Kaum zu erkennen: Volker Schöndorff begrüßt morgens um 9.30 Uhr  die Kinobesucher.

Der Überraschungsgast

Haus der Berliner Festspiele. Donnerstag, 9.30 Uhr. Die erste Vorstellung. Es gibt „Rückkehr nach Montauk“ von Volker Schlöndorff nach Max Frischs Roman. Ein Wettbewerbsfilm. Alle sitzen, über 800 Zuschauer, fast ausverkauft. Aber das Licht geht nicht aus. Eine Moderatorin kommt auf die Bühne und kündigt einen Überraschungsgast an.Es ist Volker Schlöndorff. Normalerweise sind Regisseure und Crew nur bei den Galas im Berlinale Palast dabei – und da kommen sie nicht immer nach vorne, sondern sitzen oft nur im Saal, werden vom Scheinwerfer angestrahlt. Und das war‘s auch schon. Das hier ist die Ausnahme. Volker Schlöndorff, der sympathische Oscar-Preisträger („Die Blechtrommel“, 1979), steht ganz leger in Straßenkleidung vor dem roten Vorhang, als käme er gerade von draußen rein: Dicke schwarze Jacke, schwarze Hose, schwarze Schuhe, schwarze Wollmütze. Wie ein Autonomer aus Kreuzberg sieht er aus (dabei wohnt er in Potsdam). Bei der Gala am Abend vorher war er noch im Smoking. Er lacht. Ob der 77-Jährige die Nacht durchgemacht hat? Das verrät er nicht. Jedenfalls freut er sich, dass so viele Besucher so früh schon im Kino sitzen. Zur Aufmunterung gibt er ihnen eine kurze Einführung.

„Morgens nach dem Frühstück geht man wieder ins Kino, das ist fast, als ob man die Nacht verlängert. Nicht dass Sie jetzt schlafen!“ Man kann so tagträumen. Das hat auch mit diesem Film zu tun. Den habe ich als Tagtraum jahrelang mit mir rumgeschleppt, war nie ganz sicher, ob ich es mache. Aber es war eine schöne Beschäftigung, mich zu erinnern und mir diese wunderschönen Frauen  immer wieder vorzustellen. Da konnte ich kombinieren: Literatur liebe ich und Schauspieler liebe ich. Nicht um des gesprochenen Wortes wegen, also nicht wegen dem Wohlklang. Es hilft ja, Gefühle nachzuempfinden und die Ordnung in die eigenen Gefühle zu bringen – oder auch Unordnung manchmal. Wozu man im normalen Leben keine Zeit hat. Da muss man dann entweder ein Buch haben oder im Kino sitzen. Diese zwei Frauen, die habe ich natürlich hier in Berlin immer wieder beobachten können, während ich an den Film gedacht hab. Es sind beides Theaterschauspieler. Susanne Wolff und Nins Hoss, deren Aufführungen ich im Deutschen Theater und in der Schaubühne angesehen habe. Ich bin einer von diesen Filmern, die noch ins Theater gehen. Und damit komme ich zum Ende. Denn vor zwei Jahren waren einige von Ihnen dabei, als ich hier den „Baal“ zeigen konnte von 1969. Das waren auch nur Texte und Schauspieler Brecht und Fassbinder. Also insofern eins steht fest: Ich bin mir treu geblieben – wenn auch nicht anderen. Viel Spaß.“

Andrea Dittgen

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