Charles Aznavour (93) beim Filmfestival von Lyon. Foto: Festival Lumière

Charles Aznavour: Lernen ist das Wichtigste

Er ist 93 und schreibt gerade eifrig an Songs für das neue Album, doch er ist auch Schauspieler, 80 Filme hat er zwischen 1936 und 2013 gedreht. Im August bekam er seinen Stern auf dem Hollywood-Boulevard. Jetzt ist er 93: Charles Aznavour. Das Festival von Lyon widmete ihm eine Hommage und lud ihm zu einem einstündigen Publikumsgespräch ein – als Überraschungsgast.

Er kommt in Jeans und sportlicher Jacke in den total überfüllten Kinosaal und bahnt sich den Weg durch die auch auf der Treppe sitzenden, wild applaudierenden Fans. Dann spricht er fast pausenlos, klar, schnell und humorvoll.

„Es ist eine tolle Sache, alt zu sein. Ich komme damit sehr gut klar, ich sehe das Leben anders als früher. Ich achte auf meine Gesundheit und ich sage den jungen Leuten meine Meinung, ich gebe keine Ratschläge, ich sage ihnen meine Meinung. Zum Beispiel sich ein Synonymwörterbuch für die Reime der Songs zu besorgen. Sie werden dann besser.

„Man muss Witze machen“

„Man muss lachen. Jeden Tag. Das hält jung. Man muss Witze machen. Und Reime“

„Ich bin in einem Theatermilieu in Paris aufgewachsen. Ins Restaurant meines Großvaters kamen viel russische Künstler, Journalisten und Autoren. Da habe ich viel gelernt. Ich bin in einem Theater aufgetreten wo man sprechen, singen und tanzen muss. Als der Theaterleiter erfuhr, dass ich auch eine klassische Tanzausbildung habe, sagte er, dass noch jemand fehlt, um mit den Mädchen zu tanzen, im Tütü. Also habe ich im Tütü getanzt, im Theater Alcazar, ein paar Monate lang. So habe ich mein Metier gelernt: Tütütütü.“

„Eine Rolle, für die Sie einen Oscar bekommen“

„In den 50er Jahren, als ich schon einige Schallplatten aufgenommen und bekannt war, traf ich mich mit dem Filmregisseur und –produzenten Jean-Pierre Mocky. Wir hatten schon einiges getrunken, da sagt er zu mir: Ich will Ihnen eine Rolle geben, für die Sie einen Oscar bekommen. So hat es angefangen.“

„Ich bin mit meinem Vater regelmäßig ins Theater gegangen, in die Comédie Française“, und ich trat als Schauspieler auf. Ich fand einen Weg, Maupassant anders zu spielen und Molière. Als ich dann mit dem Komponieren begann, nahm ich Texte von Theaterautoren wie Corneille und Racine und schrieb eine Musik dazu. So habe ich gelernt. Lernen ist überhaupt das Wichtigste. Ich lese jeden Tag, um etwas Neus zu lernen, zwei Stunden vor dem Schlafengehen.“

„Spreche Chinesisch, Englisch, Spanisch, Deutsch, Russisch und sogar Französisch“

„Ich habe auch Sprachen gelernt, vor allem fürs Restaurant. Auch Chinesisch, Englisch, Spanisch, Deutsch, Russisch und sogar Französisch. Ich bin ein Franzose aus Paris armenischer Herkunft, mein Vater kam aus Georgien, meine Mutter aus der Türkei. Sie kamen über Griechenland, da ich meine Schwester geboren, nach Frankreich, da bin ich geboren.“

„Ich interessiere mich sehr fürs Kino. Ich war hier auf dem DVD-Markt des Festivals und habe DVDs gekauft, ein bisschen von allem. Da gibt es Regisseure, von denen mir Filme fehlen, seltsamerweise habe ich kaum etwas von Henri Verneuil (mit er zusammen drehte) und heute habe ich ein paar gefunden. Ich mag auch Pedro Almodovar, weil er so tolle Filme für Frauen schreibt und dreht, ich schreibe auch gerne für Frauen, Chansons natürlich.“

„Alles, was man verbieten kann, habe ich geschrieben“

„Ich fing an Texte zu schreiben, weil Pierre Roche, ein Freund und Komponist sagte, es ist schwer, Texte zu schreiben. Mir fiel es leicht. So hat das angefangen.“

„Tu te laisses aller“ (deutsche Version: „Du lässt dich geh’n“) ist aus einem Film von Sacha Guitry über eine Frau und einen Mann. Und peu à peu wurde mir klar, dass ich nicht das schreiben will, was alle anderen schreiben. Ich suche Dinge, die gesellschaftlich relevant sind: Scheidungen, Homosexualität. Alles, was man verbieten kann, habe ich geschrieben. Das mache ich heute noch, ich arbeitete weiter. Ich schreibe gerade an einem Chanson über einen Jungen und ein Mädchen, die gekidnappt werden. Das wird meine nächste CD.“

„Ich bin kein Star, ich bin ein Handwerker“

„Ich habe auch mal ein Drehbuch geschrieben, „Yiddish Connection“ (1983), es wurde verfilmt, aber nicht so, wie ich mir es vorgestellt habe, ich hatte mir vorgestellt, dass wir in Israel drehen, aber es wurde in Deutschland gedreht, das ist nicht dieselbe Sprache, der Hauptdarsteller sprach kein jiddisch. Drei Drehbücher habe ich insgesamt geschrieben, das andere waren eine Komödie und eine Drama.“

„Der Wunsch, dass man die Hauptrolle in einem Film spielen muss, ist idiotisch. Wenn es in einem Film eine interessante Szene für mich gibt, dann reicht mir das, um zuzusagen. Ich bin auch kein Star, ich bin ein Handwerker.“

„‚Außer Atem?‘ Nichts für mich.“

„Eines Tages kam François Truffaut, der Sänger liebte, zu mir und sagte, er wolle einen Dokumentarfilm über mich drehen. Einige Wochen später kam er mit einen Buch zu mir und sagte er habe seine Meinung geändert: voilà. Das war das Buch zu „Schießen Sie auf den Pianisten“ (1960). So kam es dann. Die Dreharbeiten waren sehr freundschaftlich und einfach, denn wenn etwas nicht funktionierte, hatte jeder seinen Standpunkt. Ich diskutiere gerne und dann macht man das Beste aus den beiden Meinungen. Das mache ich manchmal auch mit meinen Chansons so, dann schreibe ich zwei Versionen. Truffauts Traum war anfangs, dass ich auch „Außer Atem“ mache, die Rolle von Jean-Paul Belmondo. Ich hatte auch das Drehbuch bekommen, aber ich fand: Das ist nichts für mich. Truffaut hat mir den Regisseur geschickt (Jean-Luc Godard) und ich sagte ihm, dass ich nicht frei genug bin, es zu tun. Das hat ihm gefallen, er war froh, dass er sich von Truffaut befreien konnte, denn er hatte keine Lust mit mir zu drehen. Und ich drehe gerne mit Regisseuren, die mit mir drehen wollen und nicht, weil der Produzent es will.“

„Es war interessant, weil ich etwas lernen musste“

„Volker Schlöndorff kam zu mir und sagte, dass er für „Die Blechtrommel“ vier kleine Rollen für mich zur Auswahl hat. Ich habe das Drehbuch gelesen und mich für den Musikhändler entschieden. Ich sagte ihm aber auch: „Da stimmt etwas nicht. Er ist ein Jude, er wird sich umbringen, er muss über seine Religion sprechen.“ Schlöndorff war einverstanden. Er wollte aber auch, dass er ein Gebet spricht: Kaddisch. Das kannte ich nicht, also habe ich einen meiner jüdischen Freunde gefragt, wie man das spricht. Aber er hat nur gemurmelt. Ich habe es schließlich auswendig gelernt, es ging nur mit Playback. Aber es war interessant, weil ich etwas lernen musste. Das ist das Beste auf der Welt.“

Dieser Beitrag wurde am von in Lyon 2017 veröffentlicht. Schlagworte: .
Andrea Dittgen

Über Andrea Dittgen

RHEINPFALZ-Redakteurin Andrea Dittgen schaut Filme . Seit 1981 hat sie im Kino etwa 20.000 Filme gesehen. Und sie schreibt darüber (seit 1990). In der RHEINPFALZ in Gestalt von Kino- und DVD-Kritiken, jetzt auch in Form eines Blogs. Außerdem ist sie für uns in Cannes, Toronto, Berlin und bei anderen Film-Festivals dabei.

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