haben Sie Ihre Karriere gesteuert?

Es gibt keine Zauberformel, und ich habe auch nie Karriere gemacht. Ich bin immer auf der Suche. Die meisten Filme kamen mit großer Vehemenz zu mir, sie waren nicht eingeladen. Sie kamen wie Einbrecher mitten in der Nacht durch die Küche!

Machen Sie einen Unterschied zwischen Spielfilmen und Dokumentarfilmen?

Nein. Ich versuche, etwas tiefer zu graben, die Dokumentarfilme haben nicht nur Fakten als Grundlage, sondern auch etwas anderes. Ich suche eine tiefere Wahrheit, das geht nur durch Erfindung und Stil. Meine Kollege sagen oft: wenn man Dokumentarfilme dreht, soll man so sein wie die Fliege an der Wand. Aber im günstigen Fall bist du der Tresor in der Bank, die 50 Jahre lang nicht ausgeraubt wurde. Wir sind Filmemacher, keine Fliegen an der Wand, die stinken. Ob ich einen Dokumentarfilm oder einen Spielfilm mache, ist nicht so wichtig, es geht immer um den besonderen Blick, die Ekstase, die ekstatische Wahrheit. Die Filme müssen etwas Erhellendes haben. Ich habe wilde Sachen gemacht wie einen Film unter dem Feuer in Kuwait: „Lessons of Darkness“. Er beginnt mit einem Zitat von Blaise Pascal: „Der Untergang des Universums vollzieht sich so wie seine Erschaffung – in großen Glanz.“ Aber es war gar nicht Pascal, der das sagte, sondern ich! Und Pascal hätte es auch nicht besser sagen können!

Andrea Dittgen