Kristine de Loup spielte das Kübelkind in den Kurzfilmen "Geschichten vom Kübelkind" von Edgar Reitz und Ula Stöckl. Foto: Forum

Kübelkind im Kneipen-Krematorium

Kneipenkino: Die Zuschauer sitzen im „Silent Green“ im Wedding, einem ehemaligen Krematorium (an der Wand sind noch die Nischen für die Urnen), das heute ein Kulturzentrum ist. Sie sitzen an Tischen, so wie 1971 in München, als Edgar Reitz und Ula Stöckl ihre Kurzfilme „Geschichten vom Kübelkind“ jeden Tag ab 23 Uhr vorführten. Sie sind zwei bis 26 Minuten lang. Die Zuschauer bekamen eine Menükarte mit den Folgen und dem Inhalt und durften sich ein paar aussuchen, die wurden dann gespielt.

Edgar Reitz schrieb und inszenierte die "Geschichten vom Kübelkind" 1970 mit Ula Stöckl. Foto:CA Hellhake Dietramszell 2009

Edgar Reitz schrieb und inszenierte die „Geschichten vom Kübelkind“ 1970 mit Ula Stöckl. Foto: CA Hellhake Dietramszell 2009

So war es am Montagabend bei der Berlinale auch. Die 23 Kübelkinder-Filme sind frisch restauriert (sie liefen 1971 schon bei der Berlinale, in der damals neu gegründeten Sektion „Internationales Forum des jungen Films“, das sie nun wieder präsentiert) und die Filmemacher erzählen nach ein paar Folgen immer wieder von der Entstehung und beantworten Fragen der Zuschauer zwischen Bier, Wein, Chili con Carne und Ratatouille. Ganz so frech wie damals wirkt es heute zwar nicht mehr, wenn eine Frau Anfang 20 im langen roten Kleid mit Pagenkopfperücke herumrennt (sie erinnert an Anna Karina aus den Godard-Filmen der 60er Jahre) , keinen Slip trägt, oft den Po zeigt, „ficken“ sagt, mit alten Gewehren vor einem bayerischen Al Capone hantiert, im Kaufhaus stiehlt und viele andere Dinge macht, die man eben nicht macht.  „Alte Männer“, „Alle Macht den Vampiren“, „Niedrig gilt das Geld auf dieser Erde“, „Kübelkind ersäuft Kübelkinder“, „Freiheit durch Al Capone“  lauten einige der Titel, die schon alles sagen.

„Die Filme lagen auf der Straße“

„Reitz war meine Lehrer, ich war Studentin an der Hochschule für Gestaltung in Ulm, wir hatten beide unsere ersten langen Filme gedreht, und die Filme lagen auf der Straße, weil es keinen Verleiher gab“, erzählt Ula Stöckl (80, sie lebt und lehrt heute in Florida). „Edgar Reitz hatte eine Prämie gekriegt und sagte zu mir, wollen wir nicht eine Episode aus deinem Drehbuch verfilmen? Das war „Die Bluthochzeit“. Das hat so viel Spaß gemacht, dann ging es eineinhalb Jahre so weiter“, sagt Stöckl.

Co-Autorin und Co-Regisseurin Ula Stöckl. Foto: jeanne.richter@pasteo.de

Co-Autorin und Co-Regisseurin Ula Stöckl. Foto: jeanne.richter@pasteo.de

„Die Idee dabei war, endlich mal diesen Zwängen zu entkommen, die so typisch sind für unser Filmemacherleben“, ergänzt der aus dem Hunsrück stammende Edgar Reitz (85). „Man hat eine Idee, und bis daraus ein Film wird, vergeht eine furchtbare Leidensgeschichte. Drehbuchschreiben, es immer wieder irgendwelchen Leuten überreichen, Änderungen, Abnahmevorführungen, Anträge stellen. Wenn man in die Situation kommt, den Film drehen zu können, ist der Lack ab. Das Feuer, das man unter sich erspürt hat, ist erloschen. Da sagten wir, das soll uns nicht passieren, wir wollen diesen Traum verwirklichen, wenn wir beim Frühstück eine Idee haben, sie am Nachmittag drehen“, so Reitz weiter. Wir haben bei unseren Freunden herumtelefoniert. Wer spielt heute Nachmittag mit? In der Straße, in der die Ula wohnte, gab es einen Kostümverleih, da statteten wir uns aus. So haben wir das Filmemachen der kurzen Wege ausprobiert.“

„Wir sind alle Kübelkinder“

Stöckl: „Wir sind alle Kübelkinder, Erziehung verbiegt und verstümmelt. Das Kübelkind kommt in vielen Geschichten zu Tode, es lernt immer etwas, was sie nicht lernen sollte. Das war unerwünscht und hatte böse Konsequenzen“.
Reitz: „Bei Fernsehanstalten und Förderungsinstitutionen wird man behandelt wie ein Schüler. Das sind die Erziehungsmaßnahme, die man beim Filmemachen immer erlebt – man begegnet nur Leuten, die es besser wissen“.
Stöckl: „Als die Kübelkind-Geschichten fertig waren, haben wir sie bei der Freiwilligen Selbstkontrolle eingereicht, dann durften wir sie nicht in die öffentlichen Kinos bringen, weil das Kübelkind zu oft „ficken“ sagt.
Reitz: „Wir haben das rausgeschnitten und 33-mal Ficken zusammengelebt und denen geschickt.“

Dass Edgar Reitz, der durch sein Epos „Heimat“ (1984/1992/2003) weltberühmt wurde, so radikal, wild und subversiv anfing, dürfte nur Wenigen bekannt sein. Die restaurierten, witzigen, oft anarchistischen „Geschichten vom Kübelkind“ werden nun bei Festival und sollen voraussichtlich im Mai auf DVD erscheinen – zusammen mit einem Dokumentarfilm von Robert Fischer darüber „Der Film verlässt das Kino“, der jetzt auch bei der Berlinale gezeigt wurde.

Dieser Beitrag wurde am von in Berlinale 2018 veröffentlicht. Schlagworte: .
Andrea Dittgen

Über Andrea Dittgen

RHEINPFALZ-Redakteurin Andrea Dittgen schaut Filme . Seit 1981 hat sie im Kino etwa 20.000 Filme gesehen. Und sie schreibt darüber (seit 1990). In der RHEINPFALZ in Gestalt von Kino- und DVD-Kritiken, jetzt auch in Form eines Blogs. Außerdem ist sie für uns in Cannes, Toronto, Berlin und bei anderen Film-Festivals dabei.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *