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Die Saudis zeigen, wie eine Filmindustrie entsteht

Cannes-Tagebuch (5) 11. Mai 2018

Als am 18. April 2018 die Saudis nach über 35 Jahren wieder ein Kino eröffnen durfte (mit „Black Panther“, zwei Kuss-Szenen wurden angeblichen dafür rausgeschnitten), war es seine Sensation. im Zuge der Re-Islamisierung (Wahhabismus, besonders strenge Auslegung des Islam)  hatte die Regierung von Saudi Arabien alles verboten, was mit Kino und Film zu tun hatte. Bestehende Kinos wurden geschlossen, im Land selbst entstanden keine Filme. Nun stürzt sich das Land in die Filmproduktion. Doch wie soll das gehen, wenn man so lange von der Filmwelt abgeschnitten war und praktisch bei null anfangen muss?

In Cannes lud die General Cultural Authority nebst dem neugegründeten Saudi Film Council (SFC) zur Pressekonferenz ins Hotel Carlton ein. Nobler geht es nicht. Was da verkündet wurde, war auch eine Sensation. 35 Prozent Basis-Filmförderung für internationale Produktion im Land plus 50 Prozent Förderung für alle weiteren Ausgaben im Land. Das ist selbst mehr als die Kanadier (bis zu 40 Prozent) zahlen, von der deutschen Filmförderung ganz zu schweigen.

Ahmed Almazid, der Geschäftsführer der general Culture Authority von Saudi Arabien erklärte, wie sein Land eine Filmindustrie aufbauen will. Foto: Dittgen

Ahmed Almazid, der Geschäftsführer der General Culture Authority von Saudi Arabien, erklärte, wie sein Land eine Filmindustrie aufbauen will. Foto: Dittgen

33 Millionen Bewohner hat Saudi Arabien, 70 Prozent sind unter 18 Jahren. „Wir haben die größte Social-Media-Dichte in der Welt“, informierte Ahmed Almaziad, der Geschäftsführer der Kulturautorität (seltsamer, aber korrekter Name, denn es gibt Zensur im Land). Der Aufbau der Filmindustrie ist eine von fünf Sparten im Unterhaltungsbereich, der die Abhängigkeit vom Erdöl mindern soll“. Wir wollen die jungen Talente im Land unterstützen, und wir haben Geschichten, die sehr alt sind, und nicht alle sind. Wir sind zum ersten Mal in Cannes, im Filmmarkt, um uns der Welt vorzustellen.“ Das tun sie mit einem Buch, das die Landschaften zeigt und anderen Beigaben, die man im Saudi-Pavillon bekommt.

Der Stand von Saudi Arabien auf der Filmmesse bietet ein orientalisches Ambiente. Foto: Dittgen

Der Stand von Saudi Arabien auf der Filmmesse bietet ein orientalisches Ambiente. Foto: Dittgen

Die Grundförderung für Filme beträgt 35 Prozent der Produktionskosten, so Almazid. „Wir entwickeln Richtlinien, um über die 35 Prozent zu gehen. Und wir geben 50 Prozent Zuschuss, wenn im Land mit Einheimischen gearbeitet wird. Das ist ein Lockruf, nach Saudi Arabien zu kommen und hier zu drehen“.  Das gilt für Spielfilme, Animation, Dokumentarfilme, Drehbuchschreiben. „Der Markt wird exponentiell wachsen“. In den nächsten Wochen sollen die Richtlinien ausgearbeitet werden, auch was die Zensurbedingungen sind. „Dabei geht es darum, was in die Gesellschaft in Saudi Arabien akzeptiert, heute wird vieles akzeptiert, was vor zwei Jahren noch unmöglich war“, macht Almazid klar. Frauen dürfen sich westlich kleiden, das gibt es in bereits. Es gibt zwar keine speziellen Frauenprogramme, aber „die erfolgreichsten Filmemacher in Saudi Arabien sind Frauen, die Hälfte der Filmemacher, die wir zur Ausbildung ins Ausland schicken, sind Frauen, so SFC-Direktor Faisal Baltyuor.

Die weiße Stofftasche, die Besucher des Saudi-Pavillons bekommen, ist professionell gefüllt: Sie enthält ein Buch mit den Schönheiten des Landes, Moleskine-Block, Kugelschreiber, Schreibpapier und eine kleine Box mit Datteln. Foto: Dittgen

Die weiße Stofftasche, die Besucher des Saudi-Pavillons bekommen, ist professionell gefüllt: Sie enthält ein Buch mit den Schönheiten des Landes, Moleskine-Block, Kugelschreiber, Schreibpapier, Screening-Guide und eine Geschenkbox mit Datteln. Foto: Dittgen

Filme aus auswärts, die in den Saudi-Kinos laufen – bis 2030 sollen 350 Kinos für Hollywood- und Arthouse-Filme mit über 2500 Sälen entstehen – müssen jedoch wahrscheinlich über eine Verleih-Gesellschaft der Saudi-Regierung eingeführt werden (sonst könnten man nicht zensieren).

Bereits gestartet ist das Ausbildungsprogramm. Im Land gibt es (noch) keine Filmschulen, der Nachwuchs wird nach Amerika geschickt, zu Filmhochschulen und Meisterklassen nach Amerika und Frankreich. In Cannes sind die ersten elf Kurzfilme zu sehen.

Auch mit Deutschland (Filmhochschule Babelsberg steht man schon in Kontakt). Und nicht zu vergessen: Razor Film aus Berlin coproduzierte „Das Mädchen Wadjda“ (2012), den ersten in Saudi Arabien gedrehte Spielfilm, von der Regisseurin  Haifaa Al Mansour und kündigte in Cannes an, auch ihren zweiten Film „The Perfect Candidate“ zu coproduzieren, es ist der erste Film, der vom SFC gefördert wird.

Das hört sich zwar alles etwas großspurig, aber eben auch sehr spannend an, selbst wenn noch keine Summen und Filme genannt wurden. Denn während überall in Europa und Amerika das Kino auf dem absteigenden Ast ist und gegen Internet und Streamingdienste immer mehr Prozente verliert, gibt es nun ein Land im Orient, in dem die Kinoindustrie von null auf 500 im Eiltempo aufgebaut wird. Einen solchen Fall gab es praktisch seit der Stummfilmzeit nicht mehr.

Infos: www.film.sa

Andrea Dittgen