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Der wilde Mai 1968 beim Festival von Cannes

Die Franzosen haben nicht gefilmt, aber das belgische Fernsehen, im Mai 1968 in Cannes, als das Festival abgebrochen wurde. Man sieht, wie François Truffaut und Jean-Luc Godard sich am Vorhang festhalten, um die Projektion des nächsten Wettbewerbsfilms zu verhindern – und Erfolg haben. Godard steht vor einer Gruppe von Sympathisanten und schreit es fast heraus: „ich spreche von der Solidarität mit dem Studenten und Sie sprechen von Fahrten und Einstellungen“, reagiert er auf einen Regisseur, der seinen Wettbewerbsfilm nicht zurückziehen will. Und Jury-Mitglied Roman Polanski, der  auch gegen den Abbruch ist, sagt: „Das was du sagst, erinnert mich an das, was ich in Polen in der Stalin-Ära“ erlebt habe. Die Aussagen sind bekannt, doch bislang fehlten die Filmbilder dazu. Jetzt sind sie da – und sie zeigen,  dass wohl nie vorher so lebhaft über Film und Politik diskutiert wurde. Aber auch, dass es zwei gegensätzliche Lager gab und gar nicht alle dafür waren, sich mit den Paris für besseren Lohn und bessere Arbeitsbedingungen streikenden Fabrikarbeitern und Studenten zu solidarisieren.

Der Aufruf, das Festival abzubrechen - handschriftlich, aber wirkungsvoll. Foto: Katalog

Der Aufruf, das Festival abzubrechen – handschriftlich, aber wirkungsvoll. Foto: Katalog

Der französische Dokumentarfilmer Jérôme Wybon hat für „Cannes 68 – Révolution au palais“ aber auch aktuell Interviews mit Filmschaffenden geführt, die damals dabei waren. So sagt Regisseur Dominique Delouche (87): „Ich weiß eigentlich gar nicht mehr, warum ich damals solidarisch war und meinen Film aus dem Wettbewerb zurückgezogen habe“. Die Schauspielerin Macha Méril (77) meint: „Im Mai 68 wurde Kino erstmals öffentlich diskutiert.“ Regisseur Barbet Schroeder (77) erinnert sich, dass Claude Chabrol sogar forderte, eine Kinosteuer für jedermann einzuführen und dafür freien Eintritt in allen Kinos zu gewähren – alles im Zuge der Entlassung von Henri Langlois, dem Gründer und Leiter der Cinémathèque Française, die den Tumult unter den Filmschaffenden ins Rollen gebracht hatte. Der Film macht Zusammenhänge deutlich, die heute selbstverständlich sind: Vor dem Abbruch von Cannes (nachdem die vier Jurymitglieder aus der Filmbranche sich solidarisch mit den Protestanten von Paris erklärten und zurückgetreten waren) gab es keine Künstlervereinigungen, nur Gewerkschaften, in denen die Techniker der Filmbranche organisiert waren. Nun wurden sie alle gegründet: d Regisseursvereinigung, die Kameravereinigung, die Schauspielervereinigung, die Produzentenvereinigung. Erstmals redeten die Mitglieder aus den verschiedenen Sparten der Filmbranche überhaupt miteinander.

Jury-Mitglied Roman Polanski war zuerst gegen den Abbruch. Er unterschätzte die Wirkung, die der Tumult in Cannes hatte.

Jury-Mitglied Roman Polanski war zuerst gegen den Abbruch. Er unterschätzte die Wirkung, die der Tumult in Cannes hatte.

Und die europäischen Filmfestivals änderten sich. Bis zum Mai 1968 waren Cannes, Berlin und Venedig (und kleine  wie etwa Oberhausen auch) Staatsfestivals. Die Regierungen der Staaten bestimmten, welche Filme sie in den Wettbewerb hinschickten, die Festivals luden nur bestimmte Länder ein (und andere nicht), ihre Filme hinzuschicken. Erst nach dem Abbruch von Cannes und der Gründung der Quinzaine des réalisateurs im Folgejahr wurden in Cannes erstmals Filme überhaupt ausgewählt – von Filmschaffenden. Und in den Folgejahren wurden aus den Staatsfestivals langsam die Festivals, wie wir sie heute kennen mit künstlerischen Leitern, die Filme nach Qualität und Bedeutung auswählen. Es war die erste und größte Revolution, die das Kino in Europa erlebt hatte. All das zeigt diese mitreißende Doku.

Andrea Dittgen