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Film noir im Iran

Regisseur Samuel Khachikian (Zweiter von links) mit seinen Darstellern. Foto: ICR

Regisseur Samuel Khachikian (Zweiter von links) mit seinen Darstellern. Foto: ICR

Das Festival heißt „Il Cinema Ritrovato“ – das wiedergefundene Kino. Es findet vom 24. Juni bis 2. Juli zum 31. Mal statt, in Bologna (Italien) und ist das größte Festival in Europa für alte und ältere Filme. Für Filme, die man lange oder sogar noch nie im Kino sah. Für Filme, die kürzlich auf irgendeinem Speicher oder in einem Lager wiedergefunden und restauriert wurden. Der zeitliche Radius reicht von der Stummfilmzeit bis heute. Gespielt wird in fünf Kino und abends Open-Air auf zwei Plätzen. Es laufen alle Arten von Filmen: kurzen, lange, Stummfilme (mit Klavier- oder Ensemble-Begleitung), Tonfilme, Spielfilme, Dokus, Experimentalfilme. Das Publikum besteht vorwiegend aus Cineasten, die sich für 100 Euro akkreditieren können. Wer das nicht will, zahlt vier Euro pro Vorstellung oder zehn Euro pro Tag für beliebig viele Vorstellungen. Die Kinos sind voll, vor allem Studenten und Leute über 50 sind da. Während es draußen 30 bis Grad heiß ist, ist es im Kino schon kühl.

Meine Entdeckung am ersten Tag war die Reihe „Teheran noir“ im Iran analog zum Genre film noir im Hollywood der 40er und 50er Jahre. Sie ist dem Regisseur Samuel Khachikian (1923-2001)  gewidmet, den hierzulande wohl kaum einer kennt, obwohl der Sohn armenischer Flüchtlinge, die vor dem Genozid im Iran eine neue Heimat faden, im Iran sehr bekannt war – vor der islamischen Revolution von 1978. Khachikian drehte Thriller, Sex und Gewalt, Mainstream. Dabei griff er die Atmosphäre seiner Vorbilder auf: der deutschen Regisseure Fritz Lang und Robert Siodmak!

So lieb lächelt der Ehemann (Abdollah Bootimar) in "Delhoreh" seine Frau an. Foto. ICR

So lieb lächelt der Ehemann (Abdollah Bootimar) in „Delhoreh“ seine Frau an. Foto. ICR

In „Delhoreh“ (1962) sind es vor allem die Schatten, die den Look des Films bestimmen, der so auch in den USA oder der BRD hätte spielen können. Der reiche Besitzer eines Bauunternehmens  wird von seiner Maschine zerquetscht. Es war Mord, jemand hat die Maschine angestellt, als darunter lag. Seine Nichte Irene als Erbin profitiert, sie ist mit einem Manager der Firma verheiratet, der nun Firmenchef wird. Sie wird erpresst von einem früheren Liebhaber, der ihre Liebesbriefe hat. Als sie ihn bezahlt und er auch noch Sex will, erschießt sie ihn – und die Panik beginnt. Denn sie verliert dabei das Collier, das ihr Mann ihr schenkte, was bei einer Party prompt ihren Freundinnen auffällt. Auch gibt es Zeugen des Mordes.

Das Ganze ist sehr spannend gemacht, mit unerwarteten Wendungen, mit Männern, die voll dem Gangsterklischee entsprechen, und einem Ehemann, der sich irgendwann als doch nicht als so zuvorkommend erweist. Der Plot ist lupenreiner Film noir, recht rasant gemacht, auch wenn er mitunter ins B-Picture abgleitet. Zwei Besonderheiten sind wohl einmalig: Dem Regisseur war die iranische Sprache, Farsi, zu langsam für seine schnell fortschreitende Handlung und die vielen abrupten Wendungen. So beschleunigte er den Film von den damals üblichen 24 Bildern pro Sekunde in der Postproduktion auf 22. Abgehakt hört er sich jedoch nicht an. Das zweite, was in Erinnerung blieben wird, ist der Wodka-Bär: Ein batteriebetriebener schwarzer Plüschbar, der auf der Theke der wohnungseigenen Bar im Wohnzimmer von Irene steht, und sich selbst permanent Wodka in das Gläschen in der Pfote schüttet und trinkt und sehr oft im Bild ist. Ein so tolles Spielzeug gab es nicht mal in Hollywood!

Nach der Revolution wurde der westlich orientierte Khachikian weitgehend kaltgestellt. Als er ab 1985 gelegentlich doch noch die Erlaubnis bekam, zu drehen, wirken seine Genre-Filme jedoch wie Fremdkörper in dem nun streng islamischen Land. Der letzte seiner 33 Filme entstand 1994.

Andrea Dittgen