Schlagwort-Archiv: Jean-Luc Godard

Filme leben zweimal – mindestens

Filme haben zwei Leben: einmal, wenn sie ihren Kinostart haben – und ein zweites Mal, wenn sie Jahrzehnte später in restaurierter Form noch einmal präsentiert werden. Meistens bei einem Festival. Oft bei mehrere

Ein Sensationsfotograf in "Paparazzi", der sich zwischen Felsen versteckt. Foto. ICR

Ein Sensationsfotograf in „Paparazzi“, der sich zwischen Felsen versteckt. Foto. ICR

n. Dass man einen Film bei dem einem Festival verpasst und ihn beim nächsten nachholen kann, passiert recht häufig. Doch selten kommt es vor, dass ein Film, ein Kurzfilm dazu, der in Cannes, beim wichtigsten Festival der Welt, in der Retrospektive gezeigt wird, in Bologna auch gezeigt wird und sogar noch kombiniert mit einem weiteren Kurzfilm desselben Regisseurs zum selben Thema.

Der erste Kurzfilm heißt „Paparazzi“ (18 Minuten), der zweite „Le parti des choses: Bardot et Godard“ (Die Ordnung der Dinge: Bardot und Godard, 8 Minuten). Beide wurden 1963 auf Capri gedreht, am Set von Jean-Luc Godards „Die Verachtung“. Regie hatte Jacques Rozier (93), der älteste der beiden noch lebenden Regisseure der französischen Nouvelle Vague (der andere ist Godard selbst, er ist jetzt 86). Die beiden waren befreundet, als Godard Rozier vorschlug, die Dreharbeiten zu begleiten. Daraus wurde kein Making-of (den Begriff gab es damals noch gar nicht), sondern zwei sehr eigenwillige Kurzfilme.

Den ersten, „Paparazzi,  sah ich im Mai in Cannes. Rozier filmte die erste Begegnung von Godard und Bardot, damals der große Star. Sie wird im Cabrio an den Kai gefahren, der sie zur Insel Capri bringt. Godard begrüßt sie höflich. Sie küssen sich nicht. Sie sind umlagert von Neugierigen und Fotografen. Die Bardot spricht mit einigen, sie beschwert sich, dass sie dauernd fotografiert wird. Dann steigen Bardot, Godard und die anderen Stars (Jack Palance, Fritz Lang, Michel Piccoli) ins offene Motorboot, das sie zur Insel bringt. Auf dem Meer sind ein paar kleine Boote von anderen Schaulustigen und Fotografen. Die Fotografen verschanzen sich aber auch hinter den Felsen der Insel und versuchen, mit ihren Zoom-Objektiven Fotos von der Bardot zu machen. Manchen gelingt es. „Wir müssen Geld verdienen, um unsere Familie zu ernähren“, sagt einer der Fotografen. Ein anderer erklärt die Kameraausrüstung, das Zoom_-Objektiv muss so gut sein, dass er  500 Meter Entfernung ganz nah heranholt, erklärt er. Die Paparazzi (der Begriff tauchte übrigens zum ersten Mal 1960 in „Das süße Leben“ von Federico Fellini auf, wo einer dieser Fotografen Paparazzo hieß) beneiden den offiziellen Set-Fotografen, der jede Menge toller Aufnahmen von der posierenden Bardot im Bikini machen kann, während sich die Bardot vor ihnen immer versteckt.

Rozier gelingt es, die zwei Seiten der Medaille bruchlos zu verbinden: Der Star und die Medien. Alles wirkt locker und unverkrampft. Michel Piccoli trägt Brigitte Bardot die Treppe hoch, Bardot blickt mit Schmollmund in die Kamera, ein Fotograf steht mit seinem langen, nach unten gerichteten Teleobjekt auf dem Felsen und legt es an wie ein Gewehr, um seinen Schuss zu machen. Dennoch: So brutal wie heute waren die Paparazzi damals nicht.

"La parti des Choses: Bardot et Godard": Jean-Luc Godard gibt Brigitte Bardot Regieanweisungen. Foto: ICR

„La parti des Choses: Bardot et Godard“: Jean-Luc Godard gibt Brigitte Bardot Regieanweisungen. Foto: ICR

Der zweite Kurzfilm, den Cannes nicht zeigte (an der Kürze von acht Minuten kann es eigentlich nicht gelegen haben), ist auch kein richtiges Making-of, obwohl man sieht, wie Godard – selbst bei großer Hitze und Anzug und mit Hut – mit dem Drehbuch in der Hand vor der sich im Bikini auf der Treppe räkelnden Brigitte Bardot sitzt und ihr Anweisungen gibt. Godard spricht in freundlichem Ton, sie sagt nichts. Man sieht Piccoli und Bardot einträchtig nebeneinander sitzen und nebeneinander hergehen – aber immer ist das Drehteam mit erfasst, so dass die Stars ganz klein wirken, wie Ameisen zwischen anderen Ameisen. Trotz des Filmtitels, der auf Bardot und Godard referiert, nimmt Rozier bei seinen letzten Einstellungen einen anderen ins Visier: Fritz Lang, der hier einen Regisseur spielt. Godard drehte auf einem Boot, Lang sitzt erst im Stuhl, dann geht er an andere Ende des Decks. Nach einem Zwischenschnitt auf eine Figur des Odysseus lässt Rozier Fritz Lang in seinem Kommentar zum Götterboten werden, der über alle wacht. Eine schöne Vorstellung.

"Le Parti des Choses: Bardot et Godard": Oft sieht man den stars zwischen der Filmcrew erst auf den zweiten Blick. Foto: ICR

„Le Parti des Choses: Bardot et Godard“: Oft sieht man den stars zwischen der Filmcrew erst auf den zweiten Blick. Foto: ICR

Andrea Dittgen

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Evakuierung!

2000 Journalisten standen gestern ratlos und ungeduldig im Freien vor dem Saal Debussy, dem zweitgrößten Saal im Festivalpalais, wo um 19.30 Uhr die Pressevorführung von „Le redoutable“ (Der Zweifelhafte) über das Liebesleben des Regisseurs Jean-Luc Godard in den 60ern von Oscar-Preisträgers Michel Hazanavicius laufen sollte. Aber um 19.30 Uhr war immer noch kein Einlass. Es waren auch keine der üblichen Wächter zu sehen, die mit Scannern die Festival-Badges der Besucher noch vor der Treppe kontrollieren. Die Journalisten werden unruhig, ungeduldig und laut – sind sie doch durch die viel Zeit kostenden Sicherheitskontrollen ohnehin nicht in bester Laune.

Doch wie immer in solchen Fällen der unerklärbaren Verspätung zeigt sich kein Verantwortlicher, der erklärt, was los ist. Es passiert einfach – nichts. Nur große Verwirrung. Spekulationen machen die Runde: Haben sie eine Bombe gefunden? Bis um 19.50 Uhr alle Saalbediensteten herauskommen. „Es wird evakuiert!“ ist zu hören. Und der Obersaalwächter liest die Vornamen der zwei Dutzend Mitarbeiter vor, die wie Schulkinder „hier“ rufen. Hat man doch eine Bombe in den Saal geschmuggelt? Alle wartenden Journalisten wurden gebeten, sich vom Gebäude zu entfernen, was bei der Masse der Wartenden in den engen Gassen zwischen Laufgittern nicht einfach ist. Während ein Wächter meinte, „Die Vorstellung fällt aus“, kam nach 30 Minuten die Entwarnung. Der Einlass begann, weitere 15 Minuten später dann die Vorstellung, was sofort zu Scherzen führte: „Ein Coup von Godard“ hieß es schnell, war der Regisseur doch früher immer für Provokationen gut. Endlich war etwas los, von dem man noch nach Jahren erzählen wird!

Erst Stunden später wurde bekannt, was die Evakuierung auslöste: eine vergessene Tasche im Debussy-Kinosaal. Was ungefähr so gefährlich ist wie ein herrenloser Koffer am Flughafen. Polizisten mit Spürhunden kamen ins Gebäude. Wahrscheinlich war Spürhund Falc dabei, den ich morgens schon vor dem Saal sah und ablichtete. Ob die Hunde

Der leere Saal Debussy in Cannes fast über 2000 Besucher.

Der Saal Debussy in Cannes fast über 2000 Besucher. 

etwas gefunden haben weiß man nicht. Ob das komplette Festivalpalais evakuiert wurde, ist auch nicht bekannt. Die Sicherheitsmaßnahmen sind in diesem Jahr wegen der Terroranschläge in Frankreich so hoch wie noch nie, aber der Fall der vergessenen Tasche zeigt, dass es mit der Kommunikation im Fall der Fälle doch sehr im Argen liegt – was doch überrascht.

Andrea Dittgen