Schlagwort-Archiv: Sophie Rois

Nina, die Große

Nur vordergründig geht es in „Das Vorspiel“, dem neuen Film von Ina Weisse darum, einen jungen Musikschüler nach Art von „Whiplash“ (2014) so zu traktieren, dass er alles aus sich herausholt. Filme mit Musiklehrerinnen aus Deutschland sind eher Filme über die Lehrerin, sei es in „Prélude“, der vor einigen Wochen angelaufen ist – oder wie hier in „Das Vorspiel“, der beim Toronto Film Festival seine Uraufführung feierte.

Nina Hoss als Musiklehrerin in der großen Lebenskrise. Foto: Corutesy of TIFF

Nina Hoss als Musiklehrerin in der großen Lebenskrise. Foto: Corutesy of TIFF

Nina Hoss (44) spielt die strenge Geigenlehrerin Anna, die ein junges Talent gegen der Rat ihrer Kollegen an der Musikhochschule annimmt. Der etwa 14-jährige Alexander ist für sie die Hoffnung, ihn und damit auch ihre eigenes Leben zu formen, das aus den Fugen geraten ist. Denn sie hat einen zehnjährigen Sohn,  der bei einer Kollegin (Sophie Rois) Geigenunterricht hat, gleichzeitig aber auch Eishockey spielt, was nichts für die zarten Geigenhände ist. Anna forciert ihn, mit Alexander zusammenzuspielen, es geht nicht gut aus.

Dafür macht Alexander langsam Fortschritte unter Annas strenger Schule mit harten Taktübungen. Aber das geht Anna nicht schnell genug – und mit ihrem Privatleben ist sie auch unzufrieden. Sie lebt mit einem Geigen- und Cellobauer zusammen, lässt sich aber auf eine Affäre mit einem Lehrerkollegen ein, der sie dazu bringt, nach langer Zeit wieder in einem Kammerensemble mitzuspielen. Auch das geht nicht gut – und beim entscheidenden Vorspiel taucht Alexander nicht auf. All das ist durch die Augen von Anna gefilmt, die über ihr wahren Gefühle und Wünsche nicht spricht, weil sie selbst nicht weiß, was sie will.

Dieses Porträt  einer zerrissenen Frau in ihre 40ern, die irgendwann ausrastet,  spielt Nina Hoss als mitreißende One-Woman-Show, der man stundenlang zusehen könnte. Aber Neues erfährt man nicht, weder thematisch (da werden die Vorurteile vom Musiklehrer bestätigt, der zu viel will), noch optisch oder strukturell, den die anderen Charaktere bleiben doch sehr schwach.

Aber die Musik ist gut, die Rivalität, Eifersucht und Schadenfreude unter den Musiklehrern hat man im Kino selten so schöne herausgearbeitet gesehen. Wogegen die Tatsache, dass es mehrsprachig zugeht – Annas Mann ist Franzose  – milieutypisch ist und auch den zweiten Film mit Nina Hoss in Toronto betrifft, den bereits beim Festival von Venedig gezeigten Horrorfilm „Pelikanblut“ von Katrin Gebbe. Beide Filme haben noch keinen deutschen Starttermin.

Andrea Dittgen