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Scorsese und die Mafia

„Am Ende war ich groggy“, sagte Martin Scorsese (76) beim Filmfestival Lumière in Lyon, dem dritten Ort nach New York und dem Londoner Filmfestival, wo er seinen neuen Film „The Irishman“ vorab zeigte. Eine Netflix-Produktion, mit dreieinhalb Stunden, die längste Netflix-Produktion bisher. Wahrscheinlich auch die treuerste. Und wohl Scorseses letzter Mafia-Film. Die Vorstellung im 2000-Plätze-Theater in Lyon war in 30 Sekunden ausverkauft, sagte Festivalleiter Thierry Frémaux. Scorsese war sichtlich gerührt.

Martin Scorsese (2. von links) präsentiert "The Irishman" in Lyon. Foto: Dittgen

Martin Scorsese (2. von links) präsentiert „The Irishman“ in Lyon. Foto: Dittgen

„Es hat neun Jahre gedauert, den Film auf die Beine zu stellen“, sagte Scorsese. Niemand wollte ihn finanzieren. „Es war ein Abenteuer“, meinte Scorsese, der freie Hand hatte und erreichte, dass der Film vor dem Streaming (ab 27. November) auch ins Kino kommt (in Deutschland ab 14. November).  „Eigentlich wollte noch ich noch einen Film mit Bob (Robert de Niro) über die Mafia machen, aber er hat mir das Buch gegeben („I Heard You Paint Houses“ von Charles Brandt, Anm. d. Red.)  und war sehr emotional, als er es mit beschrieb“, erklärte Scorsese seinen Film über den Mafia-Killer Frank Sheeran.

Sie wollen kein selfie, sie wollen Autogramme: Martin Scorsese schreibt nach seiner Einführung am Bühnenrand Autogramme. Foto: Dittgen

Sie wollen kein selfie, sie wollen Autogramme: Martin Scorsese schreibt nach seiner Einführung am Bühnenrand Autogramme. Foto: Dittgen

„Er erzählte mir das Buch nicht nur, sondern spielte praktisch schon seine Rolle, so dass mir klar war, dass ich diesen Film machen musste, ob er nun gut oder schlecht wird. Bob, der Drehbuchautor Steven Zaillian und ich und das ganze Team, wir hatten Lust zu erzählen, wie die Zeit vergeht und wie das Leben sich verändert. Vieles hat mir Bob und mir zu tun. Ich dachte nicht unbedingt, dass der Film so lang werden würde. Heute kann man einen Film auf vielen Kanälen sehen, aber es ist wichtig, dass dieser Film ins Kino kommt. Wir Filmemacher müssten heute kämpfen, überhaupt Filme machen zu können und sie zu zeigen“. Sagt der große Scorsese.

Das Plakat zeitg die Hauptdarsteller (von links) Joe Pesci, Robert De Niro und Al Pacino. Foto: Netflix

Das Plakat zeitg die Hauptdarsteller (von links) Joe Pesci, Robert De Niro und Al Pacino. Foto: Netflix

„The Irishman“ schafft in 210 Minuten etwas Ähnliches, wie Francis Ford Coppola mit seinen mehr als doppelt so langen Dreiteiler „Der Pate“ (541 Minuten, er läuft bei Festival von Lyon auch zum Vergleich auch, in einer langen Nacht, Coppola ist auch Festivalgast): Zu zeigen, wie die Mafia arbeitet, wie man aufsteigt und auch wie man fallen kann. In Rückblicken erzählt der im Pflegheim lebende Mafia-Killer (1920-2003) von seinem Leben, dabei werden De Niro und Co. (Al Pacino, Joe Pesci, Harvey Keitel) fast permanent künstlich jünger und älter gemacht (was das Budget so hoch werden ließ). Doch es geht nicht um große Effekte und opulente Bilder wie beim „Paten“, Scorsese hat einen Arthouse-Film gedreht, einen mitreißenden Arthouse-Film, der auch eine gewisse Langsamkeit und Reflexion ausstrahlt (wie immer brillant  geschnitten von der inzwischen 79-jährigen Thelma Shoonmaker, die seit den 80er Jahren Scorseses Cutterin ist) und ein bisschen so wirkt, als sei es nicht nur Sheerans Abschied von seinem bisherigen Leben, sondern auch Scorsese Abschied vom Filmemachen.

Andrea Dittgen

Sag zuerst nein!

Cannes Tagebuch (11) 18. Mai 2018

Gary Oldman (60), der im Februar den Oscar als bester Hauptdarsteller für seinen Winston Churchill in „Die dunkelste Stunde“ bekommen hat, gab sich als eleganter und eloquenter Gesprächspartner mit britischem Humor beim Publikumsgespräch.  Er erzählte vor allem von seinen Anfängen. Sein wichtigster Rat, wenn ein Rollenangebot kommt: es erstmal ablehnen.

Gary Oldman (rechts) im Gespräch mit Douglas Urbanski, dem US-Produzenten, mit dem er seit mehr als 30 Jahren zusammenarbeitet. Foto: Dittgen

Gary Oldman (rechts) im Gespräch mit Douglas Urbanski, dem US-Produzenten, mit dem er seit mehr als 30 Jahren zusammenarbeitet. Foto: Dittgen

„Als ich 15 Jahre war, sah es eine Preview, ein britischer Film, „The Raging Moon“ (1971) mit Malcolm McDowell in der Hauptrolle. Da war etwas mit Malcolm und seinen blauen Augen. Als ich den Film sahn, waren die Lichter im Raum heller, es war eine spirituelle Erweckung. Für die Schauspielerei. Denn in der Schule habe ich keine Theater gespielt. Ich wusste, das will ich als Beruf machen.“

„Man sagt mir, ich müsse zur Schauspielschule. Ich suchte mir aus den Gelben Seiten ein Theater raus, das Camden People’s Theater und ging hin. Der künstlerische Direktor sagte: Du könntest Talent haben. Er nahm mich unter seine Fittische und trainierte mich die die Aufnahmeprüfung an der Schauspielschule.

„Ich bewarb mich an der Schauspielschule am Royal Theater – und die Antwort war: „Suchen Sie sich etwas anderes, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen.“ Wenn das nicht mit Schauspielerei nicht geklappt hätte, wäre ich gerne Astronaut geworden – oder Surfer.“

„Die Schauspielschule lehrt dich Disziplin. Manchmal kommen junge Schauspieler zu mir und bitten um Ratschläge. Da sage ich immer: Lerne deinen Text und sei pünktlich!“

„Die erste Filmrolle habe ich abgelehnt. Ich war naiv, ich habe viel abgelehnt. Mein Agent sagte: „Sie wollen dich für das Remake „The Bounty“, mit Mel Gibson, du sollst einen der Männer auf dem Schiff spielen“. Gleichzeitig hatte ich die Gelegenheit, in der britischen Provinz Theater zu spielen. Das war mit lieber, ich lehnte ab. Und je häufiger ich ablehnte, umso mehr Anfragen für Filme kamen – mit viel Geld. Mein Ratschlag ist: Sag zuerst nein! Mein Agent sagte: „Du hast noch nie in einem Film gespielt, das musst du tun. Er drohte, mich fallenzulassen, wenn ich nicht in einem Film spiele!“ Es war nie in meinem Lebensplan, in Filmen mitzuspielen. Mein erster Film war dann „Rememberance“ (1982). Dann kam „Sid & Nancy“. Den habe ich zuerst auch abgelehnt. Ich glaube auch nicht, dass ich gut war.“

„Für den Film zu arbeiten, war ein Traum. Filmen war für andere, für Robert De Niro, Sean Connery, Gene Hackman. „Sid & Nancy“ habe ich gemacht, weil man  mir 35.000 Pfund bot.  Ich habe damals für 80 Pfund vor Steuern in der Woche Monat Theater gespielt. Und nun bot man mir 35.000 Pfund. Da dachte ich: oh, dann kann ich ja meine Küche machen lassen. Die Punk-Bewegung war nicht meine Sache, für mich war das nur Lärm, es interessierte mich nicht. Aber ich krempelte meine Ärmel hoch und arbeitete, ich las über Sid Vicious, ich hörte diese Musik, ich nahm ab – und dann packte es mich.“

„Die Antwort auf die Frage, welche Rolle ist als meine beste ansehen, ist immer gleich: die im nächsten Film.“

Andrea Dittgen