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Deutsch nur, wenn sie wütend war

Selbst nach ihrem Tod bewegt Romy Schneider (1938-1982) die Gemüter. Vor allem dieses Interview, das sie 1976 Alice Schwarzer gab. Die beiden hatten sich in Paris bei der Kampagne „Ich habe abgetrieben“ kennengelernt, wie die deutsche Feministin in der Doku „Conversation avec Romy Schneider“ (2017) erzählt, die beim Festival „Il Cinema ritrovato“ in Bologna gezeigt wurde. Das berühmte Interview, das bereits in Schwarzer Romy-Schneider-Biografie einfloss, und das nur auf Tonband existiert, wollte der französische Regisseur Patrick Jeudy (70) mit Filmbildern versehen.

Patrick Jeudy in Bologna. Foto: Dittgen

Patrick Jeudy in Bologna. Foto: Dittgen

„Die Familie von Romy Schneider hat mir nicht die Erlaubnis verweigert“, sagte Jeudy in Bologna. Er habe mehrfach angefragt. Bis er auf die Idee kam, Alice Schwarzer (76) dazu zu interviewen, dieses Interview zu filmen und mit Szenen aus Romy-Filmen zu illustrieren. Nun erzählt Schwarzer in perfektem Französisch, wie es zu dem Interview kam, was Romy zu ihr sagte und in welchem Zustand sie sich damals befand. Das Dokument wurde bereits 2018 auf Arte gesendet.

Die damals 38-jährige Romy Schneider, damals auf dem Höhepunkt ihrer Karriere,  kam zu der vier Jahre älteren Alice Schwarzer nach Köln, die sich nichts aus Stars machte, und erzählte ihr eine Nacht lang, was sie bewegte: ihr Image, das sie hasste. „Wir sind die beiden meist beschimpften Frauen Deutschlands“, meinte Schwarzer. Romy, weil sie nicht mehr Sissi sein wollte, Alice, weil sie Feministin war (ihre Zeitschrift „Emma“ gab es jedoch zum Zeitpunkt des Interviews noch nicht). Romy sprach Französisch, die Sprache ihrer Wahlheimat, „Deutsch nur, wenn sie wütend war“, erinnert sich Schwarzer. Die beiden duzten sich wie Freundinnen.

Romy Schneider und Alice Schwarzer 1976. Foto: Cinema ritrovato

Romy Schneider und Alice Schwarzer 1976. Foto: Cinema ritrovato

Romy erzählte, dass ihr Hass auf Deutschland, wo sie aufgewachsen war und ihre ersten Erfolge feierte, nicht nur damit zu tun hatte, dass man in der deutschen Presse nur die ewige „Sissi“ sah, sondern dass sie geschockt war, als sie erfuhr, dass ihre Mutter Magda Schneider mit den Nazi-Größen verkehrte. Sie baute ihr Haus in Berchtesgaden so, dass man Hitlers Berghof sehen konnte. Sie war öfter dort – und Romy war überzeugt, dass ihre Mutter eine Affäre mit Hitler hatte. Ob es stimmt, weiß man nicht, aber Romy war davon überzeugt und kehrte Deutschland den Rücken: „Ich will nie wieder in Deutschland leben“, sagte sie – und tat es auch nicht.“ Sie war ein extrem zerrissener Mensch“ meint Schwarzer rückblickend. Romy erzählt auch, dass sie als Kind sexuell belästig wurde, sogar von dem eigenen Schwiegervater. Und dass Otto Preminger ihr geraten habe, jede Rolle anzunehmen. Romy immer versucht, sich von ihrem Image zu befreien, etwas sie zum ersten Mal in diesem Interview tat. Der interessante und gut gemachte Film von Jeudy ist inzwischen auf Französisch im Internet verfügbar.

Andrea Dittgen