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Die Astronautin

Sandra Die Französin Alice Winocour (43) begann die Recherchen für ihren neuen Spielfilm „Promixa“, der am 7. September beim Festival von Toronto seine Uraufführung feierte, in Deutschland. In Köln. Dort befindet sich das European Astronaut Center, das Astronauten fit macht für die Missionen der European Space Agency (Esa).  Und Astronautinnen, das ist wichtig, denn die Astronautin Sarah (Eva Green) steht im Mittelpunkt. Sie ist Französin, hat eine etwa siebenjährige Tochter, Stella (Zélie Boulant-Lemesle). Von Stellas Vater Thomas (Lars Eidinger), dem deutschen Physiker, der am Kölner Astronautenzentrum arbeitet, hat sie sich getrennt, weil der nur seine Arbeit im Kopf hat. Ausgerechnet er muss nun ran und Stella betreuen, als Sarah ausgewählt wird, mit dem Russen Anton und einem Amerikaner Mike (Matt Dillon) ins All zu fliegen.

So lange sich Sarahs Training in Köln abspielt, ist alles noch einfach, doch die letzten Monate wird vor Ort in Baikonur (Kasachstan) trainiert, der russischen Weltraumraketenbasis. Das ist zu weit für Stella und so lange der Schule fernbleiben kann sie auch nicht. Damit ist schon das Hauptproblem des Films umrissen: die Karrierefrau und die Tochter, um die sie sich gerne mehr kümmern würde, es aber nicht kann. Ein klassisches Frauenfilmthema.

Sarah, die Astronautin (Eva Green) kann ihre kleine Tochter nur durch die Glasscheibe zuwinken. Foto: Cortesy of TIFF

Sarah, die Astronautin (Eva Green) kann ihre kleine Tochter nur durch die Glasscheibe zuwinken. Foto: Courtesy of TIFF

Aber Winocour macht daraus eine spannende Geschichte mit quasi-dokumentarischen Szenen, die Sarah und ihre Kollegen beim Schwerelosigkeitstraining, beim unter Wasser simulierten Gang in den Weltraum für Reparaturarbeiten und anderen körperlich anstrengenden Übungen zeigt. Sie sind der ruhige Part des Films. Immer wenn es um Sarah und Stella geht, ist die Ruhe dahin. Der stets etwas hilflos wirkende Thomas (Eidinger versucht mit Green Französisch zu sprechen, was nur leidlich klappt, das kleine Mädchen hat mit dem Sprachenwechsel dagegen keine Probleme) wird von Stella nicht so richtig akzeptiert, dafür die Betreuerin der Esa (Sandra Hüller, auch mit mühsam klingendem Französisch), die hilft, dass Vater und Tochter die Mama besuchen können.

Wenn Stella auf der Raumstation rumturnt und Sarah sie in den Arm nehmen kann, ist alles gut. Aber diese Momente sind rar. Was Stella nicht gefällt und Sarah auch nicht. Sie fühlt sich einsam und freundet sich mit Mike an, der der gleiche Typ wie Thomas ist und immer über irgendwelchen Berechnungen brütet, aber zur ihrer Überraschung viel Verständnis für ihre Situation hat. Dennoch sieht man Sarah immer mit sich ringen: Soll sie den Weltraumtrip aufgeben? Oder ihre Tochter? Immerhin findet Winocour eine schöne Lösung für alles. Gerade weil sie nur selten auf die Tränendrüse drückt, und auch die Perspektive des Kindes zeigt, wird alles glaubhaft und emotional fesselnd zusammengehalten von der wunderbar zurückhaltenden Musik von Ryuchi Sakamoto.

Doch wer denkt, dass die Mutter-Kind-Geschichte von „Promixa“ (so heißt die Weltraummission) aus der Luft gegriffen sei, wird beim Abspann eines Besseren belehrt: da sind man Astronautinnen der vergangenen 50 Jahren mit ihren Kindern. Und man weiß nicht, worüber man sich mehr wundern soll: dass es schon so lange Astronautinnen gibt, von denen man nie etwas gehört hat – oder dass sie Mütter sind.

Andrea Dittgen