Ingmar Bergmans Spionage-Thriller

Er fehlt in jeder Ingmar-Bergman-Retrospektive. Er war untypisch für Bergman, ein Spionage-Thriller aus dem Kalten Krieg: „Menschenjagd“ von 1950.  Dabei ist er nicht schlecht, vor allem das Licht verbreitet eine typische schwarzweiße Film-noir-Atmosphäre. In Deutschland war er 1959 ganz kurz im Kino, seitdem nicht mehr. Es gibt ihn auch nicht auf DVD. Und er wird jetzt auch nur für einige wenige Vorstellungen weltweit von der Ingmar-Bergman-Stiftung aus dem Giftschrank geholt – zu Bergmans 100. Geburtstag.

Es war Bergmans achter Spielfilm, eine Auftragsarbeit der Produktionsfirma Svensk Filmindustri. Die Schweden sahen eine Filmkrise in ihrem Land aufziehen und wollten schnell einen internationalen Hit produzieren, so kamen sie auf einen Thriller über den kalten Krieg, ein Genre, das populär war (vor allem aus den USA kommend). Bergman sagte zu, die Regie zu übernehmen, weil er Angst hatte, dass Svensk Filmdustri sonst keinen Film mehr von ihm produziert. An dem hanebüchenen Drehbuch nach einem Spionageroman änderte wohl nichts, er stand ja nicht hinter dem Projekt.

Atkä, Agent eines fiktiven kommunistischen Landes im Baltikum mit einem falschen Pass, kommt nach Schweden, wo seine Frau Vera als Immigrantin lebt. Er sagt ihr, dass er ihre Eltern verraten hat, als man ihn gefangen nahm. So konnte er entkommen. Er hat geheime Dokumente der Amerikaner gestohlen. Vera ist entsetzt und will den Mann, den sie ohnehin nicht liebt, mit einer Giftspritze (sie ist Chemikerin) töten. Und tatsächlich liegt er tot da. Doch die Kommunisten, die in den Besitz der gestohlenen Dokumente kommen wollen, nehmen den scheinbar Leblosen mit und päppeln ihn wieder auf. Er verrät ihnen, wo Vera sich befindet, die die Aktentasche mit den Dokumenten hat. Die Kommunisten entführen Vera. Sie wird in letzter Sekunde befreit, während Atkä Selbstmord begeht.

Szene aus Ingmar Bergmans Film "Menschenjagd". Foto: Katalog

Szene aus Ingmar Bergmans Film „Menschenjagd“. Foto: Katalog

Die Szenen aus Stockholm sind wunderbar (Kamera: Gunnar Fischer), man sie Wolken am Himmel und viele Szenen aus der Innenstadt, die es sonst in keinem Bergman-Film gibt. Dialoge wie: „Kennen Sie den Mann“? „Eigentlich nicht, ich war nur mit ihm verheiratet“ gleich zu Beginn, charakterisieren Vera ganz gut, die offenbar einen neuen Liebhaber hat: den schwedischen Polizisten, der sie verhört. Das Verhältnis der Eheleute und die Dreikonstellation ist also gar nicht mal so Bergman-untypisch, aber so eindeutig gut (Vera) und böse (Atkä) sind die Rollen der Ehepartner sonst nicht verteilt. Mit den Spannungsmomenten – vor allem die Aktentasche mit den Dokumenten – kann Bergman auch ganz gut umgehen, mit den typischen Zirkeln von Kommunisten und Immigranten auch – alles sieht sehr thrillermäßig aus und ist auch spannend, da fast alles über die Bilder und Blicke der Akteure läuft wie im Stummfilm, und die Dialoge nicht so wichtig sind. Allerdings: Neues und  Originelles, was das Genre und die Story betrifft, gibt es nicht. Doch das Grundproblem ist wohl, dass Schweden und ein fiktives Land namens Liquidatzia nicht so recht für einen Kalten-Kriegs-Thriller taugen. Der Film wurde ein Flop, sowohl Bergman als auch die Produktionsfirma – die es immer noch gibt – zogen ihn aus dem Verkehr. In Bergmans Werk ist er ein Kuriosum, aber das sind andere Filme nach fremden Drehbuch wie „Die Jungfrauenquelle“ auch.

Andrea Dittgen

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