sakamoto

Das Überraschungskonzert

Die Vorfreude war groß. Vor dem Gespräch mit Ryūichi Sakamoto, dem Komponisten der für „Der letzte Kaiser“ (1987) von Bernardo Bertolucci den Oscar bekam, sieht man den großen Flügel auf der Bühne beim Berlinale-Talents-Publikumsgespräch. Und einen Aufbau mit allerlei Elektronik. Aha, es gibt nicht nur Filmausschnitte, sondern der Meister wird sich auch an den Flügel setzen und demonstrieren, was er da komponiert hat. Denkt man und freut sich. Doch dann kommt es noch viel besser. Das Licht geht aus. Sakamoto kommt, seine weißen Haare leuchten. Er schlägt eine Taste am Klavier an, dann sieht man den zweiten Mann an der Elektronik, der daraus ein Klangband macht: ein weißes Klangband. Als solches erscheint es auf der Leinwand. Ein Band, das sich verändert, wenn sich Tonhöhe, Tondauer, Dichte, eben die Musik minimal verändert. Sakamoto greift auch in die Saiten des offenen Flügels und deutet eine Melodie an. Er nimmt Alufolie und knistert zu dem Klangband, das immer noch da ist in  ein Mikrofon. Es hört sich an  wie Science-Fiction im All. Musik, Geräusche, Elektronik alles ist im permanent im Fluss. Und entwickelt es. Man bekommt ein Gefühl für Unendlichkeit. Es klingt fremd und doch vertraut. 40 Minuten lang. So lange dauerte die schönste Überraschung, die die Berlinale geboten hat: Ein Konzert, mit dem niemand gerechnet hat.

Es war von A bis Z improvisiert, nichts war abgesprochen,  erzählt ein gut gelaunter Sakamoto (66), der vielleicht ganz froh war, mal dem Stress als Jurymitglied zu entkommen, und stellt seinen Kollegen an der Elektronik vor, mit dem er häufiger zusammen arbeitet: den Deutschen Carsten Nicolai (52). Sakamoto gilt als einer der Größten seines Fachs, in den 80er Jahren war seine elektronische Musik so richtungsweisend wie die von Kraftwerk. „Furyo – Merry Christmas Mr. Lawrence“ (1983) von Nagisa Oshima machte ihn als Filmkomponist bekannt. „Damals war ich noch jung und egoistisch wie viele Komponisten und habe zu viel Musik geschrieben und zu laute“, beginnt er mit seiner Selbstkritik. Und dass er bei „Himmel über der Wüste“ von Bertolucci eine längere Pause hätte einhalten sollen, damit man Debra Wingers Schrei besser hört, statt ihn mit Musik zu überlagern – wie man im Filmausschnitt auch sehen kann. Man merkt, dass er ein Perfektionist ist. Und dass ihm heute die Natur wichtig, deren Geräusche er in „The Revenant“ von Alejandro G. Iñárritu verarbeitet hat. Und dass seine Musik nicht  die Filmbilder wiederholen soll, sondern ein eigenes Element und eine neue Balance schafft, die den Film voranbringt. Und fast alle im Saal nicken. Ein überwältigendes Erlebnis.

 

Dieser Beitrag wurde am von in Berlinale 2018 veröffentlicht. Schlagworte: .
Andrea Dittgen

Über Andrea Dittgen

RHEINPFALZ-Redakteurin Andrea Dittgen schaut Filme . Seit 1981 hat sie im Kino etwa 20.000 Filme gesehen. Und sie schreibt darüber (seit 1990). In der RHEINPFALZ in Gestalt von Kino- und DVD-Kritiken, jetzt auch in Form eines Blogs. Außerdem ist sie für uns in Cannes, Toronto, Berlin und bei anderen Film-Festivals dabei.

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