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Nicht ohne die Pfälzer!

Cannes-Tagebuch (7) Nachtrag zum  12. Mai 2018

„Könnt ihr mal ein bisschen ruhig sein da dahinten!“ Energisch schnappte sich Margarethe von Trotta das Mikro und versuchte gegen die große Geräuschkulisse beim Empfang von German Films anzukommen. „Man kommt  hierher, und alle reden, da kann ich auch gleich wieder gehen“, sagte sie, als sie auf der Bühne vorgestellt wurde – und ging auch wirklich gleich wieder. Die deutsche Regisseurin zeigt am Dienstag in der Reihe „Cannes Classics“ ihre Dokumentation „Auf der Suche nach Ingmar Bergman“ als Premiere. Was sonst. In Frankreich wird die 76-Jährige mehr gefeiert als bei uns, deshalb wurde sie eingeladen. Und natürlich weil Ingmar Bergman (1918-2007) vom Festival zu Lebzeiten noch als weltbester Regisseur gefeiert wurde und man nun seinen 100. Geburtstag feiert. Das sagte Mariette Rissenbeek, die Geschäftsführerin von German Films, natürlich nicht. Hätte sich auch nicht so gut gemacht.

Mariette Rissenbeek von German Films (links) stellt Margarethe von Trotta vor. Foto: Dittgen

Mariette Rissenbeek von German Films (links) stellt Margarethe von Trotta vor. Foto: Dittgen

In diesem Jahr, da Deutschland keinen Film im Wettbewerb hat, war auch der Empfang bescheidener. Zumindest die Reden. Staatsministerin Monika Grütters war gar nicht erst gekommen, und Bernd Neumann, der Präsident der Filmförderungsanstalt, wollte wohl nichts sagen. So beschränkte sich Mariette Rissenbeek auf die vier Minuten, in denen sie einen kurzen Überblick gab, was in den letzten zwölf Monaten geschah, als alles in Cannes mit Fatih Akins Film „Aus dem Nichts“  im Wettbewerb startete. Und wohl so mache der eingeladenen Produzenten, Schauspieler, Regisseuren, Filmschaffenden aller Art und Journalisten  dürften gestaunt haben, als Rissenbeek den Titel des weltweit erfolgreichsten deutschen Films nannte: die Koproduktion „A Stork’s Journey“ mit Richard dem Storch, eine Animation, ein Kinderfilm, ein ziemlich guter sogar. Ausschnitte konnte man – zusammen mit denen anderer deutscher Filme – auf der im Garten der Villa Noailles (der Mediathek) aufgebauten Leinwand sehen.

Dicht gedrängt standen die Gäste beim Empfang. Wie immer war die Musik ein bisschen zu laut, um sich unterhalten zu können (warum muss es bei solchen Empfängen eigentlich immer Musik geben, die Leute wollen doch reden?). Und wie immer war die Pfalz voll im Bild: als Weinsponsor, diesmal mit weißer Burgunder, Sauvignon Blanc, Rose und Spätburgunder Spätlese, alle trocken.

Große Plakatwand mit Landschaft und schräg gestellte Flaschen, so präsentierte sich das Weinland Pfalz beim deutschen Empfang. Foto: Dittgen

Große Plakatwand mit Landschaft und schräg gestellte Flaschen, so präsentierte sich das Weinland Pfalz beim deutschen Empfang. Foto: Dittgen

Und wie immer traf ich Isolde Barth, der größte Filmfan unter den Pfälzer Schauspielerinnen. Die gebürtige Maxdorferin, die  schon mit Rainer Werner Fassbinder arbeitete, sieht immer elegant aus. Sie altert nicht, war im Vorjahr in einem Tatort zu sehen und kommt jedes Jahr nach Cannes, um Film zu schauen. Mindestens einen pro Tag, im Wettbewerb hat ihr der Film von Kirill Serebrennikov gut gefallen, aber sie  hat auch anderes auf ihrem Plan, etwa die besten deutschen Kurzfilme, die mit dem Short Tiger ausgezeichneten, die immer sonntags im Beisein der Nachwuchsregisseure im Filmmarkt gezeigt werden.

Die Schauspielerin Isolda Barth ist der größte Pfälzer Filmfan in Cannes - seit Jahren schon. Sie kommt weniger , um sich zu präsentieren, sie sieht sich täglich Filme an. Foto: Dittgen

Die Schauspielerin Isolde Barth ist der größte Pfälzer Filmfan in Cannes  – seit Jahren schon. Sie kommt weniger , um sich zu präsentieren, sie sieht sich täglich Filme an. Foto: Dittgen

In dem Auszug der Gästeliste, den die Presse vorab bekam, stand Isolde Barth seltsamerweise nicht drauf (dabei wird sie im August 70 und ist ein wichtiger Teil der deutschen Filmgeschichte), umso schöner war es, sie so gutgelaunt zu sehen. Auf der Gästeliste, das muss man der Fairness halber sagen, stehen natürlich vor allem die Namen derjenigen, die in diesem Jahr einen Film in Cannes präsentieren wie Wim Wenders und Ulrich Köhler,  und andere Prominente wie die Regisseurin Emily Atef, die vor kurzem den deutschen Filmpreis bekam für „3 Tage in Quiberon“ und ihre Kollegin Asli Özge (zuletzt drehte sie den Thriller „Auf einmal“), die ins Cinéfondation-Atelier des Festivals eingeladen wurde. Trotz des kühlen Wetters war die Stimmung bei dem abendlichen Empfang am Samstag gut, und ein paar mehr Häppchen als im Vorjahr gab es auch.

Andrea Dittgen

Die große Cate und die Quinzaine

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Cannes-Tagebuch (2) 8. Mai 2018

In Frankreich ist Feiertag. Das Kriegsende 1945 wird am 8. Mai gefeiert. Doch wer nun denkt, in der Stadt wären alle Läden zu wie in Deutschland an Feiertagen, der irrt. Der Panikkauf am Vorabend mit Klopapier, Kaffee und Obst & Co. wäre nicht nötig gewesen. Die meisten Läden haben geöffnet, egal ob Supermarkt oder kleiner Kleiderladen, denn niemand will sich ein Geschäft entgehen lassen, heute, wo doch das Filmfestival beginnt, und aus dem 60.000-Einwohner-Städchen eins mit doppelt so vielen Menschen wird. Auch am Donnerstag, dem nächsten Feiertag (Christi Himmelfahrt) werden die Läden offen sein, das ist doch beruhigend, was das frische Frühstückscroissant von der Bäckerei am Eck angeht – und auch beunruhigend, denn mein Apartment liegt an der Straße zur Croisette. Es gibt also auch am Feiertag morgens früh schon Lärm.

Erstmals seit ich nach Cannes fahre (seit 1994, damals gewann so ein US-Newcomer mit einem furiosen  Film namens „Pulp Fiction), gibt es am ersten Tag nachmittags vorab nicht den Eröffnungsfilm für die Presse. Wir dürfen ihn erst abends parallel zur offiziellen Gala sehen. So hat man tagsüber genug Zeit, endlich einen Plan zu machen – im Internet steht im Pressebereich tatsächlich der Plan der Pressevorführungen und Pressekonferenzen. Die erste Zusage für ein Interview trudelt ein, mit Wim Wenders über seinen Papst-Film, der außer Konkurrenz läuft. Blöderweise am Tag, bevor der Film läuft – so wird das Interview eine Herausforderung.

Der Verleih neue Filmkunst Werner Kirchner war für seine Plakate berühmt. Dieses Plakat maslte Regisseur Jan Lenica selbst. Zu sehen in der Quinzaine-Ausstellung in Cannes.

Der Verleih neue Filmkunst Werner Kirchner war für seine Plakate berühmt. Dieses Plakat maslte Regisseur Jan Lenica selbst. Zu sehen in der Quinzaine-Ausstellung in Cannes.

Einen Kilometer vom Festivalzentrum entfernt, bietet die Sektion „Quinzaine des réalisateurs“ eine Ausstellung, sie wird 50. Sie entstand 1969 als Folge des 1968 wegen der Mai-Unruhen angebrochenen Festivals. Damals hatten sechs Regisseure aus Solidarität mit den Demonstranten in Paris den Abbruch gefordert: Jean-Luc-Godard (87, hat dieses Jahr einen Film im Wettbewerb), Roman Polanski (84, hatte 2017 einen Film im Wettbewerb), Claude Lelouch (80, macht zu schlechte Filme, um in den Wettbewerb zu kommen), Louis Malle (1932-1995), Claude Berri (1934-2009) und Jean-Gabriel Albicocco (1936-2001). Die Quinzaine zeigte die ersten Filme des neuen deutschen Kinos. Von Rainer Werner Fassbinder, Werner Herzog, Volker Schlöndorff. Doch in der Ausstellung tauchen die Deutschen nicht auf. Diese ignoranten Franzosen! Das einzig Deutsche in der Zusammenschau mit Fotos und Filmen ist ein deutsches Plakat des Films „Adam 2“ ´(1968) von Jan Lenica, von Lenica selbst gemalt, das der Verleih Neue Filmkunst Werner Kirchner aus Göttingen anfertigen ließ. Das ist schon enttäuschend. Immerhin gibt es im neuen Buch zur Quinzaine sechs Seiten über das deutsche Kino nebst einen schönen Herzog-Karikatur. Das versöhnt. https://www.quinzaine-realisateurs.com/

In dem neuen Buch "Quinzaine des réalisateurs Cannes les jeunes années" gibt es diese schöne Herzog-Karikatur des Autors Bruno Icher

In dem neuen Buch „Quinzaine des réalisateurs Cannes les jeunes années“ gibt es diese schöne Herzog-Karikatur des Autors Bruno Icher

Das kann man vom Eröffnungsfilm nicht sagen. Schlimm genug ist, dass die 1000 Journalisten, die parallel zur Gala im großen Saal Lumière (2300 Plätze) im kleineren Saal Debussy Einlass gefunden hatten, sich die Eröffnungsfeier ansehen mussten (sonst wären sie nicht mehr ins Kino gekommen). Sie dauert etwa eine Stunde und ist um vieles langweiliger ist als bei der Berlinale, weil die Franzosen keine freche Anke Engelke als Moderatorin haben und Festivalleiter Thierry Frémaux (57), obwohl schon ein Jahr länger im Amt als Dieter Kosslick (69), längst nicht so witzig ist. Auch spielt sich alles auf Französisch ohne  Untertitel ab, was nicht jedermanns Sache ist. Immerhin war es nett anzusehen, dass Jury-Präsidentin Cate Blanchett zusammen mit dem einen Kopf kleineren Martin Scorsese das Festival für eröffnet erklärte. Dass der Eröffnungsfilm „Everybody Knows“ des zweifachen Oscar-Preisträgers Asgar Farhadi aus dem Iran schlecht war, konnten die beiden nicht ahnen. Wir Kritiker auch nicht. Sind alle Wettbewerbsfilme so schlecht, und Frémaux hat deshalb beschlossen, den Journalisten nichts vorab zu zeigen? Mal sehen, wie es weitergeht.

Andrea Dittgen

 

Der Verkannte

Helmut Käutner war eine Hommage von acht Filmen gewidmet. Foto: ICR

Helmut Käutner war eine Hommage von acht Filmen gewidmet. Foto: ICR

In Italien erwartet man nicht unbedingt eine Hommage an Helmut Käutner (1908-1980). Acht Filme zeigte das Festival von Bologna, bewusst nicht die bekannten, sondern „Große Freiheit Nr. 7“ (1945), „Unter den Brücken“ (1949), „Epilog“ (1950), „Bildnis einer Unbekannten“ (1954), „Ludwig II.“ (1955), „Himmel ohne Sterne“ (1955), „Das Glas Wasser“ (1960) und „Schwarzer Kies“ (1961).– allesamt Meisterwerke, auch wenn das in Deutschland nicht unbedingt so gesehen wird. Dort denkt man vor allem an „Des Teufels General“ (1955) und „Der Hauptmann von Köpenick“ (1956). Weiterlesen

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Filme kommen wie Einbrecher in der Nacht

Werner Herzog (74) bekam in der Nebenreihe „Quinzaine des réalisateurs“ gestern als erster Deutscher die „Carosse d’or“ (Goldene Kutsche) des französischen Regisseursverbandes. Er kam, zeigte seinen Film „Bad Lieutenant“ und lud zu einem öffentlichen Gespräch ein, bei dem er sich den Fragen dreier junger französischer Regisseure (Guillaume Brac, Alice Diop, Arthur Harari) stellte. Sie fragten auf Französisch, er antwortete auf Englisch. Ein kurzer Auszug aus dem einstündigen Gespräch, das vor vollem Kinosaal stattfand und in dem Herzog mit seiner trockenen Art viele zum Lachen brachte.

Warum drehen Sie nicht in Deutschland?

Werner Herzog im Gespräch mit Guillaume Brac

Werner Herzog im Gespräch mit Guillaume Brac

Es sollte niemand nervös machen, dass ich keine Filme in Deutschland drehe. Das habe ich früher gemacht, „Kaspar Hauser“ (1974) zum Beispiel. Aber: alle Filme, die ich gemacht habe, ob in Australien, Amerika oder Amazonien, sind bayerische Filme! Ich habe mein Land verlassen, aber nicht meine Kultur. Apropos Bayern: Der letzte bayerische König war Ludwig II. Man sagte ihm nach, dass er ein bisschen verrückt war. Er wäre der Einzige, der einen Film wie „Fitzcarraldo“ hätte machen können – in dieser Bedeutung ist der Ausdruck „bayerische Filme“ zu verstehen.

 

Sie leben in Amerika, haben Sie nicht geschaut, welche Dinge sich in Deutschland ändern?

Der amerikanische Traum funktioniert nicht. Es ist ein sehr zerbrechlicher Traum. Die Träume in meinen Filmen sind stabiler als in die in der Wirklichkeit. Deshalb ich froh dass ich Filme mache, die in der Gegenwart spielen und nicht in den 70er Jahren stecken geblieben bin. Viele meiner Kollegen, die ihre ersten Filme damals hier in der Quinzaine gezeigt haben, sind stecken geblieben, sie haben sich seit den 70er Jahren nicht weiterentwickelt. Der Einzige, der das Potenzial hatte, sich über die 70er hinaus zu entwickeln war – meiner Meinung nach – Rainer Werner Fassbinder.

Aber er blieb in Deutschland…

Ja, aber sein Deutschland war auch Bayern! Er war auch sehr bayerisch. Wenn man seine letzten Filme betrachtet, war er doch weit entfernt von den deutschen Zirkeln und der deutschen Art des Denkens. Er hatte etwas Wildes.
Nicht alles, was in meinen Film „Bad Lieutenant“ drin ist, stand im Drehbuch, da habe ich meine Fantasie eingebracht: Die Iguanas zum Beispiel, ich nahm sie rein, weil ich dachte, dann ist es mein Film, etwas Persönliches.

Wie haben Sie Ihre Karriere gesteuert?

Es gibt keine Zauberformel, und ich habe auch nie Karriere gemacht. Ich bin immer auf der Suche. Die meisten Filme kamen mit großer Vehemenz zu mir, sie waren nicht eingeladen. Sie kamen wie Einbrecher mitten in der Nacht durch die Küche!

Machen Sie einen Unterschied zwischen Spielfilmen und Dokumentarfilmen?

Nein. Ich versuche, etwas tiefer zu graben, die Dokumentarfilme haben nicht nur Fakten als Grundlage, sondern auch etwas anderes. Ich suche eine tiefere Wahrheit, das geht nur durch Erfindung und Stil. Meine Kollege sagen oft: wenn man Dokumentarfilme dreht, soll man so sein wie die Fliege an der Wand. Aber im günstigen Fall bist du der Tresor in der Bank, die 50 Jahre lang nicht ausgeraubt wurde. Wir sind Filmemacher, keine Fliegen an der Wand, die stinken. Ob ich einen Dokumentarfilm oder einen Spielfilm mache, ist nicht so wichtig, es geht immer um den besonderen Blick, die Ekstase, die ekstatische Wahrheit. Die Filme müssen etwas Erhellendes haben. Ich habe wilde Sachen gemacht wie einen Film unter dem Feuer in Kuwait: „Lessons of Darkness“. Er beginnt mit einem Zitat von Blaise Pascal: „Der Untergang des Universums vollzieht sich so wie seine Erschaffung – in großen Glanz.“ Aber es war gar nicht Pascal, der das sagte, sondern ich! Und Pascal hätte es auch nicht besser sagen können!

Andrea Dittgen

Kaum zu erkennen: Volker Schöndorff begrüßt morgens um 9.30 Uhr  die Kinobesucher.

Der Überraschungsgast

Haus der Berliner Festspiele. Donnerstag, 9.30 Uhr. Die erste Vorstellung. Es gibt „Rückkehr nach Montauk“ von Volker Schlöndorff nach Max Frischs Roman. Ein Wettbewerbsfilm. Alle sitzen, über 800 Zuschauer, fast ausverkauft. Aber das Licht geht nicht aus. Eine Moderatorin kommt auf die Bühne und kündigt einen Überraschungsgast an. Weiterlesen