Abschied von Pierre Rissient, dem „Man of Cinema“

Cannes-Tagebuch (8) 14. Mai 2018

Am Ende der 20-minütigen improvisierten Hommage kämpfte selbst Festivalleiter Thierry Frémaux mit den Tränen. Die Hommage galt Pierre Rissient. Er starb am 5. Mai im Alter von 81 Jahren. Das 71. Festival von Cannes ist ihm gewidmet. Denn viele Filme wären in den letzten 40 Jahren hier gar nicht gelaufen, hätte nicht Pierre Rissient die jeweiligen Festivalleiter so lange bearbeitet und mit seinem Enthusiasmus angesteckt, bis sie sich die empfohlenen Filme ansahen, ihm recht gaben und sie einluden.

So einen Mann wie Rissient gab und gibt es in Deutschland nicht. Der Pariser war alles: Regisseur, Drehbuchautor, Produzent, Kritiker, PR-Agent, Kinomacher, Berater des Festivals von Cannes (und anderer Festivals), Filmenthusiast und Filmscout, vielleicht der beste Filmscout überhaupt. Er reiste zu Festivals auf der ganzen Welt, machte Entdeckungen und sorgte dafür, dass sie nach Europa kamen. Er brachte Clint Eastwood, Martin Scorsese, King Hu, Jane Campion, Sydney Pollack, John Boorman, Mike Leigh, Abbas Kiarostami und Hou Hsiao Hsien nach Cannes, um nur die wichtigsten zu nennen. Er war mit Fritz Lang befreundet (den er auf den Philippinen kennenlernte), mit Raoul Walsh und lebenslang auch mit Clint Eastwood. Ihn als Cinéast und Kritiker nicht zu kennen, war unmöglich. Er war der Einzige, der in Cannes ungestraft bei jeder Gala statt im Smoking in Jeans und schlabberigem T-Shirt  auf die Bühne kommen durfte, um seine Ansagen zu machen. Der sympathische dicke Mann mit der Glatze, in den letzten Jahren dann mit Krücken, später im Rollstuhl, machte dabei unmissverständlich klar: „Es reicht nicht, einen Film zu lieben – man muss ihn auch aus den richtigen Gründen lieben“. Das sagt er in der Doku, die der Amerikaner Todd McCarthy 1970 über ihn drehte („Man of Cinema“) und das sagte bei der Hommage auch Bertrand Tavernier.

Pierre Rissient in den 60er Jahren. Foto. FDC 2007

Pierre Rissient in den 60er Jahren. Foto. FDC 2007

„Es gibt Erinnerungen, Millionen Erinnerungen mit Pierre“, sagte der Regisseur und Historiker Tavernier, der 56 Jahren mit Rissient befreundet war und oft mit ihm und unzähligen Regisseuren zusammen saß: „Zum Beispiel mit John Ford, der erklärte, dass uns erklärte, dass er keinen Film mehr machen will, mit Raoul Walsh, der uns zeigte, wie man sich seines Produzenten entledigt (er spielte mit seinem Glasauge, ließ es in den Kaffee fallen und zog es dann wieder an). Man kann sich eigentlich nicht vorstellen, dass das Leben weitergeht und nicht jeden Tag einen Telefonanruf von Pierre gibt, der sagt: hast du diesen Film gesehen? Ich mag ihn. Magst du ihn auch so wie ihn mögen muss? Ich erinnere mich an sein Bedauern, dass es nie Anatole Litvak persönlich begegnete. Er interessierte sich für Filme aus der ganzen Welt, seine Neugier war unermesslich. Zwei Tage vor seinem Tod ruft er mich morgens an und sagt: Ich habe einen Western von Philip Garson wiedergesehen, das musst du auch tun. Wir haben viele Filme zusammen betreut, ohne dafür Geld zu nehmen.“

Rissient war zuerst Assistent von Henri Decoin, dann bei Claude Chabrols „Les Cousins“ (1959) und bei Jean-Luc Godards „Außer Atem“ (1959). In dieser Zeit gehörte er zum berühmtesten Filmclubs Frankreichs, den Mac Mahoniens – als Programmgestalter (mit Tavernier und anderen) im Pariser Kino Mac Manon holte er  die damals in Frankreich US-Regisseure wie Walsh, Otto Preminger,  Joseph Losey und Fritz Lang nach Paris und war mehr oder weniger ihr Pressegant. Jane Campion schickte einen Beitrag zur Hommage, dass sie ihm ihre Karriere verdankt. Todd McCarthy betonte, dass Rissient ihn auch mit seinem Wissen verblüffte. Selbst 50 Jahre, nachdem Rissient einen Film gesehen habe, habe Rissient ihn korrigiert, wenn er ein Detail falsch wiedergab.

„Er wird uns fehlen, er ist jemand, der uns beschützte“, meinte Thierry Frémaux. Clint Eastwood, Jerzy Schatzberg und Quentin Tarantino haben ein paar Worte zu seinem Tod geschickt.

Gilles Jacob, der langjährige Festivalleiter von Cannes berichtete, wie er Rissient n den 60er Jahren als Presseagent kennenlernte. Er machte Vorführungen in einem Kino mit einem langen Gang und sorgte dafür, niemand, dem der Film nicht gefiel, nicht vorher den Saal verließ. Später war er Filmscout für die großen Festivals in den USA und Asien und für Cannes. Ich nahm ihn hzu einer Geheimvorführung mit, unter der Bedingung, dass er versprach, Stillschwiegen zu bewahren. Am nächsten Tag rief Pierre die Festivalkoordinatorin Nada Bronson, um ihr zu sagen, dass er Film schlecht sei. Sie kennen mich doch, ich verspreche etwas, aber das hindert mich nicht daran zu sagen, was ich denke. Später wollte er immer als erster wissen, welche Filme wir für Cannes genommen haben und wen für die Jury. Das geschah nicht nur aus Neugier, sondern auch, um uns seiner Meinung nach vor Dummheiten zu bewahren. Und er hat uns vor vielen Dummheiten bewahrt. Das war Pierre“.

Bereits lange vor seinem Tod hatte Thierry Frémaux für die Reihe „Cannes Classic“ einen der beiden Spielfilme von Pierre Rissient programmiert: „Cinq et la Peau“ (1982) mit Fédor Atkin, der als Romanautor durch Manila läuft, diverse Sex-Abenteuer hat, sich dabei wie damals üblich ziemlich machohaft verhält und laut über das Leben nachdenkt. Frisch restauriert lief der Film nun als Abschiedsvorstellung (ab 30. Mai auf DVD).

Andrea Dittgen

Nicht ohne die Pfälzer!

Cannes-Tagebuch (7) Nachtrag zum  12. Mai 2018

„Könnt ihr mal ein bisschen ruhig sein da dahinten!“ Energisch schnappte sich Margarethe von Trotta das Mikro und versuchte gegen die große Geräuschkulisse beim Empfang von German Films anzukommen. „Man kommt  hierher, und alle reden, da kann ich auch gleich wieder gehen“, sagte sie, als sie auf der Bühne vorgestellt wurde – und ging auch wirklich gleich wieder. Die deutsche Regisseurin zeigt am Dienstag in der Reihe „Cannes Classics“ ihre Dokumentation „Auf der Suche nach Ingmar Bergman“ als Premiere. Was sonst. In Frankreich wird die 76-Jährige mehr gefeiert als bei uns, deshalb wurde sie eingeladen. Und natürlich weil Ingmar Bergman (1918-2007) vom Festival zu Lebzeiten noch als weltbester Regisseur gefeiert wurde und man nun seinen 100. Geburtstag feiert. Das sagte Mariette Rissenbeek, die Geschäftsführerin von German Films, natürlich nicht. Hätte sich auch nicht so gut gemacht.

Mariette Rissenbeek von German Films (links) stellt Margarethe von Trotta vor. Foto: Dittgen

Mariette Rissenbeek von German Films (links) stellt Margarethe von Trotta vor. Foto: Dittgen

In diesem Jahr, da Deutschland keinen Film im Wettbewerb hat, war auch der Empfang bescheidener. Zumindest die Reden. Staatsministerin Monika Grütters war gar nicht erst gekommen, und Bernd Neumann, der Präsident der Filmförderungsanstalt, wollte wohl nichts sagen. So beschränkte sich Mariette Rissenbeek auf die vier Minuten, in denen sie einen kurzen Überblick gab, was in den letzten zwölf Monaten geschah, als alles in Cannes mit Fatih Akins Film „Aus dem Nichts“  im Wettbewerb startete. Und wohl so mache der eingeladenen Produzenten, Schauspieler, Regisseuren, Filmschaffenden aller Art und Journalisten  dürften gestaunt haben, als Rissenbeek den Titel des weltweit erfolgreichsten deutschen Films nannte: die Koproduktion „A Stork’s Journey“ mit Richard dem Storch, eine Animation, ein Kinderfilm, ein ziemlich guter sogar. Ausschnitte konnte man – zusammen mit denen anderer deutscher Filme – auf der im Garten der Villa Noailles (der Mediathek) aufgebauten Leinwand sehen.

Dicht gedrängt standen die Gäste beim Empfang. Wie immer war die Musik ein bisschen zu laut, um sich unterhalten zu können (warum muss es bei solchen Empfängen eigentlich immer Musik geben, die Leute wollen doch reden?). Und wie immer war die Pfalz voll im Bild: als Weinsponsor, diesmal mit weißer Burgunder, Sauvignon Blanc, Rose und Spätburgunder Spätlese, alle trocken.

Große Plakatwand mit Landschaft und schräg gestellte Flaschen, so präsentierte sich das Weinland Pfalz beim deutschen Empfang. Foto: Dittgen

Große Plakatwand mit Landschaft und schräg gestellte Flaschen, so präsentierte sich das Weinland Pfalz beim deutschen Empfang. Foto: Dittgen

Und wie immer traf ich Isolde Barth, der größte Filmfan unter den Pfälzer Schauspielerinnen. Die gebürtige Maxdorferin, die  schon mit Rainer Werner Fassbinder arbeitete, sieht immer elegant aus. Sie altert nicht, war im Vorjahr in einem Tatort zu sehen und kommt jedes Jahr nach Cannes, um Film zu schauen. Mindestens einen pro Tag, im Wettbewerb hat ihr der Film von Kirill Serebrennikov gut gefallen, aber sie  hat auch anderes auf ihrem Plan, etwa die besten deutschen Kurzfilme, die mit dem Short Tiger ausgezeichneten, die immer sonntags im Beisein der Nachwuchsregisseure im Filmmarkt gezeigt werden.

Die Schauspielerin Isolda Barth ist der größte Pfälzer Filmfan in Cannes - seit Jahren schon. Sie kommt weniger , um sich zu präsentieren, sie sieht sich täglich Filme an. Foto: Dittgen

Die Schauspielerin Isolde Barth ist der größte Pfälzer Filmfan in Cannes  – seit Jahren schon. Sie kommt weniger , um sich zu präsentieren, sie sieht sich täglich Filme an. Foto: Dittgen

In dem Auszug der Gästeliste, den die Presse vorab bekam, stand Isolde Barth seltsamerweise nicht drauf (dabei wird sie im August 70 und ist ein wichtiger Teil der deutschen Filmgeschichte), umso schöner war es, sie so gutgelaunt zu sehen. Auf der Gästeliste, das muss man der Fairness halber sagen, stehen natürlich vor allem die Namen derjenigen, die in diesem Jahr einen Film in Cannes präsentieren wie Wim Wenders und Ulrich Köhler,  und andere Prominente wie die Regisseurin Emily Atef, die vor kurzem den deutschen Filmpreis bekam für „3 Tage in Quiberon“ und ihre Kollegin Asli Özge (zuletzt drehte sie den Thriller „Auf einmal“), die ins Cinéfondation-Atelier des Festivals eingeladen wurde. Trotz des kühlen Wetters war die Stimmung bei dem abendlichen Empfang am Samstag gut, und ein paar mehr Häppchen als im Vorjahr gab es auch.

Andrea Dittgen

Handyman Godard

 

Jedes Jahr gibt es in Cannes einen Moment für die Ewigkeit, etwas, das man nie vergisst. In diesem Jahr war das die 45-minütige experimentelle Pressekonferenz mit dem Regisseur Jean-Luc Godard, der seinen Film „livre d’image“ im Wettbewerb zeigte: einen philosophischen Experimentalfilm. Godard kam nicht, warum er nicht wollte, wagte niemand zu fragen, immerhin ist er schon 87 Jahre alt. Er wollte aber per Videokonferenz Fragen in der Pressekonferenz beantworten.

Zuerst machten die Cannes-verantwortlichen klar: Er wird nur auf einem einzigen Handy zu hören sein, der Ton wird im Raum verstärkt, damit ihn alle hören können. Es gibt keine Projektion des sprechenden Godard, eigentlich gar kein Bild von Godard. Dann gab Gérard Lefort, als Leiter der Pressekonferenz Anweisungen: „Godard wird so freundlich sein, auf Ihre Fragen zu antworten. Per Telefon. Face Time. Wer eine Frage stelle will, geht vor das Mikrofon, sagt seinen Namen und ,bonjour‘, das ist nicht ausgeschlossen, und sagt für welches Medium er arbeitet. Am besten gehen Sie zu zweit ans Mikro. Jetzt.“

Jean-Luc-Godard eill beid er Pressekonferenz nur auf dem Handy erscheinen. Das Bild darf nicht vergrößert werden. Foto: dittgen

Jean-Luc-Godard eill beid er Pressekonferenz nur auf dem Handy erscheinen. Das Bild darf nicht vergrößert werden. Foto: Dittgen

Fabrice Aragno, sein Mitarbeiter und Verleiher hielt das IPhone hoch, in dem man dann doch JLGs Gesicht sah. Das Phantom war sichtbar, zwar nicht im ganzen Saal, wo etwa 100 Journalisten saßen, sondern nur für den Fragesteller am Mikro, aber immerhin. Der Meister wollte es so, keine Projektion auf große Leinwand nicht, nur quasi persönliche Gespräche. Eine absurde Situation, die zu seinen Filmen passt.

Doch dann sah man doch den Meister: man sah sein Gesicht, er rauchte eine Zigarre, es qualmte, er lachte. Dann warf er einen Blick in den Saal. „Das sind ja Geräusch wie beim Maschinengewehr“ meinte und lächelte. Maschinengewehre kommen auch in seinem Film vor. Die Schlange der  Fragesteller am Mirko wurde länger. Ein paar seiner Antworten (die Fragen sind egal, er antwortet nie direkt).

Absurde Interviewsituation: der Fragesteller im großen Saal, der Meisternantwortet per Handy. Foto: Dittgen

Absurde Interviewsituation: der Fragesteller im großen Saal, der Meisternantwortet per Handy. Foto: Dittgen

Ich mache Filme. In meinem Alter bin ich mehr als Fakten als an allem andere interessiert. An dem, was passiert und was nicht passiert. Die Menschen sprechen mehr über das was passiert, aber das, was nicht passiert, kann zum Desaster führen.

Ich wollte das Film mehr auf einem Roman basiert. Und zeigen, dass die Araber nicht wirklich andere Völker brauchen. Sie haben das Rating erfunden. Sie haben Öl, mehr Öl als notwendig ist. Man muss sie allein lassen. Wir können ihnen  nichts diktieren. Ein Film wird nicht gemacht, um etwas zu diktieren. Die meisten Filme hier zeigen was, passiert. Die wenigsten zeigen, was nicht passiert. Ich hoffe, meiner zeigt, was nicht passiert. Man muss mit seinen Händen denken und nicht mit seinem Kopf.

Der Film hat einen langen Weg hinter sich. Der französische Produzent gab auf, und eine kleine Schweizer Firma sprang ein. Ich nahm die Einladung von Thierry Frémaux an, um Werbung zu machen um Geld zu finden, damit der Film fertig gemacht werden kann. In Frankreich will man ihn nicht aufführen. In den nächsten zehn Jahren wird er in wenigen Kinos zu sehen sein. Avantgardekinos werden  meinen Film zeigen. Es sind militante Kinos, aber es sollte eine freudige Sache sein.

Drehen ist Vergangenheit, die Archive haben Dinge, die von der Zukunft erzählen. Ich verstand schnell, das Wichtigste ist nicht der aktuelle Dreh, sondern der Schnitt. Man ist freier und kann mehr denken. Digitaler Schnitt wird mit der Hand gemacht das heißt: denken mit der Hand.

Man kann nichts ohne die Hände tun. Man kann den Kopf nicht bewegen, nicht essen, nicht Liebe machen. Deshalb beginnt mein Film mit den fünf Fingern, sie sind eine Hand.

In den letzten vier Jahren habe ich mehr Filme gesehen als Frémaux in seinem ganzen Leben als Festivalleiter. Ich will sehen, wie sich Töne und Bilder sinnvoll zusammenfinden in einem Film von mir. Es muss eine Art Geschichte.  Das Ziel war es, den Ton vom Bild zu trennen. Licht ist so wichtig wie bei den Impressionisten. Kunst ist Licht. Cézanne brachte Farbe rein, das hat mit Sprache zu tun, selbst wenn wir über Heidegger reden. Der Ton sollte nicht zu weit von den Bilder weg sei. Eine ideale Projektion ist ein Café statt einem Fernsehbildschirm. Sie sehen den Film als einen Stummfilm, der Ton kommt von hier und da aus dem Lautsprecher – und plötzlich merkt der Zuschauer im Café, dass Ton und Bild zusammengehen.

Die meisten Leute heute haben nicht den Mut, das Leben zu leben, das sie wollen und könne es sich auch nicht mehr vorstellen. Ich habe wenigstens en Mut, mir meine Leben vorzustellen. Das macht es möglich, weiter zu arbeiten. Und auf den Zug der Geschichte aufzuspringen.

Ich kann nicht über Putin sprechen, weil ich Herrn Putin nicht kenne, Herrn Macron und Frau Merkel auch nicht, Mich interessieren andere Dinge.

Am Anfang habe ich Filme gemacht mit Schauspielern, es ist eine Frage, ob man Spielfilme oder Dokumentarfilme macht. Es hängt von Politik ab. Bernard Lefort schrieb, die modernen Demokratien haben der Politik einen anderen Weg des Denkens gebracht. Sie tendieren zum Totalitarismus.

Andrea Dittgen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Saudis zeigen, wie eine Filmindustrie entsteht

Cannes-Tagebuch (5) 11. Mai 2018

Als am 18. April 2018 die Saudis nach über 35 Jahren wieder ein Kino eröffnen durfte (mit „Black Panther“, zwei Kuss-Szenen wurden angeblichen dafür rausgeschnitten), war es seine Sensation. im Zuge der Re-Islamisierung (Wahhabismus, besonders strenge Auslegung des Islam)  hatte die Regierung von Saudi Arabien alles verboten, was mit Kino und Film zu tun hatte. Bestehende Kinos wurden geschlossen, im Land selbst entstanden keine Filme. Nun stürzt sich das Land in die Filmproduktion. Doch wie soll das gehen, wenn man so lange von der Filmwelt abgeschnitten war und praktisch bei null anfangen muss?

In Cannes lud die General Cultural Authority nebst dem neugegründeten Saudi Film Council (SFC) zur Pressekonferenz ins Hotel Carlton ein. Nobler geht es nicht. Was da verkündet wurde, war auch eine Sensation. 35 Prozent Basis-Filmförderung für internationale Produktion im Land plus 50 Prozent Förderung für alle weiteren Ausgaben im Land. Das ist selbst mehr als die Kanadier (bis zu 40 Prozent) zahlen, von der deutschen Filmförderung ganz zu schweigen.

Ahmed Almazid, der Geschäftsführer der general Culture Authority von Saudi Arabien erklärte, wie sein Land eine Filmindustrie aufbauen will. Foto: Dittgen

Ahmed Almazid, der Geschäftsführer der General Culture Authority von Saudi Arabien, erklärte, wie sein Land eine Filmindustrie aufbauen will. Foto: Dittgen

33 Millionen Bewohner hat Saudi Arabien, 70 Prozent sind unter 18 Jahren. „Wir haben die größte Social-Media-Dichte in der Welt“, informierte Ahmed Almaziad, der Geschäftsführer der Kulturautorität (seltsamer, aber korrekter Name, denn es gibt Zensur im Land). Der Aufbau der Filmindustrie ist eine von fünf Sparten im Unterhaltungsbereich, der die Abhängigkeit vom Erdöl mindern soll“. Wir wollen die jungen Talente im Land unterstützen, und wir haben Geschichten, die sehr alt sind, und nicht alle sind. Wir sind zum ersten Mal in Cannes, im Filmmarkt, um uns der Welt vorzustellen.“ Das tun sie mit einem Buch, das die Landschaften zeigt und anderen Beigaben, die man im Saudi-Pavillon bekommt.

Der Stand von Saudi Arabien auf der Filmmesse bietet ein orientalisches Ambiente. Foto: Dittgen

Der Stand von Saudi Arabien auf der Filmmesse bietet ein orientalisches Ambiente. Foto: Dittgen

Die Grundförderung für Filme beträgt 35 Prozent der Produktionskosten, so Almazid. „Wir entwickeln Richtlinien, um über die 35 Prozent zu gehen. Und wir geben 50 Prozent Zuschuss, wenn im Land mit Einheimischen gearbeitet wird. Das ist ein Lockruf, nach Saudi Arabien zu kommen und hier zu drehen“.  Das gilt für Spielfilme, Animation, Dokumentarfilme, Drehbuchschreiben. „Der Markt wird exponentiell wachsen“. In den nächsten Wochen sollen die Richtlinien ausgearbeitet werden, auch was die Zensurbedingungen sind. „Dabei geht es darum, was in die Gesellschaft in Saudi Arabien akzeptiert, heute wird vieles akzeptiert, was vor zwei Jahren noch unmöglich war“, macht Almazid klar. Frauen dürfen sich westlich kleiden, das gibt es in bereits. Es gibt zwar keine speziellen Frauenprogramme, aber „die erfolgreichsten Filmemacher in Saudi Arabien sind Frauen, die Hälfte der Filmemacher, die wir zur Ausbildung ins Ausland schicken, sind Frauen, so SFC-Direktor Faisal Baltyuor.

Die weiße Stofftasche, die Besucher des Saudi-Pavillons bekommen, ist professionell gefüllt: Sie enthält ein Buch mit den Schönheiten des Landes, Moleskine-Block, Kugelschreiber, Schreibpapier und eine kleine Box mit Datteln. Foto: Dittgen

Die weiße Stofftasche, die Besucher des Saudi-Pavillons bekommen, ist professionell gefüllt: Sie enthält ein Buch mit den Schönheiten des Landes, Moleskine-Block, Kugelschreiber, Schreibpapier, Screening-Guide und eine Geschenkbox mit Datteln. Foto: Dittgen

Filme aus auswärts, die in den Saudi-Kinos laufen – bis 2030 sollen 350 Kinos für Hollywood- und Arthouse-Filme mit über 2500 Sälen entstehen – müssen jedoch wahrscheinlich über eine Verleih-Gesellschaft der Saudi-Regierung eingeführt werden (sonst könnten man nicht zensieren).

Bereits gestartet ist das Ausbildungsprogramm. Im Land gibt es (noch) keine Filmschulen, der Nachwuchs wird nach Amerika geschickt, zu Filmhochschulen und Meisterklassen nach Amerika und Frankreich. In Cannes sind die ersten elf Kurzfilme zu sehen.

Auch mit Deutschland (Filmhochschule Babelsberg steht man schon in Kontakt). Und nicht zu vergessen: Razor Film aus Berlin coproduzierte „Das Mädchen Wadjda“ (2012), den ersten in Saudi Arabien gedrehte Spielfilm, von der Regisseurin  Haifaa Al Mansour und kündigte in Cannes an, auch ihren zweiten Film „The Perfect Candidate“ zu coproduzieren, es ist der erste Film, der vom SFC gefördert wird.

Das hört sich zwar alles etwas großspurig, aber eben auch sehr spannend an, selbst wenn noch keine Summen und Filme genannt wurden. Denn während überall in Europa und Amerika das Kino auf dem absteigenden Ast ist und gegen Internet und Streamingdienste immer mehr Prozente verliert, gibt es nun ein Land im Orient, in dem die Kinoindustrie von null auf 500 im Eiltempo aufgebaut wird. Einen solchen Fall gab es praktisch seit der Stummfilmzeit nicht mehr.

Infos: www.film.sa

Andrea Dittgen

 

Der Mutter sei Dank!

Cannes-Tagesbuch (4) 10. Mai 2018

So absurd es klingt, angesichts des Selfie-Verbotes auf dem roten Teppich gibt es nun eine Anti-Selfie-Eingreifgruppe analog zur Anti-Terrorgruppe. Sie besteht aus Sicherheitsleuten und Festivalleiter Thierry Frémaux persönlich. Ein Kollege des Hollywood Reportes sah, wie Frémaux höchst selbst einer Frau beim Selfiemachen ans Handy griff, andere Besucher wurden von der Eingreiftruppe schon gewarnt, als sie einfach nur ihr Handy in der Hand hielten. Und dennoch war es wohl schon am Eröffnungstag einigen mutigen Frauen gelungen, Selfies auf dem Teppich zu machen, sie standen in einem Pulk, so dass die Sache nicht so überschaubar war. Inzwischen informiert sogar am Schild am Teppich-Eingang, dass man nicht gar fotografieren darf. Wahrscheinlich dauert es höchstens noch zwei Tage, bis bei der obligaten Taschenkontrolle – sie ist vor dem roten Teppich – gleich sämtliche Handys beschlagnahmt werden. Macht 2300 Handys pro Vorstellung. Wahnsinn!

„Wahnsinn“ sagt auch Ryan Coogler öfter – bei dem öffentlichen Künstlergespräch am Mittwoch. Mit 31 Jahren war der farbige Amerikaner der jüngste Filmemacher, dem die Ehre des Künstlergesprächs zuteilwurde. Drei Filme hat er bislang erst gedreht, Cannes war sein erstes europäisches Filmfestival 2013: „Nächster Halt: Fruitvale Station“ gewann den Zukunftspreis in der Reihe „Un certain regard“. Sein zweiter Film „Creed: Rocky Legacy“, die Fortsetzung der Rocky-Geschichte mit Sylvester Stallone brachte Stallone eine Oscar-Nominierung ein. Cooglers dritter Film „Black Panther“, der zurzeit noch im Kino läuft, ist dem Einspielergebnis nach der viert erfolgreichste Film aller Zeiten. Doch Coogler bleibt offenbar trotzdem noch auf dem Teppich. Er lacht viel, sagt oft  „oh Man“ und erzählt ohne Allüren – und noch nicht ganz so wie ein allglatter Profi. Letzteres wird es wohl nie, dazu ist sein Akzent zu stark und ungewöhnlich (er wirkt wie ein Dialekt), auch stottert er leicht und gestikuliert wie eine Rapper. Beim Reden zoppelt er solange das Mikro am Anzugrevers zurecht, das ihn störte, bis die Techniker ihm entnervt ein altmodisches großes Mikro in die Hand drücken.

Künstlergespräch in Cannes. ryan Coogler (links) und der US-Kritiekr und filmhistroiekr Elvis Mitchell. Foto: Dittgen

Künstlergespräch in Cannes: Ryan Coogler (links) und der US-Kritiker und Flmhistoriker Elvis Mitchell. Foto: Dittgen

Und Coogler sagt Sachen, die man sonst nicht hört. Er ist in Oakland aufgewachsen, in der schwarzen Gemeinde. Dazu steht er und zu seinem Akzent. Er mochte Kino von klein auf, sagt der 1986 geborene und nennt als erstes „Star Wars“. Sein Vater schleppte ihn in Actionfilme. Doch wichtiger für die kleinen Ryan war die Mutter. „Sie war eine IMDB (Internet Movie Data Base“). Sie wusste genau, wer wann wo vorher schon mitgespielt hat“, erzählte Ryan. „Sie wusste, welche Filme gerade im Kino liefen. Sie nahm mich mit in Filme aller Genres.“ Und ihr ist es auch zu verdanken, dass es in all seinem Filmen starke Frauenfiguren gibt und er bisher nur mit Kamerafrauen und mit Cutterinnen arbeitete. „Frauen sind wichtiger als Männer. Sie sind die Chefs der Familie, sie sind sehr intelligent. Denn so war es auch in dem Umfeld, in dem ich aufgewachsen bin, ich war umgeben von unglaublichen Frauen.“

„City of God“ (2002), der brasilianischen Kinder-Gangsterfilm, war der erste Film, den er mit Untertiteln sah. Er nannte „Ein Prophet“ (2009) von Jacques Audiard  und „Hass“ (1995) von Matthieu Kassovitz als wichtige Filme – und „Amores Perros“ (2000) von Alejandro Iñárritu. Was für einen Amerikaner dann doch überrascht.

Als er bei einem Treffen junger Regisseure, zu dem der farbige Schauspieler Forest Whitaker einlud, erzählte, dass er gerne die Geschichte des in der U-Bahn von einem Polizisten grundlos erschossenen jungen farbigen Oscar verfilmen würde, sagte Whitaker spontan zu, den Film zu produzieren. „Fruitvale Station“ gewann viele Preise. Nun sagte auch Sylvester Stallone, den Coogler bereits vor seinem Debütfilm die Geschichte von „Creed“ erzähl hatte, dem Nachwuchsmann zu. „Vorher konnte ich nichts vorweisen, jetzt hatte ich ja einen Film“, erklärt Coogler lachend. Noch weiter zurück geht Cooglers Idee, den Comic „Black Panther“ zu verfilmen. Den kannte er schon seit seiner Kindheit. „Zu diesem Film inspiriert haben mich vor allem die James-Bond-Filme und ,Der Pate‘,“ bekennt er.

Andrea Dittgen

Erschieß den Kritiker!

Cannes-Tagebuch (3) 9. Mai 2018

Heute habe ich mich mit meinem offiziell um drei Liter Fassungsvermögen zu großen Rucksack ins Palais gewagt. Und hatte keine Probleme, damit durchzukommen. Welche Erleichterung! Allerdings betrug das Warten auf den Einlass morgens zur Stoßzeit 18 Minuten, wohlgemerkt vom Ankommen vor dem Palais bis zum Passieren der Tore mit den Detektoren. Nachmittags als ich unterwegs zur Retro war, ging es schon flotter: zwei Minuten.

In Cannes gibt es keine Eintrittskarten, sondern Einladungen, mit denen man in den Saal gelassen wird. So sieht eine aus. Foto: Dittgen

In Cannes gibt es keine Eintrittskarten, sondern Einladungen, mit denen man in den Saal gelassen wird. So sieht eine aus. Foto: Dittgen

Recht flott war auch die Einführung, zu der Festivalleiter Thierry Frémaux erschien  (das macht er bei fast jedem Retrofilm) und keinen Geringeren als Martin Scorsese begrüßte. Denn seine Filmstiftung hatte „Enamorada“ (1946) von Emilio Fernandez restauriert. „Der Film gewann 1947v so ziemlich alle Ariels, das ist der mexikanische Filmpreis“, klärte Scorsese auf und seine Begeisterung über das zur mexikanischen Revolution spielende Werk, das auf der Widerspenstigen Zähmung basiert, wie er erläuterte,  kannte keine Grenzen. Und er wusste, dass der Regisseur, Emilio Fernandez (1904-1986) auch selbst in der Revolution kämpfte, gefangen genommen wurde, ins Gefängnis kam und 1923 wieder freikam.

Martin Scorsese (links) und Thierry Frémaux bei ihrer Einleitung zu "Enamorada". Foto: Andrea Dittgen

Martin Scorsese (links) und Thierry Frémaux bei ihrer Einleitung zu „Enamorada“. Foto: Dittgen

„Er verließ das Land, ging erst nach Chicago, dann Los Angeles, wo er das Model für die Oscar-Statue wurde“, so Scorsese weit. Ein Mexikaner ist das Model für den Oscar? Wehe, wenn das Donald Trump erfährt, er würde  sofort einen Zaun um die Statue ziehen. Doch wie war das mit der Statue? „Fernandez war mit der Schauspielerin Dolores del Rio befreundet (auch Mexikanerin, damals ein Star in Hollywood), die mit Cedric Gibbons, dem Chefdesigner des Studios MGM verheiratet war. Sie schlug Fernandez als Model für die Statue vor – und so kam es.

Die Einladung zur Vorführung. Foto: Dittgen

Die Einladung zur Vorführung. Foto: Dittgen

Doch rückwirkend gesehen hat das Fernandez nicht verdient. Denn – nun erzählte Frémaux nach der spitzbübischen Frage „Sind Filmkritiker im Saal?“ (nein, ich habe mich nicht gemeldet, bin ja nicht blöd) – dass Fernandez der erste Filmregisseur war, der auf einen Kritiker geschossen hat. Der Kritiker hatte sich negativ über seinen Film äußerte. Der Kritiker wurde verletzt (der Schuss soll in die Hoden gegangen sein), die Sache kam vor Gericht. Fernandez wurde freigesprochen, der Richter sah es als erwiesen an, dass Fernandez in seiner Ehre verletzt war. „Heute geht man großzügiger mit Filmkritikern um“, konnte sich ausgerechnet Frémaux nicht verkneifen.

Bevor Protest anheben konnte, erzählte Scorsese schnell weiter: „Fernandez, zeitweise der berühmteste Regisseur Mexicos, war  auch als Schauspieler in Hollywood bekannt, er hat in Sam Peckinpahs ,Pat Garret und Billy the Kid‘ mitgespielt und in John Fords ,The Fugitive‘.“ Dann zählt er noch die Geldgeber der Restaurierung auf und erzählte stolz das, was sonst nur Kinematheksmitarbeiter tun: Dass die Restaurierung vom Original Kamera-Negativ gemacht wurde, das zum Teil aber beschädigt war, sodass man es mit einer 35-mm-Kopie ergänzte, und dass es nun eine digitalisierte 4K und eine Filmkopie gibt. Und all das nicht mal zehn Minuten! Diese grandiose Einführung zu toppen, dürfte schwer sein – nicht nur hier in Cannes.

Andrea Dittgen

 

Die große Cate und die Quinzaine

signature_banniere-longue_A-01

Cannes-Tagebuch (2) 8. Mai 2018

In Frankreich ist Feiertag. Das Kriegsende 1945 wird am 8. Mai gefeiert. Doch wer nun denkt, in der Stadt wären alle Läden zu wie in Deutschland an Feiertagen, der irrt. Der Panikkauf am Vorabend mit Klopapier, Kaffee und Obst & Co. wäre nicht nötig gewesen. Die meisten Läden haben geöffnet, egal ob Supermarkt oder kleiner Kleiderladen, denn niemand will sich ein Geschäft entgehen lassen, heute, wo doch das Filmfestival beginnt, und aus dem 60.000-Einwohner-Städchen eins mit doppelt so vielen Menschen wird. Auch am Donnerstag, dem nächsten Feiertag (Christi Himmelfahrt) werden die Läden offen sein, das ist doch beruhigend, was das frische Frühstückscroissant von der Bäckerei am Eck angeht – und auch beunruhigend, denn mein Apartment liegt an der Straße zur Croisette. Es gibt also auch am Feiertag morgens früh schon Lärm.

Erstmals seit ich nach Cannes fahre (seit 1994, damals gewann so ein US-Newcomer mit einem furiosen  Film namens „Pulp Fiction), gibt es am ersten Tag nachmittags vorab nicht den Eröffnungsfilm für die Presse. Wir dürfen ihn erst abends parallel zur offiziellen Gala sehen. So hat man tagsüber genug Zeit, endlich einen Plan zu machen – im Internet steht im Pressebereich tatsächlich der Plan der Pressevorführungen und Pressekonferenzen. Die erste Zusage für ein Interview trudelt ein, mit Wim Wenders über seinen Papst-Film, der außer Konkurrenz läuft. Blöderweise am Tag, bevor der Film läuft – so wird das Interview eine Herausforderung.

Der Verleih neue Filmkunst Werner Kirchner war für seine Plakate berühmt. Dieses Plakat maslte Regisseur Jan Lenica selbst. Zu sehen in der Quinzaine-Ausstellung in Cannes.

Der Verleih neue Filmkunst Werner Kirchner war für seine Plakate berühmt. Dieses Plakat maslte Regisseur Jan Lenica selbst. Zu sehen in der Quinzaine-Ausstellung in Cannes.

Einen Kilometer vom Festivalzentrum entfernt, bietet die Sektion „Quinzaine des réalisateurs“ eine Ausstellung, sie wird 50. Sie entstand 1969 als Folge des 1968 wegen der Mai-Unruhen angebrochenen Festivals. Damals hatten sechs Regisseure aus Solidarität mit den Demonstranten in Paris den Abbruch gefordert: Jean-Luc-Godard (87, hat dieses Jahr einen Film im Wettbewerb), Roman Polanski (84, hatte 2017 einen Film im Wettbewerb), Claude Lelouch (80, macht zu schlechte Filme, um in den Wettbewerb zu kommen), Louis Malle (1932-1995), Claude Berri (1934-2009) und Jean-Gabriel Albicocco (1936-2001). Die Quinzaine zeigte die ersten Filme des neuen deutschen Kinos. Von Rainer Werner Fassbinder, Werner Herzog, Volker Schlöndorff. Doch in der Ausstellung tauchen die Deutschen nicht auf. Diese ignoranten Franzosen! Das einzig Deutsche in der Zusammenschau mit Fotos und Filmen ist ein deutsches Plakat des Films „Adam 2“ ´(1968) von Jan Lenica, von Lenica selbst gemalt, das der Verleih Neue Filmkunst Werner Kirchner aus Göttingen anfertigen ließ. Das ist schon enttäuschend. Immerhin gibt es im neuen Buch zur Quinzaine sechs Seiten über das deutsche Kino nebst einen schönen Herzog-Karikatur. Das versöhnt. https://www.quinzaine-realisateurs.com/

In dem neuen Buch "Quinzaine des réalisateurs Cannes les jeunes années" gibt es diese schöne Herzog-Karikatur des Autors Bruno Icher

In dem neuen Buch „Quinzaine des réalisateurs Cannes les jeunes années“ gibt es diese schöne Herzog-Karikatur des Autors Bruno Icher

Das kann man vom Eröffnungsfilm nicht sagen. Schlimm genug ist, dass die 1000 Journalisten, die parallel zur Gala im großen Saal Lumière (2300 Plätze) im kleineren Saal Debussy Einlass gefunden hatten, sich die Eröffnungsfeier ansehen mussten (sonst wären sie nicht mehr ins Kino gekommen). Sie dauert etwa eine Stunde und ist um vieles langweiliger ist als bei der Berlinale, weil die Franzosen keine freche Anke Engelke als Moderatorin haben und Festivalleiter Thierry Frémaux (57), obwohl schon ein Jahr länger im Amt als Dieter Kosslick (69), längst nicht so witzig ist. Auch spielt sich alles auf Französisch ohne  Untertitel ab, was nicht jedermanns Sache ist. Immerhin war es nett anzusehen, dass Jury-Präsidentin Cate Blanchett zusammen mit dem einen Kopf kleineren Martin Scorsese das Festival für eröffnet erklärte. Dass der Eröffnungsfilm „Everybody Knows“ des zweifachen Oscar-Preisträgers Asgar Farhadi aus dem Iran schlecht war, konnten die beiden nicht ahnen. Wir Kritiker auch nicht. Sind alle Wettbewerbsfilme so schlecht, und Frémaux hat deshalb beschlossen, den Journalisten nichts vorab zu zeigen? Mal sehen, wie es weitergeht.

Andrea Dittgen

 

Ohne Plan mit falschen Rucksack

Cannes-Tagebuch (1) 7. Mai 2018

Jean-Paul Belmondo küßt Anna Karina in Jean-Luc Godards „Pierrot le fou”. Diese Filmszene, grafisch aufgepeppt, die das Plakat der 71. Filmfestspiele von Cannes ziert, löste bei mir große Vorfreude aus – und ein schlechtes Gewissen. Der Film wurde  1965 in Hyères gedreht, etwa 130 Kilometer von Cannes entfernt. Da, wo ich aufgewachsen bin! Okay, damals war ich vier, also viel zu jung, um bei Dreharbeiten dabei sein zu dürfen, aber so ein Plakat verbindet und stimmt fröhlich.

20x12_Cannes18

Es versöhnt mich mit den neuen Schikanen, die Festivalleiter Thierry Frémaux, angekündigt hatte. Keine Selfies auf dem roten Teppich! War ohnehin nicht so mein Bedürfnis. Keine Filme von Netflix und anderen Streamingdiensten, wenn die nicht ins Kino kommen! Macht nichts, es gibt genug neue Filme. Keine Vorab-Pressevorführungen mehr, damit die schlechten Kritiken vor der Gala des Stars nicht die Laune verderben! Das ärgert mich schon, denn es ist eine Form, nicht von Zensur, aber von Einflussnahme auf die Berichterstattung. Geht das überhaupt zusammen mit der französischen Verfassung? Müsste man mal klären.

Die Vorfreunde war wieder getrübt, als ich am Montagnachmittag in Cannes ankam. Der Flieger aus Berlin war pünktlich, der Bus von Nizza nach Cannes auch, das Quartier ist in Ordnung, keine Schlange bei der Akkreditierung. Aber es gibt nur die Presse-Badge und keinen Plan mit Terminen der Pressevorführungen und Pressekonferenzen. Am Tag vor dem Festival? Da kann doch was nicht stimmen. Anfang der 90er Jahre war es zwar auch so, erinnere ich mich. Erleben wir einen Rückfall ins 20. Jahrhundert? Keine Selflies, kein Netflix, kein Plan?

Statt des Presse-Flyers ist ein Anti-Terrorist-Flyer in der Festivaltasche. Im Vorjahr waren die Sicherheitsbestimmungen schon so wild und aktionistisch – mit Schleusentoren wie am Flugplatz und zusätzlichen Scannern – dass man mindestens 20 Minuten länger vorm Kino anschlangen musste. Und nun steht auf dem Blatt, man darf im gesamtem Festivalbereich keine Taschen von mehr als 15 Liter Inhalt dabei haben. Oh je, mein üblicher kleiner Rucksack hat 18 Liter! Soll ich es riskieren, ihn mitzunehmen und dann nach der üblichen Stunde Schlange stehen vom Kino abgewiesen zu werden? Vielleicht haben die ja ein Volumenmessgerät zur Hand! Also lieber nicht. Die Festivaltasche, blau, aus Jeansstoff, zum Über-die-Schulter-hängen, erstmals ohne dass das Festivaljahr drauf steht, sieht durchaus solide aus, wenn es nicht gerade regnet, hat aber keinen Reißverschluss: Alles kann rausfallen, Diebe können bequem reingreifen. Die Kontrollettis am Eingang des Festivalpalais auch. Für die hat man die Taschen wohl gemacht – nicht für die Festivalbesucher. Zum Glück habe ich einen kleinen Ersatz-Rucksack (höchstens zehn Liter) zum Zuziehen dabei. Das Festival kann beginnen!

Andrea Dittgen

 

sakamoto

Das Überraschungskonzert

Die Vorfreude war groß. Vor dem Gespräch mit Ryūichi Sakamoto, dem Komponisten der für „Der letzte Kaiser“ (1987) von Bernardo Bertolucci den Oscar bekam, sieht man den großen Flügel auf der Bühne beim Berlinale-Talents-Publikumsgespräch. Und einen Aufbau mit allerlei Elektronik. Aha, es gibt nicht nur Filmausschnitte, sondern der Meister wird sich auch an den Flügel setzen und demonstrieren, was er da komponiert hat. Denkt man und freut sich. Doch dann kommt es noch viel besser. Weiterlesen

Der US-Schauspieler Willem Dafoe freut sich über seinen Ehrenbären für sein Lebenswerk, beteuert aber, dass er noch viele Filme drehen will. Foto: Richard Hübner/Berlinale 2018

„Du willst einen Regisseur, der gut ist“

Er freute sich und streckte den Ehrenbären fürs Lebenswerk hoch in die Luft. Und er lachte viel: Willem Dafoe. Wie geht der 62-Jährige in die Rollen hinein? „Für jeden Rolle und jeden Film muss man das tun, was verlangt wird und sagen: ich bin diese Person im Film. Man muss ich selbst hintenanstellen. Manchmal komme ich mehr wie ein Tänzer oder ein Athlet vor denn als ein Schauspieler. Denn zum Schauspielen gehört so viel: Aber all die Sachen, an die Schauspieler oft denken: die Psychologie und wie man einen Charakter anlegt – daran denke ich nie. Das ist nichts,  was mich an einer Rolle anzieht, alles muss auf natürlichem Weg kommen.“

Weiterlesen