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Filmen ist Frauensache!

Regisseurinnen, die Tolles geleistet haben? Es gibt so viele, dass sie nur mühsam in eine 16-Stunden-Dokumentaton reinpassen. „Woman Make Film: A Road Movie Through Cinema“ heißt die Doku, die gleich am ersten Tag des Torontio International Film Festival lief. Das heißt: zu sehen waren vier Stunden, mehr sind noch nicht fertig, Ende 2019 soll der Film komplett sein. Doch allein diese vier Stunden sind besser als ein Semester Filmwissenschaftsstudium – auch wenn die Sache aus feministischer Sicht einen dicken Makel hat. Den Film machte ein Mann, der 53-jährige Ire Mark Cousins. Er hätte einen Oscar verdient – so viel kann man nach vier Stunden schon sagen. Etwa 150 Filmausschnitte von Regisseurinnen aus 30 Ländern sind zu sehen, dazu die Erzählstimme von Tilda Swinton (die nächsten vier Stunden soll Jane Fonda erzählen) und zwischendurch immer wieder Fahrten auf Landstraßen in aller Welt. Wer sie gedreht hat weiß man nicht, es steht nicht im Nachspann. Es gibt (noch) kein Presseheft, keine Infos, keine Fotos. Es gibt nur diese ersten vier Stunden – ein Work in Progress.

Dass Alice Guy-Blaché, die allererste Frau, die Filme drehte (1896 begann sie mit Kurzfilmen, und Studiochefin von Gaumont in Amerika war, darin vorkommt, ist klar. Mit einer irrwitzigen Verfolgungsjagd durch die Stadt, mitten durch Wohnungen und mit Kollateralschäden. Dass man einiges davon in „Gefährliche Brandung“ (1991) von Kathleen Bigelow wiederfindet, der einzigen Spielfilmregisseurin, die je einen Oscar bekam, überrascht dann aber doch. Cousins erzählt nichts Biografisches über die Frauen, er zeigt Ausschnitte aus Filme, Momente für die Ewigkeit, weil sie so ungewöhnlich sind, dass man sie nicht vergisst. Fünf Regisseurinnen kommen besonders häufig vor. Bigelow, Kinuyo Tanaka (1910-1970, sie war Schauspielerin bei Ozu und Mizoguchi und wurde erst mit 52 Jahren Regisseurin), die in Rumänen geboren und in der Ukraine arbeitende Kira Muratowa (1934-2018), Ida Lupino (1918-1995), die erste Frau, die in Hollywood drehte und als erste Frau in die amerikanische Filmakademie aufgenommen wurde, und schließlich die Französin Agnès Varda (geboren 1928). Tanaka, hierzulande kaum bekannt, drehte Fahrten, die sogar von eleganten und komplexer waren als die von Max Ophüls. Muratowa fand ungewöhnliche Wege, Figuren einzuführen, Bigelow machte Actionfilme, die viel zu schnell geschnitten sind, als das die Augen folgen können. Lupinos Gangster- und Liebesdramen hatten einen sehr weiblichen Touch und Varda erfindet immer wieder neue Montagen, Fahrten und Figuren.

Die Liste der unbekannten und vergessenen Regisseurinnen ist lang. Haben Sie schon mal etwas von Malvina Ursianu gesehen, die Filme im Stil von Ingmar Bergman drehte? Oder von Ava DuVernay? Wendy Toye? Wanda Jakubowska? Barbara Kopple (die US-Dokumentarfilmerin hat schon zwei Oscars). Oder von Maren Ade? Na ja Maren Ade kennt man in Deutschland. Sie ist gleich mit drei Szenen aus „Toni Erdmann” vertreten. Andere Deutsche sind Helma Sanders-Brahms („Deutschland, bleiche Mutter“), Sonja Heiss („Hedi Schneider steckt fest“), natürlich die Scherenschnittfilm-Pionierin Lotte Reiniger und Leni Riefenstahl.

Die Auswahl der Ausschnitte ist subjektiv, natürlich, die Einteilung in 40 Kapitel von „Der Anfang des Films“ über „Die Einführung von Figuren“, „Fahrten“ und „Reisen“ (elf Kapitel sind in den ersten vier  Stunden drin) ebenso. Aber sie sind so erhellend gewählt, dass man sehr viel übers Filemachen lernt. Und eben, dass Frauen mindestens so tolle Bilder drehten und ungewöhnliche Techniken erfanden wie Männer.

„Es gibt nicht mal annähernd genug Filmemacherinnen, nie. Die Filmindustrie ist sexistisch, es ist ein Männerverein“, sagt Tilda Swinton zu Beginn dieses Films, an dem Mark Cousins – mit weiblicher Beratung natürlich – seit vier Jahren arbeitet. Er hilft, unbekannte und vergessene Regisseurinnen und ihre Leistungen ins Bewusstsein zu bringen. Er könnte der beste Lehrfilm über Film werden  – besser noch als Cousins 15-stündige „History of Film: An Odyssey“, die 2011 beim Festival von Toronto Premiere hatte.

Andrea Dittgen

will

Sunnyboy Will Smith

Während die Deutsche in der Jury, die Regisseurin Maren Ade aus Karlsruhe, meistens ernst schaute, US-Schauspielerin Jessica Chastein meistens freundlich lächelte und Jury-Präsident Pedro Almodóvar viel zu viel redete, bezauberte er alle mit seinem Charme und seiner guten Laune bei der Pressekonferenz der Jury: Will Smith. Er war der Darling, antworte knapp, witzig und wahrscheinlich auch ehrlich. Das sagte er:
„Ich finde es toll hier zu sein, ich bin in Philadelphia aufgewachsen, das ist weit weg von Cannes. Aber schon damals habe ich davon gehört, Cannes ist das höchste Prestige, was Kino angeht. Ich bin hier um zu lernen. Wenn man das Niveau der Künstler hier sieht, dann weiß man nie, was bei den Diskussionen in unserer Jury herauskommt. Ich bin also aus ganz egoistischen Gründen hier. …
Da wir zwei bis drei Filme pro Tag sehen werden, versuche ich 32 verschiedene Anzüge auf dem Roten Teppich zu tragen. Ich will sexy sein wie in Südfrankreich üblich ist. …
Was die Netflix-Filme angeht. Ich habe Kinder mit 14, 17 und 24 Jahre. Sie gehen zweimal pro Woche ins Kino, und sie sehen Filme auf Netflix. Bei mir zu Hause hindert Netflix niemanden, nicht ins Kino zu gehen. Meine Kinder sehen manche Filme lieber im Kino und andere lieber zu Hause. Auf Netflix können sie Filme sehen, die sie nirgendwo sonst sehen können. Das trägt zu einem besseren Verständnis des Weltkinos bei.

Als der Anruf kam, in die Jury zu Cannes zu gehen, war ich begeistert und sagte: Yes!“ Mein Agent meinte: Da musst du zehn Tage da sein und zwei bis drei Filme pro Tag anschauen. Zwei bis drei Filme pro Tag – das schaffe ich. Das letzte Mal, als ich drei Filme an einem Tag sah, war ich vielleicht 14 Jahre alt. Ich gehe jeden Abend früh ins Bett, um morgens um 8.30 Uhr im Kino zu sein. Ich nehme die Juryarbeit sehr ernst und gebe mein Bestes. In der Jury zu sein ist besser als einen Film im Wettbewerb zu haben, dann schläft man viel schlechter.

Andrea Dittgen

Wer gewinnt die Oscars?

Heute Abend gibt es die Césars, die französischen Filmpreise, da ist „Toni Erdmann“ von Maren Ade für den besten ausländischen Film nominiert. Und da stehen die Chancen wohl besser als in der Nacht zum Montag bei den Oscars. Das liegt an Donald Trump. Sein Einreiseverbot für Menschen aus muslimischen Ländern trifft den Iraner Asgar Farhadi, der schon einen Oscar hat und dessen Film „The Salesman“ neben „Toni Erdmann“ auch für den besten nicht-englischsprachigen Film nominiert ist. Er wollte mit seiner Hauptdarstellerin kommen und hat nun abgesagt. Zwar hat ein Richter inzwischen Trumps Verbot außer Kraft gesetzt, aber Trump könnte Farhadi die Sympathiestimmen gebracht haben, die dann Ade fehlen.

Umgekehrt könnte Marcel Mettelsiefen profitieren, er ist für einen kurzen Dokumentarfilm „Watani: My Homeland“ nominiert, der eine aus Syrien nach Deutschland geflohene vierfache Mutter porträtiert. Er setzte im Vorfeld alle Hebel in Bewegung, damit seine Protagonistin kommen und mit Kopftuch über den roten Teppich laufen kann. Das könnte auch Stimmen gebracht haben.

Der dritte deutsche Nominierte, Hauschka, der für den Soundtrack zu „Lion“ nominiert ist, ist nicht von Trump betroffen, dürfte aber aus anderen Gründen nicht gewinnen. Da es ein beliebtes Spiel ist, die Oscars vorherzusagen – nicht nur unter Filmkritikern –, finden Sie hier  unsere Prognosen:

Bester Film: “La La Land“

Bester Auslandsfilm: „The Salesman“

Regie: Damien Chazelle für „La La Land“

Kamera: Bradford Young für „Arrival“ (sagt Andrea Dittgen) oder Linus Sandgren für „La La Land“ (meint Susanne Schütz, auch wenn die Bilder von „Arrival“ ganz großartig sind)

Schauspieler: Denzel Washington in „Fences“ (Andrea Dittgen), Casey Affleck (Susanne Schütz)
Schauspieler Nebenrolle: Mahershala Ali in „Moonlight“
Schauspielerin: Emma Stone in „La La Land“
Schauspielerin Nebenrolle: Viola Davis in „Fences“

Animation: „Zootopia“
Animation kurz: „Piper“

Kurzfilm: „Enemies intérieus“

Dokumentarfilm: „O.J. Made in America“
Dokumentarfilm kurz: „Watani: My Homeland“

Soundtrack: „La La Land“
Song: „City of Stars“ aus „La La Land“

Tonschnitt: „Hacksaw Ridge“ (Andrea Dittgen), „La La Land“ (Susanne Schütz)
Tonmix: „La La Land“ (Andrea Dittgen), „Arrival“ (Susanne Schütz)

Drehbuch: „Manchester By The Sea“
Drehbuch adaptiert: „Moonlight“

Production Design: „La La Land“
Visuelle Effekte: „The Jungle Book“ (Andrea Dittgen), „Dr. Strange“ (Susanne Schütz)

Schnitt: „La La Land“
Kostüme: „Jackie“ (Andrea Dittgen), „La La Land“ (Susanne Schütz)
Make Up: „Star Trek Beyond“

So, nun sind Sie dran!
Viel Spaß bei der Oscar-Nacht.

Pro 7 überträgt live und im Live-Stream im Internet ab 0.30 Uhr (Roter Teppich).
Die Verleihung beginnt um 2.30 Uhr (und dauert etwa vier Stunden).

Andrea Dittgen und Susanne Schütz

Berlin.Ale und die Filmkritik

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Schauspielerin Sandra Hüller und Produzent Jonas Dornbach nehmen der Preis der deutschen Filmkritik für den besten Film, „Toni Erdmann“, entgegen.Foto: ütz

Wieder ist es viel zu voll. In der „Tube Station“, einem gar nicht unterirdischen, aber doch schwer zu findenden Ort an der Friedrichstraße, wo alljährlich die Preise der deutschen Filmkritik verliehen worden sind. Es ist das Jahr von „Toni Erdmann“, Und klar, der Film der Karlsruherin Maren Ade räumt so manchen Preis ab: bester Film, bestes Drehbuch, bester Schnitt. Weiterlesen