Das Gesicht des Kannibalen wird immer verfremdet gezeigt. Foto: Courtesy of TIFF

Der Kannibale mag Disney-Filme

Die Geschichte ist so  schrecklich, dass man sie in einem Spielfilm nicht erzählen könnte: 1981 tötete der damals 32-jährige japanische Medizinstudent Issei Sagawa in Paris eine Mitstudentin, die seine Liebe nicht erhörte. Danach vergewaltigte er die Leiche und aß Teile von ihr auf. Zwar wurde er geschnappt, aber für unzurechnungsfähig erklärt und  nach Japan zurückgeschickt. Dort lebt er noch und erzählt von seiner Tat, auch dem Regisseurs-Paar Véréna Patarel und Lucien Castaing-Taylor. Das  für seine Experimentalfilme (die schon bei der Berlinale zu sehen waren) bekannte Duo machte daraus „Caniba“, einen 90-minütigen Film, der Dokumentarisches und Experimentelles mischt und ein größerer Schocker ist als die meisten Horrorfilm. Denn alles, was Issej Sagawa und sein Bruder Jun erzählen, ist wahr. Es begann irgendwann in der Pubertät mit der erwachenden Sexualität: der Wunsch, die Geliebte auch aufzuessen. Doch es dauerte eine Weile, bis aus dem in schönster Harmonie mit seinem Bruder aufwachsenden Issei (das zeigen alte Fotos) jener Mann wurde, der zum Kannibalen wurde. Er mochte die freundlichen Zeichentrickfilmmärchen von Walt Disney und Hayao Miyazaki, sagte er. Und wohl auch die deutschen Gedichte der Romantik, die seine Mitstudentin Renée in Paris in seinem Apartment übersetzte. Aber sie wollte ihn nicht als Liebhaber. Was den sexbesessenen Issei durchdrehen ließ. Er wollte sie ganz, erzählt er ganz langsam, in ruhigen Worten. Genauso ruhig erzählt er, wie er sie tötete und begann ihr Fleisch zu essen. Er sagt aber auch, dass er selbst von Renée gegessen werde wollte.

Auch später noch hatte er den Wunsch, das zarte Fleisch von Frauen zu essen, erzählt er. Über seine Gefühle beim Essen von Menschenfleisch spricht er jedoch nicht. Über Moral auch nicht. Stattdessen  zeigt er die Bilder, die er davon gezeichnet hat, denn er machte aus seiner perversen tat ein Manga, einen Comic, in Farbe, ziemlich drastisch.  Mit dem Messer schneidet er erst ein Stück aus der Pobacke, dann eins aus der Brust, aus dem Arm.  Während der erzählt, zeigen die Regisseure, die keine Fragen stellen und nichts kommentieren, den Täter nicht einfach frontal, wie üblich: Sie verfremden das Gesicht, indem sie nur Ausschnitte zeigen: nur die Augenpartie, nur den linken Teil, sie legen das Gesicht dazu noch waagerecht, lassen es immer im Halbdunkeln, machen es unscharf. So wie auch Issei seine Tat unscharf sieht, er sagt, dass er verrückt sei, das wisse er. Das Einsseinwollen mit der geliebten Frau habe bei ihm eben nur funktioniert, indem er sie aß.

Die Schweizer Regisseurin Véréna Patarel. Foto: Courtesy of TIFF

Die Schweizer Regisseurin Véréna Patarel. Foto: Courtesy of TIFF

Es ist vor allem die Ruhe, mit der Issei (heute ein alter Mann, der Zucker hat und einen Herzinfarkt, in einem Vorort von Tokio lebt und von seinem Bruder betreut wird) die einen als Zuschauer so an die Nerven gehen, was durch die provozierenden, anstrengenden Bilder noch verstärkt wird, die trotz ihn trotz allen mehr als Mensch, denn als Monster zeigen. Aber oft sieht man Issei, wie er kauend die Lippen bewegt. Was zusätzlich schockt, denn die schlimmsten Bilder entstehen bekanntlich erst im Kopf des Betrachters. Es ist wohl der verschreckende, ungewöhnlichste und zugleich nachdenklichste Film, den das Festival von Toronto in diesem Jahr zu bieten hat.

Der britische Regisseur Lucien Castaing-Taylor. Foto: Courtesy of TIFF

Der britische Regisseur Lucien Castaing-Taylor. Foto: Courtesy of TIFF

Dieser Beitrag wurde am von in Toronto 2017 veröffentlicht. Schlagworte: .
Andrea Dittgen

Über Andrea Dittgen

RHEINPFALZ-Redakteurin Andrea Dittgen schaut Filme . Seit 1981 hat sie im Kino etwa 20.000 Filme gesehen. Und sie schreibt darüber (seit 1990). In der RHEINPFALZ in Gestalt von Kino- und DVD-Kritiken, jetzt auch in Form eines Blogs. Außerdem ist sie für uns in Cannes, Toronto, Berlin und bei anderen Film-Festivals dabei.

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