Handke mag kein Erwartungsbrummen

Filme mit langen Titeln haben es schwer: „Peter Handke – Bin im Wald. Kann sein, dass ich mich verspäte“ (Kinostart: 10. November) ist so einer. Immerhin hört er sich witzig an. Das ist schon mal ganz gut für einen Schriftsteller, der als schwierig bekannt ist. Der Österreicher ist jetzt 73, sieht aber älter aus. Er lebt seit 25 Jahren in seinem Haus in Chaville bei Paris und ließ die 62-jährige einfühlsame Dokumentarfilmerin Corinna Belz („Gerhard Richter: Painting“) an sich herankommen.

Ihr gelangen Bilder, über die man staunt: Handke säht an einem Ast herum. Im Haus versucht er, einen Faden durchs Nadelöhr zu bekommen. Es gelingt ihm nicht. Er schneidet den Faden spitzer, dünner. Nichts hilft. Er flucht nicht, er lächelt und sagt, dass man im Leben mehr Zeit haben müsste. Bis er schließlich auf die Idee kommt, eine Nadel mit einem größeren Öhr zu nehmen. Nun klappt es – und man sieht, wie Handke mit dem eingefädelten goldenen Faden stickt. Er bestickt ein weißes Hemd, es ist fast fertig. Das hätte man von dem Dichter nicht erwartet. „Ich bin nicht technikfeindlich“, sagt er und erklärt, warum er am liebsten mit der Hand schreibt und früher mit einer altmodischen Schreibmaschine „Ich mochte das Hackgeräusch, den Rhythmus“): Bei der elektrischen Schreibmaschine und beim Computer, stört ihn das Grundrauschen des Gerätes: „Ich mag das Erwartungsbrummen nicht“. Vielleicht sollte ihm jemand zeigen, dass die Laptops und Tablets heute nicht brummen?

Bevor Corinna Belz Handke filmte („Ich habe schon immer viel von Handke gelesen“), hat sie ihn mehrfach besucht. „Ich bin öfter nach Paris gefahren, dann haben sich Gespräche ergeben. Nach einem Dreivierteljahr war es dann soweit, dass ich angefangen habe, zu drehen“, beschreibt Belz, wie sie das Zutrauen des Autors bekam. Sie ging auch mit ihm auf Reisen, aber der Film spielt meistes in seinem Haus, „weil wir die schönsten Gespräche in dem Haus geführt haben.“ Es ist auch die Umgebung, in der die meisten seiner Texte entstehen, was dem Zuschauer hilft, sich in Handkes Denken, in seine Lebens- und Arbeitsweise einzuführen. „Er hat ein wunderbares Gehör für die Sprache“, sagt Belz. Die Dreharbeiten erstreckten sich über dreieinhalb Jahren. Am Ende hat sie über 100 Stunden Material, das hängt auch damit zusammen, „dass man – wenn einen Film entwickelt, der keinen Kommentar hat, muss man versuchen, den Zuschauer so in die Situation zu führen, dass es immer verständlich nicht.“ Schließlich will die Regisseurin Corinna Belz den Zuschauern dabei helfen, sich Peter Handkes Denk-, Arbeits- und Lebenswelt zu erschließen. Es ist keine typisches Porträt: seine Töchter kommen zu Wort, auch andere Frauen (keine Männer), er liest nur wenig vor, die vielen Bücher sind  gestapelt, so dass man die Titel lesen kann. Neben einem alten Interview aus den 60er Jahren, als er Aufsehen erregte mit seine Provokationen, kommen ein paar Filmszenen aus den zahlreichen Verfilmungen seiner Roman von Wim Wenders vor (Wenders selbst jedoch nicht, der sich auch viel zu Handke sagen kann), Polaroid-Fotos. „Ich versuche, keine Talk-Stories zu machen“, erklärt Belz ihre Vorgehensweise. „Aber ich glaube, dass er ein großer Familienmensch ist“.

Andrea Dittgen

 

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