Der Mutter sei Dank!

Cannes-Tagesbuch (4) 10. Mai 2018

So absurd es klingt, angesichts des Selfie-Verbotes auf dem roten Teppich gibt es nun eine Anti-Selfie-Eingreifgruppe analog zur Anti-Terrorgruppe. Sie besteht aus Sicherheitsleuten und Festivalleiter Thierry Frémaux persönlich. Ein Kollege des Hollywood Reportes sah, wie Frémaux höchst selbst einer Frau beim Selfiemachen ans Handy griff, andere Besucher wurden von der Eingreiftruppe schon gewarnt, als sie einfach nur ihr Handy in der Hand hielten. Und dennoch war es wohl schon am Eröffnungstag einigen mutigen Frauen gelungen, Selfies auf dem Teppich zu machen, sie standen in einem Pulk, so dass die Sache nicht so überschaubar war. Inzwischen informiert sogar am Schild am Teppich-Eingang, dass man nicht gar fotografieren darf. Wahrscheinlich dauert es höchstens noch zwei Tage, bis bei der obligaten Taschenkontrolle – sie ist vor dem roten Teppich – gleich sämtliche Handys beschlagnahmt werden. Macht 2300 Handys pro Vorstellung. Wahnsinn!

„Wahnsinn“ sagt auch Ryan Coogler öfter – bei dem öffentlichen Künstlergespräch am Mittwoch. Mit 31 Jahren war der farbige Amerikaner der jüngste Filmemacher, dem die Ehre des Künstlergesprächs zuteilwurde. Drei Filme hat er bislang erst gedreht, Cannes war sein erstes europäisches Filmfestival 2013: „Nächster Halt: Fruitvale Station“ gewann den Zukunftspreis in der Reihe „Un certain regard“. Sein zweiter Film „Creed: Rocky Legacy“, die Fortsetzung der Rocky-Geschichte mit Sylvester Stallone brachte Stallone eine Oscar-Nominierung ein. Cooglers dritter Film „Black Panther“, der zurzeit noch im Kino läuft, ist dem Einspielergebnis nach der viert erfolgreichste Film aller Zeiten. Doch Coogler bleibt offenbar trotzdem noch auf dem Teppich. Er lacht viel, sagt oft  „oh Man“ und erzählt ohne Allüren – und noch nicht ganz so wie ein allglatter Profi. Letzteres wird es wohl nie, dazu ist sein Akzent zu stark und ungewöhnlich (er wirkt wie ein Dialekt), auch stottert er leicht und gestikuliert wie eine Rapper. Beim Reden zoppelt er solange das Mikro am Anzugrevers zurecht, das ihn störte, bis die Techniker ihm entnervt ein altmodisches großes Mikro in die Hand drücken.

Künstlergespräch in Cannes. ryan Coogler (links) und der US-Kritiekr und filmhistroiekr Elvis Mitchell. Foto: Dittgen

Künstlergespräch in Cannes: Ryan Coogler (links) und der US-Kritiker und Flmhistoriker Elvis Mitchell. Foto: Dittgen

Und Coogler sagt Sachen, die man sonst nicht hört. Er ist in Oakland aufgewachsen, in der schwarzen Gemeinde. Dazu steht er und zu seinem Akzent. Er mochte Kino von klein auf, sagt der 1986 geborene und nennt als erstes „Star Wars“. Sein Vater schleppte ihn in Actionfilme. Doch wichtiger für die kleinen Ryan war die Mutter. „Sie war eine IMDB (Internet Movie Data Base“). Sie wusste genau, wer wann wo vorher schon mitgespielt hat“, erzählte Ryan. „Sie wusste, welche Filme gerade im Kino liefen. Sie nahm mich mit in Filme aller Genres.“ Und ihr ist es auch zu verdanken, dass es in all seinem Filmen starke Frauenfiguren gibt und er bisher nur mit Kamerafrauen und mit Cutterinnen arbeitete. „Frauen sind wichtiger als Männer. Sie sind die Chefs der Familie, sie sind sehr intelligent. Denn so war es auch in dem Umfeld, in dem ich aufgewachsen bin, ich war umgeben von unglaublichen Frauen.“

„City of God“ (2002), der brasilianischen Kinder-Gangsterfilm, war der erste Film, den er mit Untertiteln sah. Er nannte „Ein Prophet“ (2009) von Jacques Audiard  und „Hass“ (1995) von Matthieu Kassovitz als wichtige Filme – und „Amores Perros“ (2000) von Alejandro Iñárritu. Was für einen Amerikaner dann doch überrascht.

Als er bei einem Treffen junger Regisseure, zu dem der farbige Schauspieler Forest Whitaker einlud, erzählte, dass er gerne die Geschichte des in der U-Bahn von einem Polizisten grundlos erschossenen jungen farbigen Oscar verfilmen würde, sagte Whitaker spontan zu, den Film zu produzieren. „Fruitvale Station“ gewann viele Preise. Nun sagte auch Sylvester Stallone, den Coogler bereits vor seinem Debütfilm die Geschichte von „Creed“ erzähl hatte, dem Nachwuchsmann zu. „Vorher konnte ich nichts vorweisen, jetzt hatte ich ja einen Film“, erklärt Coogler lachend. Noch weiter zurück geht Cooglers Idee, den Comic „Black Panther“ zu verfilmen. Den kannte er schon seit seiner Kindheit. „Zu diesem Film inspiriert haben mich vor allem die James-Bond-Filme und ,Der Pate‘,“ bekennt er.

Andrea Dittgen

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