Schlagwort-Archiv: Judy Garland

Seberg gegen Garland

Früher waren Starporträt-Spielfilme chronologisch und meistens das ganze Leben umfassend. Das ist heute nicht mehr so, meistens beschränkt man sich auf einen Teil des Lebens. Wie bei den beiden Frauenporträts, die beim Toronto International Film Festival  zu sehen waren: „Seberg“ und „Judy“. Man erkennt unschwer, dass es sich um die Schauspielerin Sean Seberg (1938-1979) und die Sängerin und Schauspielerin Judy Garland (1922-1969) handelt. In beiden geht es um Fakten, die man so nicht weiß. Beide spielen 1968 und zeigen Frauen, die um ihre Leben kämpfen.

Sean Seberg, die kurzhaarige Ikone der Nouvelle Vague,  war in ihren letzten Lebensjahren Sympathisantin der Black Panther, sie traf sich mit Hakim Jamal, einem Black-power-Aktivisten, in den Endsechzigerin in den Staaten war, sie hatte eine Affäre mit ihm, sie spendete den Black-Panther-Stiftung Geld – und wurde für all das angefeindet, selbst von einem Teil der Schwarzen, die sie unterstützte. Benedikt Andrews Film zeigt Sean Seberg (Kirsten Stewart) als streitbare Nonkonformistin, die sich durchsetzt. Was in 1968 Jahren nicht selbstverständlich war.

Kirsten Stewart als Sean Seberg. Foto: Courtesy of TIFF

Kirsten Stewart als Sean Seberg. Foto: Courtesy of TIFF

Was den Film so spannend macht ist, dass er alles aus zwei Perspektiven zeigt: der von Seberg und der des FBI, das sie überwacht, kaum dass sie bei ihrer Ankunft in New York sich mit den Black-Panther-Leuten zusammen fotografieren lässt. Kirsten Stewart ist fantastisch gut als Seberg, Yvan Attal als ihr französischer, viel älterer Ehemann (sie war damals mit dem Schriftsteller Romain Gary verheiratet) ist eher eine farblose Nebenfigur, ebenso wie fast alle Figuren jenseits von Seberg und dem FBI-Agenten Jack Solomon, der zwar verheiratet ist, aber wohl auch heimlich verliebt in Seberg. Die beispiellose Hetzkampagne des FBI unter ihrem Chef Edgar J. Hoover stürzt Seberg schließlich in tiefe Depressionen, von den sie sich nie wieder erholt. Eine wichtige und sehr interessante Episode aus Sebergs Leben.

Renée Zellweger als Judy Garland. Foto: courtesy of TIFF

Renée Zellweger als Judy Garland. Foto: Courtesy of TIFF

So viel politisch Aufregendes bietet „Judy“ von Rupert Goold nicht. Wieder geht es um die letzten Jahre – hier um die Alkoholsüchtige Judy Garland (von Renee Zellweger großartig verkörpert, sie singt auch selbst und gut), die pleite ist. Deshalb sagt sie zu, als man sie 1968 in London fünf Wochen für einen täglichen Auftritt in einem Theater buchen will – auch wenn sie dafür ihre geliebte Tochter in den Staaten bei einem Freund zurücklassen muss. Der Film ist das Dilemma eines gefallenen Stars, und wenn er nur das ausgespielt hätte, wäre er überzeugendes. Aber immer wieder gibt es Rückblicke zu der kleinen Judy aus dem „Wizard von Oz“ und anderen früheren Episoden. Die sind nicht nötig und zerreißen den Film unnötig. Wie Seberg versinkt  auch Garland eine depressive Phase, von der sie sich nicht wiederholt. Vor allem sind da die Auftritte, in denen sie betrunken auf der Bühne hinfällt, aber auch schöne intime Moment mit einem schwulen Verehrer, aber das große stimmige Ganze dieser Theateradaption fehlt leider.

Andrea Dittgen