Der Verkannte

Helmut Käutner war eine Hommage von acht Filmen gewidmet. Foto: ICR

Helmut Käutner war eine Hommage von acht Filmen gewidmet. Foto: ICR

In Italien erwartet man nicht unbedingt eine Hommage an Helmut Käutner (1908-1980). Acht Filme zeigte das Festival von Bologna, bewusst nicht die bekannten, sondern „Große Freiheit Nr. 7“ (1945), „Unter den Brücken“ (1949), „Epilog“ (1950), „Bildnis einer Unbekannten“ (1954), „Ludwig II.“ (1955), „Himmel ohne Sterne“ (1955), „Das Glas Wasser“ (1960) und „Schwarzer Kies“ (1961).– allesamt Meisterwerke, auch wenn das in Deutschland nicht unbedingt so gesehen wird. Dort denkt man vor allem an „Des Teufels General“ (1955) und „Der Hauptmann von Köpenick“ (1956).

De Vorstellungen waren ausverkauft, es bildeten sich Schlangen vor der Tür, nicht alle kamen rein, auch das dürfte es in Deutschland wohl kaum  geben. Da ist Käutner einer der Verkannten. Warum er im Ausland unter Cineasten so geschätzt wird, erfuhr man bei einer Diskussionsrunde zu Käutner, zu der der Olaf Möller, der deutsche Kurator der Hommage, Christof Huber (österreichisches Filmmuseum). , Adriano Aprà (früherer Direktor der italienischen Kinemathek) und Miguel Marias (früherer Direktor der spanischen Kinemathek) eingeladen hatte. Das Problem in Deutschland, so Huber, liegt darin, dass die Zeit zwischen dem Weggang von Fritz Land nach Hollywood und den ersten Filmen von Rainer Werner Fassbinder nicht von den Kritikern richtig wahrgenommen wurde und großartige Regisseure übersehen wurden. Marias betonte, dass ihn Käutnerfilme immer überraschen, weil Käutner eine so große Bandbreite an Themen und Genres hatte. Er erinnert ihn an Douglas Sirk, an Fritz Lang, er habe den Eindruck, als hätte Käutner allein nach dem Krieg das deutsche Kino wiederaufgebaut. Er habe in der Nazi-Zeit gearbeitet, aber seine Filme seien keine Nazifilme, was sicher nicht einfach war. Stilistisch sei er sehr erfindungsreich gewesen: „Er war nie konventionell. Er formte seine Figuren mit einer großen Tiefe.“ In den 50er Jahren, als man an Feminismus in dieser Form noch nicht dachte, habe Käutner mit „Bildnis einer Unbekannten“ seinen feministischen Film gedreht. „Er war ein sehr moderner Filmemacher, nicht modernistisch, sondern eine Mischung als klassisch und modern. Er ist einer der größten deutschen Filmemacher. Ich wundere mich, dass er international nicht mehr geschätzt wird“, meinte Marias, gab jedoch einen Grund dafür an, indem er sagte, dass es schwer sei, untertitelte (und damit international verständliche) Filme von Käutner zu bekommen.

Huber sieht in ihm einen Idealisten und Humanisten, der mehrere Sprachen sprach und vielseitig war, weil er vom Kabarett und vom Theater kam. Aprà schätzt ebenfalls Käutners Art, Frauen darzustellen, aber auch seine komprimierte Form, Dinge auf den Punkt zu bringen und eine Art Gegenpunkt zu den Heimatfilmen aufzubauen. Er schätzt Käutners Ironie und Leichtigkeit und die Freiheit, die er sich nahm. Meisterhaft seien auch der Schnitt seiner Filme und die Sprache. Angesichts dieser und weiterer Lobesworte wundert man sich, dass es in Deutschland so selten eine Käutner-Hommage oder gar eine komplette Retro (er dreht 60 Filme für Kino und Fernsehen) gibt.

Andrea Dittgen

 

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