Schlagwort-Archiv: Thierry Frémaux

Ken Loachs politische Lehrstunde

Eigentlich will Ken Loach (83) nicht über seine Filme sprechen, sondern über Politik. So leitete Thierry Frémaux, der Leiter des Festivals Lumière von Lyon (und von Cannes, deshalb kommen die Stars auch nach Lyon, wenn er sie einlädt), die Masterclass mit dem britischen Regisseur ein. Und so kam es auch. Frémaux zur Seite stand eine linke Politikerin, Clémentine Autain (46), Tochter der Schauspielerin Dominique Laffont, als weitere Stichwortgeberin.

Masterclass mit Ken Loach (links) und Thierry Frémaux  (rechts). Foto: Dittgen

Masterclass mit Ken Loach (links) und Thierry Frémaux (rechts). Foto: Dittgen

Natürlich ging es, zwei Tage vor dem Ja des EU-Präsidenten zu Boris Johnsons Brexit-Vorschäge um das aktuelle Thema – das Loach schnell abhakt: „Der Brexit ist nur eine Ablenkung, denn unsere großen Problemen waren schon da, als wir noch in der EU waren und sie werden auch noch da sein, wenn wir nicht mehr in der EU sind. Wenn Jeremy Corbyn gewinnt, wird jeder Arbeiter in seinem Vertrag Arbeitsrecht haben und das Recht auf eine Sozialversicherung“, meint Loach, der in seinem letzten Film „Sorry We Missed You“ (ab 20. Januar in deutschen Kinos) das Leben und den täglichen Kampf eines freiberuflichen Paketboten in Großbritannien schildert, der von seinem prekären Job kaum seine Familie ernähren kann und immer tiefer in eine Abwärtsspirale gerät.

Auf das Thema kann er durch seinen vorangegangenen Film „I, Daniel Blake“ (2016). „Als wir in der Lebensmittelausgabe einer Tafel recherchierten, mussten wir erfahren, dass dort nicht nur Arbeitslose hingehen, sondern auch Menschen, die Arbeit haben, aber nicht genug verdienen, um Essen zu kaufen oder sie nur Essen für ihre Kinder kaufen und nicht für sich. Wir fanden heraus, dass zwei Drittel der neuen Jobs, 60 Prozent, in den letzten Jahren, prekäre Jobs sind. Diese Situation begann mit Margret Thatcher, die den Gewerkschaften Schaden zufügte. Sie gab den Arbeitgebern  grünes Licht: Die Arbeit ist wie ein Wasserhahn, den man aufdrehen und schließen kann.“

Loach, der immer auf Seite der Arbeiter war und in diesem Milieu seine Filme ansiedelt, erklärte auch, wieso ein so engagierter politischer Filmemacher wurde. Als er Mitte der 60er Jahre beim britischen Fernsehen arbeitete, sei sein politisches Interesse geweckt worden. Außerdem: „Damals war es sexy, links zu sein.“

Heute kämpft er immer noch gegen soziale Missstände, gibt sich aber auch kämpferisch gegenüber den Rechtsextremen: „Wir müssen verstehen, was passiert und woher es kommt, denn falsche Lösungen kommen dann, wenn man nicht versucht, den andere zu verstehen. Wir müssen gegen diese Ungewissheit kämpfen, zusammen, vielleicht auch durch Filme, denn Filme müssen die Komplexität des Lebens abbilden, die Freundschaft feiern, die Freude, die Zärtlichkeit, und funktionieren sie nicht. Sie müssen von Liebe handeln, von allem, was uns berührt, vom täglichen Leben und nicht nur vom Kampf: Es gibt quasi eine Nabelschnur zwischen unserer sozialen Situation und unserem Privatleben.“

Er rät, dem Slogan der amerikanischen Gewerkschaftsbewegung zu folgen: handele, lerne und organisiere!“ Und er erklärte, warum der Fußball dabei wichtig ist: „Eine Fußballmannschaft steht für die Hoffnung und das Gemeinschaftsgefühl. Die Fans treffen sich, trinken ein Glas – da ist eine große Kraft der Vereinigung rund um den Fußball. Und bei den Fans gibt es eine Unterstützung, bei der auch mitmache: Sie sind Besitzer eines Clubs, des Fußballclubs von Bath, wo ich wohne. Das ist eine schöne Metapher für Sozialismus.“

Andrea Dittgen

Scorsese und die Mafia

„Am Ende war ich groggy“, sagte Martin Scorsese (76) beim Filmfestival Lumière in Lyon, dem dritten Ort nach New York und dem Londoner Filmfestival, wo er seinen neuen Film „The Irishman“ vorab zeigte. Eine Netflix-Produktion, mit dreieinhalb Stunden, die längste Netflix-Produktion bisher. Wahrscheinlich auch die treuerste. Und wohl Scorseses letzter Mafia-Film. Die Vorstellung im 2000-Plätze-Theater in Lyon war in 30 Sekunden ausverkauft, sagte Festivalleiter Thierry Frémaux. Scorsese war sichtlich gerührt.

Martin Scorsese (2. von links) präsentiert "The Irishman" in Lyon. Foto: Dittgen

Martin Scorsese (2. von links) präsentiert „The Irishman“ in Lyon. Foto: Dittgen

„Es hat neun Jahre gedauert, den Film auf die Beine zu stellen“, sagte Scorsese. Niemand wollte ihn finanzieren. „Es war ein Abenteuer“, meinte Scorsese, der freie Hand hatte und erreichte, dass der Film vor dem Streaming (ab 27. November) auch ins Kino kommt (in Deutschland ab 14. November).  „Eigentlich wollte noch ich noch einen Film mit Bob (Robert de Niro) über die Mafia machen, aber er hat mir das Buch gegeben („I Heard You Paint Houses“ von Charles Brandt, Anm. d. Red.)  und war sehr emotional, als er es mit beschrieb“, erklärte Scorsese seinen Film über den Mafia-Killer Frank Sheeran.

Sie wollen kein selfie, sie wollen Autogramme: Martin Scorsese schreibt nach seiner Einführung am Bühnenrand Autogramme. Foto: Dittgen

Sie wollen kein selfie, sie wollen Autogramme: Martin Scorsese schreibt nach seiner Einführung am Bühnenrand Autogramme. Foto: Dittgen

„Er erzählte mir das Buch nicht nur, sondern spielte praktisch schon seine Rolle, so dass mir klar war, dass ich diesen Film machen musste, ob er nun gut oder schlecht wird. Bob, der Drehbuchautor Steven Zaillian und ich und das ganze Team, wir hatten Lust zu erzählen, wie die Zeit vergeht und wie das Leben sich verändert. Vieles hat mir Bob und mir zu tun. Ich dachte nicht unbedingt, dass der Film so lang werden würde. Heute kann man einen Film auf vielen Kanälen sehen, aber es ist wichtig, dass dieser Film ins Kino kommt. Wir Filmemacher müssten heute kämpfen, überhaupt Filme machen zu können und sie zu zeigen“. Sagt der große Scorsese.

Das Plakat zeitg die Hauptdarsteller (von links) Joe Pesci, Robert De Niro und Al Pacino. Foto: Netflix

Das Plakat zeitg die Hauptdarsteller (von links) Joe Pesci, Robert De Niro und Al Pacino. Foto: Netflix

„The Irishman“ schafft in 210 Minuten etwas Ähnliches, wie Francis Ford Coppola mit seinen mehr als doppelt so langen Dreiteiler „Der Pate“ (541 Minuten, er läuft bei Festival von Lyon auch zum Vergleich auch, in einer langen Nacht, Coppola ist auch Festivalgast): Zu zeigen, wie die Mafia arbeitet, wie man aufsteigt und auch wie man fallen kann. In Rückblicken erzählt der im Pflegheim lebende Mafia-Killer (1920-2003) von seinem Leben, dabei werden De Niro und Co. (Al Pacino, Joe Pesci, Harvey Keitel) fast permanent künstlich jünger und älter gemacht (was das Budget so hoch werden ließ). Doch es geht nicht um große Effekte und opulente Bilder wie beim „Paten“, Scorsese hat einen Arthouse-Film gedreht, einen mitreißenden Arthouse-Film, der auch eine gewisse Langsamkeit und Reflexion ausstrahlt (wie immer brillant  geschnitten von der inzwischen 79-jährigen Thelma Shoonmaker, die seit den 80er Jahren Scorseses Cutterin ist) und ein bisschen so wirkt, als sei es nicht nur Sheerans Abschied von seinem bisherigen Leben, sondern auch Scorsese Abschied vom Filmemachen.

Andrea Dittgen

Der Mann, der alles den Frauen verdankt

Er weint. Mittags beim Gespräch mit dem Publikum. Abends wieder und noch heftiger, als er die Goldene Palme für sein Lebenswerk aus der Hand seiner Tochter Anouchka (28) entgegennimmt: Alain Delon (83). Ikone des französischen Kinos. Die Zuschauer im vollbesetzten Saal klatschen minutenlang. Viele sind mit Delon aufgewachsen. Die Handys klicken, alle wollen ein Foto machen. Festivalleiter Thierry Frémaux verbietet das, damit alle applaudieren. Delon winkt ab: „nein, vielleicht will mich ja eine der Frauen anrufen…“, sagt er und hat die Lacher auf seiner Seite. Die Atmosphäre im Saal ist unbeschreiblich. So etwas gibt es nur in Frankreich, wo das Kino als nationale Kultur Nummer eins immer noch stärker ist als alles andere.

Alain Delon beim Publikumsgespräch. Foto: Dittgen

Alain Delon beim Publikumsgespräch. Die Handy klicken wie wild. Foto: Dittgen

Im Vorfeld gab es Proteste. 25.000 Unterschriften gab es im Internet gegen die Goldene Palme für Delon. Weil er Frauen misshandelt hat, was er zugab. Weil er rechtsradikale Ideen äußert (das tat Yves Montand in seinem letzten Lebensabschnitt auch). Weil er ein Freund von Jean-Marie Le Pen ist. „Wir verleihen ihm ja nicht den Friedensnobelpreis“, verteidigte sich Festivalleiter Thierry Frémaux. Der Delon schon früher auszeichnen wollte. Was Delon abgelehnt hat. „Ich bin nichts ohne die Regisseure, die mit mir gearbeitet haben: René Clement, Yves Allégret,  Jean-Pierre Melville, Lucino Visconti“. Man sollte sie lieber ehren. Doch immer wenn er über einen von ihnen an dem Goldene-Palme-Tag über sie spricht, fügt er hinzu: „er lebt nicht mehr“. Deshalb habe er nun die Ehrung für seine Karriere angenommen, das einzige, auf das er stolz sei.

Und die Sache mit den Frauen: „Ohne die Frauen wäre ich nichts“, sagt er immer wieder und widmet seine Goldene Palme unter Tränen den Schauspielerinnen Mireille Darc und Romy Schneider, seinen früheren Lebensgefährtinnen. Das ist das eine. Und die Sache mit Le Pen? Die beiden haben sich kennengelernt, als sie jung waren, als Soldaten im Indochina-Krieg. Es wurde eine lebenslange Freundschaft – und Delon war wohl schon immer im Herzen einer, der gegen Homosexualität und Gender-Gleichheit war. Was früher nur weniger auffiel als heute. Doch im Gegensatz zu Yves Montand hat er keine politischen Fernsehsendungen moderiert und auch keinen Schwenk von links nach rechts gemacht. Delon war immer er selbst. Weil er gar nicht anders konnte. Und seine Filme „Der Eiskalte Engel“, Mr. Klein“, „Vier im roten Kreis“ gehören zu dem Besten, was es im französischen Kinos gibt. Soll man diese künstlerischen Leistungen verdammen – so wie manche Museen Bilder abhängen, weil sich im Nachhinein herausstellt, dass die Maler Frauen misshandelt haben? Filme, die ganze Generationen geprägt haben? Am Tag nach der Palme war von all den Anschuldigungen nichts mehr zu hören. Vielleicht auch, wenn Delon geschickt jede Politik mied.

„Spiel nicht. Schau, wie du schaust, sprich wie du spricht, höre, wie du hörst. Bei allem, was du tust, sei du selbst, spiele mich, lebe“, riet ihm der Regisseur Yves Allégret, der ihm seine erste Rolle gab, 1957 als Killer in „Die Killer lassen bitten“. Das habe er stets beherzigt. „Ich habe mein ganzes Leben kein einziges Mal gespielt, ich lebe meine Rollen“. Wie Jean Gabin und Lino Ventura sei er kein comédien (gelernter Schauspieler), sondern ein acteur.

Alain Delon bei der Verleihung der Goldenen Palme. Die Besucher im Saal klatschen minutenlang. er klatscht zurück.

Alain Delon bei der Verleihung der Goldenen Palme. Die Besucher im Saal klatschen minutenlang. er klatscht zurück. Foto: Dittgen

Allégret engagierte ihn wegen seiner geule, wegen seines Gesichts, bekannte Delon. In Cannes beim Festival war er schon 1956, als er noch gar kein Schauspieler war, erzählte er. „Ich kam mich einem Mädchen, das ich liebte und das mich liebte“. Ihr gemeinsamer  Freund war der Schauspieler  Jean-Claude Brialy, „wir waren zusammen auf den Roten Teppich“, so Delon. „Früher als wir alle“, wie Frémaux meinte.  1957 war Delon dann schon  als Schauspieler in Cannes.

„Meine Karriere war ein Unfall. Als ich aus Indochina zurückkam, wo ich mich drei Jahre engagiert hatte, wusste ich nicht was ich machen sollte. Ohne die Frauen, die ich getroffen habe, wäre ich tot. Die Frauen haben mich dazu gebracht, das zu tun, was ich tat.“ Er erzählte, wie er bei René Clément abends vorsprach für „Nur die Sonne war Zeuge“ (1960). Clément wollte ihm die Rolle nicht geben, aber Cléments Frau Bella sagte: „Gib dem Kleinen die Rolle“. So bekam er sie und wurde damit berühmt. Über 100 Rollen hat er gespielt, die vorerst letzte 2012 (als er selbst) in der rührseligen Muttertagshommage „Bonne année les mamans!“. Einen Film will er noch drehen, „La maison vide“ (das leere Haus) mit – natürlich einer Frau –  Juliette Binoche. Dann soll Schluss sein. Sagte er – wieder unter Tränen. Spätestens jetzt erscheint es absolut lächerlich, dass man ihm die Goldene Palme für sein Lebenswerk nicht geben sollte. Wenn er – neben Catherine Deneuve und Jean-Paul Belmondo die letzte Ikone des französischen Nachkriegskinos – aufhört, ist das Kino wohl wirklich ein leeres Haus.

Andrea Dittgen

Ich miete einen Papa

Die Mutter meint es gut. Sie mietet einen Papa für ihre zwölfjährige Tochter, weil sie den echten nicht kennt (was aus ihm wurde, weiß man nicht). In Japan ist das möglich. Die Firma, die diese Marktlücke entdeckte, heißt „Family Romance LLC“. Wie der neue Film von Werner Herzog (76). Herzog ist Kult. Überall. Nur in Deutschland nicht. Warum? Er ist nicht zu fassen. Er macht immer etwas Neues. Diesmal drehte er in Japan, ohne ein Wort Japanisch zu sprechen, mit japanischen Schauspielern. Er führte selbst die Kamera (die eher statisch ist, der einzige Minuspunkt des Films). Es musste schnell gehen, weil er wusste, dass ein Hollywoodstudio und einige Stars auch die Notiz über diese Firma in den US-Medien gelesen hatten. Finanziert hat er Film zum Großteil mit seinem Honorar als Schauspieler in der neuen Star-Wars-Film „The Mandorian“.

Yuichi Ishii, der Firmengründer, ein Mann um die 40, ist Hobbyschauspieler und Hobbypsychologe und merkte, dass in Japan, wo alle nur aufs Handy starren und virtuelle Freundschaften einfacher sind als echte, manchmal die Gefühle zu kurz kommen. Wie bei Mahoki. Anfangs ist die Zwölfjährige skeptisch dem Vater gegenüber, an den sie sich nicht erinnern kann, weil er früh verschwand. Sie treffen sich in Tokio im Ueno-Park, einem gestalten, beliebten großen Innenstadt-Park. Immer wieder. Sie gehen spazieren, sie spielen, sie streicheln Igel,  sie machen Fotos. Nach vier Treffen erzählt Mahoki dem Papa von ihrem Liebeskummer. Familienleben. Die Mutter ist glücklich, das Mädchen ist glücklich. Was will man mehr.

Yuichi Ishii mit einer Kundin. Foto: FDC

Yuichi Ishii mit Mahoki im Park. Foto: FDC

Ishii will den Menschen zu den Gefühlen verhelfen, die sie nicht mehr haben, weil sie keine (komplette) Familie haben. Billig ist das nicht, seine Kundinnen (es sind immer Frauen, die ihn anheuern) sehen wohlhabend aus. Da gibt es die ältere, einsame  Lottogewinnerin, die so gefreut hat, als der Lottobote an der Haustür klingelte, dass sie Ishii um einen neuen bittet, um den Moment noch einmal zu erleben. Die Mutter einer Braut heuerte bei Ishii einen Mann an, der bei der Hochzeit den Ehemann spielt, weil der echte krank sei, wie sie sagt. Weil er ein Alkoholiker ist, wie die Braut sagt. Auch das funktioniert. Warum? Herzog erklärt es mit einer anderen Szene: In einem Hotel gibt es kein Personal mehr, sondern nur noch menschliche Puppen, Roboter, die die Gäste empfangen.

Japan ist die überalterte, einsame Gesellschaft, zu der Deutschland zu werden droht. Unabhängig von den Sozialen Medien, die das höchstens noch beschleunigen. Herzog hat das in einem wunderschönen Spielfilm verdichtet, der zugleich sehr dokumentarisch daherkommt (auch Mahoki spielt sich selbst). Es ist ein Familienfilm: Herzogs Sohn Simon filmte die optischen Trenner zwischen den Szenen: Drohnenaufnahmen von der Stadt und dem Park, in dem die Menschen wie Ameisen aussehen, die emsig sind, aber sich aus dem Weg gehen. Ehefrau machte die Standfotos.

Werner Herzog in Cannes mit (von links) Sohn Simon, Produzent Roc Marin und Ehefrau Lena. Foto: Dittgen

Werner Herzog in Cannes mit (von links) Sohn Simon, Produzent Roc Marin und Ehefrau Lena. Foto: Dittgen

Herzog zeigt aber auch, wo die Grenzen sind. Als die Mahokis Mutter Ishii bittet, zu ihr zu ziehen und nicht nur Familie zu spielen, sondern Familie zu sein, lehnt der entrüstet ab. „Family Romance LLC ist ein kleiner große Film, es wurde schnell gedreht, und wir haben uns schnell entschieden, ihn beim Festival zu zeigen“, sagte Festivalleiter Thierry Frémaux. Workaholic Herzog drehte in den letzten zwölf Monaten drei Filme, so viele wie Fassbinder in seiner besten Zeit. Mit 76! Das muss ihm erst mal einer nachmachen.

Andrea Dittgen

Frauenquote im Film

Cannes-Tagebuch (9) 15. Mai 2018

Auf dem Weg zur Geschlechter-Parität

Die Phalanx der 82 Frauen auf den Stufen des Palais am Samstag war nur der Anfang. Die Frauen mit Jury-Präsidentin Cate Blanchett an der Spitze protestierten dagegen,  dass in den 71 Jahren, die das Festival besteht, nur 82 Regisseurinnen auf dem roten Teppich waren – gegenüber 1688 Männern. Das müsse sich ändern. Dem Protest folgten zwei Tage später schon Taten. Die drei Festivalmänner (auch da gibt es keine Frau), Festivalleiter Thierry Frémaux und die Leiter der unabhängigen Sektion Quinzaine des réalisateurs (Edouard Waintrop) und Semaine de la critique (Charles Tesson) unterschrieben als erste ein Dokument mit dem schönen Namen „Programming Pledge for Parity and Inclusion in Cinema Festivals“.

Die Charta passt auf eine Seite.

Die Charta passt auf eine Seite.

Im Beisein – wieder – von Cate Blanchett und der französischen Kulturministerin Françoise Nyssen wurde diese Charta unterschrieben. Darin verpflichtet sich Cannes als weltweit erstes Festival, die Liste der Mitglieder der Auswahlkomitees und der Programmteure transparent zu machen und daran zu arbeiten, dass es eine Posten-Gleichheit von Frauen und Männern gibt. Auch wollen sie einen Zeitplan festlegen, in dem die Geschlechter-Parität auf der Führungsebene und in der Verwaltung umgesetzt wird. Das Festival verpflichtet sich auch, eine Statistik anzulegen, wie es mit der Geschlechter-Gleichheit seit Beginn des Festivals aussieht. Diese Statistik soll es ab so sofort jährlich geben. Initiiert hat die Sache die französische Organisation 5050×2020, die für Geschlechter-Parität allgemein kämpft und auch den Marsch der Frauen organisiert hatte. Sie legte auch erste Statisten vor. Demnach kommt Cannes in den Jahren 2010-2018 auf einen Anteil von 10 Prozent, die Berlinale auf 17 Prozent und das Festival von Venedig auf 13 Prozent.  http://www.5050×2020.fr/etude/cannes

Das bei einer eigenen Zeremonie (Glamour muss auch da sein) unterzeichnete Dokument mag ein Meilenstein und eine Notwenigkeit sein, der sich andere Festivals anschließen werden. Aber wäre es nicht einfacher, einfach überall eine 50:50-Quote zu fordern und festzuschreiben? Das tut das Papier nicht und es nennt auch keine minimale Quote von Regisseuren, die für den Wettbewerb und die anderen Sektionen ausgewählt werden. Dabei hatte Frémaux im Vorfeld des Festivals stolz verkündigte, dass der Frauenanteil der Regisseure in Cannes bei 23 Prozent liege – obwohl er weltweit bei nur zehn Prozent liege. Auch habe das Festival in diesem Jahr mehr Frauen als Männer angestellt.

Die französische Kulturministerin (!) ging noch weiter und kündigte einen Fonds für Frauen in der Filmbranche an, der im September aufgelegt wird, um Regisseurinnen zu unterstützen, denn in Frankreich beträgt das Budget für einen Film von einer Frau durchschnittlich 2,6 Millionen Euro, bei einem Mann 6,5 Millionen Euro, ein Unterschied von 60 Prozent.

Die Chefin (!) des schwedischen Film Instituts, Anna Serner, kündigte daraufhin in Cannes an, dass von 2020 an die schwedische Filmförderung nur noch an Projekte von Frauen geht, wenn bis dahin keine Geschlechter-Parität erreicht sei.

Aus Deutschland kam keine Ankündigung, die Kulturstaatsministerin war nicht da.

Andrea Dittgen

Abschied von Pierre Rissient, dem „Man of Cinema“

Cannes-Tagebuch (8) 14. Mai 2018

Am Ende der 20-minütigen improvisierten Hommage kämpfte selbst Festivalleiter Thierry Frémaux mit den Tränen. Die Hommage galt Pierre Rissient. Er starb am 5. Mai im Alter von 81 Jahren. Das 71. Festival von Cannes ist ihm gewidmet. Denn viele Filme wären in den letzten 40 Jahren hier gar nicht gelaufen, hätte nicht Pierre Rissient die jeweiligen Festivalleiter so lange bearbeitet und mit seinem Enthusiasmus angesteckt, bis sie sich die empfohlenen Filme ansahen, ihm recht gaben und sie einluden.

So einen Mann wie Rissient gab und gibt es in Deutschland nicht. Der Pariser war alles: Regisseur, Drehbuchautor, Produzent, Kritiker, PR-Agent, Kinomacher, Berater des Festivals von Cannes (und anderer Festivals), Filmenthusiast und Filmscout, vielleicht der beste Filmscout überhaupt. Er reiste zu Festivals auf der ganzen Welt, machte Entdeckungen und sorgte dafür, dass sie nach Europa kamen. Er brachte Clint Eastwood, Martin Scorsese, King Hu, Jane Campion, Sydney Pollack, John Boorman, Mike Leigh, Abbas Kiarostami und Hou Hsiao Hsien nach Cannes, um nur die wichtigsten zu nennen. Er war mit Fritz Lang befreundet (den er auf den Philippinen kennenlernte), mit Raoul Walsh und lebenslang auch mit Clint Eastwood. Ihn als Cinéast und Kritiker nicht zu kennen, war unmöglich. Er war der Einzige, der in Cannes ungestraft bei jeder Gala statt im Smoking in Jeans und schlabberigem T-Shirt  auf die Bühne kommen durfte, um seine Ansagen zu machen. Der sympathische dicke Mann mit der Glatze, in den letzten Jahren dann mit Krücken, später im Rollstuhl, machte dabei unmissverständlich klar: „Es reicht nicht, einen Film zu lieben – man muss ihn auch aus den richtigen Gründen lieben“. Das sagt er in der Doku, die der Amerikaner Todd McCarthy 1970 über ihn drehte („Man of Cinema“) und das sagte bei der Hommage auch Bertrand Tavernier.

Pierre Rissient in den 60er Jahren. Foto. FDC 2007

Pierre Rissient in den 60er Jahren. Foto. FDC 2007

„Es gibt Erinnerungen, Millionen Erinnerungen mit Pierre“, sagte der Regisseur und Historiker Tavernier, der 56 Jahren mit Rissient befreundet war und oft mit ihm und unzähligen Regisseuren zusammen saß: „Zum Beispiel mit John Ford, der erklärte, dass uns erklärte, dass er keinen Film mehr machen will, mit Raoul Walsh, der uns zeigte, wie man sich seines Produzenten entledigt (er spielte mit seinem Glasauge, ließ es in den Kaffee fallen und zog es dann wieder an). Man kann sich eigentlich nicht vorstellen, dass das Leben weitergeht und nicht jeden Tag einen Telefonanruf von Pierre gibt, der sagt: hast du diesen Film gesehen? Ich mag ihn. Magst du ihn auch so wie ihn mögen muss? Ich erinnere mich an sein Bedauern, dass es nie Anatole Litvak persönlich begegnete. Er interessierte sich für Filme aus der ganzen Welt, seine Neugier war unermesslich. Zwei Tage vor seinem Tod ruft er mich morgens an und sagt: Ich habe einen Western von Philip Garson wiedergesehen, das musst du auch tun. Wir haben viele Filme zusammen betreut, ohne dafür Geld zu nehmen.“

Rissient war zuerst Assistent von Henri Decoin, dann bei Claude Chabrols „Les Cousins“ (1959) und bei Jean-Luc Godards „Außer Atem“ (1959). In dieser Zeit gehörte er zum berühmtesten Filmclubs Frankreichs, den Mac Mahoniens – als Programmgestalter (mit Tavernier und anderen) im Pariser Kino Mac Manon holte er  die damals in Frankreich US-Regisseure wie Walsh, Otto Preminger,  Joseph Losey und Fritz Lang nach Paris und war mehr oder weniger ihr Pressegant. Jane Campion schickte einen Beitrag zur Hommage, dass sie ihm ihre Karriere verdankt. Todd McCarthy betonte, dass Rissient ihn auch mit seinem Wissen verblüffte. Selbst 50 Jahre, nachdem Rissient einen Film gesehen habe, habe Rissient ihn korrigiert, wenn er ein Detail falsch wiedergab.

„Er wird uns fehlen, er ist jemand, der uns beschützte“, meinte Thierry Frémaux. Clint Eastwood, Jerzy Schatzberg und Quentin Tarantino haben ein paar Worte zu seinem Tod geschickt.

Gilles Jacob, der langjährige Festivalleiter von Cannes berichtete, wie er Rissient n den 60er Jahren als Presseagent kennenlernte. Er machte Vorführungen in einem Kino mit einem langen Gang und sorgte dafür, niemand, dem der Film nicht gefiel, nicht vorher den Saal verließ. Später war er Filmscout für die großen Festivals in den USA und Asien und für Cannes. Ich nahm ihn hzu einer Geheimvorführung mit, unter der Bedingung, dass er versprach, Stillschwiegen zu bewahren. Am nächsten Tag rief Pierre die Festivalkoordinatorin Nada Bronson, um ihr zu sagen, dass er Film schlecht sei. Sie kennen mich doch, ich verspreche etwas, aber das hindert mich nicht daran zu sagen, was ich denke. Später wollte er immer als erster wissen, welche Filme wir für Cannes genommen haben und wen für die Jury. Das geschah nicht nur aus Neugier, sondern auch, um uns seiner Meinung nach vor Dummheiten zu bewahren. Und er hat uns vor vielen Dummheiten bewahrt. Das war Pierre“.

Bereits lange vor seinem Tod hatte Thierry Frémaux für die Reihe „Cannes Classic“ einen der beiden Spielfilme von Pierre Rissient programmiert: „Cinq et la Peau“ (1982) mit Fédor Atkin, der als Romanautor durch Manila läuft, diverse Sex-Abenteuer hat, sich dabei wie damals üblich ziemlich machohaft verhält und laut über das Leben nachdenkt. Frisch restauriert lief der Film nun als Abschiedsvorstellung (ab 30. Mai auf DVD).

Andrea Dittgen

Handyman Godard

 

Jedes Jahr gibt es in Cannes einen Moment für die Ewigkeit, etwas, das man nie vergisst. In diesem Jahr war das die 45-minütige experimentelle Pressekonferenz mit dem Regisseur Jean-Luc Godard, der seinen Film „livre d’image“ im Wettbewerb zeigte: einen philosophischen Experimentalfilm. Godard kam nicht, warum er nicht wollte, wagte niemand zu fragen, immerhin ist er schon 87 Jahre alt. Er wollte aber per Videokonferenz Fragen in der Pressekonferenz beantworten.

Zuerst machten die Cannes-verantwortlichen klar: Er wird nur auf einem einzigen Handy zu hören sein, der Ton wird im Raum verstärkt, damit ihn alle hören können. Es gibt keine Projektion des sprechenden Godard, eigentlich gar kein Bild von Godard. Dann gab Gérard Lefort, als Leiter der Pressekonferenz Anweisungen: „Godard wird so freundlich sein, auf Ihre Fragen zu antworten. Per Telefon. Face Time. Wer eine Frage stelle will, geht vor das Mikrofon, sagt seinen Namen und ,bonjour‘, das ist nicht ausgeschlossen, und sagt für welches Medium er arbeitet. Am besten gehen Sie zu zweit ans Mikro. Jetzt.“

Jean-Luc-Godard eill beid er Pressekonferenz nur auf dem Handy erscheinen. Das Bild darf nicht vergrößert werden. Foto: dittgen

Jean-Luc-Godard eill beid er Pressekonferenz nur auf dem Handy erscheinen. Das Bild darf nicht vergrößert werden. Foto: Dittgen

Fabrice Aragno, sein Mitarbeiter und Verleiher hielt das IPhone hoch, in dem man dann doch JLGs Gesicht sah. Das Phantom war sichtbar, zwar nicht im ganzen Saal, wo etwa 100 Journalisten saßen, sondern nur für den Fragesteller am Mikro, aber immerhin. Der Meister wollte es so, keine Projektion auf große Leinwand nicht, nur quasi persönliche Gespräche. Eine absurde Situation, die zu seinen Filmen passt.

Doch dann sah man doch den Meister: man sah sein Gesicht, er rauchte eine Zigarre, es qualmte, er lachte. Dann warf er einen Blick in den Saal. „Das sind ja Geräusch wie beim Maschinengewehr“ meinte und lächelte. Maschinengewehre kommen auch in seinem Film vor. Die Schlange der  Fragesteller am Mirko wurde länger. Ein paar seiner Antworten (die Fragen sind egal, er antwortet nie direkt).

Absurde Interviewsituation: der Fragesteller im großen Saal, der Meisternantwortet per Handy. Foto: Dittgen

Absurde Interviewsituation: der Fragesteller im großen Saal, der Meisternantwortet per Handy. Foto: Dittgen

Ich mache Filme. In meinem Alter bin ich mehr als Fakten als an allem andere interessiert. An dem, was passiert und was nicht passiert. Die Menschen sprechen mehr über das was passiert, aber das, was nicht passiert, kann zum Desaster führen.

Ich wollte das Film mehr auf einem Roman basiert. Und zeigen, dass die Araber nicht wirklich andere Völker brauchen. Sie haben das Rating erfunden. Sie haben Öl, mehr Öl als notwendig ist. Man muss sie allein lassen. Wir können ihnen  nichts diktieren. Ein Film wird nicht gemacht, um etwas zu diktieren. Die meisten Filme hier zeigen was, passiert. Die wenigsten zeigen, was nicht passiert. Ich hoffe, meiner zeigt, was nicht passiert. Man muss mit seinen Händen denken und nicht mit seinem Kopf.

Der Film hat einen langen Weg hinter sich. Der französische Produzent gab auf, und eine kleine Schweizer Firma sprang ein. Ich nahm die Einladung von Thierry Frémaux an, um Werbung zu machen um Geld zu finden, damit der Film fertig gemacht werden kann. In Frankreich will man ihn nicht aufführen. In den nächsten zehn Jahren wird er in wenigen Kinos zu sehen sein. Avantgardekinos werden  meinen Film zeigen. Es sind militante Kinos, aber es sollte eine freudige Sache sein.

Drehen ist Vergangenheit, die Archive haben Dinge, die von der Zukunft erzählen. Ich verstand schnell, das Wichtigste ist nicht der aktuelle Dreh, sondern der Schnitt. Man ist freier und kann mehr denken. Digitaler Schnitt wird mit der Hand gemacht das heißt: denken mit der Hand.

Man kann nichts ohne die Hände tun. Man kann den Kopf nicht bewegen, nicht essen, nicht Liebe machen. Deshalb beginnt mein Film mit den fünf Fingern, sie sind eine Hand.

In den letzten vier Jahren habe ich mehr Filme gesehen als Frémaux in seinem ganzen Leben als Festivalleiter. Ich will sehen, wie sich Töne und Bilder sinnvoll zusammenfinden in einem Film von mir. Es muss eine Art Geschichte.  Das Ziel war es, den Ton vom Bild zu trennen. Licht ist so wichtig wie bei den Impressionisten. Kunst ist Licht. Cézanne brachte Farbe rein, das hat mit Sprache zu tun, selbst wenn wir über Heidegger reden. Der Ton sollte nicht zu weit von den Bilder weg sei. Eine ideale Projektion ist ein Café statt einem Fernsehbildschirm. Sie sehen den Film als einen Stummfilm, der Ton kommt von hier und da aus dem Lautsprecher – und plötzlich merkt der Zuschauer im Café, dass Ton und Bild zusammengehen.

Die meisten Leute heute haben nicht den Mut, das Leben zu leben, das sie wollen und könne es sich auch nicht mehr vorstellen. Ich habe wenigstens en Mut, mir meine Leben vorzustellen. Das macht es möglich, weiter zu arbeiten. Und auf den Zug der Geschichte aufzuspringen.

Ich kann nicht über Putin sprechen, weil ich Herrn Putin nicht kenne, Herrn Macron und Frau Merkel auch nicht, Mich interessieren andere Dinge.

Am Anfang habe ich Filme gemacht mit Schauspielern, es ist eine Frage, ob man Spielfilme oder Dokumentarfilme macht. Es hängt von Politik ab. Bernard Lefort schrieb, die modernen Demokratien haben der Politik einen anderen Weg des Denkens gebracht. Sie tendieren zum Totalitarismus.

Andrea Dittgen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Mutter sei Dank!

Cannes-Tagesbuch (4) 10. Mai 2018

So absurd es klingt, angesichts des Selfie-Verbotes auf dem roten Teppich gibt es nun eine Anti-Selfie-Eingreifgruppe analog zur Anti-Terrorgruppe. Sie besteht aus Sicherheitsleuten und Festivalleiter Thierry Frémaux persönlich. Ein Kollege des Hollywood Reportes sah, wie Frémaux höchst selbst einer Frau beim Selfiemachen ans Handy griff, andere Besucher wurden von der Eingreiftruppe schon gewarnt, als sie einfach nur ihr Handy in der Hand hielten. Und dennoch war es wohl schon am Eröffnungstag einigen mutigen Frauen gelungen, Selfies auf dem Teppich zu machen, sie standen in einem Pulk, so dass die Sache nicht so überschaubar war. Inzwischen informiert sogar am Schild am Teppich-Eingang, dass man nicht gar fotografieren darf. Wahrscheinlich dauert es höchstens noch zwei Tage, bis bei der obligaten Taschenkontrolle – sie ist vor dem roten Teppich – gleich sämtliche Handys beschlagnahmt werden. Macht 2300 Handys pro Vorstellung. Wahnsinn!

„Wahnsinn“ sagt auch Ryan Coogler öfter – bei dem öffentlichen Künstlergespräch am Mittwoch. Mit 31 Jahren war der farbige Amerikaner der jüngste Filmemacher, dem die Ehre des Künstlergesprächs zuteilwurde. Drei Filme hat er bislang erst gedreht, Cannes war sein erstes europäisches Filmfestival 2013: „Nächster Halt: Fruitvale Station“ gewann den Zukunftspreis in der Reihe „Un certain regard“. Sein zweiter Film „Creed: Rocky Legacy“, die Fortsetzung der Rocky-Geschichte mit Sylvester Stallone brachte Stallone eine Oscar-Nominierung ein. Cooglers dritter Film „Black Panther“, der zurzeit noch im Kino läuft, ist dem Einspielergebnis nach der viert erfolgreichste Film aller Zeiten. Doch Coogler bleibt offenbar trotzdem noch auf dem Teppich. Er lacht viel, sagt oft  „oh Man“ und erzählt ohne Allüren – und noch nicht ganz so wie ein allglatter Profi. Letzteres wird es wohl nie, dazu ist sein Akzent zu stark und ungewöhnlich (er wirkt wie ein Dialekt), auch stottert er leicht und gestikuliert wie eine Rapper. Beim Reden zoppelt er solange das Mikro am Anzugrevers zurecht, das ihn störte, bis die Techniker ihm entnervt ein altmodisches großes Mikro in die Hand drücken.

Künstlergespräch in Cannes. ryan Coogler (links) und der US-Kritiekr und filmhistroiekr Elvis Mitchell. Foto: Dittgen

Künstlergespräch in Cannes: Ryan Coogler (links) und der US-Kritiker und Flmhistoriker Elvis Mitchell. Foto: Dittgen

Und Coogler sagt Sachen, die man sonst nicht hört. Er ist in Oakland aufgewachsen, in der schwarzen Gemeinde. Dazu steht er und zu seinem Akzent. Er mochte Kino von klein auf, sagt der 1986 geborene und nennt als erstes „Star Wars“. Sein Vater schleppte ihn in Actionfilme. Doch wichtiger für die kleinen Ryan war die Mutter. „Sie war eine IMDB (Internet Movie Data Base“). Sie wusste genau, wer wann wo vorher schon mitgespielt hat“, erzählte Ryan. „Sie wusste, welche Filme gerade im Kino liefen. Sie nahm mich mit in Filme aller Genres.“ Und ihr ist es auch zu verdanken, dass es in all seinem Filmen starke Frauenfiguren gibt und er bisher nur mit Kamerafrauen und mit Cutterinnen arbeitete. „Frauen sind wichtiger als Männer. Sie sind die Chefs der Familie, sie sind sehr intelligent. Denn so war es auch in dem Umfeld, in dem ich aufgewachsen bin, ich war umgeben von unglaublichen Frauen.“

„City of God“ (2002), der brasilianischen Kinder-Gangsterfilm, war der erste Film, den er mit Untertiteln sah. Er nannte „Ein Prophet“ (2009) von Jacques Audiard  und „Hass“ (1995) von Matthieu Kassovitz als wichtige Filme – und „Amores Perros“ (2000) von Alejandro Iñárritu. Was für einen Amerikaner dann doch überrascht.

Als er bei einem Treffen junger Regisseure, zu dem der farbige Schauspieler Forest Whitaker einlud, erzählte, dass er gerne die Geschichte des in der U-Bahn von einem Polizisten grundlos erschossenen jungen farbigen Oscar verfilmen würde, sagte Whitaker spontan zu, den Film zu produzieren. „Fruitvale Station“ gewann viele Preise. Nun sagte auch Sylvester Stallone, den Coogler bereits vor seinem Debütfilm die Geschichte von „Creed“ erzähl hatte, dem Nachwuchsmann zu. „Vorher konnte ich nichts vorweisen, jetzt hatte ich ja einen Film“, erklärt Coogler lachend. Noch weiter zurück geht Cooglers Idee, den Comic „Black Panther“ zu verfilmen. Den kannte er schon seit seiner Kindheit. „Zu diesem Film inspiriert haben mich vor allem die James-Bond-Filme und ,Der Pate‘,“ bekennt er.

Andrea Dittgen

Erschieß den Kritiker!

Cannes-Tagebuch (3) 9. Mai 2018

Heute habe ich mich mit meinem offiziell um drei Liter Fassungsvermögen zu großen Rucksack ins Palais gewagt. Und hatte keine Probleme, damit durchzukommen. Welche Erleichterung! Allerdings betrug das Warten auf den Einlass morgens zur Stoßzeit 18 Minuten, wohlgemerkt vom Ankommen vor dem Palais bis zum Passieren der Tore mit den Detektoren. Nachmittags als ich unterwegs zur Retro war, ging es schon flotter: zwei Minuten.

In Cannes gibt es keine Eintrittskarten, sondern Einladungen, mit denen man in den Saal gelassen wird. So sieht eine aus. Foto: Dittgen

In Cannes gibt es keine Eintrittskarten, sondern Einladungen, mit denen man in den Saal gelassen wird. So sieht eine aus. Foto: Dittgen

Recht flott war auch die Einführung, zu der Festivalleiter Thierry Frémaux erschien  (das macht er bei fast jedem Retrofilm) und keinen Geringeren als Martin Scorsese begrüßte. Denn seine Filmstiftung hatte „Enamorada“ (1946) von Emilio Fernandez restauriert. „Der Film gewann 1947v so ziemlich alle Ariels, das ist der mexikanische Filmpreis“, klärte Scorsese auf und seine Begeisterung über das zur mexikanischen Revolution spielende Werk, das auf der Widerspenstigen Zähmung basiert, wie er erläuterte,  kannte keine Grenzen. Und er wusste, dass der Regisseur, Emilio Fernandez (1904-1986) auch selbst in der Revolution kämpfte, gefangen genommen wurde, ins Gefängnis kam und 1923 wieder freikam.

Martin Scorsese (links) und Thierry Frémaux bei ihrer Einleitung zu "Enamorada". Foto: Andrea Dittgen

Martin Scorsese (links) und Thierry Frémaux bei ihrer Einleitung zu „Enamorada“. Foto: Dittgen

„Er verließ das Land, ging erst nach Chicago, dann Los Angeles, wo er das Model für die Oscar-Statue wurde“, so Scorsese weit. Ein Mexikaner ist das Model für den Oscar? Wehe, wenn das Donald Trump erfährt, er würde  sofort einen Zaun um die Statue ziehen. Doch wie war das mit der Statue? „Fernandez war mit der Schauspielerin Dolores del Rio befreundet (auch Mexikanerin, damals ein Star in Hollywood), die mit Cedric Gibbons, dem Chefdesigner des Studios MGM verheiratet war. Sie schlug Fernandez als Model für die Statue vor – und so kam es.

Die Einladung zur Vorführung. Foto: Dittgen

Die Einladung zur Vorführung. Foto: Dittgen

Doch rückwirkend gesehen hat das Fernandez nicht verdient. Denn – nun erzählte Frémaux nach der spitzbübischen Frage „Sind Filmkritiker im Saal?“ (nein, ich habe mich nicht gemeldet, bin ja nicht blöd) – dass Fernandez der erste Filmregisseur war, der auf einen Kritiker geschossen hat. Der Kritiker hatte sich negativ über seinen Film äußerte. Der Kritiker wurde verletzt (der Schuss soll in die Hoden gegangen sein), die Sache kam vor Gericht. Fernandez wurde freigesprochen, der Richter sah es als erwiesen an, dass Fernandez in seiner Ehre verletzt war. „Heute geht man großzügiger mit Filmkritikern um“, konnte sich ausgerechnet Frémaux nicht verkneifen.

Bevor Protest anheben konnte, erzählte Scorsese schnell weiter: „Fernandez, zeitweise der berühmteste Regisseur Mexicos, war  auch als Schauspieler in Hollywood bekannt, er hat in Sam Peckinpahs ,Pat Garret und Billy the Kid‘ mitgespielt und in John Fords ,The Fugitive‘.“ Dann zählt er noch die Geldgeber der Restaurierung auf und erzählte stolz das, was sonst nur Kinematheksmitarbeiter tun: Dass die Restaurierung vom Original Kamera-Negativ gemacht wurde, das zum Teil aber beschädigt war, sodass man es mit einer 35-mm-Kopie ergänzte, und dass es nun eine digitalisierte 4K und eine Filmkopie gibt. Und all das nicht mal zehn Minuten! Diese grandiose Einführung zu toppen, dürfte schwer sein – nicht nur hier in Cannes.

Andrea Dittgen

 

Die große Cate und die Quinzaine

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Cannes-Tagebuch (2) 8. Mai 2018

In Frankreich ist Feiertag. Das Kriegsende 1945 wird am 8. Mai gefeiert. Doch wer nun denkt, in der Stadt wären alle Läden zu wie in Deutschland an Feiertagen, der irrt. Der Panikkauf am Vorabend mit Klopapier, Kaffee und Obst & Co. wäre nicht nötig gewesen. Die meisten Läden haben geöffnet, egal ob Supermarkt oder kleiner Kleiderladen, denn niemand will sich ein Geschäft entgehen lassen, heute, wo doch das Filmfestival beginnt, und aus dem 60.000-Einwohner-Städchen eins mit doppelt so vielen Menschen wird. Auch am Donnerstag, dem nächsten Feiertag (Christi Himmelfahrt) werden die Läden offen sein, das ist doch beruhigend, was das frische Frühstückscroissant von der Bäckerei am Eck angeht – und auch beunruhigend, denn mein Apartment liegt an der Straße zur Croisette. Es gibt also auch am Feiertag morgens früh schon Lärm.

Erstmals seit ich nach Cannes fahre (seit 1994, damals gewann so ein US-Newcomer mit einem furiosen  Film namens „Pulp Fiction), gibt es am ersten Tag nachmittags vorab nicht den Eröffnungsfilm für die Presse. Wir dürfen ihn erst abends parallel zur offiziellen Gala sehen. So hat man tagsüber genug Zeit, endlich einen Plan zu machen – im Internet steht im Pressebereich tatsächlich der Plan der Pressevorführungen und Pressekonferenzen. Die erste Zusage für ein Interview trudelt ein, mit Wim Wenders über seinen Papst-Film, der außer Konkurrenz läuft. Blöderweise am Tag, bevor der Film läuft – so wird das Interview eine Herausforderung.

Der Verleih neue Filmkunst Werner Kirchner war für seine Plakate berühmt. Dieses Plakat maslte Regisseur Jan Lenica selbst. Zu sehen in der Quinzaine-Ausstellung in Cannes.

Der Verleih neue Filmkunst Werner Kirchner war für seine Plakate berühmt. Dieses Plakat maslte Regisseur Jan Lenica selbst. Zu sehen in der Quinzaine-Ausstellung in Cannes.

Einen Kilometer vom Festivalzentrum entfernt, bietet die Sektion „Quinzaine des réalisateurs“ eine Ausstellung, sie wird 50. Sie entstand 1969 als Folge des 1968 wegen der Mai-Unruhen angebrochenen Festivals. Damals hatten sechs Regisseure aus Solidarität mit den Demonstranten in Paris den Abbruch gefordert: Jean-Luc-Godard (87, hat dieses Jahr einen Film im Wettbewerb), Roman Polanski (84, hatte 2017 einen Film im Wettbewerb), Claude Lelouch (80, macht zu schlechte Filme, um in den Wettbewerb zu kommen), Louis Malle (1932-1995), Claude Berri (1934-2009) und Jean-Gabriel Albicocco (1936-2001). Die Quinzaine zeigte die ersten Filme des neuen deutschen Kinos. Von Rainer Werner Fassbinder, Werner Herzog, Volker Schlöndorff. Doch in der Ausstellung tauchen die Deutschen nicht auf. Diese ignoranten Franzosen! Das einzig Deutsche in der Zusammenschau mit Fotos und Filmen ist ein deutsches Plakat des Films „Adam 2“ ´(1968) von Jan Lenica, von Lenica selbst gemalt, das der Verleih Neue Filmkunst Werner Kirchner aus Göttingen anfertigen ließ. Das ist schon enttäuschend. Immerhin gibt es im neuen Buch zur Quinzaine sechs Seiten über das deutsche Kino nebst einen schönen Herzog-Karikatur. Das versöhnt. https://www.quinzaine-realisateurs.com/

In dem neuen Buch "Quinzaine des réalisateurs Cannes les jeunes années" gibt es diese schöne Herzog-Karikatur des Autors Bruno Icher

In dem neuen Buch „Quinzaine des réalisateurs Cannes les jeunes années“ gibt es diese schöne Herzog-Karikatur des Autors Bruno Icher

Das kann man vom Eröffnungsfilm nicht sagen. Schlimm genug ist, dass die 1000 Journalisten, die parallel zur Gala im großen Saal Lumière (2300 Plätze) im kleineren Saal Debussy Einlass gefunden hatten, sich die Eröffnungsfeier ansehen mussten (sonst wären sie nicht mehr ins Kino gekommen). Sie dauert etwa eine Stunde und ist um vieles langweiliger ist als bei der Berlinale, weil die Franzosen keine freche Anke Engelke als Moderatorin haben und Festivalleiter Thierry Frémaux (57), obwohl schon ein Jahr länger im Amt als Dieter Kosslick (69), längst nicht so witzig ist. Auch spielt sich alles auf Französisch ohne  Untertitel ab, was nicht jedermanns Sache ist. Immerhin war es nett anzusehen, dass Jury-Präsidentin Cate Blanchett zusammen mit dem einen Kopf kleineren Martin Scorsese das Festival für eröffnet erklärte. Dass der Eröffnungsfilm „Everybody Knows“ des zweifachen Oscar-Preisträgers Asgar Farhadi aus dem Iran schlecht war, konnten die beiden nicht ahnen. Wir Kritiker auch nicht. Sind alle Wettbewerbsfilme so schlecht, und Frémaux hat deshalb beschlossen, den Journalisten nichts vorab zu zeigen? Mal sehen, wie es weitergeht.

Andrea Dittgen