Kategorie-Archiv: Lyon Lumiere 2018

Jane bleibt Jane!

Wie ein Star sieht sie nicht gerade aus: kein Kleid, sondern ein grüner Rollkragenpullover mit dicker Perlenkette, grün gemusterte Hose, lockige schulterlange Haare. So kommt Jane Fonda bei ihrer Master Class auf die Bühne. Tags darauf, bei der Pressekonferenz, im  schwarzen Pullover zur schwarz gemusterten Hose, wirkt sie noch schlichter und eleganten. Wie 81 Jahre sieht sie nicht aus, eher wie 60. Sie ist beim Festival Lumière in Lyon, weil sie den Preis „Lumière“ bekommt, eine Plakette für Lebenswerk. Fünf Tage ist sie in der Stadt.

Jane Fonda  bei Ihrer Pressekonferenz beim Festival Lumière in Lyon. Foto Dittgen

Jane Fonda bei Ihrer Pressekonferenz beim Festival Lumière in Lyon. Foto Dittgen

Sie spricht nicht Englisch, sie spricht Französisch. Sehr gut sogar, ohne groß nachzudenken, mit amerikanischem Akzent. Von 1964 bis 1972 lebte die Amerikanerin in Frankreich, drehte mit Jean-Luc Godard und René Clément, spielte in vier Filmen ihres damaligen Ehemannes Roger Vadim. Nur selten fällt sie zurück ins Englische. Wenn ihr ein Wort oder eine Wendung gerade nicht einfällt oder ein Filmtitel. Sie erzählte, dass sie seit 50 Jahren nicht mehr in Lyon war, und damals auch nur kurz, „der Liebe wegen“. Sie lacht. Vor allem aber sagt sie: „Ich bin eine Aktivistin.“ Immer noch. Die Ereignisse vom Mai 1968 in Paris waren für sie ein Anstoß, sich der Politik zuzuwenden. Und dass die USA den Vietnam-Krieg begannen, „Das hat sogar Roger aufgeregt, der sonst auch nicht politisch interessiert war.“ Sie ging nach Hanoi. „Für eine Weile wollten die Studios mich nicht mehr beschäftigen, das war zurzeit von Edgar J. Hoover, dem Chef der FBI. Ich habe die Studios verklagt und gewonnen – mit der ACLU, der American Civil Liberties Union.“ Danach drehte sie auch politisch motivierte Filme und bekam ihre zwei Oscars (für „Klute“ 1971, und „Coming Home“ 1978, weitere fünf Mal war sie nominiert).

„Die Karriere stand nie an erster Stelle. Nie. Aber ich habe entdeckt, dass es sehr gut ist, wenn man Aktivist ist, dass man eine Karriere hat und berühmt ist. Die Leute hören einem dann mehr zu, m wenn man militant ist. Deshalb will ich weiter Filme drehen und präsent sein, damit ich eine bessere Aktivistin sein kann.“  Sie ist überzeugt: „Man kann etwas bewirken, wenn da etwas ist, das von Herzen kommt.“ Sie arbeite, um Geld für ihre politischen Aktivitäten zu haben. Auch ihre Workout-Bücher  und -Videos gingen in diese Richtung. „Dabei habe ich gespürt, was der frühere US-Präsident Thomas Jefferson sagte: Revolution beginnt in den Muskeln“, sagte sie und lacht.  Von Lee Strasberg, dem Schauspieler-Lehrer habe sie eher das Gegenteil gelernt: sich zu entspannen. „Zurzeit interessiere ich mich sehr fürs Schauspielen. Ich bin 81 Jahre alt und glücklich, dass ich in diesem Alter einen festen Job habe.“ In Deutschland ist sie gerade in „Book Club“ im Kino zu sehen, in Amerika lief er gut. „Er kam raus, als ich gerade eine Petition auf den Weg brachte, um ein Gesetz zu ändern. Das hat der Petition sehr geholfen.“

Die bekennende Feministin analysiert, dass in den USA das Patriarchat ein Comeback versucht, gepaart mit Rassismus. „Make America great means make Amercia white”. Donald Trump sei gefährlich, man müsse gegen ihn kämpfen. Dabei sieht sie ihn auch als Opfer. „Es ist nicht einfach jung zu sein und ein Mann zu sein, denn die Gesellschaft raubt den Männern ihre Menschlichkeit, sie zwingt sie, immer stark zu sein. Aber wenn die Männer älter werden und Testosteron verlieren, werden sie sanfter. Bei den Frauen ist es umgekehrt. Ich bin froh, dass ich kein Mann bin – und ich bin froh, dass ich alt bin. Ich arbeite, um Geld zu verdienen für die Barrikaden!“

Andrea Dittgen

 

Die Welt im Jahr 2028

„2028“ steht als Jahr der Handlung über den ersten Bildern, die Jean Renoir 1927 gedreht hat. Er blickte also 100 Jahre in die Zukunft für seinen stummen Kurzfilm „Sur un air de Charleston“. Der Film, der beim Festival Lumière in Lyon als einer der Höhepunkte morgens um 9 Uhr bei vollem Saal aufgeführt wurde, war weder verschollen, noch schlecht erhalten, trotzdem war er im Kino jahrzehntelang nicht zu sehen. Nun ist er frisch restauriert und 90 Jahre nach seiner Entstehung kann man über die Fantasie über 2028 staunen. Eine Kugel auf die Erde. Darin sitzt ein Erforscher (Johnny Higgins), altmodisch gekleidet und blickt mit dem Fernrohr nach draußen, kaum dass seine Kugel auf dem Dach einer Litfaßsäule in Paris gelandet ist. Er sieht ein hübsches, leicht bekleidetes Mädchen (Catherine Hessling) tanzen. Es tanzt Charleston, wie einem Zwischentitel zu entnehmen ist. Es tanzt, um dem einzigen anderen Menschen weit und breit, einem falschen Schwarzen zu zeigen, wie man Charleston tanzt. Viel mehr passiert in den 24 Minuten auch nicht. Zumindest nicht auf der Leinwand. Aber das ist hübsch anzusehen und bekommt durch die Nebeneffekte (Regisseur Renoir, Produzent Pierre Braunberger und Mitautor André Cerf tauchen mit ihren Köpfen über Poesie-Engelbildchen auf, als würden sie vom Himmel auf die Erde blicken) die Klavierimprovisation – die alles andere als Charleston war – einen Verfremdungstouch. Und natürlich ist er eine Hommage an Georges Méliès mit seinen Tänzerinnen, Engeln und umgekehrten Weltraumreisenden.

Dass der Film kaum bekannt ist, liegt daran, dass er zu spät kam, erläuterte Serge Bromberg von Lobster Film vor der Vorführung, 1927 drehten andere schon Tonfilme. Renoir wollte unterhalten und vor allem Catherine Hessling zeigen, die Frau, die er liebte und deretwegen er überhaupt erst anfing, Filme zu drehen, wie man erfuhr. Doch ein Jahr später, nach dem anderen stummen Kurzfilm „La petite marchande d’allumettes“ trennte sie sich von Renoir – der glücklicherweise weiter Filme drehte. Das Mädchen mit den Streichhölzern nach dem Andersen-Märchen, das Hessling mehr Entfaltungsmöglichkeiten bot, wurde in derselben Vorstellung gezeigt, aber so wie man es eigentlich nicht tun sollte: mit einem Pianisten, der improvisierte, obwohl es eine Tonspur gibt. Denn der Film wurde im Nachhinein vertont, 1928 war auch in Frankreich der Tonfilm angesagt und stumm hätte er keine Chance gehabt.  Doch wie so oft bei sogenannten Stummfilm-Events lässt man den Pianisten (oder das Orchester) spielen, den man nun mal da hat anstatt den Film so zu präsentieren, wie die Zuschauer ihn damals erlebten. Das ist bei einem Festival, das es sich auf die Fahnen geschrieben hat, sich den klassischen Kino zu widmen, ein Unding.

Andrea Dittgen

Der Wind und der Welles

Lyon ist das erste Festival nach Venedig, das Orson Welles‘ frisch fertiggestelltes Werk „The Other Side of the Wind“ auf der Leinwand zeigt. Doch inzwischen ist es auch da zu sehen, wo die Montage finanziert wurde: bei Netflix. Dennoch waren in Lyon die Kinos voll, die zwei Vorstellungen waren als Ereignis angekündigt. Welles Karriere war eigentlich vorbei, als er 1970 bis 1976 die Szenen für den Film drehte, der seine Abrechnung mit Hollywood und sein Comeback werden sollte. Aus Letzteres wurde nichts. Nachdem er etwa 40 Minuten des Films geschnitten hatte, ließ er ihn liegen. Rechtliche Probleme kamen auf – und es schien, als habe er die Lust daran verloren. Als er 1980 starb, gehörten die 100 Stunden abgedrehtes Material zu seinem Erbe. Drehbuch-Coautorin Oja Kodar, Schauspielerin und Lebensgefährtin von Welles – und andere noch lebende Mitwirkende wie der Regisseur Peter Bogdanovich, Welles‘ Freund,  der als Schauspieler eine recht große Rolle darin hatte, wollten es wohl auch nicht. Zu mühsam schien alles. Zur Welles-Retrospektive 2005 beim Festival von Locarno wurde das Drehbuch veröffentlich. Dann passierte wieder eine Weile nichts, bis sich vor sieben Jahren der Cutter Bob Murawski (er bekam einen Oscar für Kathryn Bigelows „The Hurt Locker“) ans Werk machte. Zwei Stunden Film sind nun da. Sie lassen die Zuschauer ratlos zurück, denn der Film wirkt wie ein Bewusstseinsstrom: wild, unausgegoren, lustig, voller Anspielungen, atmosphärisch sehr schön in den 70er Jahren verhaftet – vor allem aber experimentell und langweilig.

Der Film handelt vom Kampf zwischen Kunst und Kommerz in Hollywood u ist ein Film-im-Film, eine der schwersten Subgenres überhaupt. Jake Hannaford, ein alter,  wortkarger, egomanischer Regisseur (gespielt von dem Regisseur John Huston) arbeitet an seinem letzten Spielfilm. Und bekommt recht schnell Probleme mit dem Produzenten, denn im Prinzip will er einen Porno drehen und das Studio soll es bezahlen und den Regisseur in Ruhe arbeiten lassen. Das ist im Prinzip schon die ganze Handlung. Man sieht Huston als Welles‘ alter ego bei den Dreharbeiten, die abgedrehten Szenen und immer wieder viel Partykram. Optisch ist es ein Ritt durch die analoge Filmgeschichte: von Super-8 und Video bis 35-mm, schwarzweiß und Farbe, scharfe Bilder und absolut unscharfe – experimentell eben. Immer wenn Welles Zeit, Geld und Material hatte, drehte er an seinem Werk, wie ein Jungfilmer am Anfang der Karriere – das erklärt vieles, aber nicht alles. Das Filmemachen ist ein einziger Trip – wie auf Drogen. Es geht ums Drehen, ums Leben, um die Erfahrungen wie bei Jack Kerouac, ist eines der Bilder, das einem in den Sinn kommt. Mit Lilli Palmer spielt eine Deutsche mit: Sie gibt die Diva. Man begegnet Dennis Hopper, Paul Mazursky, Cameron Crowe, Claude Chabrol, Stéphane Audran und Susan Strasberg und freut sich über jeden, den man erkennt. Doch klare Linien sucht man vergebens. Manchmal ist es besser, dass Träume Träume bleiben und unfertige Filme unfertige Filme.

Andrea Dittgen

 

Box-Stop mit Muriel

Sie gehört zu den Vergessenen. Sie ist eine der wenigen Regisseurinnen der Zeit vor 1945, als man Frauen für unfähig hielt, Filme zu inszenieren: Muriel Box (1905-1991). Sie ist eine von nur zwei Regisseurinnen in Großbritannien, die es wagte, schaffte – und siegte. Sie drehte 14 Spielfilme in 15 Jahren von 1949 bis 1964. Einen auch mit einer Deutschen: Hildegard Knef spielte als Hildegarde Neff die Hauptrolle in dem vierten Box-Film „Subway to the Sky“ (1959). Zur Einführung in den Film beim Festival Lumière in Lyon sprach eine Kollegin: Tonie Marshall (67), eine Frau mit kurzen blonden Haaren und schwarzer Lederjacke. „Hildegard Knef hätte damals die neue Marlene Dietrich werden können“, meinte Marshall. Doch daraus wurde dann doch nichts.

In der Theateradaption „Subway to the Sky“ spielte sie eine amerikanische Sängerin (Lilli Hoffman), die in England ein Apartment von einer Frau, Anna Grant, mietet, und bald mit dem Ex-Mann ihrer Vermieterin konfrontiert wird. Baxter Grant sucht seine Ex-Frau, weil er wegen eines Drogendiebstahls gesucht wird, den er nichts begangen hat. Aber seine Frau hat das Geld aus dem Diebstahl und das braucht er, um das Land zu verlassen. Die Amerikanerin versteckt ihn und verleugnet ihn gegenüber der Polizei, denn „Ich bin keine Verräterin“ sagt sie. Später kommt noch eine Liebesgeschichte dazu, der wahre Täter taucht auf, Anna Grant ebenso – und es wird theatralisch-turbulent. Die Knef im Mittelpunkt ist wunderbar cool, spricht gut Englisch, singt auch. Kurzum, sie kann alles zeigen, was sie kann. Die Inszenierung ist auf den Punkt gebracht, die Frauen sind öfter im Bild als die Männer. Früher Feminismus, verpackt in Unterhaltungskino.

Das trifft auch auf die meisten anderen Filme von Muriel Box zu. Auch wenn sie manche ihrer Drehbücher zusammen mit ihrem Mann Sidney Box, einem Produzenten, schrieb. Dass diese Regisseurin, die ähnlich wie zeitgleich Ida Lupino und Dorothy Arzner in den USA sich erfolgreich in einer Männerdomäne bewegte, erst jetzt entdeckt wird, mag mit den  Forschungsergebnissen der letzten Jahren zusammenhängen, als nicht nur Frauen begannen, nach den Regisseurinnen in der Filmgeschichte zu suchen, die auch deshalb nicht gewürdigt wurden, weil alle Filmgeschichten von Männern geschrieben wurden, die darauf nicht achteten. Das der Filmgeschichte gewidmete Festival Lumière von Lyon zeigt sieben ihrer Filme, die es auch auf DVD gibt: Komödien, Thriller, Liebesfilme. Box konnte alles, als ihr 14. Spielfilm floppte, zog sich aus dem Filmgeschäft zurück und widmete sich ihrer Arbeit als Schriftstellerin und Kämpferin für die Gleichberechtigung der Frauen.

Es ist zu hoffen, dass sich auch in Deutschland ein Festival oder  ein Kino ihrer annimmt – am besten so wie Lyon: Dort kann man jedes Jahr, auch in diesem dem zehn

Tonie Marshall (Mitte) bei der Einführung der Filme von Muriel Box. Foto: Dittgen

Tonie Marshall (Mitte) bei der Einführung der Filme von Muriel Box. Foto: Dittgen

ten, eine Regisseurin entdecken, weil das zu den Reihen gehört, die es von Anfang an gibt: Permanente Filmgeschichte der Regisseurinnen heißt das Festivalwelt einzigartige Projekt.

Andrea Dittgen