Der grausame Junge

Die „Drei Zinnen“ aus dem Titel des zweiten Films von Jan Zabeil könnten auch für die drei Personen stehen, um die es in diesem Kammerspiel. Aaron, seine Freundin Lea und deren achtjähriger Sohn Tristan verbringen die Ferien in einer einsamen Berghütte in den Dolomiten. Sie sind eine Patchwork-Familie, auch akustisch: Alle drei sprechen Deutsch. Französisch und Englisch, wie es gerade passt. Das ist die erste ungewöhnliche Sache. Alexander Fehling als Aaron und Arian Montgomery (der Sohn des deutschen Kurzfilm-Oscar-Preisträgers Tyron Montgomery) sprechen Deutsch ohne Akzent, die in Frankreich aufgewachsene Argentinierin Bérénice Béjo („The Artist“) mit starkem Akzent, aber sie versucht es immer wieder tapfer. Überhaupt versuchen die drei, einander näher zu kommen – abgeschieden von allem in den Alpen, kann ja auch niemand entkommen, mag Lea denken. Natürlich kommt es anders.

Die Patchworkfamilie verbringt die Ferien in den Alpen. Foto: Courtesy of TIFF

Die Patchworkfamilie verbringt die Ferien in den Alpen. Foto: Courtesy of TIFF

Tristan ist der Mittelpunkt. Er lässt Aaron spüren, dass er sehr  an seinem Vater hängt, von dem Lea sich wohl erst vor kurzem getrennt hat. Trotzdem geht er mit Aaron allein auf Tour in die Berge, und gibt sich freundlich, sogar zutraulich. Einmal sagt er sogar „Dad“ zu ihm. Aaron strahlt, Harmonie pur. Doch Gefühle können so schnell  umschlagen wie das Wetter. Beim zweiten Trip in die Berge, zeigt Tristan sein wahres Gesicht. Erst zieht er Aaron die Schnürsenkel aus den Schuhen, so dass der auf den Felsen mehr so viel Halt hat. Dann läuft er weg. Aaron macht sich auf die Suche, und Tristan denkt lange nicht daran, ihm durch lautes Rufen anzuzeigen, wo er ist. Das tut er erst, als er sich im Nebel unsicher fühlt. Auf dem Weg zu Tristan stürzt Aron ab und verletzt sich, erst danach findet Tristan zu ihm. Doch wenig später rennt der Junge wieder allein los, und droht, in einem Eisloch zu ertrinken. Wie bald darauf auch Aaron, der zu Hilfe gekrochen kommt. Nun erpresst ihn der Junge: Er soll seine Mutter in Ruhe lassen. Aus der Einsamkeit und Wortkargheit wird eine Dramatik, die dennoch eine ungewöhnliche Ruhe ausstrahlt, eine Ruhe, die zu der Grausamkeit des Jungen passt.

Aaron (Alexander Fehling) und Lea (Bérénice Bejo) hoffen, dass alles gut wird. Foto: Courtesy of TIFF

Aaron (Alexander Fehling) und Lea (Bérénice Bejo) hoffen, dass alles gut wird. Foto: Courtesy of TIFF

Vor sechs Jahren hatte das Debüt des Berliner Regisseurs Jan Zabeil (Jahrgang 1981) in Toronto Premiere: „Der Fluss war einst ein Mensch“, auch ein Drama in der Natur, auch ein Kammerspiel in opulenter Landschaft, dem Dschungel. Fehling kämpfte darin ums Überleben. Fast wortlos. Das optische Umfeld und der souverän agierende Schauspieler sorgten für eine geheimnisvoll-spannende Atmosphäre. Was im dunklen Dschungel gelang, überträgt Zabeil hier auf die weiße Bergwelt. Und stellenweise kommt es einem so vor, als kämpft auch hier Fehling allein in und gegen die Natur, denn der Jungen in seinem weißen Daunenzeug ist im Schnee kaum auszumachen. Das ist die zweite ungewöhnliche Sache, die zur Verblüffung des Zuschauers beträgt. Bérénice Bejo als Mutter zwischen den beiden ist jedoch auch wichtig, sie versucht zu vermitteln. Zu Aaron sagt sie: „Tristan will, dass du ihm die Gutenacht-geschichte vorliest“, und Tristan sagt zu Aaron: „Mama hat gesagt, du willst mir unbedingt die Gute-Nacht-Geschichte vorlesen“. Beide sind verblüfft, machen aber, was Lea will.

Jan Zabeil. Foto: Courtesy of TIFF

Jan Zabeil. Foto: Courtesy of TIFF

der Film ist ein ungewöhnliches Spiel um den Wunsch nach einer heilen Familie. Schon nach einer halben Stunde knistert die Spannung, und man fragt sich, welchen Unheil denn nun passiert, zu schön ist alles. So subtil wie Zabeil seine Story inszeniert, agieren auch die Darsteller. Ein packender deutscher Film. Nach Toronto läuft er in London beim Festival, einen deutschen Start hat er noch nicht.

Andrea Dittgen

 

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