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Ein neuer Lubitsch!

Lang, Lubitsch, Murnau. Die drei größten Regisseure der deutschen Filmgeschichte. Nicht alles von ihnen aus der Stummfilmzeit ist erhalten. Umso größer ist jedes Mal die Freude, wenn ein verschollener Film auftaucht. Auch wenn es kein ganzer Film, sondern nur ein Fragment ist: in Bologna war am Sonntag „Der Fall Rosentopf“ (1918) von Ernst Lubitsch zu sehen. 18 Minuten des Dreiakters wurden gefunden und restauriert, Teile aus dem ersten und dem zweiten Akt, etwa eine Drittel der Komödie. Ein typischer Lubitsch, das heißt: ein früher Film, der schon mit Lubitsch-Touch hat: Aus alltäglichen Situationen werden in nullkommanichts komische.

Ernst Lubitsch als Detektiv Sally in seinem Büro in "Der Fall Rosentopf" Foto: Katalog

Ernst Lubitsch als Detektiv Sally in seinem Büro in „Der Fall Rosentopf“. Foto: Katalog

Lubitsch spielt den Detektiv Sally – wie so oft. Ein dicker Mann beauftragt ihn, herauszufinden, wer ihm einen Blumentopf auf den Kopf geworfen hat, weil er gegen ihn vorgehen will. Doch die Geschichte ist nicht wichtig, es geht um den findigen, listigen, aber auch etwas faulen Detektiv, der sich so gerne ablenken lässt. Sally verjubelt erst mal den halben Vorschuss mit vier jungen Mädels aus dem Büro mit Champagner, bevor er sich an die Arbeit macht. Der Auftraggeber ruft dauernd an: „Gibt es etwas Neues?“ „Nein, noch nicht“. „ Wann melden Sie sich wieder?“ „Wenn der Vorschuss alle ist“ sagt Lubitsch. Oder vielmehr die Untertitel. Es ist ja ein Stummfilm. Sally fragt nach dem Weg zum Ort des Geschehens in der Kaiserstraße. Der Straßenfeger vor seinem Haus gestikuliert und meint, nach rechts, nach links, über den großen Platz – und dann nochmal fragen. Sally geht los, weiß an dem großen Platz nicht mehr weiter, aber er sieht eine hübsche Frau, verfolgt sie – und landet wieder da, wo er gestartet ist. Doch irgendwie schafft er doch noch vor das Haus, wo der Blumentopf herunterfiel. Er will die Hausbewohner interviewen, fragt einen Mann, auf einem Balkon „Haben Sie einen Blumentopf heruntergeworfen“ und kassiert für die freche Frage eine Ohrfeige. Die trägt er mit etwa über 40 Mark in sein Ausgabenbuch ein. Dann wird er nass, weil eine Frau die Blumen auf dem Balkon daneben gießt. „Haben Sie einen Blumentopf heruntergeworfen“, fragt er die junge Frau. Sie verneint. Sally trägt nun etwas über 60 Mark als Schmerzensgeld in sein Ausgabenbuch ein. Er will sich abtrocknen und klingelt da, wo der Guss herkam – bei einer Tänzerin mit ihrem Hausmädchen. Der Detektiv und die Tänzerin kommen sich näher, sie tanzt für ihn – sogar Bauchtanz. Sie sind nahe dran, sich zu küssen, ihre Lippen sind nur noch wenige Zentimeter entfernt, da fragt Sally: „Haben Sie einen Blumentopf heruntergeworfen?“ und wird hinausgeworfen. Er geht – um wieder zurückzukommen. Doch aus der Liebesgeschichte wird nichts. Und aus dem Film auch nicht, denn da bricht das Fragment ab. Das  übrigens gar nicht so neu ist, auch wenn es in Bologna seine Uraufführung erlebte.

Es wurde schon 1987 als brennbarer Nitratfilm von einem privaten Sammler gefunden, landete dann im Staatsarchiv der DDR und damit nach der Wende im Bundesarchiv-Filmarchiv. Wo erstmals nichts passierte, denn der Titel des Films fehlte. Erst viele Jahre später wurde es identifiziert (die deutschen Filmarchive sind chronisch unterbesetzt, oft fehlt die Zeit, sich um die eigenen Bestände zu kümmern, das erklärt, warum noch längst nicht alles gesichert, geschweige denn identifiziert und restauriert ist, was nötig wäre). . Lubitsch ist ja ein markanter Schauspieler. Doch erst 2017 wurde es umkopiert, restauriert, digitalisiert, viragiert (einige Szenen sind lila eingefärbt, so war es im Original) und um einige Zwischentitel ergänzt. Nun muss man nur noch hoffen, dass sich auch die restlichen zwei Drittel des etwas eine Stunde langen humorvollen Stummfilms noch finden.

Andrea Dittgen