Schlagwort-Archiv: Quentin Tarantino

Eddie Murphys großes Comeback

Das Hauptkino des Toronto International Film Festivals, das Scotiabank Theater, ein Multiplex mit 14 Sälen, weigerte sich, das zu spielen, was das Festival auch programmierte: Filme der Streamingdienste Netflix und Amazon. Natürlich liefen, eben in anderen Kinos. Denn schlecht sind sie ja nicht, Netflix-Produktionen wie die Panama-Paper-Geschichte „Laundromat“ von Steven Soderbergh und der Biopic-Spielfilm „Dolemite Is my Name“ von Craig Brewer.

Eddie Murphy als Dolemite. Foto: Courtesy of TIFF

Eddie Murphy als Dolemite. Foto: Courtesy of TIFF

Letzterer war die größere Überraschung, nicht nur weil Eddie Murphy (58), von dem man lange nichts mehr sah, die Hauptrolle spielt. Und er ist verdammt gut wie zu besten „Beverly Hills Cop“-Zeiten. Vor allem: Der neue Film ist eine bessere Hommage an die Blaxploitation-Filme der 70er Jahre, die frechen schwarzen B-Filme, als Tarantinos „Jackie Brown“ (1997). Obwohl auch Brewer ein weißer Regisseur ist.

Die Filmcrew auf dem Weg zum Verleihchef, der ihren Film rausbringen will. Foto: Courtesy of TIFF

Die Filmcrew auf dem Weg zum Verleihchef, der ihren Film rausbringen will. Foto: Courtesy of TIFF

Es geht um den schwarzen Komiker Rudy Ray Moore (1927-2008), den hierzulande keiner kennt, der aber in den 70ern in der schwarzen Community berühmt war: ein Standup-Comedian, ein Sänger, später auch Schauspieler und Produzent und einer der ersten Rapper, als es noch gar nicht so hieß. Er erfand eine Figur namens Dolemite, eine Art harmlosen Zuhälter, der nicht gerade jugendfreie Witze machte, die sich reimten, sie sang und selbst auf Platte presste und Vertrieb, weil das sonst niemand machen wollte.

Das Poster des Films und der Ausstellung während des Filmfestivals in Toronto. Foto: Netflix

Das Poster des Films und der Ausstellung während des Filmfestivals in Toronto. Foto: Netflix

Das Startkapital von 240 Dollar lieh er sich von seiner Tante, wie man in dem Film „Dolemite Is My Name“ erfährt. Dann tourt er damit durch die USA – und aus dem jungen schwarzen, der notorisch pleite ist, wird ein Szenestar. Bald tritt er in den exaltierten Anzügen auf – wie die reichen Weißen, die er immer wieder zu Lachnummern macht. Aber die Fans wissen ja, wie es gemacht wird.

Richtig wild, lustig und rundum unterhaltsam wird der Film dann, als Rudy beschließt, einen Film mit seiner Figur zu drehen. Freunde machen mit. Rudy heuert eine Crew an (Wesley Snipes spielt den Regisseur) und hat die Idee, wie er, der sexuell total schüchtern ist, dennoch eine wilde Sexszene hinbekommt: Kaum liegt die weiße Frau seiner Träume auf ihm, wackelt das Bett, aber auch die Bilder an der Wand, die mit Schnürchen hin- und her gezogen werden, der Kronleuchter fängt an zu schwingen und fällt herunter. Kurz drauf die ganze Zimmerdecke. So ist der Sex und trotzdem relativ stubenrein. Es wimmelt von solchen billigen, aber effizienten Szenen. Nur: kein Studio will den fertigen Film haben. Rudy mietet für 500 Dollar ein Kino, das einem Schwarzen gehört, macht ordentlich Reklame. Die Schwarzen stürmen das Kino, nach diesem Erfolg findet er einen Verleih – und der Rest ist Geschichte.

So unverschämt wie die echten Blaxploitation-Filme ist auch diese Hommage. Kostüme und Dekorationen sind einfach genial. Während des Festivals sind sie in einer Sonderausstellung zu sehen, was die Freude an dieser gelungenen Komödie noch erhöht. Gerade für die Weißen, die noch nie etwas von Rudy und Dolemite gehört haben. Einziger Wermutstropfen: Es ist ein Netflix-Film. Er wird in Deutschland nicht ins Kino kommen, ist aber ab 25. Oktober streambar.

Andrea Dittgen

 

Der neue Tarantino: Zeitgeist ist alles

 

Das Kino in der Hauptstraße in Hollywood zeigt gerade „Rollkommando“ mit Dean Martin, Elke Sommer und Sharon Tate. Es ist der 8. Februar 1969, der Tag, an dem der neuen Film von Quentin Tarantino spielt, der am Dienstagabend in Cannes Premiere hatte. Auf den alle warteten und bis zu zwei Stunden anstanden.

Er beginnt mit einer Parodie, bevor der Vorhang sich hebt. Ein Festivalmitarbeiter liest einen kurzen Brief von Tarantino vor, der die Kritiker bittet, nichts zu verraten, damit alle Zuschauer den Film  genauso genießen können wie die Festivalbesucher. Haben das vor ein paar Wochen nicht die Russo-Brüder vor ihrem Film  „Avengers: Endgame“ schon getan? Hat es etwas genutzt? Oder sollte Tarantino die Bitte gar ernst gemeint haben? Er schnappt sich doch sonst immer alles, was ihm gefällt und verbiegt es auf seine Weise. Und wahre Meister haben solche Ansagen sowieso nicht nötig.

Beste Freunde: Brad Pitt (links) als Cliff Booth und Leonardo DiCaprio als Rick Dalton. Foto: FDC

Beste Freunde: Brad Pitt (links) als Cliff Booth und Leonardo DiCaprio als Rick Dalton. Foto: FDC/Sony Pictures

Es geht um eine Männerfreundschaft, um Western und den Zeitgeist von 1969: Rick Dalton (bevor alle in der IMDB nachsehen: der Name ist erfunden, gespielt von Leonardo DiCaprio trennt sich eigentlich nie von seinem Buddy Cliff Booth (Brad Pitt), seinem Stuntman. Dalton ist der Star einer fiktiven Fernseh-Westernserie, die gerade ihren letzten Drehtag erlebt. Die beiden Männer sind abserviert, Villa in Hollywood hin oder her. Das hindert sie nicht daran, auf ihre Art das Leben zu genießen: Die Sonne, die Hippies, die Musik, das Leben. Die Atmosphäre von damals hat Tarantino einfach genial nachgestellt oder besser neu erfunden und in wunderbare Bilder gepackt. Gedreht hat er wie immer auf 35-mm, das sieht man, der dreifache Oscar-Preisträger Robert Richardson ist dafür verantwortlich. Bis auf „Rollkommando“ (Originaltitel „The  Wrecking Crew“) und Sharon Tate (Roman Polanskis Ehefrau, die am 9.8.1969 ermordet wurde, gespielt von Margot Robbie) ist kaum etwas echt. Sharon Tate läuft einmal zum Kinoeingang, sagt, dass sie Sharon Tate ist und den Film sehen will – worauf die Kassiererin mit dem Fotoapparat ein Foto von ihr neben dem Plakat möchte (kein Autogramm, wie damals üblich, es geht Tarantino wohl um die Vorwegnahme der Handyfotomanie von heute.

„Once upon …“ ist eine Fantasy mit Tarantinos Lieblingsgenre, dem Western, und noch einem anderen (das wird nicht verraten). Hundefreunde kommen voll auf ihre Kosten, ebenso Jungs von heute, die gerne zusammen mit ihrem Freund auf der Couch sitzen und sich alte Filme reinziehen – oder gerne darüber reden und mit ihren Kenntnissen prahlen, wie der alte Filmproduzent in der Kneipe (Al Pacino). Es gibt eine kraftvolle Frauengruppe, die gleich mehrmals auftaucht, jede Menge Gastauftritte (Elke Sommer ist nicht dabei, das wird jetzt doch verraten!).

Foto von den Dreharbeiten: Margot Robbie als Sharon Tate. Foto: FDC

Foto von den Dreharbeiten: Margot Robbie als Sharon Tate. Foto: FDC/Sony Pictures

Eine Handlung verraten kann man nicht, weil es keine gibt. Die detailverliebte, gagreiche Komödie steckt voller Anspielungen auf die Filme von damals und die Hollywood-Klischees. Aber sie bringt alles nur mosaikhaft zusammen, inklusive Film-im-Film-Aufnahmen, getragen von den beiden Hauptfiguren, vor allem von Cliff, dem eigentlichen Helden – mit Hund. Die Mischung aus Hommage und Neuerfindung der Geschichte hat viele (der Film ist 165 Minuten lang) unvorhersehbare Momente, deshalb bleibt man dran, auch wenn alles mehr oder  weniger eine Nummernrevue ist. Kurzum eine Enttäuschung. Der Premierenbeifall der Kritiker war denn auch mager, trotz vieler Lacher zwischendurch. Eine Kandidat für die (zweite) Goldene Palme ist Tarantino jedenfalls nicht, deutscher Kinostart: 15. August. Doch man sollte sich lieber den gestern lancierten neuen Trailer anschauen, der ist das wahre Kunstwerk.

Andrea Dittgen

Der Unvorhersehbare

Cannes Tagebuch (10) 16. Mai 2018

Er ist jetzt 64, leicht ergraut und kommt mit Dreitagebart nach Cannes: John Travolta. Dort läuft „Grease“, der vor 40 Jahren ins Kino kam, und sein neuer Film „Gotti“, in dem er einen Mafiosi spielt. Doch die Goldende Palme für „Pulp Fiction“ 1994 ist natürlich auch ein Thema beim 90-minütigen Publikumsgespräch, das hier Rendez-vous heißt. Der Star gibt sich gutgelaunt, charmant und vollkommen ohne Allüren. Und er verrät, dass er mit dem europäischen Kunstkino aufgewachsen ist, mit den Filmen von Ingmar Bergman, François Truffaut und Jean-Luc Godard.

John Travolta beantworte viele Fragen aus dem Publikum. Foto: Dittgen

John Travolta beantworte viele Fragen aus dem Publikum. Foto: Dittgen

„Keiner hätte gedacht, welches Ausmaß der Erfolge von ,Pulp Fiction‘ in Cannes haben würde. Wir sahen ihn als kleinen Kunstfilm, der nur ein begrenztes Publikum anspricht. Und als wir hier waren, explodierte alles, der Film veränderte die Filmgeschichte und er veränderte meine Karriere. Truffaut und Lelouch hatten früher ähnliche Filme gemacht, das war eher eine Popversion davon.“

„Alle großen Regisseure haben eins gemeinsam: Sie vertrauen dem Schauspieler,  den sie sich ausgesucht haben. Die Regisseure machen ihre Hausaufgeben vor dem Dreh, Quentin Tarantino sah in mit immer einen unvorhersehbaren Schauspieler. Er sagte: ,Wenn ich Vorhersehbarkeit gewollt hätte, hätte ich einen anderen Schauspieler genommen. Ich wollte das Abenteuer.‘ Mike Nichols dachte genauso, John Woo dachte ebenso, Robert Altmann – sie alle machten sich keine Gedanken um das Spiel der Schauspieler, sie hatten mehr das Design und das Endprodukt im Auge.“

„Ich langweile mich mit mir. Es ist nicht so, dass ich mich nicht mag, ich bin okay, aber ich genieße es viel mehr, wenn ich in einen anderen Charakter schlüpfe. Am liebsten einen mit verschiedenen Schichten: Sie haben ein bestimmtes Körperverhalten, ein Sprachverhalten, ihr Aussehen ist anders. Das ist es, was mir Freude macht. Ich muss mich mit einer Rolle nicht identifizieren. Es war mir unangenehm, in ,Pulp Fiction‘ einem Mann den Kopf wegzublasen, aber ich war zuversichtlich, dass ich das ich das spielen kann.“

„Nach ,Pulp Fiction‘ konnte ich mir 25 Jahre lang meine Rollen aussuchen. „Grease“ war auch ein Erfolg – Benicio del Toro sagte mir, dass er als Kind den Film 14-mal gesehen hat – hatte aber keine so große Wirkung. Als Schauspieler gehe ich Risiken ein. Wenn ich das nicht tue, fühle ich mich nicht wohl. Wenn man mir eine Rolle anbietet, wo ich eine komplett andere Person spielen muss, dann inspiriert mich das mehr. Mein Lieblingsrollen sind diejenigen, die am weitesten von meiner Persönlichkeit entfernt sind. Ich beurteile die Figuren nicht moralisch, die ich spiele.“

„Ich arbeite gerne mit jungen Regisseuren zusammen. Sie haben oft mehr Leidenschaft als erfahrene. Es kommt immer auf die Visionen an. Und wer weiß, vielleicht ist ja ein neuer Tarantino dabei.“

Andrea Dittgen