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Die Welt im Jahr 2028

„2028“ steht als Jahr der Handlung über den ersten Bildern, die Jean Renoir 1927 gedreht hat. Er blickte also 100 Jahre in die Zukunft für seinen stummen Kurzfilm „Sur un air de Charleston“. Der Film, der beim Festival Lumière in Lyon als einer der Höhepunkte morgens um 9 Uhr bei vollem Saal aufgeführt wurde, war weder verschollen, noch schlecht erhalten, trotzdem war er im Kino jahrzehntelang nicht zu sehen. Nun ist er frisch restauriert und 90 Jahre nach seiner Entstehung kann man über die Fantasie über 2028 staunen. Eine Kugel auf die Erde. Darin sitzt ein Erforscher (Johnny Higgins), altmodisch gekleidet und blickt mit dem Fernrohr nach draußen, kaum dass seine Kugel auf dem Dach einer Litfaßsäule in Paris gelandet ist. Er sieht ein hübsches, leicht bekleidetes Mädchen (Catherine Hessling) tanzen. Es tanzt Charleston, wie einem Zwischentitel zu entnehmen ist. Es tanzt, um dem einzigen anderen Menschen weit und breit, einem falschen Schwarzen zu zeigen, wie man Charleston tanzt. Viel mehr passiert in den 24 Minuten auch nicht. Zumindest nicht auf der Leinwand. Aber das ist hübsch anzusehen und bekommt durch die Nebeneffekte (Regisseur Renoir, Produzent Pierre Braunberger und Mitautor André Cerf tauchen mit ihren Köpfen über Poesie-Engelbildchen auf, als würden sie vom Himmel auf die Erde blicken) die Klavierimprovisation – die alles andere als Charleston war – einen Verfremdungstouch. Und natürlich ist er eine Hommage an Georges Méliès mit seinen Tänzerinnen, Engeln und umgekehrten Weltraumreisenden.

Dass der Film kaum bekannt ist, liegt daran, dass er zu spät kam, erläuterte Serge Bromberg von Lobster Film vor der Vorführung, 1927 drehten andere schon Tonfilme. Renoir wollte unterhalten und vor allem Catherine Hessling zeigen, die Frau, die er liebte und deretwegen er überhaupt erst anfing, Filme zu drehen, wie man erfuhr. Doch ein Jahr später, nach dem anderen stummen Kurzfilm „La petite marchande d’allumettes“ trennte sie sich von Renoir – der glücklicherweise weiter Filme drehte. Das Mädchen mit den Streichhölzern nach dem Andersen-Märchen, das Hessling mehr Entfaltungsmöglichkeiten bot, wurde in derselben Vorstellung gezeigt, aber so wie man es eigentlich nicht tun sollte: mit einem Pianisten, der improvisierte, obwohl es eine Tonspur gibt. Denn der Film wurde im Nachhinein vertont, 1928 war auch in Frankreich der Tonfilm angesagt und stumm hätte er keine Chance gehabt.  Doch wie so oft bei sogenannten Stummfilm-Events lässt man den Pianisten (oder das Orchester) spielen, den man nun mal da hat anstatt den Film so zu präsentieren, wie die Zuschauer ihn damals erlebten. Das ist bei einem Festival, das es sich auf die Fahnen geschrieben hat, sich den klassischen Kino zu widmen, ein Unding.

Andrea Dittgen