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Box-Stop mit Muriel

Sie gehört zu den Vergessenen. Sie ist eine der wenigen Regisseurinnen der Zeit vor 1945, als man Frauen für unfähig hielt, Filme zu inszenieren: Muriel Box (1905-1991). Sie ist eine von nur zwei Regisseurinnen in Großbritannien, die es wagte, schaffte – und siegte. Sie drehte 14 Spielfilme in 15 Jahren von 1949 bis 1964. Einen auch mit einer Deutschen: Hildegard Knef spielte als Hildegarde Neff die Hauptrolle in dem vierten Box-Film „Subway to the Sky“ (1959). Zur Einführung in den Film beim Festival Lumière in Lyon sprach eine Kollegin: Tonie Marshall (67), eine Frau mit kurzen blonden Haaren und schwarzer Lederjacke. „Hildegard Knef hätte damals die neue Marlene Dietrich werden können“, meinte Marshall. Doch daraus wurde dann doch nichts.

In der Theateradaption „Subway to the Sky“ spielte sie eine amerikanische Sängerin (Lilli Hoffman), die in England ein Apartment von einer Frau, Anna Grant, mietet, und bald mit dem Ex-Mann ihrer Vermieterin konfrontiert wird. Baxter Grant sucht seine Ex-Frau, weil er wegen eines Drogendiebstahls gesucht wird, den er nichts begangen hat. Aber seine Frau hat das Geld aus dem Diebstahl und das braucht er, um das Land zu verlassen. Die Amerikanerin versteckt ihn und verleugnet ihn gegenüber der Polizei, denn „Ich bin keine Verräterin“ sagt sie. Später kommt noch eine Liebesgeschichte dazu, der wahre Täter taucht auf, Anna Grant ebenso – und es wird theatralisch-turbulent. Die Knef im Mittelpunkt ist wunderbar cool, spricht gut Englisch, singt auch. Kurzum, sie kann alles zeigen, was sie kann. Die Inszenierung ist auf den Punkt gebracht, die Frauen sind öfter im Bild als die Männer. Früher Feminismus, verpackt in Unterhaltungskino.

Das trifft auch auf die meisten anderen Filme von Muriel Box zu. Auch wenn sie manche ihrer Drehbücher zusammen mit ihrem Mann Sidney Box, einem Produzenten, schrieb. Dass diese Regisseurin, die ähnlich wie zeitgleich Ida Lupino und Dorothy Arzner in den USA sich erfolgreich in einer Männerdomäne bewegte, erst jetzt entdeckt wird, mag mit den  Forschungsergebnissen der letzten Jahren zusammenhängen, als nicht nur Frauen begannen, nach den Regisseurinnen in der Filmgeschichte zu suchen, die auch deshalb nicht gewürdigt wurden, weil alle Filmgeschichten von Männern geschrieben wurden, die darauf nicht achteten. Das der Filmgeschichte gewidmete Festival Lumière von Lyon zeigt sieben ihrer Filme, die es auch auf DVD gibt: Komödien, Thriller, Liebesfilme. Box konnte alles, als ihr 14. Spielfilm floppte, zog sich aus dem Filmgeschäft zurück und widmete sich ihrer Arbeit als Schriftstellerin und Kämpferin für die Gleichberechtigung der Frauen.

Es ist zu hoffen, dass sich auch in Deutschland ein Festival oder  ein Kino ihrer annimmt – am besten so wie Lyon: Dort kann man jedes Jahr, auch in diesem dem zehn

Tonie Marshall (Mitte) bei der Einführung der Filme von Muriel Box. Foto: Dittgen

Tonie Marshall (Mitte) bei der Einführung der Filme von Muriel Box. Foto: Dittgen

ten, eine Regisseurin entdecken, weil das zu den Reihen gehört, die es von Anfang an gibt: Permanente Filmgeschichte der Regisseurinnen heißt das Festivalwelt einzigartige Projekt.

Andrea Dittgen

 

Filmen ist Frauensache!

Regisseurinnen, die Tolles geleistet haben? Es gibt so viele, dass sie nur mühsam in eine 16-Stunden-Dokumentaton reinpassen. „Woman Make Film: A Road Movie Through Cinema“ heißt die Doku, die gleich am ersten Tag des Torontio International Film Festival lief. Das heißt: zu sehen waren vier Stunden, mehr sind noch nicht fertig, Ende 2019 soll der Film komplett sein. Doch allein diese vier Stunden sind besser als ein Semester Filmwissenschaftsstudium – auch wenn die Sache aus feministischer Sicht einen dicken Makel hat. Den Film machte ein Mann, der 53-jährige Ire Mark Cousins. Er hätte einen Oscar verdient – so viel kann man nach vier Stunden schon sagen. Etwa 150 Filmausschnitte von Regisseurinnen aus 30 Ländern sind zu sehen, dazu die Erzählstimme von Tilda Swinton (die nächsten vier Stunden soll Jane Fonda erzählen) und zwischendurch immer wieder Fahrten auf Landstraßen in aller Welt. Wer sie gedreht hat weiß man nicht, es steht nicht im Nachspann. Es gibt (noch) kein Presseheft, keine Infos, keine Fotos. Es gibt nur diese ersten vier Stunden – ein Work in Progress.

Dass Alice Guy-Blaché, die allererste Frau, die Filme drehte (1896 begann sie mit Kurzfilmen, und Studiochefin von Gaumont in Amerika war, darin vorkommt, ist klar. Mit einer irrwitzigen Verfolgungsjagd durch die Stadt, mitten durch Wohnungen und mit Kollateralschäden. Dass man einiges davon in „Gefährliche Brandung“ (1991) von Kathleen Bigelow wiederfindet, der einzigen Spielfilmregisseurin, die je einen Oscar bekam, überrascht dann aber doch. Cousins erzählt nichts Biografisches über die Frauen, er zeigt Ausschnitte aus Filme, Momente für die Ewigkeit, weil sie so ungewöhnlich sind, dass man sie nicht vergisst. Fünf Regisseurinnen kommen besonders häufig vor. Bigelow, Kinuyo Tanaka (1910-1970, sie war Schauspielerin bei Ozu und Mizoguchi und wurde erst mit 52 Jahren Regisseurin), die in Rumänen geboren und in der Ukraine arbeitende Kira Muratowa (1934-2018), Ida Lupino (1918-1995), die erste Frau, die in Hollywood drehte und als erste Frau in die amerikanische Filmakademie aufgenommen wurde, und schließlich die Französin Agnès Varda (geboren 1928). Tanaka, hierzulande kaum bekannt, drehte Fahrten, die sogar von eleganten und komplexer waren als die von Max Ophüls. Muratowa fand ungewöhnliche Wege, Figuren einzuführen, Bigelow machte Actionfilme, die viel zu schnell geschnitten sind, als das die Augen folgen können. Lupinos Gangster- und Liebesdramen hatten einen sehr weiblichen Touch und Varda erfindet immer wieder neue Montagen, Fahrten und Figuren.

Die Liste der unbekannten und vergessenen Regisseurinnen ist lang. Haben Sie schon mal etwas von Malvina Ursianu gesehen, die Filme im Stil von Ingmar Bergman drehte? Oder von Ava DuVernay? Wendy Toye? Wanda Jakubowska? Barbara Kopple (die US-Dokumentarfilmerin hat schon zwei Oscars). Oder von Maren Ade? Na ja Maren Ade kennt man in Deutschland. Sie ist gleich mit drei Szenen aus „Toni Erdmann” vertreten. Andere Deutsche sind Helma Sanders-Brahms („Deutschland, bleiche Mutter“), Sonja Heiss („Hedi Schneider steckt fest“), natürlich die Scherenschnittfilm-Pionierin Lotte Reiniger und Leni Riefenstahl.

Die Auswahl der Ausschnitte ist subjektiv, natürlich, die Einteilung in 40 Kapitel von „Der Anfang des Films“ über „Die Einführung von Figuren“, „Fahrten“ und „Reisen“ (elf Kapitel sind in den ersten vier  Stunden drin) ebenso. Aber sie sind so erhellend gewählt, dass man sehr viel übers Filemachen lernt. Und eben, dass Frauen mindestens so tolle Bilder drehten und ungewöhnliche Techniken erfanden wie Männer.

„Es gibt nicht mal annähernd genug Filmemacherinnen, nie. Die Filmindustrie ist sexistisch, es ist ein Männerverein“, sagt Tilda Swinton zu Beginn dieses Films, an dem Mark Cousins – mit weiblicher Beratung natürlich – seit vier Jahren arbeitet. Er hilft, unbekannte und vergessene Regisseurinnen und ihre Leistungen ins Bewusstsein zu bringen. Er könnte der beste Lehrfilm über Film werden  – besser noch als Cousins 15-stündige „History of Film: An Odyssey“, die 2011 beim Festival von Toronto Premiere hatte.

Andrea Dittgen