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Erschieß den Kritiker!

Cannes-Tagebuch (3) 9. Mai 2018

Heute habe ich mich mit meinem offiziell um drei Liter Fassungsvermögen zu großen Rucksack ins Palais gewagt. Und hatte keine Probleme, damit durchzukommen. Welche Erleichterung! Allerdings betrug das Warten auf den Einlass morgens zur Stoßzeit 18 Minuten, wohlgemerkt vom Ankommen vor dem Palais bis zum Passieren der Tore mit den Detektoren. Nachmittags als ich unterwegs zur Retro war, ging es schon flotter: zwei Minuten.

In Cannes gibt es keine Eintrittskarten, sondern Einladungen, mit denen man in den Saal gelassen wird. So sieht eine aus. Foto: Dittgen

In Cannes gibt es keine Eintrittskarten, sondern Einladungen, mit denen man in den Saal gelassen wird. So sieht eine aus. Foto: Dittgen

Recht flott war auch die Einführung, zu der Festivalleiter Thierry Frémaux erschien  (das macht er bei fast jedem Retrofilm) und keinen Geringeren als Martin Scorsese begrüßte. Denn seine Filmstiftung hatte „Enamorada“ (1946) von Emilio Fernandez restauriert. „Der Film gewann 1947v so ziemlich alle Ariels, das ist der mexikanische Filmpreis“, klärte Scorsese auf und seine Begeisterung über das zur mexikanischen Revolution spielende Werk, das auf der Widerspenstigen Zähmung basiert, wie er erläuterte,  kannte keine Grenzen. Und er wusste, dass der Regisseur, Emilio Fernandez (1904-1986) auch selbst in der Revolution kämpfte, gefangen genommen wurde, ins Gefängnis kam und 1923 wieder freikam.

Martin Scorsese (links) und Thierry Frémaux bei ihrer Einleitung zu "Enamorada". Foto: Andrea Dittgen

Martin Scorsese (links) und Thierry Frémaux bei ihrer Einleitung zu „Enamorada“. Foto: Dittgen

„Er verließ das Land, ging erst nach Chicago, dann Los Angeles, wo er das Model für die Oscar-Statue wurde“, so Scorsese weit. Ein Mexikaner ist das Model für den Oscar? Wehe, wenn das Donald Trump erfährt, er würde  sofort einen Zaun um die Statue ziehen. Doch wie war das mit der Statue? „Fernandez war mit der Schauspielerin Dolores del Rio befreundet (auch Mexikanerin, damals ein Star in Hollywood), die mit Cedric Gibbons, dem Chefdesigner des Studios MGM verheiratet war. Sie schlug Fernandez als Model für die Statue vor – und so kam es.

Die Einladung zur Vorführung. Foto: Dittgen

Die Einladung zur Vorführung. Foto: Dittgen

Doch rückwirkend gesehen hat das Fernandez nicht verdient. Denn – nun erzählte Frémaux nach der spitzbübischen Frage „Sind Filmkritiker im Saal?“ (nein, ich habe mich nicht gemeldet, bin ja nicht blöd) – dass Fernandez der erste Filmregisseur war, der auf einen Kritiker geschossen hat. Der Kritiker hatte sich negativ über seinen Film äußerte. Der Kritiker wurde verletzt (der Schuss soll in die Hoden gegangen sein), die Sache kam vor Gericht. Fernandez wurde freigesprochen, der Richter sah es als erwiesen an, dass Fernandez in seiner Ehre verletzt war. „Heute geht man großzügiger mit Filmkritikern um“, konnte sich ausgerechnet Frémaux nicht verkneifen.

Bevor Protest anheben konnte, erzählte Scorsese schnell weiter: „Fernandez, zeitweise der berühmteste Regisseur Mexicos, war  auch als Schauspieler in Hollywood bekannt, er hat in Sam Peckinpahs ,Pat Garret und Billy the Kid‘ mitgespielt und in John Fords ,The Fugitive‘.“ Dann zählt er noch die Geldgeber der Restaurierung auf und erzählte stolz das, was sonst nur Kinematheksmitarbeiter tun: Dass die Restaurierung vom Original Kamera-Negativ gemacht wurde, das zum Teil aber beschädigt war, sodass man es mit einer 35-mm-Kopie ergänzte, und dass es nun eine digitalisierte 4K und eine Filmkopie gibt. Und all das nicht mal zehn Minuten! Diese grandiose Einführung zu toppen, dürfte schwer sein – nicht nur hier in Cannes.

Andrea Dittgen