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Abschied von Pierre Rissient, dem „Man of Cinema“

Cannes-Tagebuch (8) 14. Mai 2018

Am Ende der 20-minütigen improvisierten Hommage kämpfte selbst Festivalleiter Thierry Frémaux mit den Tränen. Die Hommage galt Pierre Rissient. Er starb am 5. Mai im Alter von 81 Jahren. Das 71. Festival von Cannes ist ihm gewidmet. Denn viele Filme wären in den letzten 40 Jahren hier gar nicht gelaufen, hätte nicht Pierre Rissient die jeweiligen Festivalleiter so lange bearbeitet und mit seinem Enthusiasmus angesteckt, bis sie sich die empfohlenen Filme ansahen, ihm recht gaben und sie einluden.

So einen Mann wie Rissient gab und gibt es in Deutschland nicht. Der Pariser war alles: Regisseur, Drehbuchautor, Produzent, Kritiker, PR-Agent, Kinomacher, Berater des Festivals von Cannes (und anderer Festivals), Filmenthusiast und Filmscout, vielleicht der beste Filmscout überhaupt. Er reiste zu Festivals auf der ganzen Welt, machte Entdeckungen und sorgte dafür, dass sie nach Europa kamen. Er brachte Clint Eastwood, Martin Scorsese, King Hu, Jane Campion, Sydney Pollack, John Boorman, Mike Leigh, Abbas Kiarostami und Hou Hsiao Hsien nach Cannes, um nur die wichtigsten zu nennen. Er war mit Fritz Lang befreundet (den er auf den Philippinen kennenlernte), mit Raoul Walsh und lebenslang auch mit Clint Eastwood. Ihn als Cinéast und Kritiker nicht zu kennen, war unmöglich. Er war der Einzige, der in Cannes ungestraft bei jeder Gala statt im Smoking in Jeans und schlabberigem T-Shirt  auf die Bühne kommen durfte, um seine Ansagen zu machen. Der sympathische dicke Mann mit der Glatze, in den letzten Jahren dann mit Krücken, später im Rollstuhl, machte dabei unmissverständlich klar: „Es reicht nicht, einen Film zu lieben – man muss ihn auch aus den richtigen Gründen lieben“. Das sagt er in der Doku, die der Amerikaner Todd McCarthy 1970 über ihn drehte („Man of Cinema“) und das sagte bei der Hommage auch Bertrand Tavernier.

Pierre Rissient in den 60er Jahren. Foto. FDC 2007

Pierre Rissient in den 60er Jahren. Foto. FDC 2007

„Es gibt Erinnerungen, Millionen Erinnerungen mit Pierre“, sagte der Regisseur und Historiker Tavernier, der 56 Jahren mit Rissient befreundet war und oft mit ihm und unzähligen Regisseuren zusammen saß: „Zum Beispiel mit John Ford, der erklärte, dass uns erklärte, dass er keinen Film mehr machen will, mit Raoul Walsh, der uns zeigte, wie man sich seines Produzenten entledigt (er spielte mit seinem Glasauge, ließ es in den Kaffee fallen und zog es dann wieder an). Man kann sich eigentlich nicht vorstellen, dass das Leben weitergeht und nicht jeden Tag einen Telefonanruf von Pierre gibt, der sagt: hast du diesen Film gesehen? Ich mag ihn. Magst du ihn auch so wie ihn mögen muss? Ich erinnere mich an sein Bedauern, dass es nie Anatole Litvak persönlich begegnete. Er interessierte sich für Filme aus der ganzen Welt, seine Neugier war unermesslich. Zwei Tage vor seinem Tod ruft er mich morgens an und sagt: Ich habe einen Western von Philip Garson wiedergesehen, das musst du auch tun. Wir haben viele Filme zusammen betreut, ohne dafür Geld zu nehmen.“

Rissient war zuerst Assistent von Henri Decoin, dann bei Claude Chabrols „Les Cousins“ (1959) und bei Jean-Luc Godards „Außer Atem“ (1959). In dieser Zeit gehörte er zum berühmtesten Filmclubs Frankreichs, den Mac Mahoniens – als Programmgestalter (mit Tavernier und anderen) im Pariser Kino Mac Manon holte er  die damals in Frankreich US-Regisseure wie Walsh, Otto Preminger,  Joseph Losey und Fritz Lang nach Paris und war mehr oder weniger ihr Pressegant. Jane Campion schickte einen Beitrag zur Hommage, dass sie ihm ihre Karriere verdankt. Todd McCarthy betonte, dass Rissient ihn auch mit seinem Wissen verblüffte. Selbst 50 Jahre, nachdem Rissient einen Film gesehen habe, habe Rissient ihn korrigiert, wenn er ein Detail falsch wiedergab.

„Er wird uns fehlen, er ist jemand, der uns beschützte“, meinte Thierry Frémaux. Clint Eastwood, Jerzy Schatzberg und Quentin Tarantino haben ein paar Worte zu seinem Tod geschickt.

Gilles Jacob, der langjährige Festivalleiter von Cannes berichtete, wie er Rissient n den 60er Jahren als Presseagent kennenlernte. Er machte Vorführungen in einem Kino mit einem langen Gang und sorgte dafür, niemand, dem der Film nicht gefiel, nicht vorher den Saal verließ. Später war er Filmscout für die großen Festivals in den USA und Asien und für Cannes. Ich nahm ihn hzu einer Geheimvorführung mit, unter der Bedingung, dass er versprach, Stillschwiegen zu bewahren. Am nächsten Tag rief Pierre die Festivalkoordinatorin Nada Bronson, um ihr zu sagen, dass er Film schlecht sei. Sie kennen mich doch, ich verspreche etwas, aber das hindert mich nicht daran zu sagen, was ich denke. Später wollte er immer als erster wissen, welche Filme wir für Cannes genommen haben und wen für die Jury. Das geschah nicht nur aus Neugier, sondern auch, um uns seiner Meinung nach vor Dummheiten zu bewahren. Und er hat uns vor vielen Dummheiten bewahrt. Das war Pierre“.

Bereits lange vor seinem Tod hatte Thierry Frémaux für die Reihe „Cannes Classic“ einen der beiden Spielfilme von Pierre Rissient programmiert: „Cinq et la Peau“ (1982) mit Fédor Atkin, der als Romanautor durch Manila läuft, diverse Sex-Abenteuer hat, sich dabei wie damals üblich ziemlich machohaft verhält und laut über das Leben nachdenkt. Frisch restauriert lief der Film nun als Abschiedsvorstellung (ab 30. Mai auf DVD).

Andrea Dittgen

Der Verkannte

Helmut Käutner war eine Hommage von acht Filmen gewidmet. Foto: ICR

Helmut Käutner war eine Hommage von acht Filmen gewidmet. Foto: ICR

In Italien erwartet man nicht unbedingt eine Hommage an Helmut Käutner (1908-1980). Acht Filme zeigte das Festival von Bologna, bewusst nicht die bekannten, sondern „Große Freiheit Nr. 7“ (1945), „Unter den Brücken“ (1949), „Epilog“ (1950), „Bildnis einer Unbekannten“ (1954), „Ludwig II.“ (1955), „Himmel ohne Sterne“ (1955), „Das Glas Wasser“ (1960) und „Schwarzer Kies“ (1961).– allesamt Meisterwerke, auch wenn das in Deutschland nicht unbedingt so gesehen wird. Dort denkt man vor allem an „Des Teufels General“ (1955) und „Der Hauptmann von Köpenick“ (1956). Weiterlesen

Filme leben zweimal – mindestens

Filme haben zwei Leben: einmal, wenn sie ihren Kinostart haben – und ein zweites Mal, wenn sie Jahrzehnte später in restaurierter Form noch einmal präsentiert werden. Meistens bei einem Festival. Oft bei mehrere

Ein Sensationsfotograf in "Paparazzi", der sich zwischen Felsen versteckt. Foto. ICR

Ein Sensationsfotograf in „Paparazzi“, der sich zwischen Felsen versteckt. Foto. ICR

n. Dass man einen Film bei dem einem Festival verpasst und ihn beim nächsten nachholen kann, passiert recht häufig. Doch selten kommt es vor, dass ein Film, ein Kurzfilm dazu, der in Cannes, beim wichtigsten Festival der Welt, in der Retrospektive gezeigt wird, in Bologna auch gezeigt wird und sogar noch kombiniert mit einem weiteren Kurzfilm desselben Regisseurs zum selben Thema.

Der erste Kurzfilm heißt „Paparazzi“ (18 Minuten), der zweite „Le parti des choses: Bardot et Godard“ (Die Ordnung der Dinge: Bardot und Godard, 8 Minuten). Beide wurden 1963 auf Capri gedreht, am Set von Jean-Luc Godards „Die Verachtung“. Regie hatte Jacques Rozier (93), der älteste der beiden noch lebenden Regisseure der französischen Nouvelle Vague (der andere ist Godard selbst, er ist jetzt 86). Die beiden waren befreundet, als Godard Rozier vorschlug, die Dreharbeiten zu begleiten. Daraus wurde kein Making-of (den Begriff gab es damals noch gar nicht), sondern zwei sehr eigenwillige Kurzfilme.

Den ersten, „Paparazzi,  sah ich im Mai in Cannes. Rozier filmte die erste Begegnung von Godard und Bardot, damals der große Star. Sie wird im Cabrio an den Kai gefahren, der sie zur Insel Capri bringt. Godard begrüßt sie höflich. Sie küssen sich nicht. Sie sind umlagert von Neugierigen und Fotografen. Die Bardot spricht mit einigen, sie beschwert sich, dass sie dauernd fotografiert wird. Dann steigen Bardot, Godard und die anderen Stars (Jack Palance, Fritz Lang, Michel Piccoli) ins offene Motorboot, das sie zur Insel bringt. Auf dem Meer sind ein paar kleine Boote von anderen Schaulustigen und Fotografen. Die Fotografen verschanzen sich aber auch hinter den Felsen der Insel und versuchen, mit ihren Zoom-Objektiven Fotos von der Bardot zu machen. Manchen gelingt es. „Wir müssen Geld verdienen, um unsere Familie zu ernähren“, sagt einer der Fotografen. Ein anderer erklärt die Kameraausrüstung, das Zoom_-Objektiv muss so gut sein, dass er  500 Meter Entfernung ganz nah heranholt, erklärt er. Die Paparazzi (der Begriff tauchte übrigens zum ersten Mal 1960 in „Das süße Leben“ von Federico Fellini auf, wo einer dieser Fotografen Paparazzo hieß) beneiden den offiziellen Set-Fotografen, der jede Menge toller Aufnahmen von der posierenden Bardot im Bikini machen kann, während sich die Bardot vor ihnen immer versteckt.

Rozier gelingt es, die zwei Seiten der Medaille bruchlos zu verbinden: Der Star und die Medien. Alles wirkt locker und unverkrampft. Michel Piccoli trägt Brigitte Bardot die Treppe hoch, Bardot blickt mit Schmollmund in die Kamera, ein Fotograf steht mit seinem langen, nach unten gerichteten Teleobjekt auf dem Felsen und legt es an wie ein Gewehr, um seinen Schuss zu machen. Dennoch: So brutal wie heute waren die Paparazzi damals nicht.

"La parti des Choses: Bardot et Godard": Jean-Luc Godard gibt Brigitte Bardot Regieanweisungen. Foto: ICR

„La parti des Choses: Bardot et Godard“: Jean-Luc Godard gibt Brigitte Bardot Regieanweisungen. Foto: ICR

Der zweite Kurzfilm, den Cannes nicht zeigte (an der Kürze von acht Minuten kann es eigentlich nicht gelegen haben), ist auch kein richtiges Making-of, obwohl man sieht, wie Godard – selbst bei großer Hitze und Anzug und mit Hut – mit dem Drehbuch in der Hand vor der sich im Bikini auf der Treppe räkelnden Brigitte Bardot sitzt und ihr Anweisungen gibt. Godard spricht in freundlichem Ton, sie sagt nichts. Man sieht Piccoli und Bardot einträchtig nebeneinander sitzen und nebeneinander hergehen – aber immer ist das Drehteam mit erfasst, so dass die Stars ganz klein wirken, wie Ameisen zwischen anderen Ameisen. Trotz des Filmtitels, der auf Bardot und Godard referiert, nimmt Rozier bei seinen letzten Einstellungen einen anderen ins Visier: Fritz Lang, der hier einen Regisseur spielt. Godard drehte auf einem Boot, Lang sitzt erst im Stuhl, dann geht er an andere Ende des Decks. Nach einem Zwischenschnitt auf eine Figur des Odysseus lässt Rozier Fritz Lang in seinem Kommentar zum Götterboten werden, der über alle wacht. Eine schöne Vorstellung.

"Le Parti des Choses: Bardot et Godard": Oft sieht man den stars zwischen der Filmcrew erst auf den zweiten Blick. Foto: ICR

„Le Parti des Choses: Bardot et Godard“: Oft sieht man den stars zwischen der Filmcrew erst auf den zweiten Blick. Foto: ICR

Andrea Dittgen

Film noir im Iran

Regisseur Samuel Khachikian (Zweiter von links) mit seinen Darstellern. Foto: ICR

Regisseur Samuel Khachikian (Zweiter von links) mit seinen Darstellern. Foto: ICR

Das Festival heißt „Il Cinema Ritrovato“ – das wiedergefundene Kino. Es findet vom 24. Juni bis 2. Juli zum 31. Mal statt, in Bologna (Italien) und ist das größte Festival in Europa für alte und ältere Filme. Für Filme, die man lange oder sogar noch nie im Kino sah. Für Filme, die kürzlich auf irgendeinem Speicher oder in einem Lager wiedergefunden und restauriert wurden. Der zeitliche Radius reicht von der Stummfilmzeit bis heute. Gespielt wird in fünf Kino und abends Open-Air auf zwei Plätzen. Es laufen alle Arten von Filmen: kurzen, lange, Stummfilme (mit Klavier- oder Ensemble-Begleitung), Tonfilme, Spielfilme, Dokus, Experimentalfilme. Das Publikum besteht vorwiegend aus Cineasten, die sich für 100 Euro akkreditieren können. Wer das nicht will, zahlt vier Euro pro Vorstellung oder zehn Euro pro Tag für beliebig viele Vorstellungen. Die Kinos sind voll, vor allem Studenten und Leute über 50 sind da. Während es draußen 30 bis Grad heiß ist, ist es im Kino schon kühl.

Meine Entdeckung am ersten Tag war die Reihe „Teheran noir“ im Iran analog zum Genre film noir im Hollywood der 40er und 50er Jahre. Sie ist dem Regisseur Samuel Khachikian (1923-2001)  gewidmet, den hierzulande wohl kaum einer kennt, obwohl der Sohn armenischer Flüchtlinge, die vor dem Genozid im Iran eine neue Heimat faden, im Iran sehr bekannt war – vor der islamischen Revolution von 1978. Khachikian drehte Thriller, Sex und Gewalt, Mainstream. Dabei griff er die Atmosphäre seiner Vorbilder auf: der deutschen Regisseure Fritz Lang und Robert Siodmak!

So lieb lächelt der Ehemann (Abdollah Bootimar) in "Delhoreh" seine Frau an. Foto. ICR

So lieb lächelt der Ehemann (Abdollah Bootimar) in „Delhoreh“ seine Frau an. Foto. ICR

In „Delhoreh“ (1962) sind es vor allem die Schatten, die den Look des Films bestimmen, der so auch in den USA oder der BRD hätte spielen können. Der reiche Besitzer eines Bauunternehmens  wird von seiner Maschine zerquetscht. Es war Mord, jemand hat die Maschine angestellt, als darunter lag. Seine Nichte Irene als Erbin profitiert, sie ist mit einem Manager der Firma verheiratet, der nun Firmenchef wird. Sie wird erpresst von einem früheren Liebhaber, der ihre Liebesbriefe hat. Als sie ihn bezahlt und er auch noch Sex will, erschießt sie ihn – und die Panik beginnt. Denn sie verliert dabei das Collier, das ihr Mann ihr schenkte, was bei einer Party prompt ihren Freundinnen auffällt. Auch gibt es Zeugen des Mordes.

Das Ganze ist sehr spannend gemacht, mit unerwarteten Wendungen, mit Männern, die voll dem Gangsterklischee entsprechen, und einem Ehemann, der sich irgendwann als doch nicht als so zuvorkommend erweist. Der Plot ist lupenreiner Film noir, recht rasant gemacht, auch wenn er mitunter ins B-Picture abgleitet. Zwei Besonderheiten sind wohl einmalig: Dem Regisseur war die iranische Sprache, Farsi, zu langsam für seine schnell fortschreitende Handlung und die vielen abrupten Wendungen. So beschleunigte er den Film von den damals üblichen 24 Bildern pro Sekunde in der Postproduktion auf 22. Abgehakt hört er sich jedoch nicht an. Das zweite, was in Erinnerung blieben wird, ist der Wodka-Bär: Ein batteriebetriebener schwarzer Plüschbar, der auf der Theke der wohnungseigenen Bar im Wohnzimmer von Irene steht, und sich selbst permanent Wodka in das Gläschen in der Pfote schüttet und trinkt und sehr oft im Bild ist. Ein so tolles Spielzeug gab es nicht mal in Hollywood!

Nach der Revolution wurde der westlich orientierte Khachikian weitgehend kaltgestellt. Als er ab 1985 gelegentlich doch noch die Erlaubnis bekam, zu drehen, wirken seine Genre-Filme jedoch wie Fremdkörper in dem nun streng islamischen Land. Der letzte seiner 33 Filme entstand 1994.

Andrea Dittgen