Wong Kar-wai: „Niemand ist größer als Bruce Lee“

Der Prix Lumière ist ein großer Metallteller in einem Rahmen, viel größer als die Goldene Palme von Cannes. Jedes Jahr bekommt ihn ein Star für sein Lebenswerk, 2017 erstmals ein Asiate: der Regisseur, Autorenfilmer und Produzent Wong Kar-wai. Die Zeremonie ist der Höhepunkt des Festivals Lumière von Lyon, aber intimer und lehrreicher war die Master Class mit Wong Kar-wai in einem schönen altmodischen Plüsch-Theater, dem Théâtre Célestins. Dort erzählte Wong (59), wie immer mit Sonnenbrille, von seinen Anfängen.

Wong kar-Wai mit dem Prix Lumière. Foto: Jean-Luc Mège/Festival Lumière

Wong kar-Wai mit dem Prix Lumière. Foto: Jean-Luc Mège/Festival Lumière

„Ich war fünf Jahre alt, als ich 1962 mit meinen Eltern von Shanghai nach Hongkong kam, kurz vor der Kulturrevolution. Wir kannten dort niemanden, hatten keine Verwandten, Freunde und mussten Kantonesisch lernen. Mein Vater sagte, wir bleiben hier nur solange, bis die Lage in China besser wird. Er blieb den Rest seines Lebens dort, und ich fast 50 Jahre. Inzwischen bin ich oft wieder in Shanghai und habe das Haus gerade renoviert, in dem ich geboren bin. Ich fühle mich als Chinese, auch wenn ich Hongkong besser kenne als China.

Meine Mutter hat mich zum Kino gebracht. Sie ist ein großer Filmfan. Weil wir in der neuen Stadt keinen Freunde und Bekannte, wusste sie nicht, was sie tun sollte. Sie nahm mich mit ins Kino. Wir gingen fast jeden Tag ins Kino, um Filme zu sehen. Französische Filme, Hollywood-Filme, italienische Filme, Filme aus Taiwan und lokale Produktionen. Das war meine Filmschule. Damals gab es nicht so viele Möglichkeiten, Wenn du das jeden Tag machst, dann weißt du eines Tages, das ist die Welt, in die ich gehöre. Und du denkst, vielleicht kann ich das sogar besser. Hongkong war damals der beste Ort, um Filme zu sehen, denn wir haben dort alle Formen und Genres des Kinos. Als ich älter wurde, nahm mein Vater mich mit in ein Kino, um einen italienischen Film zu sehen. Das Kino gehörte dem Vater des bekannten Produzenten, Bill Kong – er coproduzierte „Tiger & Dragon“ –,  und mein Vater wusste wenig über den Regisseur, er dachte einfach, es könnte interessant sein und romantisch. Nach der Vorstellung sagten die Leute zu ihm, man sollte ein Kind nicht in so einen Film mitnehmen, dann war mir klar, es war ein Film von Fellini, eine romantische Liebesgeschichte. Damals war Hongkong das Zentrum der Unterhaltungsindustrie für alle Chinesen, die nicht in China leben. Man drehte Filme in Mandarin für die Leute, die Mandarin sprechen, Filme auf Kantonesisch für den lokalen Markt, Kung-Fu-Filme und Filme für den Export. Hongkong produzierte alle Arten von Genre-Filme, es war wie eine Uniform, in die man verschiedenen Inhalt steckte.

Niemand ist größer als Bruce Lee. Er kam von einer Familie, die in der chinesischen Oper arbeitete, sein Vater war ein Star, Bruce trat schon als Kind mit ihm auf und war schon ein Star, als er begann, Filme zu machen. Es war eine neue Form des männlichen Helden, in Martial-Arts-Filmen ist der Lehrer. Bruce Lee brachte ein neues Konzept ein: Er war jung, charmant, er war gebildet, weil er in den USA war. Natürlich haben wir heute auch Jackie Chan und andere Kampfkunst-Action-Stars, aber Bruce Lee ist einzigartig. Er kam zur rechten Zeit mit den rechten Fähigkeiten. In den 70er Jahren gab es einen großen Einschnitt. Hongkong-Filme wurden von großen Studios produziert wie den Shaw Brothers, Ende der 70er Jahre gingen die Filmemacher zu Studium nach Europa und in die USA, als sie zurückkamen, begannen sie außerhalb der Studios zu drehen und die Stadt als Drehort zu entdecken  – und neue Geschichten, dokumentarischer, näher am Leben. In den 80er Jahren kam die neue Hongkong Welle, ein Schlüsselfilm war „A Better Tomorrow“ von John Woo 1986.“ Der Film war ein Erfolg, deshalb wurden viele Gangsterfilme in Hongkong gedreht, es war ein Markt dafür da. Als junger Filmemacher schubsten mich die Produzenten  in diese Richtung und ich dachte: Warum nicht? Ich kann das. Aber ich habe es ein bisschen anders gemacht. Statt eine Geschichte von zwei Helden zu erzählen, erzählte ich eine Geschichte von zwei Verlierer, die Helden werden, das war „As Tears Go By“ (1988). Ich hatte Glück, damals begann das goldene Zeitalter der Filmindustrie von Hongkong. Man hatte viel Geld und alle Möglichkeiten, und man wurde ermutigt, etwas Neues zu machen, etwas Anderes zu machen.“

Dieser Beitrag wurde am von in Lyon 2017 veröffentlicht. Schlagworte: .
Andrea Dittgen

Über Andrea Dittgen

RHEINPFALZ-Redakteurin Andrea Dittgen schaut Filme . Seit 1981 hat sie im Kino etwa 20.000 Filme gesehen. Und sie schreibt darüber (seit 1990). In der RHEINPFALZ in Gestalt von Kino- und DVD-Kritiken, jetzt auch in Form eines Blogs. Außerdem ist sie für uns in Cannes, Toronto, Berlin und bei anderen Film-Festivals dabei.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *