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Frauenquote im Film

Cannes-Tagebuch (9) 15. Mai 2018

Auf dem Weg zur Geschlechter-Parität

Die Phalanx der 82 Frauen auf den Stufen des Palais am Samstag war nur der Anfang. Die Frauen mit Jury-Präsidentin Cate Blanchett an der Spitze protestierten dagegen,  dass in den 71 Jahren, die das Festival besteht, nur 82 Regisseurinnen auf dem roten Teppich waren – gegenüber 1688 Männern. Das müsse sich ändern. Dem Protest folgten zwei Tage später schon Taten. Die drei Festivalmänner (auch da gibt es keine Frau), Festivalleiter Thierry Frémaux und die Leiter der unabhängigen Sektion Quinzaine des réalisateurs (Edouard Waintrop) und Semaine de la critique (Charles Tesson) unterschrieben als erste ein Dokument mit dem schönen Namen „Programming Pledge for Parity and Inclusion in Cinema Festivals“.

Die Charta passt auf eine Seite.

Die Charta passt auf eine Seite.

Im Beisein – wieder – von Cate Blanchett und der französischen Kulturministerin Françoise Nyssen wurde diese Charta unterschrieben. Darin verpflichtet sich Cannes als weltweit erstes Festival, die Liste der Mitglieder der Auswahlkomitees und der Programmteure transparent zu machen und daran zu arbeiten, dass es eine Posten-Gleichheit von Frauen und Männern gibt. Auch wollen sie einen Zeitplan festlegen, in dem die Geschlechter-Parität auf der Führungsebene und in der Verwaltung umgesetzt wird. Das Festival verpflichtet sich auch, eine Statistik anzulegen, wie es mit der Geschlechter-Gleichheit seit Beginn des Festivals aussieht. Diese Statistik soll es ab so sofort jährlich geben. Initiiert hat die Sache die französische Organisation 5050×2020, die für Geschlechter-Parität allgemein kämpft und auch den Marsch der Frauen organisiert hatte. Sie legte auch erste Statisten vor. Demnach kommt Cannes in den Jahren 2010-2018 auf einen Anteil von 10 Prozent, die Berlinale auf 17 Prozent und das Festival von Venedig auf 13 Prozent.  http://www.5050×2020.fr/etude/cannes

Das bei einer eigenen Zeremonie (Glamour muss auch da sein) unterzeichnete Dokument mag ein Meilenstein und eine Notwenigkeit sein, der sich andere Festivals anschließen werden. Aber wäre es nicht einfacher, einfach überall eine 50:50-Quote zu fordern und festzuschreiben? Das tut das Papier nicht und es nennt auch keine minimale Quote von Regisseuren, die für den Wettbewerb und die anderen Sektionen ausgewählt werden. Dabei hatte Frémaux im Vorfeld des Festivals stolz verkündigte, dass der Frauenanteil der Regisseure in Cannes bei 23 Prozent liege – obwohl er weltweit bei nur zehn Prozent liege. Auch habe das Festival in diesem Jahr mehr Frauen als Männer angestellt.

Die französische Kulturministerin (!) ging noch weiter und kündigte einen Fonds für Frauen in der Filmbranche an, der im September aufgelegt wird, um Regisseurinnen zu unterstützen, denn in Frankreich beträgt das Budget für einen Film von einer Frau durchschnittlich 2,6 Millionen Euro, bei einem Mann 6,5 Millionen Euro, ein Unterschied von 60 Prozent.

Die Chefin (!) des schwedischen Film Instituts, Anna Serner, kündigte daraufhin in Cannes an, dass von 2020 an die schwedische Filmförderung nur noch an Projekte von Frauen geht, wenn bis dahin keine Geschlechter-Parität erreicht sei.

Aus Deutschland kam keine Ankündigung, die Kulturstaatsministerin war nicht da.

Andrea Dittgen