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Polanski

Freundinnen und Feindinnen

Als Abschlussfilm des Festivals war (außer Konkurrenz) ein Thriller: Romans Polanskis „D’après une histoire vraie“ (Nach einer wahren Geschichte) programmiert. Der 83-Jährige inszenierte einmal mehr seine Ehefrau Emmanuelle Seigner (50). Sie spielt Delphine, eine Bestsellerautorin, die gerade eine Schreibblockade hat, außerdem ist ihr Freund für längere Zeit in den USA, sie fühlt sich ein bisschen allein und lässt daher auf eine andere Frau (Eva Green, wie Seigner war sie früher Model) ein, die sich nur als Elle vorstellt und vorgibt, Stars bei ihren Autobiografien zu helfen. In kürzester Zeit werden die beiden Freundinnen, Elle zieht sogar bei Delphine ein, aber eine Liebesbeziehung ist es nicht, im Gegenteil, es weitet sich immer mehr in eine Hassliebe aus. Elle will sich Delphine Identität aneignen, denn die beiden sehen sich ziemlich ähnlich. Delphine wiederum will das, was ihr Elle übe ihr aufregendes Leben erzählt, zu ihrem neuen Roman verarbeiten. Dabei geht jeder der beiden ziemlich heimlich vor, damit die andere von den wahren Absichten nichts merkt. Doch als sich Delphine ein Bein bricht und mit Gips und Krücken umher läuft, verschiebt sich das Gleichgewicht zugunsten von Elle, die Delphine langsam aber systematisch vergiftet, ohne dass die sich wehren kann.

Polanski nimmt sich die Zeit, die beiden Charaktere ausführlich vorzustellen – und beide zugleich mit einer geheimnisvollen Aura zu umgeben, die mehr Fragen aufwirft als beantwortet. Dieses erste Drittel des Films ist das Spannende, denn noch weiß man nicht, was die beiden Frauen in ihrer schnellen Annäherung antreibt. Sie scheinen sich zu ergänzen: die ermattete Bestsellerautorin und die etwa zehn Jahre jüngere Biografin, die Delphine fast jeden Wunsch von den Augen abliest, aber dann immer mehr ungebeten in ihrem Privatleben herumschnüffelt. Leider schafft es Polanski nicht, die subtile, auch optisch sehr ansprechende Spannung der Anfangsphase konsequent bis zum Ende durchzuhalten. Im letzten Drittel, wenn Delphine sich nur noch mühsam kriechend fortbewegt und sich dauernd erbricht, fällt er ins klassische und damit kalkulierbare Thrillergenre, ohne dies so virtuos umzusetzen wie dies Claude Chabrol, Jacques Deray oder Jean-Pierre Melville mit ähnlichen Frauenfiguren bereits taten, denn Polanskis Frauen werden zu kalt, distanziert und unemotional, um das Herz der Zuschauer zu erobern. Trotzdem ist Polanskis Film immer noch besser als vieles, was im Wettbewerb zu sehen war, auch als der ähnlich gelagerte Wettbewerbsfilm „L‘amant double“ (der doppelte Liebhaber) von François Ozon über zwei zwielichtige Zwillingsmänner.

Andrea Dittgen