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Der Wind und der Welles

Lyon ist das erste Festival nach Venedig, das Orson Welles‘ frisch fertiggestelltes Werk „The Other Side of the Wind“ auf der Leinwand zeigt. Doch inzwischen ist es auch da zu sehen, wo die Montage finanziert wurde: bei Netflix. Dennoch waren in Lyon die Kinos voll, die zwei Vorstellungen waren als Ereignis angekündigt. Welles Karriere war eigentlich vorbei, als er 1970 bis 1976 die Szenen für den Film drehte, der seine Abrechnung mit Hollywood und sein Comeback werden sollte. Aus Letzteres wurde nichts. Nachdem er etwa 40 Minuten des Films geschnitten hatte, ließ er ihn liegen. Rechtliche Probleme kamen auf – und es schien, als habe er die Lust daran verloren. Als er 1980 starb, gehörten die 100 Stunden abgedrehtes Material zu seinem Erbe. Drehbuch-Coautorin Oja Kodar, Schauspielerin und Lebensgefährtin von Welles – und andere noch lebende Mitwirkende wie der Regisseur Peter Bogdanovich, Welles‘ Freund,  der als Schauspieler eine recht große Rolle darin hatte, wollten es wohl auch nicht. Zu mühsam schien alles. Zur Welles-Retrospektive 2005 beim Festival von Locarno wurde das Drehbuch veröffentlich. Dann passierte wieder eine Weile nichts, bis sich vor sieben Jahren der Cutter Bob Murawski (er bekam einen Oscar für Kathryn Bigelows „The Hurt Locker“) ans Werk machte. Zwei Stunden Film sind nun da. Sie lassen die Zuschauer ratlos zurück, denn der Film wirkt wie ein Bewusstseinsstrom: wild, unausgegoren, lustig, voller Anspielungen, atmosphärisch sehr schön in den 70er Jahren verhaftet – vor allem aber experimentell und langweilig.

Der Film handelt vom Kampf zwischen Kunst und Kommerz in Hollywood u ist ein Film-im-Film, eine der schwersten Subgenres überhaupt. Jake Hannaford, ein alter,  wortkarger, egomanischer Regisseur (gespielt von dem Regisseur John Huston) arbeitet an seinem letzten Spielfilm. Und bekommt recht schnell Probleme mit dem Produzenten, denn im Prinzip will er einen Porno drehen und das Studio soll es bezahlen und den Regisseur in Ruhe arbeiten lassen. Das ist im Prinzip schon die ganze Handlung. Man sieht Huston als Welles‘ alter ego bei den Dreharbeiten, die abgedrehten Szenen und immer wieder viel Partykram. Optisch ist es ein Ritt durch die analoge Filmgeschichte: von Super-8 und Video bis 35-mm, schwarzweiß und Farbe, scharfe Bilder und absolut unscharfe – experimentell eben. Immer wenn Welles Zeit, Geld und Material hatte, drehte er an seinem Werk, wie ein Jungfilmer am Anfang der Karriere – das erklärt vieles, aber nicht alles. Das Filmemachen ist ein einziger Trip – wie auf Drogen. Es geht ums Drehen, ums Leben, um die Erfahrungen wie bei Jack Kerouac, ist eines der Bilder, das einem in den Sinn kommt. Mit Lilli Palmer spielt eine Deutsche mit: Sie gibt die Diva. Man begegnet Dennis Hopper, Paul Mazursky, Cameron Crowe, Claude Chabrol, Stéphane Audran und Susan Strasberg und freut sich über jeden, den man erkennt. Doch klare Linien sucht man vergebens. Manchmal ist es besser, dass Träume Träume bleiben und unfertige Filme unfertige Filme.

Andrea Dittgen