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Das radikale Vorbild der „Dogma“-Bewegung

Da denkt man, die dänische „Dogma“-Bewegung mit ihren klaren Regeln, die Lars von Trier & Co. 1995 ins Leben gerufen hatte, wäre die erste Gruppendynamik. Doch dem ist nicht so. Bei „Dogma 95“ verpflichteten sich (anfangs) vier Regisseure, zehn Regeln einzuhandeln und die Filme nicht mit ihrem Namen zu zeichnen. Zwischen 1998 und 2003 hielt der Pakt, bei dem fast jeder stets mindestens eine Regel brach. Das war das Vorbild konsequenter, das beim Festival von Bologna vorgestellt wurde.

Polizist in Kampfausrüstung

Polizist in Kampfausrüstung

Im wilden Jahr 1968, als in Paris die Studenten auf die Straße gingen, um für besser Arbeitsbedingungen protestieren und es zu Straßenschlachten kam, wurde die französische Bewegung „Ciné-Tracts“ gegründet. Von den filmischen Wortführern der Proteste: Jean-Luc Godard, Alain Resnais, Chris Marker & Co. als Kollektiv. Aus Solidarität, aus Revolte, als Aktion und spezielle Form, den Protest in weiteren Kreisen bekannt zu machen.

Wurfbereite Pflastersteine

Wurfbereite Pflastersteine

Zu dem Inhalt kam die Form: Kurze Dokumentarfilme, alle mit derselben Länge: 2 Minuten 44 Sekunden, länger war eine 16-mm-Rolle nicht, und 16-mm. Sie Filme waren schwarzweiß und stumm, es waren Fotoromane, also abgefilmte Fotos von den Demonstrationen, dazu Plakate, Sprüche, handgeschriebene Gedanken. Und anonym sollten die Filme sein. Es gab mehr Regeln als bei Dogma und sie wurden eingehalten. Wenn man nicht selber drehte, wurden Zeitungsfotos gefilmt.

Straßenschlacht

Straßenschlacht

Die Filme waren schnell geschnitten, ein Polizist mit rundem Helm und Brille in Großaufnahme taucht besonders oft auf, ebenso ein einsamer Streit mit Gewehr im Halbnebel, die zum Werfen bereit liegenden Berge von Pflastersteinen, Demonstranten in fest geschlossenen Reihen, die Schriftzüge der Fabrik von Renault. Mit ihren agitatorischen Bild-Text-Montagen waren eine Fortsetzung der Plakate und der Parolen, die man im Mai 1968 den Häuserwänden lesen konnte. Es war Filmpolitik. Die 40 bis 50  „Ciné-Tracts“ – wie viele es gab, ist unklar, zumal die Nummerierung nicht stringent war und erst bei Nr. 106 endete – wurden auf Demonstrationen, Versammlungen und in Fabriken gezeigt.

Die Regeln

Die Regeln

Sie waren anonym, aber die Urheber kann man durchaus erkennen. Vor allem Godard. Von ihm sind die Filmen mit den handgeschrieben Wörtern, die oft sprachspielerisch auseinanderrissen sind, die Filme mit den meisten Zwischentiteln und den längsten Zitaten (Nr. 1, 7, 8, 9, 10, 12, 13, 24, 15, 16, 23, 40). Wenn es nur wenige Zwischentitel gibt, sauber gesetzt und es eher Fragen als Antworten und Aufrufe gibt, selbst aktiv zu werden, dann war der Film wohl von Chris Marker. Marker hatte die Idee zur dieser Bewegung und der Form. Obwohl die Regisseure alle jung waren, hatten sie schon die Handschrift, für die sie später berühmt waren. Auch das macht diese „Ciné-Tracts“ von 1968 (es gab sie nur in diesem Jahr als begrenzte Aktion) so interessant. Vor allem Godard (die anderen Mitstreiter sind inzwischen verstorben) hat das Prinzip der Text-Bild-Collagen bis heute beibehalten und auf Langfilme übertragen.

Sieht man ein Dutzend oder noch mehr dieser Kurzfilme hintereinander, fallen die vielen Wiederholungen der Bilder auf, die natürlich auch eine Wirkung haben und immer noch zum Nachdenken anregen. Heute fallen die Filme unter das Etikett „Experimentalfilm“ – und ähnliche Übungen sind inzwischen an den Filmhochschulen üblich – nicht nur in Frankreich.

Andrea Dittgen