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Frühes Plädoyer gegen die Todesstrafe

Wann wurde in Deutschland die Todesstrafe abgeschafft? 1919, 1929 oder 1949? Bei Filmfestivals wie dem „Cinema ritrovato“ in Bologna erfährt man solche Fakten: Es war erst 1949. Wann wurde in Deutschland die letzte Filmkopie hergestellt: 2015, 2017 oder 2019? Auch das erfährt man: Am 18. Juni dieses Jahres stellte das Bundesarchiv-Filmarchiv die Herstellung von Filmkopien im analogen Kopierwerk ein.  Seitdem ist alles nur noch digital. Der letzte Film, von dem das Bundesarchiv eine analoge Kopie herstellte, war in Bologna zu sehen: „Tötet nicht mehr!“ von und mit Lupu Pick von 1919, ein Plädoyer gegen die Todesstrafe.

Das österreichische Filmarchiv hatte beim Bundesarchiv angefragt, ob es eine Kopie gibt, der Film war seit den 20er Jahren nicht mehr zu sehen. Auch das erfährt man. Nun kann man das 127-Minuten-Werk endlich sehen. Der sozial engagierte Regisseur und Schauspieler Lupu Pick (1886 – 1931) argumentiert darin in einer langen Sequenz, dass die Todesstrafe vor allem deshalb unmenschlich ist, weil zwischen dem Urteil und der Vollstreckung eine lange Zeit liegt, in der die Verurteilten und ihre Angehörigen verzweifeln.

Diese Geschichte wirkt arg konstruiert, ist aber spannend inszeniert. Der Sohn des Geigers Erik Paulsson wurde bei einer konspirativen Dichterlesung verhaftet und mit der Todesstrafe bestraft: Er wurde im Kasernenhof erschossen. Paulsson sieht in einem Café den Gouverneur, der das Urteilt fällte und erwürgt ihn. Dafür muss Paulsson ins Gefängnis. Er bekommt lebenslänglich, wird aber 18 Jahre später wegen guter Führung entlassen. Er lebt nun bei seiner Tochter Karin, die Sebald Brückner, den Sohn des Staatsanwalts liebt. Beide sind Schauspieler, die mit einer Pantomime Erfolge feiern. Als der Theaterdirektor Karin gegenüber immer zudringlicher wird und beide rauswirft, als sie sich ihm nicht hingibt, tötet Sebald ihn. Er wird gefasst und zum Tod verurteilt. Obwohl sein Vater, Karin und Paulsson alles versuchen, dürfen sie nicht zu ihm. Das Gnadengesuch wird abgelehnt, man sieht, wie Sebald in seiner Zeller verzweifelt.

In die Geschichte eingebettet ist eine Szene, in der der Staatsanwalt und seine Kollegen zu Hause auf dem Sofa eine Ausstellung vorbereiten zum Thema „Die Todesstrafe im Wandel der Zeiten“ mit Fotografien der Hinrichtungsarten vom Mittelalter bis heute. Da hat der Staatsanwalt noch keine Bedenken gegen die Todesstrafe, was sich natürlich ändert, als sein Sohn betroffen ist.

Dieses Fotos gehört nicht zur Handlung, es zeigt ein Foto aus der dem Ausstellungskatalog "Die Todesstrafe im Wandel der Zeiten", den sich Staatsanwälte und Richter in dem Film ansehen. Foto: Cinema Ritrovato

Dieses Fotos gehört nicht zur Handlung, es zeigt ein Foto aus der dem Ausstellungskatalog „Die Todesstrafe im Wandel der Zeiten“, den sich Staatsanwälte und Richter in dem Film ansehen. Foto: Cinema Ritrovato

Dass der aus Rumänien ins Deutsche Reich eingewanderte Lupu Pick den ersten deutschen Film zu dem Thema dreht und in auch mit seiner Firma Rex-Film produziert, liegt daran, dass Rumänien im Gegensatz zu vielen anderen europäischen Ländern bereits 1865 die Todesstrafe angeschafft hat, wie dem Festivalkatalog zu entnehmen ist. Am Drehbuch schrieb der Berliner Gerhard Lamprecht mit, der Regisseur, der sei seiner Schulzeit auch Filme sammelte. Seine Sammlung bildete die Basis der Deutschen Kinemathek, die Lamprecht bis 1966 leitete. Umso überraschter ist man, dass „Tötet nicht mehr!“, der auch sein Film ist, erst jetzt wieder zugänglich. Eine DVD gibt es vorerst nicht, am 11. August 2019 ist er in Deutschland zu sehen: im Berliner Zeughauskino des Deutschen Historischen Museums.

Andrea Dittgen