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Wie Stalin die Fake News inszenierte

„Ich wollte den Film so gestalten, dass der Zuschauer die Möglichkeit hat, zwei Stunden in der UDSSR des Jahres 1930 mitzuerleben: den Moment, wenn die staatliche Terrormaschine in Gang gesetzt wird, die Josef Stalin erfunden hat“. Sagt Sergej Loznitsa, der in der Ukraine aufgewachsene 54-jährige Wahl-Berliner (seit 2001) aus Russland, der sich zu einem der wichtigsten Spiel- und Dokumentarfilmregisseur ist, zu seinem neuen Film. Den er nicht gedreht, sondern nur geschnitten und produziert hat. Weil das Material, das er fand, als er über Stalins Schauprozesse recherchierte, so ungeheuerlich war. Loznitsas „The Trial“ (der Prozess) wurde von Arte koproduziert.

Der Schauprozess: Blick in den Gerichtssaal. Foto: Courtesy of Tiff

Der Schauprozess: Blick in den Gerichtssaal, wo das Publikum das Geschehen verfolgt. Foto: Atoms & Void

Stalin initiierte Gerichtsprozesse mit vorgeblichen Anti-Revolutionären, um die Unzulänglichkeiten des neuen Staates zu kaschieren und Gegner einzuschüchtern. Wer in einem der Prozesse angeklagt, musste mit einer hohen Strafe, meistens der Todesstrafe rechnen. Ob er schuldig war, spielte keine Rolle. Es ging nicht um die Wahrheit, es ging um Politik und Diktatur. Stalin ließ bei den Gerichtsprozessen filmen, nicht nur einige Szenen. Loznitsa fand, dass der wichtigste Prozess, der „Industrie-Partei-Prozess“ 1920 komplett von A bis Z mitgefilmt wurde – mit Ton. Angeklagt des Hochverrats waren Chefs der Versorgungsunternehmen, ein Uniprofessor und wichtige Ingenieure. Sie sollen mit ihren Aktionen dafür gesorgt haben, dass die schlecht Versorgungslage der Bevölkerung noch schlechter wurde, dass Maschinen nicht mehr laufen – und sie sollen sich in Berlin mit dem französischen Regierungschef Raymond Poincaré getroffen haben, um eine Invasion der Franzosen vorzubereiten, den Kapitalismus wieder einzuführen und die UdSSR in der bestehenden Form zu zerstören.

Der Zeugenstand im Schauprozess. Foto: Cortesy of Tiff

Der Zeugenstand im Schauprozess. Foto: Atoms & Void

Alle Angeklagten bekennen sich schuldig und reuig. Sie machen lange Aussagen darüber, was sie getan haben, dass es falsch war und das sie – falls ihr Leben verschont wird – nur noch für die Sowjetunion und die Revolution arbeiten wollen. Die handelnden Personen sind echt, aber der Prozess ist es nicht. Sie haben die Taten nicht begangen, sie agierten wie Schauspieler. Fake News, 1930 inszeniert von Stalin. Natürlich erkennt man heute sofort, dass das etwas nicht stimmen kann. Es wirkt es heute lächerlich, wenn die hochgebildeten Männer plötzlich alle kleinlaut werden und kuschen, aber damals hat es wirklich abschrecken gewirkt. Aber der Prozess ist spannend und lebendig, Hollywood hätte es nicht besser gekonnt, dass man gebannt davorsitzt. Loznitsas komprimierte Montage des Found Footage ist faszinierend. Er kombiniert sie mit Straßenszenen, in der die Massen demonstrieren und auf Transparenten die Todesstrafe für die Verräter fordern. Und den Jubel der Menschen im Gerichtsaal, als fünf der neun Angeklagten die Todesstrafe bekommen (die anderen müssen für fünf und zehn Jahre hinter Gittern). Im Nachspann zeigt Loznitsa, wie das Leben der Angeklagten wirklich weiterging. „Der Prozess ist ein einzigartiges Beispiel eines Dokumentarfilms, in dem man 24-mal pro Sekunde nur Lüge sieht“, macht Loznitsa deutlich – und zerstört damit auch ein Dogma, das Jean-Luc Godard 1960 auf die simple Formal brachte: „Film ist die Wahrheit, 24-mal pro Sekunde“.

Andrea Dittgen

Am Eingang des KZs Sachsenhausen bei Berlin. Courtesy of TIFF

Die Eitelkeit der KZ-Touristen

Irgendwann besucht wahrscheinlich jeder einmal ein KZ. Oder das, was davon übrig geblieben ist. Eine KZ-Gedenkstätte. Ein Museum. Zum Beispiel Sachsenhausen bei Berlin. Der ukrainische Filmemacher Sergej Lonitza (52) stellte dort seine Kamera auf und filmte die Besucher. 94 Minuten lang, schwarzweiß. Meistens hört man nur Geräusche von knirschenden Schuhen, manchmal auch Wortfetzen in verschiedenen Sprachen. Die Kamera ist starr. Fünf Minuten lang hat man immer denselben Blick. Weiterlesen