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Der Mann mit dem romantischen Gesicht

Der Mann mit dem romantischen Gesicht

90 Minuten Publikumsgespräch mit einem Star – beim Festival von Toronto ist das seit einigen Jahren schon eine feste Reihe. Neuerdings wird sie kuratiert von Christoph Straub,  einem Rheinland-Pfälzer, der in Mainz studierte. Der lud den spanischen Schauspieler und Oscar-Preisträger Antonio Banderas (59) ein, damit er über seine Karriere und sein Leben spricht. Das tat er auch. Er sprach Englisch mit starken spanischen Akzent. Was er sagte, muss irgendjemand in Windeseile in den Computer eingetippt haben, denn mit nicht mal einer Minute Verzögerung erschienen seine Worte auf der Leinwand hinter ihm – eine in dieser Form auch für Toronto neue Form der Inklusion für die Hörgeschädigten.

Antonio Banderas (rechts) beim Publikumsgespräch. Foto: Dittgen

Antonio Banderas (rechts) mit Eugene Hermandez beim Publikumsgespräch. Foto: Dittgen

Banderas, der mit den Filmen von Pedro Almodóvar bekannt wurde, erzählte, wie sie zueinander fanden. Banderas war schon ein professioneller Schauspieler am spanischen Nationaltheater, und Almodóvar noch eine unbekannter Regisseur, der gerade seinen ersten Film im Kino hatte. Almodóvar kam in die Kneipe, schaute mich an und sagte: „Du hast eine romantisches Gesicht. Du solltest Filme machen“. Zwei Wochen später war er in Nationaltheater, sah Banderas auf der Bühne, kam nach der Vorstellung zu ihm und gab ihm ein Drehbuch: „Labyrinth der Leidenschaften“ (1982). Banderas las es und sagte zu.

Es war ihr erster gemeinsamer Film, er sorgte für einen Skandal, weil sich darin zwei Homosexuelle küssen, was im katholischen Spanien damals schlimmer als jemanden zu töten, wie Banderas erklärte. „Es war ein Film, der viele Regeln brach“. Auch die nächsten Filme des Gespanns wurden kontrovers aufgenommen, „erst mit Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs“ (1988) sei Almodóvar im Mainstream angekommen. Und er Banderas, auch.

Banderas war 31, als er nach Hollywood ging und mühsam die Sprache lernte, wie er bekannte. Er sei in Hollywood immer in der spanischen Community geblieben – bis er vor kurzem wieder nach Spanien, in seine Geburtsstadt Málaga zurückkehrte, wo er ein Theater kaufte und renovierte, das am 14. November eröffnet mit „A Chorus Line“. Banderas wird den Direktor spielen.

Andrea Dittgen

So erinnert man sich richtig!

Er ist über sich hinausgewachsen. Pedro Almodóvar drehte diesmal keinen schrillen, witzigen, dialogreichen, superschwulen Film. „Leid und Herrlichkeit“, im Wettbewerb von Cannes, ist einer der schönsten (autobiografischen) und kunstvollsten Filme über das Älterwerden und das Sich erinnern seit Fellinis „Achteinhalb“ (1963). Dabei keine Tränen zu vergießen, ist nicht einfach, denn Almodóvar inzwischen 69, macht vor, wie man sich den Erinnerungen nähert. Antonio Banderas als sein alter Ego ist ein Filmregisseur, der nicht mehr dreht, weil sein Körper so viele Leiden hat, dass er das nicht mehr durchstehen würde. Als dieser Mann namens Salvador Mallo gebeten wird zu seinem größten Erfolgsfilm, der restauriert wurde und wiederaufgeführt wird, zu sprechen, denkt er an seinen ersten Lover Alberto, der damals die Hauptrolle spielte, schlecht spielte, wie er fand.

Antonio Banderas (rechts) als Regisseur Salvador und Asier Exteandria als Schauspieler Alberto treffen sich nach 30 Jahren wieder. Foto: FDC

Antonio Banderas (rechts) als Regisseur Salvador und Asier Exteandria als Schauspieler Alberto treffen sich nach 30 Jahren wieder. Foto: FDC

30 Jahre hat er nicht mehr mit ihm geredet, doch nun sieht er die Sache anders, und fährt zu ihm. Nach ersten Anlaufschwierigkeiten klappt die Versöhnung, nicht zuletzt weil der Freund von früher Salvador Heroin anbietet.  Das ist das eine. Immer wieder sieht Salvador seine vor vier Jahren gestorbene Mutter vor sich, die er verehrte und die in seinen Filmen mitspielte. Zwar gibt es eine Frau, eine Art Freundin, die sich um Salvador kümmert, aber die kann seine Mutter natürlich nicht ersetzen, die Salvador immer wieder vor Augen hat – als alte Frau und als ganz junge (Penélope Cruz), die in Valenzia am Fluss Wäsche wäscht und ein besseres Leben für ihren Jungen will. Bis in die Kindheit gehen die Rückblenden. Die ersten schwulen Erlebnisse sind dabei. Die ersten Filmerfolge Und dann wird auch Salvador von einem schwulen Freund, seiner großen Liebe, die ihn irgendwann verlassen  hat, und den er auch jahrzehntelang nicht mehr gesehen hat. Alles zusammen gibt ihm die Kraft und den Wusch wiedereinen Film zu drehen. „Drama oder Komödie?“ fragt der Arzt, der ihn operiert. „Das  „Das weiß man erst am Ende“, sagt er und meint damit sein ganzes Leben.

Mal ist es ein altes Plakat, das die Erinnerung ins Rollen bringt, mal eine Geschichte, die er vor länger Zeit schrieb, und wie wagte, sie zu veröffentlichen, weil sie zu persönlich war. Mal ist es die Einladung zu einer Ausstellung mit einem Aquarell, das in seiner Kinderzeit gemalt wurde, das Salvador in Rückblicken durch seine Leben führt und ihn in der Gegenwart endlich wieder aktiv werden lässt, nachdem er sich schon aufgegeben hatte. Es dauert eine Weile, bis man merkt, dass der Film immer poetischer und persönlicher wird, ohne in die üblichen Klischees und Sentimentalitäten zu fallen. So wie Almodóvar möchte man sich selbst auch gerne an die Vergangenheit erinnern (können), schießt es einem irgendwann durch den Kopf.  So einen ruhigen und melancholischen Film hat man Almódovar (der schon einen Oscar als Drehbuchautor hat) ganz bestimmt nicht zugetraut. Man spürt sofort, dass man ein Meisterwerk sieht. Einen Favoriten auf die Goldene Palme. Die fehlt ihm noch (Kinostart: 25. Juli).

Andrea Dittgen