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Ken Loachs politische Lehrstunde

Eigentlich will Ken Loach (83) nicht über seine Filme sprechen, sondern über Politik. So leitete Thierry Frémaux, der Leiter des Festivals Lumière von Lyon (und von Cannes, deshalb kommen die Stars auch nach Lyon, wenn er sie einlädt), die Masterclass mit dem britischen Regisseur ein. Und so kam es auch. Frémaux zur Seite stand eine linke Politikerin, Clémentine Autain (46), Tochter der Schauspielerin Dominique Laffont, als weitere Stichwortgeberin.

Masterclass mit Ken Loach (links) und Thierry Frémaux  (rechts). Foto: Dittgen

Masterclass mit Ken Loach (links) und Thierry Frémaux (rechts). Foto: Dittgen

Natürlich ging es, zwei Tage vor dem Ja des EU-Präsidenten zu Boris Johnsons Brexit-Vorschäge um das aktuelle Thema – das Loach schnell abhakt: „Der Brexit ist nur eine Ablenkung, denn unsere großen Problemen waren schon da, als wir noch in der EU waren und sie werden auch noch da sein, wenn wir nicht mehr in der EU sind. Wenn Jeremy Corbyn gewinnt, wird jeder Arbeiter in seinem Vertrag Arbeitsrecht haben und das Recht auf eine Sozialversicherung“, meint Loach, der in seinem letzten Film „Sorry We Missed You“ (ab 20. Januar in deutschen Kinos) das Leben und den täglichen Kampf eines freiberuflichen Paketboten in Großbritannien schildert, der von seinem prekären Job kaum seine Familie ernähren kann und immer tiefer in eine Abwärtsspirale gerät.

Auf das Thema kann er durch seinen vorangegangenen Film „I, Daniel Blake“ (2016). „Als wir in der Lebensmittelausgabe einer Tafel recherchierten, mussten wir erfahren, dass dort nicht nur Arbeitslose hingehen, sondern auch Menschen, die Arbeit haben, aber nicht genug verdienen, um Essen zu kaufen oder sie nur Essen für ihre Kinder kaufen und nicht für sich. Wir fanden heraus, dass zwei Drittel der neuen Jobs, 60 Prozent, in den letzten Jahren, prekäre Jobs sind. Diese Situation begann mit Margret Thatcher, die den Gewerkschaften Schaden zufügte. Sie gab den Arbeitgebern  grünes Licht: Die Arbeit ist wie ein Wasserhahn, den man aufdrehen und schließen kann.“

Loach, der immer auf Seite der Arbeiter war und in diesem Milieu seine Filme ansiedelt, erklärte auch, wieso ein so engagierter politischer Filmemacher wurde. Als er Mitte der 60er Jahre beim britischen Fernsehen arbeitete, sei sein politisches Interesse geweckt worden. Außerdem: „Damals war es sexy, links zu sein.“

Heute kämpft er immer noch gegen soziale Missstände, gibt sich aber auch kämpferisch gegenüber den Rechtsextremen: „Wir müssen verstehen, was passiert und woher es kommt, denn falsche Lösungen kommen dann, wenn man nicht versucht, den andere zu verstehen. Wir müssen gegen diese Ungewissheit kämpfen, zusammen, vielleicht auch durch Filme, denn Filme müssen die Komplexität des Lebens abbilden, die Freundschaft feiern, die Freude, die Zärtlichkeit, und funktionieren sie nicht. Sie müssen von Liebe handeln, von allem, was uns berührt, vom täglichen Leben und nicht nur vom Kampf: Es gibt quasi eine Nabelschnur zwischen unserer sozialen Situation und unserem Privatleben.“

Er rät, dem Slogan der amerikanischen Gewerkschaftsbewegung zu folgen: handele, lerne und organisiere!“ Und er erklärte, warum der Fußball dabei wichtig ist: „Eine Fußballmannschaft steht für die Hoffnung und das Gemeinschaftsgefühl. Die Fans treffen sich, trinken ein Glas – da ist eine große Kraft der Vereinigung rund um den Fußball. Und bei den Fans gibt es eine Unterstützung, bei der auch mitmache: Sie sind Besitzer eines Clubs, des Fußballclubs von Bath, wo ich wohne. Das ist eine schöne Metapher für Sozialismus.“

Andrea Dittgen