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Ohne Plan mit falschen Rucksack

Cannes-Tagebuch (1) 7. Mai 2018

Jean-Paul Belmondo küßt Anna Karina in Jean-Luc Godards „Pierrot le fou”. Diese Filmszene, grafisch aufgepeppt, die das Plakat der 71. Filmfestspiele von Cannes ziert, löste bei mir große Vorfreude aus – und ein schlechtes Gewissen. Der Film wurde  1965 in Hyères gedreht, etwa 130 Kilometer von Cannes entfernt. Da, wo ich aufgewachsen bin! Okay, damals war ich vier, also viel zu jung, um bei Dreharbeiten dabei sein zu dürfen, aber so ein Plakat verbindet und stimmt fröhlich.

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Es versöhnt mich mit den neuen Schikanen, die Festivalleiter Thierry Frémaux, angekündigt hatte. Keine Selfies auf dem roten Teppich! War ohnehin nicht so mein Bedürfnis. Keine Filme von Netflix und anderen Streamingdiensten, wenn die nicht ins Kino kommen! Macht nichts, es gibt genug neue Filme. Keine Vorab-Pressevorführungen mehr, damit die schlechten Kritiken vor der Gala des Stars nicht die Laune verderben! Das ärgert mich schon, denn es ist eine Form, nicht von Zensur, aber von Einflussnahme auf die Berichterstattung. Geht das überhaupt zusammen mit der französischen Verfassung? Müsste man mal klären.

Die Vorfreunde war wieder getrübt, als ich am Montagnachmittag in Cannes ankam. Der Flieger aus Berlin war pünktlich, der Bus von Nizza nach Cannes auch, das Quartier ist in Ordnung, keine Schlange bei der Akkreditierung. Aber es gibt nur die Presse-Badge und keinen Plan mit Terminen der Pressevorführungen und Pressekonferenzen. Am Tag vor dem Festival? Da kann doch was nicht stimmen. Anfang der 90er Jahre war es zwar auch so, erinnere ich mich. Erleben wir einen Rückfall ins 20. Jahrhundert? Keine Selflies, kein Netflix, kein Plan?

Statt des Presse-Flyers ist ein Anti-Terrorist-Flyer in der Festivaltasche. Im Vorjahr waren die Sicherheitsbestimmungen schon so wild und aktionistisch – mit Schleusentoren wie am Flugplatz und zusätzlichen Scannern – dass man mindestens 20 Minuten länger vorm Kino anschlangen musste. Und nun steht auf dem Blatt, man darf im gesamtem Festivalbereich keine Taschen von mehr als 15 Liter Inhalt dabei haben. Oh je, mein üblicher kleiner Rucksack hat 18 Liter! Soll ich es riskieren, ihn mitzunehmen und dann nach der üblichen Stunde Schlange stehen vom Kino abgewiesen zu werden? Vielleicht haben die ja ein Volumenmessgerät zur Hand! Also lieber nicht. Die Festivaltasche, blau, aus Jeansstoff, zum Über-die-Schulter-hängen, erstmals ohne dass das Festivaljahr drauf steht, sieht durchaus solide aus, wenn es nicht gerade regnet, hat aber keinen Reißverschluss: Alles kann rausfallen, Diebe können bequem reingreifen. Die Kontrollettis am Eingang des Festivalpalais auch. Für die hat man die Taschen wohl gemacht – nicht für die Festivalbesucher. Zum Glück habe ich einen kleinen Ersatz-Rucksack (höchstens zehn Liter) zum Zuziehen dabei. Das Festival kann beginnen!

Andrea Dittgen