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Coppola: Kino in der 5. Generation

Serien drehen will er nicht, stellte Francis Ford Coppola (80) bei seiner Masterclass klar. „Wenn ich Filme mache, dann gibt es Themen, die ich erkunden will, ich lerne immer noch,  Serien sind Industrieprodukte, bei denen die Algorithmen alles entscheiden. Eine künstlerische Arbeit muss aber unabhängig und persönliche sein so wie jeder Mensch einmalig ist.“ Coppola ist beim Filmfestival Lumière Lyon zu Gast, das ihn seinem Preis, dem Prix Lumière ehrt und dazu eine komplette Retrospektive seiner Regie-Arbeiten (plus einige seiner Kinder und seiner Frau) anbietet. Das Interesse ist groß, für die lange Nacht mit den drei „Paten“-Filmen wurden 5000 Karten verkauft – in Deutschland undenkbar. Um seiner Masterclass zu lauschen, standen Fans seit 9 Uhr morgens sechs Stunden Schlange. Auch das ist in Deutschland undenkbar.

Francis Ford Coppola (Zweiter von rechts) bei der Masterclass mit verbtardn Tavernier (Zwieter von links) und Thierry Frémaux (links) Übersetzerin Massoumeh Ladhidji (rechts). Foto: Dittgen

Francis Ford Coppola (Zweiter von rechts) bei der Masterclass mit Bertrand Tavernier (Zweiter von links), Thierry Frémaux (links) und Übersetzerin Massoumeh Ladhidji (rechts). Foto: Dittgen

„Ich bin kein Meister“, meinte  der fünffache Oscar-Gewinner. „Das Kino ist 120 Jahre alt, es ist eine Kunst, die viel zu jung ist um Meister zu haben, ich jedenfalls bin keiner. Martin Scorsese ist einer, er lernte das Filmemachen und er lehrt es.“ Aber nicht ohne Stolz zählte er auf, dass seine Familie seit den Anfängen dieser Kunst verpflichtet sei. Der eine Großvater habe das Vitaphone erfunden (ein frühes  Tonfilmverfahren in den 20er Jahren), der andere Großvater lebte in einem Kino in Italien, sein Vater Carmine, ein Flötist und Komponist,  habe Filmmusiken geschrieben, er selbst mache Filme und produziere, seine Kinder Roman und Sophia setzte er bereits als Kinder als Schauspieler ein, heute drehen sie selbst Filme und seine Enkelin Gia drehe gerade ihren zweiten Film. „Das sind fünf Generationen im Kino!“

Im Gegensatz Billy Wilder, von dem der Satz stammt: für ein guten Film braucht man erstens ein gutes Drehbuch, zweitens ein gutes Drehbuch und drittens  ein gutes Drehbuch, sagte Coppola: „Ein guter Film bracht zwei Dinge: ein gutes Drehbuch und gute Schauspieler. Wenn ich höre, ein Regisseur hat das Beste aus seinen Schauspielern herausgeholt, dann stimmt das nicht. Der Schauspieler muss spielen, während die Arbeit des Regisseurs darin besteht, dafür zu sorgen, dass der Schauspieler alles hat, um gut zu spielen. Auch schätzt Coppola die Arbeit des Drehbuchautors nicht so hoch ein wie die des Romanautors: „Der hat die größte Arbeit geleistet, deshalb steht auch nur sein Name im Vorspann: Mario Puzos Der Pate“.

Und Coppola verriet, wie er, der als Junge Physiker werden wollte, zum Film kam. Im College, half er bei technischen Arbeiten in der Theatergruppe („Da waren die Mädchen“), dann im schuleigenen Kino. „Eines Nachmittags habe ich da einen Film gesehen. Er war stumm, aber durch den Schnitt  hatte ich dein Eindruck, dass es ein Tonfilmfilm ist. Der Film war „Oktober“ von Eisenstein. Danach habe ich dem Theater den Rücken gekehrt und mir gesagt, dass ich lernen will, wie man Filme macht.“

Andrea Dittgen

Scorsese und die Mafia

„Am Ende war ich groggy“, sagte Martin Scorsese (76) beim Filmfestival Lumière in Lyon, dem dritten Ort nach New York und dem Londoner Filmfestival, wo er seinen neuen Film „The Irishman“ vorab zeigte. Eine Netflix-Produktion, mit dreieinhalb Stunden, die längste Netflix-Produktion bisher. Wahrscheinlich auch die treuerste. Und wohl Scorseses letzter Mafia-Film. Die Vorstellung im 2000-Plätze-Theater in Lyon war in 30 Sekunden ausverkauft, sagte Festivalleiter Thierry Frémaux. Scorsese war sichtlich gerührt.

Martin Scorsese (2. von links) präsentiert "The Irishman" in Lyon. Foto: Dittgen

Martin Scorsese (2. von links) präsentiert „The Irishman“ in Lyon. Foto: Dittgen

„Es hat neun Jahre gedauert, den Film auf die Beine zu stellen“, sagte Scorsese. Niemand wollte ihn finanzieren. „Es war ein Abenteuer“, meinte Scorsese, der freie Hand hatte und erreichte, dass der Film vor dem Streaming (ab 27. November) auch ins Kino kommt (in Deutschland ab 14. November).  „Eigentlich wollte noch ich noch einen Film mit Bob (Robert de Niro) über die Mafia machen, aber er hat mir das Buch gegeben („I Heard You Paint Houses“ von Charles Brandt, Anm. d. Red.)  und war sehr emotional, als er es mit beschrieb“, erklärte Scorsese seinen Film über den Mafia-Killer Frank Sheeran.

Sie wollen kein selfie, sie wollen Autogramme: Martin Scorsese schreibt nach seiner Einführung am Bühnenrand Autogramme. Foto: Dittgen

Sie wollen kein selfie, sie wollen Autogramme: Martin Scorsese schreibt nach seiner Einführung am Bühnenrand Autogramme. Foto: Dittgen

„Er erzählte mir das Buch nicht nur, sondern spielte praktisch schon seine Rolle, so dass mir klar war, dass ich diesen Film machen musste, ob er nun gut oder schlecht wird. Bob, der Drehbuchautor Steven Zaillian und ich und das ganze Team, wir hatten Lust zu erzählen, wie die Zeit vergeht und wie das Leben sich verändert. Vieles hat mir Bob und mir zu tun. Ich dachte nicht unbedingt, dass der Film so lang werden würde. Heute kann man einen Film auf vielen Kanälen sehen, aber es ist wichtig, dass dieser Film ins Kino kommt. Wir Filmemacher müssten heute kämpfen, überhaupt Filme machen zu können und sie zu zeigen“. Sagt der große Scorsese.

Das Plakat zeitg die Hauptdarsteller (von links) Joe Pesci, Robert De Niro und Al Pacino. Foto: Netflix

Das Plakat zeitg die Hauptdarsteller (von links) Joe Pesci, Robert De Niro und Al Pacino. Foto: Netflix

„The Irishman“ schafft in 210 Minuten etwas Ähnliches, wie Francis Ford Coppola mit seinen mehr als doppelt so langen Dreiteiler „Der Pate“ (541 Minuten, er läuft bei Festival von Lyon auch zum Vergleich auch, in einer langen Nacht, Coppola ist auch Festivalgast): Zu zeigen, wie die Mafia arbeitet, wie man aufsteigt und auch wie man fallen kann. In Rückblicken erzählt der im Pflegheim lebende Mafia-Killer (1920-2003) von seinem Leben, dabei werden De Niro und Co. (Al Pacino, Joe Pesci, Harvey Keitel) fast permanent künstlich jünger und älter gemacht (was das Budget so hoch werden ließ). Doch es geht nicht um große Effekte und opulente Bilder wie beim „Paten“, Scorsese hat einen Arthouse-Film gedreht, einen mitreißenden Arthouse-Film, der auch eine gewisse Langsamkeit und Reflexion ausstrahlt (wie immer brillant  geschnitten von der inzwischen 79-jährigen Thelma Shoonmaker, die seit den 80er Jahren Scorseses Cutterin ist) und ein bisschen so wirkt, als sei es nicht nur Sheerans Abschied von seinem bisherigen Leben, sondern auch Scorsese Abschied vom Filmemachen.

Andrea Dittgen