"11 x 14": Der erste Film von James Benning von 177 kommt morgen in der reataurierten Fassung auf DVD heraus bei der Edition filmmuseum. Foto: Forum der Berlinale

Der Mann, der die Zeit verändert

„Eine ganze Weile lang passiert nichts. Dann passiert etwas. Und dann noch etwas“. So kündigte der 75-jährige Amerikaner James Benning seinen Film „L. Cohen“ an. Leonard Cohen natürlich. Doch man sieht keinen Cohen, sondern nur ein Stück ödes Feld, mit einem gelben Kanister, an der rechten Seite stehen zwei Strommasten, ein Haus, ein Pflug ohne Zugmaschine, im Hintergrund in der Ferne einen schneebedeckten Berg. Es ist Tag. Das Bild bewegt sich 20 Minuten lang nicht.  Es könnte ein Standbild sein, je länger man hinschaut, desto aufmerksamer wird man. Bewegt sich da nicht leicht die Kamera?  Und was sind das für seltsame Geräusche, die man dazu hört? Es könnten Flugzeuge sein. Der Film soll 45 Minuten dauern, das weiß man als Zuschauer und stellt sich darauf ein. Dann plötzlich passiert es: eine Mondfinsternis! Alles wird dunkel, der Berg in der Ferne kommt als Silhouette groß raus. Nach zwei Minuten ist alles wieder vorbei. Nach weiteren zehn Minuten huscht ein Schatten übers Feld, ein Flugzeug, nun ist man sicher. Und ein Song von Leonard Cohen ist zu hören. Dann ist wieder nur das öde Feld da.

"L. Cohen": In dem Film von James Benning sieht man nur ein Stück ödes Land. Foto: Forum der Berlinale

„L. Cohen“: In dem Film von James Benning sieht man nur ein Stück ödes Land. Foto: Forum der Berlinale

Ein Anti-Trump

Benning sieht aus wie ein alter Indianer, wie ein Anti-Trump, mit  langen weißgrauen Haaren und Pudelmütze – in Berlin ist es wohl kälter als in Oregon, wo er 2017 die Mondfinsternis filmte. „Sie dauert zwei Minuten, sie ist schnell, also muss man schnell sein. Aber ein Film sollte mindestens 45 Minuten lang sein. Und so lang ist er auch“, erklärt Benning den Zuschauern.

James Benning (75) macht Filme über die Zeit als Metapher für das Leben. Foto: Dittgen

James Benning (75) macht Filme über die Zeit als Metapher für das Leben. Foto: Dittgen

Er war schon oft in der Sektion Forum der Berlinale, seit seinem ersten Film 1977 „11×14“, vor über 40 Jahren.  Benning ist Kult, seine Filme gehören zur Sammlung des Museum of Modern Image. Er ist Unidozent. Die Leute wissen, dass er Filme über die Wahrnehmung von Zeit dreht, Filme, in denen wenig auf der Leinwand passiert, dafür aber viel in den Köpfen der Zuschauer. Filme mit Landschaften vor allem, ohne Dialoge, oft mit natürlichen Geräuschen.

„Der Film hätte länger sein können“

„Der Film hätte länger sein können. Ich habe etwa eine Stunde vorher und eine Stunde danach gefilmt“, sagt Benning. Er spricht langsam und bedächtig. Das gehört auch zum Kult. „Der Mount Jefferson ist fünf Meilen von dem Platz entfernt, an dem ich gefilmt habe.  An diesem Tag im August kamen hunderttausende Leute, um die Mondfinsternis zu sehen. Ich suchte einen Ort, wo man all die Leute nicht sieht, aber den Mount Jefferson im Hintergrund. Ich stand zwei Meilen von dem Flugplatz entfernt, man hört die Flugzeuge und die Leute schreien, wenn die Mondfinsternis stattfindet, vier verschiedene Flugzeuge flogen umher mit Skydivers, die die Mondfinsternis beobachteten.“

„Metapher für das Leben“

Irgendwann im Verlauf dieser wohl ungewöhnlichsten Filmvorführung der ganzen Berlinale (der Film wird eigentlich als Kunstinstallation bei der Berlinale gezeigt, zu sehen aber zur Eröffnung des Forums) rückte er dann doch mit der Absicht heraus: „Der Film ist eine Metapher für das Leben. Eine Metapher, wie kurz das Leben ist in Bezug zur geologischen Zeit. Wir haben wenig Zeit in Bezug zur Unendlichkeit, das ist deprimierend, wir suchen oft etwas Spirituelles, oder Romantik, deshalb nahm ich einen romantischen Song von Leonard Cohen dazu, er singt davon, wie schnell das Leben vergeht. Es ist radikal, einen Song in meinen Film hineinzutun, es hängt davon ab, wie sehr man Cohen mag oder hasst.“

Ein Zeiterlebnis

Dazu war Bennings allererster Film von 1977 zu sehen. Er ist frisch restauriert, er war ausgebleicht und hatte einen Rotstich. Darin gibt es auch Musik. Einen Song von Bob Dylan. Denselben Song zweimal … in den 40 Jahren zwischen beiden Filmen gab es keine Songs in den Benning-Filmen. Was sagt uns das wohl über die Zeit und die Vergänglichkeit? Wahrscheinlich gibt es kein intensiveres Zeiterlebnis bei dieser Berlinale.

Dieser Beitrag wurde am von in Berlinale 2018 veröffentlicht. Schlagworte: .
Andrea Dittgen

Über Andrea Dittgen

RHEINPFALZ-Redakteurin Andrea Dittgen schaut Filme . Seit 1981 hat sie im Kino etwa 20.000 Filme gesehen. Und sie schreibt darüber (seit 1990). In der RHEINPFALZ in Gestalt von Kino- und DVD-Kritiken, jetzt auch in Form eines Blogs. Außerdem ist sie für uns in Cannes, Toronto, Berlin und bei anderen Film-Festivals dabei.

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