Bardem will den Ozean der Antarktis retten

Das Wort Deutschland fällt schon in den ersten Minuten des Dokumentarfilms „Sanctuary“ (Heiligtum), der beim Internationale Filmfestival in Toronto (TIFF) am 6. September 2019 seine Uraufführung hatte. Es geht um einen Teil des Ozeans in der Antarktis, der zum Schutzgebiet, zur Nichtfangzone von Krill (kleine Garnelen) erklärt werden soll: ein Gebiet fünfmal so groß wie Deutschland, heißt es zur Verdeutlichung in dem Film von Álvaro Longoria. Es ist einer der inzwischen recht zahlreichen Filme, in den Stars zu Umweltaktivisten werden (der bekannteste ist Leonardo DiCaprio). Diesmal jedoch keiner, der den Zuschauer mit Fakten und Statements von Wissenschaftler erschlägt, sondern einer, der die Gefühle anspricht.

Es geht auch nicht ums Land – wie meistens – sondern ums Wasser. Das ist in der Antarktis immerhin noch frei von Plastikmüll, wie die Meeresbiologen von Greenpeace feststellen. Der spanische Schauspieler und Oscar-Preisträger Javier Bardem (50) und sein Bruder Carlos sind auf dem Greenpeace-Schiff in der Antarktis, wo die Umweltschützer Daten sammeln und sich an den tollen Schollen erfreuen. Denn dort, bei den Pinguinen und den Walen, sieht die Welt noch recht intakt aus.

Mochte schon als Kind Pinguine, wie er bekennt: Javier Bardem. In der Antarktis kommt er ihnen so nah wie nie. Foto: Courtesy of TIFF

Mochte schon als Kind Pinguine, wie er bekennt: Javier Bardem. In der Antarktis kommt er ihnen so nah wie nie. Foto: Courtesy of TIFF

Sie ist es aber nicht mehr lange, denn den Pinguinen und den Walen, wird die Nahrung weggefischt, Von Booten mit riesigen Netzen. Die sieht man auch. Dagegen kämpft Greenpeace  – ja, es ist ein Greenpeace-Werbefilm, wenn man  so will. Aber dagegen kämpfen auch die Bardems, die es mit ihrem Engagement als Sprecher und Aktivisten ernst meinen. „Um eine Kampagne erfolgreich zu lancieren, muss man eine Geschichte erzählen, die gut reist“, sagt Javier  Bardem, der seine Antarktis-Tour auf Instagram und Facebook postet  und auch selbst filmt, um für Unterstützer-Unterschriften zu werden. Die hoffentlich bei den Politikern etwas bewirken, wie er sich wünscht.

Bardem lässt sich auch in einem kleinen Duo-Tauchboot mit einem Wissenschaftler in die Tiefe gleiten, um zu sehen, was alles gerettet werden soll. Oft sieht man ihn lachen, denn die Fische und Pflanzen unter Wasser sehen wirklich sehr schön aus. Auf dem Schiff spricht er mit den Biologen, darunter auch die deutsche Meeresexpertin Sandra Schöttner und lässt sich alles erklären. Das war im Januar 2018.

Als Bardem aus der Antarktis zurückgekehrt ist, macht er Lobbyarbeit, denn im Oktober 2018 soll  die Antarktis-Kommission CCAMLR das Gebiet zum weltgrößten Meeresschutzgebiet erklären. Dafür macht er Werbung – im deutschen Bundestag, wo er im Umweltausschutz spricht und in Großbritannien. In Deutschland hat sein Auftritt medienmäßig im Vorjahr keine so großen Wellen geschlagen, umso überraschter ist man, wenn man ihn nun in Berlin sieht. Allerdings nicht mit Angele Merkel, die hat nur seine Petition gelesen und mit handschriftlichen Anmerkungen versehen, wie man erfährt. Leider erfährt man auch, dass im Oktober 2018 in der CCAMLR drei Länder gegen die Ausweisung des Schutzgebietes votiert haben, weshalb der Antrag scheiterte: Norwegen, Russland und China – den Staaten, die dort im Niemandsland fischen. Die Umweltaktivisten sind enttäuscht, wollen aber weitermachen – und im diesem Herbst, wenn dieser Film hoffentlich weltweit in die Kinos kommt – es noch einmal versuchen.

Andrea Dittgen

Deutsch nur, wenn sie wütend war

Selbst nach ihrem Tod bewegt Romy Schneider (1938-1982) die Gemüter. Vor allem dieses Interview, das sie 1976 Alice Schwarzer gab. Die beiden hatten sich in Paris bei der Kampagne „Ich habe abgetrieben“ kennengelernt, wie die deutsche Feministin in der Doku „Conversation avec Romy Schneider“ (2017) erzählt, die beim Festival „Il Cinema ritrovato“ in Bologna gezeigt wurde. Das berühmte Interview, das bereits in Schwarzer Romy-Schneider-Biografie einfloss, und das nur auf Tonband existiert, wollte der französische Regisseur Patrick Jeudy (70) mit Filmbildern versehen.

Patrick Jeudy in Bologna. Foto: Dittgen

Patrick Jeudy in Bologna. Foto: Dittgen

„Die Familie von Romy Schneider hat mir nicht die Erlaubnis verweigert“, sagte Jeudy in Bologna. Er habe mehrfach angefragt. Bis er auf die Idee kam, Alice Schwarzer (76) dazu zu interviewen, dieses Interview zu filmen und mit Szenen aus Romy-Filmen zu illustrieren. Nun erzählt Schwarzer in perfektem Französisch, wie es zu dem Interview kam, was Romy zu ihr sagte und in welchem Zustand sie sich damals befand. Das Dokument wurde bereits 2018 auf Arte gesendet.

Die damals 38-jährige Romy Schneider, damals auf dem Höhepunkt ihrer Karriere,  kam zu der vier Jahre älteren Alice Schwarzer nach Köln, die sich nichts aus Stars machte, und erzählte ihr eine Nacht lang, was sie bewegte: ihr Image, das sie hasste. „Wir sind die beiden meist beschimpften Frauen Deutschlands“, meinte Schwarzer. Romy, weil sie nicht mehr Sissi sein wollte, Alice, weil sie Feministin war (ihre Zeitschrift „Emma“ gab es jedoch zum Zeitpunkt des Interviews noch nicht). Romy sprach Französisch, die Sprache ihrer Wahlheimat, „Deutsch nur, wenn sie wütend war“, erinnert sich Schwarzer. Die beiden duzten sich wie Freundinnen.

Romy Schneider und Alice Schwarzer 1976. Foto: Cinema ritrovato

Romy Schneider und Alice Schwarzer 1976. Foto: Cinema ritrovato

Romy erzählte, dass ihr Hass auf Deutschland, wo sie aufgewachsen war und ihre ersten Erfolge feierte, nicht nur damit zu tun hatte, dass man in der deutschen Presse nur die ewige „Sissi“ sah, sondern dass sie geschockt war, als sie erfuhr, dass ihre Mutter Magda Schneider mit den Nazi-Größen verkehrte. Sie baute ihr Haus in Berchtesgaden so, dass man Hitlers Berghof sehen konnte. Sie war öfter dort – und Romy war überzeugt, dass ihre Mutter eine Affäre mit Hitler hatte. Ob es stimmt, weiß man nicht, aber Romy war davon überzeugt und kehrte Deutschland den Rücken: „Ich will nie wieder in Deutschland leben“, sagte sie – und tat es auch nicht.“ Sie war ein extrem zerrissener Mensch“ meint Schwarzer rückblickend. Romy erzählt auch, dass sie als Kind sexuell belästig wurde, sogar von dem eigenen Schwiegervater. Und dass Otto Preminger ihr geraten habe, jede Rolle anzunehmen. Romy immer versucht, sich von ihrem Image zu befreien, etwas sie zum ersten Mal in diesem Interview tat. Der interessante und gut gemachte Film von Jeudy ist inzwischen auf Französisch im Internet verfügbar.

Andrea Dittgen

Frühes Plädoyer gegen die Todesstrafe

Wann wurde in Deutschland die Todesstrafe abgeschafft? 1919, 1929 oder 1949? Bei Filmfestivals wie dem „Cinema ritrovato“ in Bologna erfährt man solche Fakten: Es war erst 1949. Wann wurde in Deutschland die letzte Filmkopie hergestellt: 2015, 2017 oder 2019? Auch das erfährt man: Am 18. Juni dieses Jahres stellte das Bundesarchiv-Filmarchiv die Herstellung von Filmkopien im analogen Kopierwerk ein.  Seitdem ist alles nur noch digital. Der letzte Film, von dem das Bundesarchiv eine analoge Kopie herstellte, war in Bologna zu sehen: „Tötet nicht mehr!“ von und mit Lupu Pick von 1919, ein Plädoyer gegen die Todesstrafe.

Das österreichische Filmarchiv hatte beim Bundesarchiv angefragt, ob es eine Kopie gibt, der Film war seit den 20er Jahren nicht mehr zu sehen. Auch das erfährt man. Nun kann man das 127-Minuten-Werk endlich sehen. Der sozial engagierte Regisseur und Schauspieler Lupu Pick (1886 – 1931) argumentiert darin in einer langen Sequenz, dass die Todesstrafe vor allem deshalb unmenschlich ist, weil zwischen dem Urteil und der Vollstreckung eine lange Zeit liegt, in der die Verurteilten und ihre Angehörigen verzweifeln.

Diese Geschichte wirkt arg konstruiert, ist aber spannend inszeniert. Der Sohn des Geigers Erik Paulsson wurde bei einer konspirativen Dichterlesung verhaftet und mit der Todesstrafe bestraft: Er wurde im Kasernenhof erschossen. Paulsson sieht in einem Café den Gouverneur, der das Urteilt fällte und erwürgt ihn. Dafür muss Paulsson ins Gefängnis. Er bekommt lebenslänglich, wird aber 18 Jahre später wegen guter Führung entlassen. Er lebt nun bei seiner Tochter Karin, die Sebald Brückner, den Sohn des Staatsanwalts liebt. Beide sind Schauspieler, die mit einer Pantomime Erfolge feiern. Als der Theaterdirektor Karin gegenüber immer zudringlicher wird und beide rauswirft, als sie sich ihm nicht hingibt, tötet Sebald ihn. Er wird gefasst und zum Tod verurteilt. Obwohl sein Vater, Karin und Paulsson alles versuchen, dürfen sie nicht zu ihm. Das Gnadengesuch wird abgelehnt, man sieht, wie Sebald in seiner Zeller verzweifelt.

In die Geschichte eingebettet ist eine Szene, in der der Staatsanwalt und seine Kollegen zu Hause auf dem Sofa eine Ausstellung vorbereiten zum Thema „Die Todesstrafe im Wandel der Zeiten“ mit Fotografien der Hinrichtungsarten vom Mittelalter bis heute. Da hat der Staatsanwalt noch keine Bedenken gegen die Todesstrafe, was sich natürlich ändert, als sein Sohn betroffen ist.

Dieses Fotos gehört nicht zur Handlung, es zeigt ein Foto aus der dem Ausstellungskatalog "Die Todesstrafe im Wandel der Zeiten", den sich Staatsanwälte und Richter in dem Film ansehen. Foto: Cinema Ritrovato

Dieses Fotos gehört nicht zur Handlung, es zeigt ein Foto aus der dem Ausstellungskatalog „Die Todesstrafe im Wandel der Zeiten“, den sich Staatsanwälte und Richter in dem Film ansehen. Foto: Cinema Ritrovato

Dass der aus Rumänien ins Deutsche Reich eingewanderte Lupu Pick den ersten deutschen Film zu dem Thema dreht und in auch mit seiner Firma Rex-Film produziert, liegt daran, dass Rumänien im Gegensatz zu vielen anderen europäischen Ländern bereits 1865 die Todesstrafe angeschafft hat, wie dem Festivalkatalog zu entnehmen ist. Am Drehbuch schrieb der Berliner Gerhard Lamprecht mit, der Regisseur, der sei seiner Schulzeit auch Filme sammelte. Seine Sammlung bildete die Basis der Deutschen Kinemathek, die Lamprecht bis 1966 leitete. Umso überraschter ist man, dass „Tötet nicht mehr!“, der auch sein Film ist, erst jetzt wieder zugänglich. Eine DVD gibt es vorerst nicht, am 11. August 2019 ist er in Deutschland zu sehen: im Berliner Zeughauskino des Deutschen Historischen Museums.

Andrea Dittgen

What Shall We Do with the Drunken Sailor?

Er war der Böse: Er sagte vor dem McCarthy-Ausschuss gegen un-amerikanisches Verhalten, der in   in den USA der 50er Jahre Jagd auf Kommunisten machte aus. Und ernannte Namen von Kollegen, die Mitglieder der Kommunisten Partei waren (wie er selbst) oder sind. Es geht um den Schauspieler Sterling Hayden (1906-1986). Den Gangster aus „Asphalt-Dschungel (1950),  den Cowboy aus „Johnny Guitar“, den General aus „Dr. seltsam oder Wie ich lernte, die Bombe zu lieben“ (1964). Der deutsche Filmkritiker Wolf-Eckhart Bühler hat 1981 einen Interview-Film mit ihn gedreht, obwohl er das gar nicht vorhatte. Das Ergebnis ist ein Film über einen Hollywood-Star, wie es keinen zweiten gibt. Er war beim Festival „Il Cinema ritrovato“ (das wiedergefundene Kino) in Bologna zu sehen.

Sterling Hayden auf seiner Barkasse. Foto: Edition Filmmuseum

Sterling Hayden auf seiner Barkasse. Foto: Edition Filmmuseum

Bühler wollte Haydens autobiografischen Roman „Wanderer“ verfilmen. Der schenkte ihm die Rechte. Nach mühsamer Recherche fand  Hayden auf seiner Barkasse im Hafen von Besançon. Hayden, Mitte 50, hatte einen wolligen weißen Seemannsbart, sah 20 Jahre älter aus und war permanent betrunken, konnte aber klar artikulieren. „Nach zwei Tagen meinte er, es sei schade, dass er keine Kamera dabei habe, um das Treffen zu filmen“, erinnert sich Bühler (73), ein Mann mit langen weißen Haaren,  in Bologna. „Ich sagte, gib‘ mir fünf Tage“, so Bühler weiter. Dann kam er zurück mit einer kleinen Crew und filmte fünf Tage auf dem Boot.

Doch wie filmt meinen einen betrunkenen Seemann? Er ließ Hayden erzählen. Doch über seine Hollywood-Karriere wollte der gar nicht reden. Auch gab er nicht damit an, was er für ein toller Hecht er doch sei. Er sah sich nie als Schauspieler, sondern als Seemann, das wird schnell klar. Schon als Teenager war er zur See gefahren, auf einem Fischkutter. Zur Schauspielerei kam er durch Zufall. Nach dem ersten Erfolgen wollte er auch damit aufhören, aber so verdiente er genug Geld, um sich Segelboote zu kaufen, von denen so manches unterging. Er reiste gern, war zu erfahren – und dass er, der Ex-Kommunist, es später bereute, vor dem Ausschuss ausgepackt zu haben. Warum er es tat, sagte er allerdings auch. Hätte er es nicht getan, hätte er keine Rollen mehr bekommen, also kein Geld für Boote. Nachdem er ausgesagt hatte, war er besser im Geschäft denn je. Viel mehr sagte er über Hollywood nicht, nichts über die Kollegen, nichts über die Regisseure, die Studios. Diese Vergangenheit erzählt Bühler aus dem Off. Und er fügt Filmszenen ein.

Hayden philosophierte über Gott und die Welt, sprach über seinen Sohn, der mit ihn auf dem Schiff lebt, und seine Frau, die in Amerika geblieben ist. Er las aus seinen veröffentlichten Romanen vor, und aus dem, an dem er gerade schrieb: „Leuchtturm des Chaos“. So heißt Bühlers Film. Hayden wiederholte sich oft, man hätte locker eine halbe Stunde aus dem zweistündigen Film rausschneiden können, aber die Länge macht das Interview, das eigentlich ein Monolog ist, unterbrochen von zwei Landgängen, authentisch. Was man Bühler lassen muss: Nie sieht man Hayden mit dem Whiskey-Glas, er sitzt barfuß  im Sessel wie ein alter Opa und redet ununterbrochen. Aber Bühler zeigt ihn auch, wenn er schläft und wenn er, gestürzt auf ein Stöckchen à la Chaplin, durch die Stadt geht und „Bonjour“ sagt. Der Film ist ein Porträt, ein manchmal mühsames, in ernster Linie aber die Demontage eines Hollywoodstars (Hayden drehte von 1941 bis 1982 über 70 Filme). Allerdings eines Stars, der nie einer sein wollte.

Wolf-Eckart Bühler, Foto: Dittgen

Wolf-Eckart Bühler, Foto: Dittgen

„Als der Film fertig war, mietete Hayden ein Kino, und sah ihn sich allein an. Es sei ein außergewöhnlicher Film meinte er. Aber er könne ihn sich nicht noch mal ansehen, weil er sich schämte“, berichtet Bühler. Denn da hatte kurz drauf machte Hayden eine Alkoholkur und trank nie wieder. Fünf Jahre später starb er. Bühlers Film war einmal im Fernsehen zu sehen – und dann nie wieder. Bis er im Vorjahr beim Festival von Locarno zu sehen war und nun in Bologna. Und heftig beklatscht wurde. Man kann ihn sehen: Das Münchner Filmmuseum hat ihn auf Doppel-DVD herausgebracht – zusammen mit zwei weiteren Filmen von Bühler über Hayden („Der Havarist“, ein Spielfilm nach Haydens „The Wanderer“ von 1984, und einen weiteren Film mit Hayden). Es ist Bühlers Gesamtwerk, denn mehr Film hat er nicht gedreht.

Andrea Dittgen

 

Und es hat Bong gemacht…

Für seinen Spielfilm „Parasite“ bekam Bong Jong-hoo (49) aus Südkorea  am Samstagabend zurecht die Goldene Palme des Filmfestivals von Cannes. Er ist Kunst- und Massenkino zugleich. Ein deutscher Start ist noch nicht in Sicht.

Zuerst sind alle arbeitslos in der Souterrain-Wohnung. Die Kinder sind entsetzt, als der Nachbar, von dem sie das W-Lan stehlen, sein Kennwort geändert hat. Sie unternehmen allerlei akrobatische Verrenkungen in der engen Wohnung, um ein neues freies W-Lan zu bekommen und finden es auf der halbhohen Toilette. Das sagt schon alles.

Kellerwohnung Probleme mit dem Wlan-Empfang, den gibt es nur auf der Toilette. Foto: 2019 CJ EMN Corporation Barunson USA

In der Kellerwohnung gibt es Probleme mit dem W-Lan-Empfang, den gibt es nur auf der Toilette. Foto: 2019 CJ EMN Corporation Barunson USA

Doch dann bekommt Ki-woo, der Sohn der Familie ohne Nachnamen, von seinem Freund das Angebot, die Englisch-Nachhilfe für einen Jungen aus reichem Haus zu übernehmen. Erst traut er sich nicht, dann schwindelt er sich durch das Vorstellungsgespräch und bekommt den Job. Kurz drauf sucht die Familie für ihre Tochter jemanden, der mit ihr eine Maltherapie macht. Ki-woos Schwester Ki-jung fälscht ein Diplom und bekommt den Job, weil Ki-woo sie empfiehlt, natürlich ohne zu verraten, dass sie seine Schwester ist. Nun hat die Familie fast schon genug zu Überleben. Aber sie will mehr und schafft es, durch fiese Aktionen, dass der Chauffeur entlassen wird – und Ki-wooks Vater die Stelle übernimmt. Dass die langjährige Haushälterin entlassen wird – und Ki-woos Mutter den Job übernimmt.

Die weltfremde Ehefrau des IT-Ingenieurs, die alle einstellt, ahnt von den Familienbanden nichts. Ki-woos Familie ahnt lange nichts von dem Arbeitslosen, der in dem als Bunker ausgebauten Keller haust, von dem die Hausbesitzer nicht wissen, dass er überhaupt existiert. Die Sache kippt von der schwarzen Gesellschaftskomödie zum Thriller, zum Splattermovie und endet als  ruhiges Kunstkino. Ein bisschen Deutschland ist sogar dabei, denn der neue Hausbesitzer, der nicht der letzte ist, ist ein Deutscher.

Andrea Dittgen

Klima: Es wird immer schlimmer, aber …

Mit jedem Dokumentarfilm über den Klimawandel wird die Lage schlimmer. Zuerst ging es um das Eis, das an den Polen, schmilzt, um das Kohlendioxid in der Erdatmosphäre, um die Klima-Gipfel von Paris. Und jetzt in „Ice on Fire” kommen die in der Erde eingelagerten Gase hinzu (für die die Menschen ausnahmsweise nichts können, die aber immer mehr an die Oberfläche kommen). Und Man erfährt, wie man gegensteuern kann  – und in einem US-Film – dass die Experten aus Deutschland wichtig sind

„Ice on Fire“ heißt die neue US-Doku für den Fernsehsender HBO, die das Team von “The 11th Hour – 5 vor 12” (2007) in Cannes in einer Sonderführung vorstellte: Produzent und Sprecher ist Leonardo DiCaprio, der sich schon länger als Umwelt-Aktivist betätigt, Regie führt Leila Connors, das Drehbuch schrieb Thom Hartmann.  Sie verbreiten jedoch nicht nur neues Entsetzen, sondern zeigen auch Forderungsansätze, wie man es schaffen kann, das Klimaziel von nur zwei Grad Erderwärmung doch noch zu erreichen.

Atemberaubende Bilder vom Klimawandel zeigt der Dokumentarfilm "Ice ond Fire: Foto: HBO

Atemberaubende Bilder vom Klimawandel zeigt der Dokumentarfilm „Ice ond Fire: Foto: HBO

Dabei muss man nichts neu erfinden, denn es gibt schon viele Technologien in aller Welt, zumindest in den neun Ländern, die der Film vorstellt. So hat die Schweizer Firma Climeworks eine Anlage entwickelt, die CO2 aus der Luft filtert. In Los Angeles gibt es die Redwood Forest Stiftung, die durch das Aufforsten bestimmter Bäume Karbon aus der Luft herauszuziehen und in der Erde einzulagern, wo es (zumindest solange es da bleibt, keinen Schaden fürs Klima anrichten kann). In Connecticut gibt eine Farm, die großen und dicken Tang sowie Muscheln züchtet, die im  Meer mehr Karbon absorbieren können als Pflanzen an Land und auch Lebensmitteln für Mensch und Tier und als Dünger verarbeitet werden können.

Am Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change (MCC) in Berlin werden nicht nur Wege zur Vermeidung des Klimawandels entwickelt, sondern auch Konzepte für langfristiger politische Maßnahmen, wie man die Forschungen umsetzen kann. Und sie haben eine C02-Uhr, auf die zeigt, wie wenig Zeit uns bleibt, bis die zwei Grad Erderwärmung erreicht sind (26 Jahre). Auch in Norwegen sind in dieser Sache deutscher Forscher aktiv, wie man in diese Doku erfährt. Doch die spektakulärsten und besorgniserregendsten Bilder des Films sind die, die ihm den Titel geben: Forscher brennen Löcher ins Eis, um zu sehen, wie dicht unter der Oberfläche Methan und andere Gase schon sind – die, wenn sie in die Luft kommen, das Klima rasant verändern.

Andrea Dittgen

 

Fußball wie noch nie

Sein schlimmster Fehler war nicht, dass er Drogen nahm, sondern dass er glaubte, ein Gott zu sein und den Menschen zu sagen, was sie tun sollen: Bei der Fußball-WM, als Italien gegen Argentinien in Neapel antrat, forderte er die Neapolitaner auf, Argentinien die Daumen zu drücken, weil er Argentinier ist. Das hätte er, der seit Jahren für den SSC Neapel seine Tore schoss, nicht tun sollen. Denn natürlich sind alle Italiener in erster Linie Italiener, Maradona hin, Maradona her. Wie die Sache ausging: Maradona schoss das Siegestor für Argentinien – doch die Argentinier verloren dann das Finale gegen Deutschland. Das war 1990. Ein Jahr später wurde der Fußballgott wegen Kokainkonsums für 15 Monaten gesperrt, und die Karriere war im Prinzip vorbei.

Diedo Maradona in seiner Zeit in Neapel. Foto: Alfredo Capozzi

Diedo Maradona in seiner Zeit in Neapel. Foto: Alfredo Capozzi

In seiner faszinierenden Zwei-Stunden-Doku „Diego Maradona“, die beim Festival von  Cannes außer Konkurrenz gezeigt wurde,  konzentriert sich der britische Regisseur Asif Kapadia (Oscar für „Amy“ über Amy Winehouse 2016) vor allem die Zeit in Neapel, Maradonas Schicksalsjahre. Wie bei seinen vorangehenden Dokus „Amy“ und „Senna“ hat er der Familie Familienfotos von der Kindheit und sehr private Aufnahmen (auch schwarzweiße und unscharfe) entlocken können, die man noch nie sah. Und ungewöhnliche Fußballszenen. Und Kapadia unterhielt  sich über einen Zeitraum von zwei Jahren immer wieder mit Maradona, der erstaunlich offen über alles sprach, vor allem über seine Vergehen: die Drogen, die Verbindungen zur Camorra in Italien, die ihn mit Stoff versorgte, die Party, die Familienprobleme, seinen Hang zu Prostituierten, den unehelichen Sohn und anderes mehr. Wer bisher glaubte, alles über den Aufstieg des Fußballgottes von den Slums in der Kindheit in Argentinien über seine große Zeit als bester Fußball der Welt bis zu seinem Niedergang zu wissen, erfährt viel Neues.

Maradona selbst sieht man bei den Interviews nicht, denn das ist Kapadias typische Arbeitsweise: Er lässt zwar die Protagonisten erzählen (wenn sie noch leben, aber es gibt auch historische Aufnahmen), zeigt sie aber nicht im Bild. Aus über 500 Stunden Material hat er seinen Film geschnitten. Natürlich sieht man einige seiner spektakulären Tore, aber im Prinzip ist es ein Film über einen Medienstar. Er beginnt spektakulär, wenn er Kindheit und Jugend in Buenos Aires als fünfminütige Pre-Titel-Sequenz rasant zusammenfasst. Um dann zum Wesentlichen zu kommen, dem Fußballgott, der bald anfängt, auch wie einer zu leben. Warum er Barcelona verließ, um nach Neapel zu gehen, wird allerdings auch hier nicht klar (das Geld, sicher, aber war da nicht noch etwas?). Wieso das bankrotte Neapel sich Maradona leisten konnte, aber schon.

Kapadia zeigt Maradona mit Mitgliedern der Mafiafamilie, Maradona leugnet und beschönigt nichts. Selten hat man einen Lebemann  so ungeschminkt mit alle seinen Skandalen in Fotos und Filmen gesehen. Kapadia fragte Maradona unverblümt nach all den Skandalen. Maradona bewunderte den Mut des Regisseurs, Unpopuläres zu fragen und gab schließlich bereitwillig Auskunft. Das hebt diese Doku über alle bisherigen Maradona-Dokus heraus und bringt den 47-jährigen Regisseur erneut auf Oscar-Kurs. Deutscher Kinostart: 5. September.

Andrea Dittgen

Der neue Tarantino: Zeitgeist ist alles

 

Das Kino in der Hauptstraße in Hollywood zeigt gerade „Rollkommando“ mit Dean Martin, Elke Sommer und Sharon Tate. Es ist der 8. Februar 1969, der Tag, an dem der neuen Film von Quentin Tarantino spielt, der am Dienstagabend in Cannes Premiere hatte. Auf den alle warteten und bis zu zwei Stunden anstanden.

Er beginnt mit einer Parodie, bevor der Vorhang sich hebt. Ein Festivalmitarbeiter liest einen kurzen Brief von Tarantino vor, der die Kritiker bittet, nichts zu verraten, damit alle Zuschauer den Film  genauso genießen können wie die Festivalbesucher. Haben das vor ein paar Wochen nicht die Russo-Brüder vor ihrem Film  „Avengers: Endgame“ schon getan? Hat es etwas genutzt? Oder sollte Tarantino die Bitte gar ernst gemeint haben? Er schnappt sich doch sonst immer alles, was ihm gefällt und verbiegt es auf seine Weise. Und wahre Meister haben solche Ansagen sowieso nicht nötig.

Beste Freunde: Brad Pitt (links) als Cliff Booth und Leonardo DiCaprio als Rick Dalton. Foto: FDC

Beste Freunde: Brad Pitt (links) als Cliff Booth und Leonardo DiCaprio als Rick Dalton. Foto: FDC/Sony Pictures

Es geht um eine Männerfreundschaft, um Western und den Zeitgeist von 1969: Rick Dalton (bevor alle in der IMDB nachsehen: der Name ist erfunden, gespielt von Leonardo DiCaprio trennt sich eigentlich nie von seinem Buddy Cliff Booth (Brad Pitt), seinem Stuntman. Dalton ist der Star einer fiktiven Fernseh-Westernserie, die gerade ihren letzten Drehtag erlebt. Die beiden Männer sind abserviert, Villa in Hollywood hin oder her. Das hindert sie nicht daran, auf ihre Art das Leben zu genießen: Die Sonne, die Hippies, die Musik, das Leben. Die Atmosphäre von damals hat Tarantino einfach genial nachgestellt oder besser neu erfunden und in wunderbare Bilder gepackt. Gedreht hat er wie immer auf 35-mm, das sieht man, der dreifache Oscar-Preisträger Robert Richardson ist dafür verantwortlich. Bis auf „Rollkommando“ (Originaltitel „The  Wrecking Crew“) und Sharon Tate (Roman Polanskis Ehefrau, die am 9.8.1969 ermordet wurde, gespielt von Margot Robbie) ist kaum etwas echt. Sharon Tate läuft einmal zum Kinoeingang, sagt, dass sie Sharon Tate ist und den Film sehen will – worauf die Kassiererin mit dem Fotoapparat ein Foto von ihr neben dem Plakat möchte (kein Autogramm, wie damals üblich, es geht Tarantino wohl um die Vorwegnahme der Handyfotomanie von heute.

„Once upon …“ ist eine Fantasy mit Tarantinos Lieblingsgenre, dem Western, und noch einem anderen (das wird nicht verraten). Hundefreunde kommen voll auf ihre Kosten, ebenso Jungs von heute, die gerne zusammen mit ihrem Freund auf der Couch sitzen und sich alte Filme reinziehen – oder gerne darüber reden und mit ihren Kenntnissen prahlen, wie der alte Filmproduzent in der Kneipe (Al Pacino). Es gibt eine kraftvolle Frauengruppe, die gleich mehrmals auftaucht, jede Menge Gastauftritte (Elke Sommer ist nicht dabei, das wird jetzt doch verraten!).

Foto von den Dreharbeiten: Margot Robbie als Sharon Tate. Foto: FDC

Foto von den Dreharbeiten: Margot Robbie als Sharon Tate. Foto: FDC/Sony Pictures

Eine Handlung verraten kann man nicht, weil es keine gibt. Die detailverliebte, gagreiche Komödie steckt voller Anspielungen auf die Filme von damals und die Hollywood-Klischees. Aber sie bringt alles nur mosaikhaft zusammen, inklusive Film-im-Film-Aufnahmen, getragen von den beiden Hauptfiguren, vor allem von Cliff, dem eigentlichen Helden – mit Hund. Die Mischung aus Hommage und Neuerfindung der Geschichte hat viele (der Film ist 165 Minuten lang) unvorhersehbare Momente, deshalb bleibt man dran, auch wenn alles mehr oder  weniger eine Nummernrevue ist. Kurzum eine Enttäuschung. Der Premierenbeifall der Kritiker war denn auch mager, trotz vieler Lacher zwischendurch. Eine Kandidat für die (zweite) Goldene Palme ist Tarantino jedenfalls nicht, deutscher Kinostart: 15. August. Doch man sollte sich lieber den gestern lancierten neuen Trailer anschauen, der ist das wahre Kunstwerk.

Andrea Dittgen

Kurz und gut: Rheinland-Pfalz und Saarland in Cannes

Er kommt als Gewinner nach Cannes. Mit seinem „Fest“. Denn er einer der fünf Sieger des deutschen Kurzfilmpreises Short Tiger Awards: Nikita Diakur aus Mainz. 1992, mit neun Jahren, kam der in Moskau geborene Animationsfilmer nach Deutschland. Er ging hier zu Schule, lebte erst in Bingen, dann in Mainz. In London studierte er Kunst, dann kam er zurück. „Ich konnte mich nicht etablieren“, sagt er. Weil seine Wohnung in Mainz so günstig war („175 Euro in der Innenstadt mit einem Kumpel zusammen“), kam er zurück, arbeitete, um Geld zu verdienen – und an seinem ersten Film. Drei Filme sind entstanden: „Fly on the Window“ (2009), „Ugly“ (2017) und  „Fest“ (2018). Seine Art, Filme zu machen, ist einzigartig, er kombiniert Live-Dreh und Computersimulation – und zwar nicht so, um es zu integrieren und zu glätten, sondern beides sichtbar zu lassen. Das macht die Filme unglaublich lebendig, auch ein bisschen roh, wild und comic-artig. „Im Studium habe ich alles probiert“, erklärt er, auch Skulpturen, Web-Design und Video, dann bin ich auch Film umgestiegen – und bei der Animation gelandet“. Sein Ziel, den Animationsprozess, die Bewegungen, schneller zu machen, eine Möglichkeit war die Computersimulation.

In Mainz in seinem Studio hat er seine Filme entwickelt. „Ugly“ begann er allein und fand über die Kickstarter-Kampagne ein zehnköpfiges Team dazu. Doch warum arbeitet er in Rheinland-Pfalz, dem einzigen Land ohne Filmförderung? „Es liegt an der Lebenssituation, meine Familie war da, die billige Wohnung, Freunde aus der Schulzeit, es war mein Zuhause“. Und er konnte beim ZDF in Teilzeit arbeiten, er gestaltete Grafiken für die ZDF-Nachrichten. Parallel sammelte er Festivalpunkte (für die bundesweite Filmförderung) mit „Ugly“, so dass er nun Geld hat, um einen neuen Film zu machen. Etwa 60 Festivals haben seine Kurzfilme in den letzten Jahren eingeladen – und den Regisseur natürlich auch. Er kam rum in der Welt, knüpfte Kontakte zu Produktionsfirmen. Es läuft gut.

Nikita Diakur auf der Treppe im Filmmarkt von Cannes. Foto: Dittgen

Nikita Diakur auf der Treppe im Filmmarkt von Cannes. Foto: Dittgen

„Fest“ ist eine Drei-Minuten-Momentaufnahme, ein Nachbarschaftsfest von jungen Leuten, die tanzen, rappen, es gibt Eis und Barbecue zwischen Plattenbau-Hochhäusern. Der Realteil ist in Berlin-Lichtenberg gefilmt, zum Teil mit Drohnen von oben herunter. Die Menschen sind im Computer bearbeitet, simuliert eben, die Schwerkraft ist außer Kraft gesetzte, manchmal bricht der Boden weg, die Menschen werden zu Comicfiguren. Die treibende Musik dazu ist Rave, inspiriert von dem Youtube-Video „Thunderdome 97“ mit 180 Schlägen pro Minute. Trotzdem wirkt alles noch locker und verspielt. In Cannes wird der Film von German Films im Filmmarkt gezeigt, im Short Film Corner und er war in einem total überfüllten Kino mit andere Short-Tiger-Preisträger zu sehen. Nach Cannes geht Nikita Diakur erst mal mit seinem Stipendium für ein paar Monate nach Dänemark, nach Viborg, zu einem der zehn besten Animations-Workshops in der Welt. Wie es weitergeht? „Mal sehen“.

So weit ist Jörn Michaely, 1994 in Saarbrücken geboren, noch nicht. Er studiert zurzeit an der Saarbrücker Kunsthochschule, hat als Autodidakt schon seit 2010 Kurzfilme gedreht, die beim Ophüls-Festival und anderen Festivals zu sehen waren (auch einen mit der Zweibrücker Schauspielerin Silvia Bervingas). Er bewarb sich für den Short Film Corner, eine Abteilung der Filmmesse in Cannes – und wurde angenommen mit seinem bereits Kurzfilm „Ellen & Alan“.

Der erste saarländische Regisseur in Cannes: Jörn Michaely. Foto: Michaely/MOP

Der erste saarländische Regisseur in Cannes: Jörn Michaely. Foto: Michaely/MOP

Das ist ein 15-Minuten-Kurzspielfilm  über ein Zwillingspaar, das von seiner Workaholic-Mutter nicht beachtet werden, bis Alan sagt, dass er Selbstmord begehen will. Michaely ist nur kurz in Cannes, er bereitet als Organisator gerade am 30. Mai in St. Ingbert beginnende Festival vor: „Filmreif! Bundesfestival Junger Film“. Jörn Michaely ist der erste Saarländer, der sich in der langen Geschichte des Festivals von Cannes präsentieren kann. Denn der berühmte Saarbrücker Regisseur  Max Ophüls – er starb 1957- wurde zu seinen Lebzeiten nie eingeladen.

Die Geschwister in "Ellen & Alan". Foto: Michaely

Die Geschwister in „Ellen & Alan“. Foto: Michaely

Andrea Dittgen

Der Mann, der alles den Frauen verdankt

Er weint. Mittags beim Gespräch mit dem Publikum. Abends wieder und noch heftiger, als er die Goldene Palme für sein Lebenswerk aus der Hand seiner Tochter Anouchka (28) entgegennimmt: Alain Delon (83). Ikone des französischen Kinos. Die Zuschauer im vollbesetzten Saal klatschen minutenlang. Viele sind mit Delon aufgewachsen. Die Handys klicken, alle wollen ein Foto machen. Festivalleiter Thierry Frémaux verbietet das, damit alle applaudieren. Delon winkt ab: „nein, vielleicht will mich ja eine der Frauen anrufen…“, sagt er und hat die Lacher auf seiner Seite. Die Atmosphäre im Saal ist unbeschreiblich. So etwas gibt es nur in Frankreich, wo das Kino als nationale Kultur Nummer eins immer noch stärker ist als alles andere.

Alain Delon beim Publikumsgespräch. Foto: Dittgen

Alain Delon beim Publikumsgespräch. Die Handy klicken wie wild. Foto: Dittgen

Im Vorfeld gab es Proteste. 25.000 Unterschriften gab es im Internet gegen die Goldene Palme für Delon. Weil er Frauen misshandelt hat, was er zugab. Weil er rechtsradikale Ideen äußert (das tat Yves Montand in seinem letzten Lebensabschnitt auch). Weil er ein Freund von Jean-Marie Le Pen ist. „Wir verleihen ihm ja nicht den Friedensnobelpreis“, verteidigte sich Festivalleiter Thierry Frémaux. Der Delon schon früher auszeichnen wollte. Was Delon abgelehnt hat. „Ich bin nichts ohne die Regisseure, die mit mir gearbeitet haben: René Clement, Yves Allégret,  Jean-Pierre Melville, Lucino Visconti“. Man sollte sie lieber ehren. Doch immer wenn er über einen von ihnen an dem Goldene-Palme-Tag über sie spricht, fügt er hinzu: „er lebt nicht mehr“. Deshalb habe er nun die Ehrung für seine Karriere angenommen, das einzige, auf das er stolz sei.

Und die Sache mit den Frauen: „Ohne die Frauen wäre ich nichts“, sagt er immer wieder und widmet seine Goldene Palme unter Tränen den Schauspielerinnen Mireille Darc und Romy Schneider, seinen früheren Lebensgefährtinnen. Das ist das eine. Und die Sache mit Le Pen? Die beiden haben sich kennengelernt, als sie jung waren, als Soldaten im Indochina-Krieg. Es wurde eine lebenslange Freundschaft – und Delon war wohl schon immer im Herzen einer, der gegen Homosexualität und Gender-Gleichheit war. Was früher nur weniger auffiel als heute. Doch im Gegensatz zu Yves Montand hat er keine politischen Fernsehsendungen moderiert und auch keinen Schwenk von links nach rechts gemacht. Delon war immer er selbst. Weil er gar nicht anders konnte. Und seine Filme „Der Eiskalte Engel“, Mr. Klein“, „Vier im roten Kreis“ gehören zu dem Besten, was es im französischen Kinos gibt. Soll man diese künstlerischen Leistungen verdammen – so wie manche Museen Bilder abhängen, weil sich im Nachhinein herausstellt, dass die Maler Frauen misshandelt haben? Filme, die ganze Generationen geprägt haben? Am Tag nach der Palme war von all den Anschuldigungen nichts mehr zu hören. Vielleicht auch, wenn Delon geschickt jede Politik mied.

„Spiel nicht. Schau, wie du schaust, sprich wie du spricht, höre, wie du hörst. Bei allem, was du tust, sei du selbst, spiele mich, lebe“, riet ihm der Regisseur Yves Allégret, der ihm seine erste Rolle gab, 1957 als Killer in „Die Killer lassen bitten“. Das habe er stets beherzigt. „Ich habe mein ganzes Leben kein einziges Mal gespielt, ich lebe meine Rollen“. Wie Jean Gabin und Lino Ventura sei er kein comédien (gelernter Schauspieler), sondern ein acteur.

Alain Delon bei der Verleihung der Goldenen Palme. Die Besucher im Saal klatschen minutenlang. er klatscht zurück.

Alain Delon bei der Verleihung der Goldenen Palme. Die Besucher im Saal klatschen minutenlang. er klatscht zurück. Foto: Dittgen

Allégret engagierte ihn wegen seiner geule, wegen seines Gesichts, bekannte Delon. In Cannes beim Festival war er schon 1956, als er noch gar kein Schauspieler war, erzählte er. „Ich kam mich einem Mädchen, das ich liebte und das mich liebte“. Ihr gemeinsamer  Freund war der Schauspieler  Jean-Claude Brialy, „wir waren zusammen auf den Roten Teppich“, so Delon. „Früher als wir alle“, wie Frémaux meinte.  1957 war Delon dann schon  als Schauspieler in Cannes.

„Meine Karriere war ein Unfall. Als ich aus Indochina zurückkam, wo ich mich drei Jahre engagiert hatte, wusste ich nicht was ich machen sollte. Ohne die Frauen, die ich getroffen habe, wäre ich tot. Die Frauen haben mich dazu gebracht, das zu tun, was ich tat.“ Er erzählte, wie er bei René Clément abends vorsprach für „Nur die Sonne war Zeuge“ (1960). Clément wollte ihm die Rolle nicht geben, aber Cléments Frau Bella sagte: „Gib dem Kleinen die Rolle“. So bekam er sie und wurde damit berühmt. Über 100 Rollen hat er gespielt, die vorerst letzte 2012 (als er selbst) in der rührseligen Muttertagshommage „Bonne année les mamans!“. Einen Film will er noch drehen, „La maison vide“ (das leere Haus) mit – natürlich einer Frau –  Juliette Binoche. Dann soll Schluss sein. Sagte er – wieder unter Tränen. Spätestens jetzt erscheint es absolut lächerlich, dass man ihm die Goldene Palme für sein Lebenswerk nicht geben sollte. Wenn er – neben Catherine Deneuve und Jean-Paul Belmondo die letzte Ikone des französischen Nachkriegskinos – aufhört, ist das Kino wohl wirklich ein leeres Haus.

Andrea Dittgen