Fiel sofort auf: Sibel Kekilli im roten Kleid.

Django, Gere und die wilde Maus

Donnerstag, Berlinale-Eröffnungstag. Strahlender Sonnenschein. Minus zwei Grad. Nachmittag. Männer rauschen an mir vorbei. Schauspieler! Zuerst Django. Er verzichtet auf die Limousine, kommt zu Fuß und geht flott die Treppe hoch zur Pressekonferenz. Dabei ist Reda Ketar, der den Zigeunerjazz-Gitarristen Django Reinhardt verkörpert, in Deutschland schon vor dem Berlinale-Eröffnungsfilm „Django“ den Kinofreunden ein Begriff: in Wim Wenders aktuellem Film „Die schönen Tage von Aranjuez“ hat der Franzose mit algerischem Vater auch die Hauptrolle.  Doch ein richtiger Star ist er ja noch nicht, da kann er schon mal aufs Protokoll verzichten.

Der nächste Mann rauscht vorbei: Richard Gere. Inzwischen ist es 22.45 Uhr, der Eröffnungsfilm im Berlinale-Palast ist zu Ende, gleich beginnt dort der große Empfang. Ohne Gere. Er will weg. Die Sicherheitsmänner bahnen ihm eine Gasse durch die Gäste. Auch er geht flott und lächelt. Dann kommt wieder Reda Ketar, nun im Smoking, mit dem Tross aus seinem Film. Wieder sind die Sicherheitsmänner zur Stelle, wieder geht es schnell. Wo gehen die nur alle hin? Auf eine Privatparty? Müde ins Bett? Dabei gibt es bei der Eröffnungsparty im Berlinale-Palast doch guten Pfälzer Wein (Laumersheimer Sauvignon) und Leckereien von Sterneköchen (in kleinen Schälchen auf fünf Etagen!). Und man kann Promis gucken und ansprechen, wenn man will. Wie die beiden jungen Frauen, die Roland Zehrfeld erblickt haben, kaum dass er den Berlinale-Palast betreten hat. Er ist noch im Mantel, als sie ihn um ein Foto zu dritt bitten. Er lacht, posiert und – ganz Gentleman – verbeugt sich sogar danach. Noch ein Schauspieler ohne Allüren. Wie schön.

Eine Treppe höher steht Josef Hader, der Schauspieler und Kabarettist, die „Wilde Maus“ (so heißt sein erster Film als Regisseur, der in einer Spezialvorstellung läuft), redet laut und gestikuliert wild auf den deutschen Regisseur Wolfgang Becker ein. Der nickt und schweigt. Seltsamerweise sind es meistens zwei Männer, die aufeinander einreden. So wie die Regisseure Tom Tykwer (der gerade seine Fernsehserie „Babylon Berlin“ abgedreht hat und sich bei der Berlinale-Party wohl vom Stress am Schneidetisch erholt) und Rosa von Praunheim. Der Berliner ist bekannt für seine schrillen Outfits. Doch diesmal kommt er eher dezent daher: Er trägt einen schwarzen Frack mit unregelmäßig dicken silbernen Längsstreifen und einen schwarzer Zylinder mit silbernen Sternen. Das verleiht ihm eher die Aura eines Zirkusdirektors.

Apropos Hut. Das ist wohl ein neuer Trend. Zumindest bei Schauspielern. Robert Stadlober versteckt seine blonden Haare unter einem schwarzen altmodischen Hut. Und Tom Schilling seine kurzen schwarzen auch. Immerhin nimmt er den Hut ab, als er sich zum Essen an den Tisch setzt. Neben ihm eine vollkonzentriert aufs Handy tippende Corinna Harfouch im dunklen, sehr dezenten Kleid. Deshalb lassen sie die Fernsehreporter mit ihren Kameras sie wohl auch in Ruhe und stürzen sich lieber auf die Frau im knallroten engen Kleid für ein Kürzestinterview: Sibel Kekilli. Geduldig erklärt sie wahrscheinlich zum zehnten Mal, warum sie keine Kommissarin mehr sein will. Liv Lisa Fies (die seltsame daher redende, junge hübsche Hauptdarstellerin aus „Babylon Berlin“) wird fast vom Blitzlichtgewitter der Fotografen geblendet. Heike Makatsch lächelt mit kurzen, halb punkig nach hinten gekämmten blonden Haaren im langen schwarzen Kleid in die Kamera.

Eine halbe Treppe höher steht gerade der frühere Berliner Bürgermeister Klaus Wowereit im Kameralicht und lacht. Dafür sucht man andere Gesichter vergebens: Kulturstaatsministerin Monika Grütters, die vorher im Saal bei der Eröffnung ebenso eine Rede hielt („Die Berlinale ist eine Fest der Kunstfreiheit“) wie der aktuelle Berliner Bürgermeister Michael Müller („es ist eine politische Berlinale“) mischen sich nicht unters Partyvolk.

Doch viel schlimmer ist, dass jemand anders nicht da ist, der es sich all die Jahre – oder besser Jahrzehnte –  nicht nehmen ließ, zum Eröffnungsempfang zu kommen: Atze Brauner, der berühmte Produzent. Er ist jetzt 98. Muss man sich um ihn Sorgen machen? Nachdenklich mache ich mich auf den Heimweg. Es ist Mitternacht, minus fünf Grad. Die Bremse an meinem Fahrrad quietscht bedenklich. Vielleicht war es Atze Brauner einfach nur zu kalt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *