Kategorie-Archiv: Cannes 2017

Filme leben zweimal – mindestens

Filme haben zwei Leben: einmal, wenn sie ihren Kinostart haben – und ein zweites Mal, wenn sie Jahrzehnte später in restaurierter Form noch einmal präsentiert werden. Meistens bei einem Festival. Oft bei mehrere

Ein Sensationsfotograf in "Paparazzi", der sich zwischen Felsen versteckt. Foto. ICR

Ein Sensationsfotograf in „Paparazzi“, der sich zwischen Felsen versteckt. Foto. ICR

n. Dass man einen Film bei dem einem Festival verpasst und ihn beim nächsten nachholen kann, passiert recht häufig. Doch selten kommt es vor, dass ein Film, ein Kurzfilm dazu, der in Cannes, beim wichtigsten Festival der Welt, in der Retrospektive gezeigt wird, in Bologna auch gezeigt wird und sogar noch kombiniert mit einem weiteren Kurzfilm desselben Regisseurs zum selben Thema.

Der erste Kurzfilm heißt „Paparazzi“ (18 Minuten), der zweite „Le parti des choses: Bardot et Godard“ (Die Ordnung der Dinge: Bardot und Godard, 8 Minuten). Beide wurden 1963 auf Capri gedreht, am Set von Jean-Luc Godards „Die Verachtung“. Regie hatte Jacques Rozier (93), der älteste der beiden noch lebenden Regisseure der französischen Nouvelle Vague (der andere ist Godard selbst, er ist jetzt 86). Die beiden waren befreundet, als Godard Rozier vorschlug, die Dreharbeiten zu begleiten. Daraus wurde kein Making-of (den Begriff gab es damals noch gar nicht), sondern zwei sehr eigenwillige Kurzfilme.

Den ersten, „Paparazzi,  sah ich im Mai in Cannes. Rozier filmte die erste Begegnung von Godard und Bardot, damals der große Star. Sie wird im Cabrio an den Kai gefahren, der sie zur Insel Capri bringt. Godard begrüßt sie höflich. Sie küssen sich nicht. Sie sind umlagert von Neugierigen und Fotografen. Die Bardot spricht mit einigen, sie beschwert sich, dass sie dauernd fotografiert wird. Dann steigen Bardot, Godard und die anderen Stars (Jack Palance, Fritz Lang, Michel Piccoli) ins offene Motorboot, das sie zur Insel bringt. Auf dem Meer sind ein paar kleine Boote von anderen Schaulustigen und Fotografen. Die Fotografen verschanzen sich aber auch hinter den Felsen der Insel und versuchen, mit ihren Zoom-Objektiven Fotos von der Bardot zu machen. Manchen gelingt es. „Wir müssen Geld verdienen, um unsere Familie zu ernähren“, sagt einer der Fotografen. Ein anderer erklärt die Kameraausrüstung, das Zoom_-Objektiv muss so gut sein, dass er  500 Meter Entfernung ganz nah heranholt, erklärt er. Die Paparazzi (der Begriff tauchte übrigens zum ersten Mal 1960 in „Das süße Leben“ von Federico Fellini auf, wo einer dieser Fotografen Paparazzo hieß) beneiden den offiziellen Set-Fotografen, der jede Menge toller Aufnahmen von der posierenden Bardot im Bikini machen kann, während sich die Bardot vor ihnen immer versteckt.

Rozier gelingt es, die zwei Seiten der Medaille bruchlos zu verbinden: Der Star und die Medien. Alles wirkt locker und unverkrampft. Michel Piccoli trägt Brigitte Bardot die Treppe hoch, Bardot blickt mit Schmollmund in die Kamera, ein Fotograf steht mit seinem langen, nach unten gerichteten Teleobjekt auf dem Felsen und legt es an wie ein Gewehr, um seinen Schuss zu machen. Dennoch: So brutal wie heute waren die Paparazzi damals nicht.

"La parti des Choses: Bardot et Godard": Jean-Luc Godard gibt Brigitte Bardot Regieanweisungen. Foto: ICR

„La parti des Choses: Bardot et Godard“: Jean-Luc Godard gibt Brigitte Bardot Regieanweisungen. Foto: ICR

Der zweite Kurzfilm, den Cannes nicht zeigte (an der Kürze von acht Minuten kann es eigentlich nicht gelegen haben), ist auch kein richtiges Making-of, obwohl man sieht, wie Godard – selbst bei großer Hitze und Anzug und mit Hut – mit dem Drehbuch in der Hand vor der sich im Bikini auf der Treppe räkelnden Brigitte Bardot sitzt und ihr Anweisungen gibt. Godard spricht in freundlichem Ton, sie sagt nichts. Man sieht Piccoli und Bardot einträchtig nebeneinander sitzen und nebeneinander hergehen – aber immer ist das Drehteam mit erfasst, so dass die Stars ganz klein wirken, wie Ameisen zwischen anderen Ameisen. Trotz des Filmtitels, der auf Bardot und Godard referiert, nimmt Rozier bei seinen letzten Einstellungen einen anderen ins Visier: Fritz Lang, der hier einen Regisseur spielt. Godard drehte auf einem Boot, Lang sitzt erst im Stuhl, dann geht er an andere Ende des Decks. Nach einem Zwischenschnitt auf eine Figur des Odysseus lässt Rozier Fritz Lang in seinem Kommentar zum Götterboten werden, der über alle wacht. Eine schöne Vorstellung.

"Le Parti des Choses: Bardot et Godard": Oft sieht man den stars zwischen der Filmcrew erst auf den zweiten Blick. Foto: ICR

„Le Parti des Choses: Bardot et Godard“: Oft sieht man den stars zwischen der Filmcrew erst auf den zweiten Blick. Foto: ICR

Andrea Dittgen

Palme

Das Feld gewinnt

„The Square“ (Das Feld), die nur mäßig gelungene Gesellschaftssatire des Schweden Ruben Östlund, gewinnt die Goldene Palme. Die europäische Coproduktionen wurde zum Teil auch in Berlin-Brandenburg gedreht, hat schon einen duetschen Verleih und wird im voraussichtlich im Herbst ins Kino kommen. Die deutsche Hollywood-Schauspielerin Diane Kruger, die seit ihrem 15. Lebensjahr in Frankreich und den USA lebt, bekam den Darstellerinnenpreis für ihrer Rolle einer Mutter, die Rache am Mord von Mann und Sohn nimmt, in „Aus dem Nichts“ von Fatih Akin. Und der chinesische Film „Eine laue Nacht“ von Qui Tang, der die Goldene Palme für den besten Kurzfilm gewann, wurde von der Berliner Kamerafrau Constanze Schmitt fotografiert. Soweit die deutsche Ausbeute der 70. Filmfestspiele von Cannes, die die Jury mit der deutschen Regisseurin Maren Ade unter Vorsitz des spanischen Regisseurs Pedro Almodóvar vergab.

Die weiteren Preise: Großer Preis der Jury für „120 battements par minute“ (120 Schläge pro Minute) für den emotionalen französischen Aids-Aktivisten-Film von Robin Campillo. Regiepreis für die Amerikanerin Sophia Coppola, die Tochter von Francis Ford Coppola, für ihr etwas langatmiges Remake von „The Beguiled“ („Betrogen“) aus Frauensicht. Der Drehbuchpreis geht zu gleichen Teilen an die Griechen Yorgos Lanthimos und Efthimis Filippou für das Moraldrama „The Killing of a Scared Deer“, in dem ein Vater gezwungen wird, einen seiner Söhne umzubringen, und die Britin Lynne Ramsay für ihr Killerporträt „You Were Never Really Here“. Dafür bekam der Amerikaner Joaquim Phoenix, der – ebenso wie Diane Krüger in ihrem Film, in fast jeder Szene zu sehen ist, den Preis für den besten Darsteller.

In einem Jahr, das im Wettbewerb dominiert war von mittelmäßen Filmen bekannter Namen – die offizielle Bemerkung dazu heißt „Nebenwerke“ – gab es im Vorfeld keinen Favoriten. Die deutschen Filme in den Nebenreihen gingen leer aus.

Alle Preise im Überblick:

Goldene Palme:
„The Square“ (Das Feld) von Ruben Östlund, Schweden

Großer Preis:
„120 battements par minute“ (120 Schläge pro Minute) von Robin Campillo, Frankreich

Darstellerpreise
Diane Kruger in „Aus dem Nichts“ von Fatih Akin, Deutschland
Joaquim Phoenix in „You Were Never Really Here“ (Du warst niemals richtig hier) von Lynne Ramsay, Großbritannien

Regiepreis:
Sophia Coppola für „The Beguiled“ (Betrogen), USA

Jurypreis:
„Nelyubov“ (Lieblos) von Andrej Swjaginzew, Russland

Drehbuchpreis (zu gleiche Teilen):
Yorgos Lanthimos und Efthimis Filippou für „The Killing of a Sacred Deer“, Irland
Lynne Ramsey für „You Were Never Really Here“, Großbritannien

Kurzfilmpreis (zu gleichen Teilen):
„Katto“ (Die Decke) von Teppo Airaksinen, Finnland
„Xiao Cheng Er Yue“ (Eine laue Nacht)  von Qiu Yang, China

Sonderpreis zum 70. Filmfestival
Nicole Kidman
Sie war als einziger Star in vier Filmen zu sehen:
„The Killing of a Scred Deer“, „How to Talk to Girls at Parties“, „The Beguiled“ und der Fernsehserie „Top of the Lake“

Andrea Dittgen

Polanski

Freundinnen und Feindinnen

Als Abschlussfilm des Festivals war (außer Konkurrenz) ein Thriller: Romans Polanskis „D’après une histoire vraie“ (Nach einer wahren Geschichte) programmiert. Der 83-Jährige inszenierte einmal mehr seine Ehefrau Emmanuelle Seigner (50). Sie spielt Delphine, eine Bestsellerautorin, die gerade eine Schreibblockade hat, außerdem ist ihr Freund für längere Zeit in den USA, sie fühlt sich ein bisschen allein und lässt daher auf eine andere Frau (Eva Green, wie Seigner war sie früher Model) ein, die sich nur als Elle vorstellt und vorgibt, Stars bei ihren Autobiografien zu helfen. In kürzester Zeit werden die beiden Freundinnen, Elle zieht sogar bei Delphine ein, aber eine Liebesbeziehung ist es nicht, im Gegenteil, es weitet sich immer mehr in eine Hassliebe aus. Elle will sich Delphine Identität aneignen, denn die beiden sehen sich ziemlich ähnlich. Delphine wiederum will das, was ihr Elle übe ihr aufregendes Leben erzählt, zu ihrem neuen Roman verarbeiten. Dabei geht jeder der beiden ziemlich heimlich vor, damit die andere von den wahren Absichten nichts merkt. Doch als sich Delphine ein Bein bricht und mit Gips und Krücken umher läuft, verschiebt sich das Gleichgewicht zugunsten von Elle, die Delphine langsam aber systematisch vergiftet, ohne dass die sich wehren kann.

Polanski nimmt sich die Zeit, die beiden Charaktere ausführlich vorzustellen – und beide zugleich mit einer geheimnisvollen Aura zu umgeben, die mehr Fragen aufwirft als beantwortet. Dieses erste Drittel des Films ist das Spannende, denn noch weiß man nicht, was die beiden Frauen in ihrer schnellen Annäherung antreibt. Sie scheinen sich zu ergänzen: die ermattete Bestsellerautorin und die etwa zehn Jahre jüngere Biografin, die Delphine fast jeden Wunsch von den Augen abliest, aber dann immer mehr ungebeten in ihrem Privatleben herumschnüffelt. Leider schafft es Polanski nicht, die subtile, auch optisch sehr ansprechende Spannung der Anfangsphase konsequent bis zum Ende durchzuhalten. Im letzten Drittel, wenn Delphine sich nur noch mühsam kriechend fortbewegt und sich dauernd erbricht, fällt er ins klassische und damit kalkulierbare Thrillergenre, ohne dies so virtuos umzusetzen wie dies Claude Chabrol, Jacques Deray oder Jean-Pierre Melville mit ähnlichen Frauenfiguren bereits taten, denn Polanskis Frauen werden zu kalt, distanziert und unemotional, um das Herz der Zuschauer zu erobern. Trotzdem ist Polanskis Film immer noch besser als vieles, was im Wettbewerb zu sehen war, auch als der ähnlich gelagerte Wettbewerbsfilm „L‘amant double“ (der doppelte Liebhaber) von François Ozon über zwei zwielichtige Zwillingsmänner.

Andrea Dittgen

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Regiedebüt mit 80

fc20374221f972797e7a26f2440fe9c6Politisch engagiert wird sie schon immer, die britische Schauspielerin Vanessa Redgrave. Nun hat sie mit 80 Jahren ersten Film als Regisseurin gemacht – einen Dokumentarfilm über Flüchtlinge, weil sie als Kind 1940 auch evakuiert war und am eigenen Leib erfuhr, wie es ist, von den Eltern getrennt zu sein, wie sie im Film auch erzählt. In Cannes lief ihr Film „Sea Sorrow“ (Meeresschmerz) als Sondervorführung.

Redgrave zeigt das Flüchtlingsdrama naturgemäß aus britischer Sicht. Sie lässt Flüchtlinge aus Afghanistan und Guinea die Geschichte ihrer langen Reise nach Europa erzählen. Auch allein reisende Kinder sind dabei. Sie filmt nicht nur heute, sondern arbeitet auch mit archivmaterial: Szenen von Flüchtlingen aus den Zweiten Weltkrieg (also das, was sie selbst als Kind erlebte), sind immer wieder dazwischen geschnitten zum Vergleich. So erinnert sich der britische Politiker Alf Dubs noch gut daran, wie er mit einem Kindertarnsport von Prag nach London kam. Redgraves Schauspieler-Kollegin Emma Thompson liest einen Brief vor, in dem die Aktivistin Sylvia Pankhurst 1938 die britische Regierung auffordert, zwei jüdische Flüchtlinge aufzunehmen. Redgrave fordert ihre Regierung auf, weitaus mehr Flüchtlinge aufzunehmen als bisher und liest die UN-Konvention für Menschenrechte von 1989 vor, in dem es vor allem darum geht, Kinder zu schützen. Und der Schauspieler Ralph Fiennes liest aus Shakespeares „Der Sturm“ eine Passage vor, in der es auch um Flüchtlinge geht, was vorher wohl nur wenigen präsent war.

Das mag sich missionarisch anhören, aber der geschickte Mix zwischen den Statements, den Szenen mit aktuellen Flüchtlingen – die entgegen den Titels nicht auf den Booten im Meer zu sehen sind – und dem Archivmaterial sorgt dafür, dass es nicht langweilig wird. Und ein simples Motiv geht einem den 74 Minuten nicht aus dem Kopf: die Rettungs-Goldfolie, mit der unterkühlten Flüchtlinge aufgewärmt werden: Redgrave lässt sie immer wieder als bildfüllende Trennung zwischen den Geschichten flattern wie eine Fahne für die Menschlichkeit. Ein gelungenes spätes Debüt.

Andrea Dittgen

 

Carne2

Fleisch und Sand

Das Plakat des Projektes, an dem Alejandro González Iñárritu vier Jahre lang arbeitete.

Das Plakat des Projektes, an dem Alejandro González Iñárritu vier Jahre lang arbeitete.

Dämmerung, Wüste, Sand. Die große weite Leere an der Grenze zwischen Mexiko und den USA. Plötzlich sind sie da: Flüchtlinge. Männer, Frauen, ein kleines Mädchen. Man schaut ihm direkt ins Gesicht, in die traurigen Augen. Die neun Flüchtlinge laufen schwankend auf dem Sand zwischen den Büschen, das Mädchen verliert einen Schuh. Dröhnender Lärm hebt an, man dreht den Kopf und sieht einen Hubschrauber, der näher kommt und immer tiefer fliegt. Seine Suchscheinwerfer sind grellweiß und blenden. Automatisch duckt man sich und versucht, ihnen auszuweichen. Wind kommt auf. Schnitt. Wieder helles Licht. Zwei Jeeps, Soldaten mit Gewehren schreien, man soll sich hinknien und die Schuhe ausziehen. Sie nehmen gefangen, wen sie sehen, die Flüchtlinge werden gefesselt. Schnitt. Das kleine Mädchen sitzt an einem langen Holztisch und spielt menschlichen Tonfiguren, die auf einer Schale sitzen und in ein Loch kippen. Schnitt. Die Soldaten werden immer aggressiver und lauter, Schüsse fallen…

Es ist kein Kinofilm, es ist Virtual Reality (VR). Man ist kein Zuschauer mehr. Man steht mitten im Geschehen, man ist allein, man wird selbst zum Flüchtling. Man steht barfuß im Sand mit VR-Brille und Kopfhörer und einem Rucksack. Sechseinhalb Minuten nur dauert der Virtual-Reality-Film „Carne y Arena“ (Fleisch und Sand) des mexikanischen Filmregisseurs und dreifachen Oscar-Preisträgers Alejandro González Iñárritu. Er wird außerhalb des Wettbewerbs in Sondervorführungen für jeweils nur eine Person gezeigt. In einem Hangar am Flughafen von Cannes-Mandelieu, acht Kilometer vor der Stadt.

Der Hinweis auf die Installation kam schon vor Festivalbeginn, man musste sich melden, um eine Einladung zu bekommen und dann einen der raren Einzeltermine, die im Halbstundentakt von morgens um 8.30 Uhr bis abends um 21 Uhr vergeben werden. Maximal 78 Personen pro Tag können den VR-Film sehen. Es ist ein Special Event als Vorpremiere. Man wird mit einem Festivalwagen zu zweit oder dritt hingefahren. Denn eigentlich ist „Carne y Arena“ erst ab 7. Juni zu sehen – in der Fondazione Prada in Mailand, die ihn finanziert hat, danach, 2018,  im Museum of Modern Art in Los Angeles. Also kein Kino, aber auch kein Spiel wie andere VR-Aktionen, sondern die Nachstellung der Realität. Eine Installation. So lebensnah und schrecklich, wie es technisch derzeit möglich ist.

Von fern sehen die Menschen echt aus, aber wenn man dem kleinen Mädchen in die Augen schaut, sieht man schon, dass das Gesicht nicht so ganz natürlich ist. Aber angesichts der anderen Sinneseindrücke vergisst man das sofort wieder. Man versucht, das Mädchen an die Hand zu nehmen, das gelingt natürlich nicht, man greift ins Leere und es verschwindet.

Die Personen gibt es wirklich, in dem Ausstellungsraum, dem man immer noch benommen von der Erfahrung danach betritt, sieht man ihre Fotos und liest ihre Geschichten. Die der 53-jährigen Frau aus Honduras, der die Flucht gelang und die dann in den USA schuftete, bis sie das Geld zusammen hatte, um ihre sechs Kinder peu à peu nachzuholen. 20 Jahre hat sie dazu gebraucht. Die Immigranten erzählen, unter welchen Bedingungen ihnen die Flucht gelang, dass sie vor Schwäche zusammenbrachen, wie sie die Fluchthelfer, die sie nur Kojoten nennen, eingepfercht in Lastwagen tageslang ohne Essen und Trinken an die Grenze fuhren (wer denkt da nicht an die Holocaust-Transporte). Wie sie um ihr Leben rannten, dabei den kleinen Bruder aus den Augen verloren. Wie sie hinterher in Containern in die USA, die sie Kühlhäusern nennen, weil es da so kalt ist, tagelang warten müssen. Aber es gibt auch die Geschichte von John, 62, einem Mann von der US-Grenzpatrouille, der die Immigranten nur Aliens nennt, aber dann irgendwie doch Mitglied mit ihnen hat. Die Schuhe, die sie unterwegs verloren, sind in einer Vitrine (wie in den KZ-Gedenkstätten) ausgestellt.

Nun, da Iñárritu und der derzeit beste Kameramann der Welt, Emmanuel Lubezki (er bekam 2014, 2015 und 2016 den Oscar), gezeigt haben, was mit VR möglich ist, wird es Nachahmer geben, weniger aus Kino-, eher aus dem Kunst- und dem Spielebereich – allerdings nicht sehr viele und nicht so schnell, denn noch ist Virtual Reality extrem teuer und aufwändig. Dennoch: Gegen das Erlebnis „Carne y Arena“ verblasst alles andere, was in Cannes zu sehen ist. Und er erinnert an die Anfänge des Kinos: 1896 zeigten die Brüder Lumière in einem der ersten Filme der Geschichte, wie ein Zug in einen Bahnhof einfuhr. Damals sprangen die Zuschauer auch zur Seite, weil es so echt aussah.

Andrea Dittgen

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Barbara = Balibar

Sie stand ein bisschen im Schatten von Edith Piaf, dafür bot sie den Freunden des Chansons in Deutschland ein wunderschönes Lied in deutscher Sprache: „Göttingen“, es wurde ihr größter Hit. Die französische Sängerin Barbara (1930-1997), die ab 1967 ein Dutzend ihrer Chansons auf Deutsch sang, bekommt nun einen Spielfilm als Hommage, der schlicht „Barbara“ heißt und in der Reihe „Un certain regard“ Premiere hatte. Regisseur Mathieu Amalric fand in seiner Ex-Frau (und heutigen Muse von Frank Castorf) Jeanne Balibar (49), Schauspielerin und Sängerin, eine kongeniale Besetzung. Zwar ist ihre Stimme etwas kratziger als die von Barbara, aber mit ihren Gesten, ihrer Haltung und der Mischung zwischen Lässigkeit und Exaltiertheit ist die perfekte Verkörperung von Barbara. Der Film wiederum ist keine klassische Künstlerbiografie, sondern ein Film im Film.

Amalric selbst spielt den Filmregisseur, der ein Porträt über Barbara dreht und dafür Brigitte (Balibar) engagiert, die sich immer mehr in die Welt von Barbara hineinlebt. In der Filmdekoration, die Barbaras Wohnung nachstellt, sitzt Balibar am Flügel, singt und komponiert. Und man hört – was ungewöhnlich ist – nicht nur ab und zuj mal eine Strophe aus einem Land, sondern ein halbes Dutzend Lieder („Göttingen“ ist dabei, aber auch „Je ne sais pas dire“ und „Ne change rien“) komplett, mit Balibar, die in ihrer Silhouette der „Dame en noir“ wirklich zum Verwechseln ähnlich sieht.

Man kann einwenden, dass Amalric sich ein bisschen zu oft und zu selbstverliebt inszeniert, und das Leben Barbaras nicht mal halbwegs chronologisch erzählt wird. Aber das passt eigentlich ganz gut zu der häppchenartigen Annäherung, die auch Originalaufnahmen von Barbara einschließt und die Reflexion über gleich zwei Sängerinnen: Barbara und Balibar, deren Namen im Vorspann sich schon symbiotisch überlagern. Wer jedoch vorher wenig über Barbaras Leben und ihre Karriere wusste, wird durch den Film nicht schlauer, aber er wird lernen, ihre Lieder zu mögen – und Jeanne Balibar, die seit 2012 regelmäßig an der Berliner Volksbühne in den Castorf-Inszenierungen in sehr gutem Deutsch (sie lernte es schon als Teenager) spielt und singt.

Jeanne Balibar spielt Barbara.

Jeanne Balibar spielt Barbara.

Andrea Dittgen

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Das Gesicht des Hauses

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Monumentale Fotos an der Wand

Meterhohe Menschen blicken die Zuschauer von Hauswänden an. Es sind die Bewohner der Häuser. Die französische Regisseurin Agnès Varda (88) und der Fotograf, der nur unter dem Pseudonym JR (34) bekannt ist, haben sich zusammengetan für eine ungewöhnliche Kunstaktion in französischen Dörfern und daraus einen wunderschönen Film gemacht, der jenseits des Wettbewerbs zu sehen war und im Juni in Frankreich erst mal in die Kinos kommt: „Visages Villages“ (Gesichter, Dörfer). Es ist ein sehr humorvoller, verspielter Film, der auch Leuten gefällt, die mit Kunst nichts am Hut haben.

Agnès Varda, die eifrige Filmregisseurin mit der weiß-braunen Mireille-Mathieu-Frisur und der mehr als 50 Jahre jüngere französische Fotograf und Regisseur („Women Are Heroes“) ließen sich quasi von Vardas Tochter für ein gemeinsames Projekt verkuppeln. Mit JRs Lieferwagen, der so beklebt ist, dass er wie eine überdimensionale Fotokamera aussieht, fuhren sie 2015 einige Monate übers Land. Sie unterhielten sich mit Hausbewohnern, JR fotografierte sie – nur Gesichter oder Ganzkörperansichten, allein oder auch in Gruppen – druckten die Fotos aus, schnitten Gesicht oder Körper aus und klebten sie mit Kleister an die Wand des Hauses, in dem die Menschen. So bekommen die Häuser das Gesicht ihrer Bewohner. Und die Häuser werden ein Kunstobjekt, und die Bewohner auch. Die Kunst ist so einfach, dass sie jeder versteht und alle im Dorf darüber reden. Im Film sieht man jedoch auch die beiden Künstler, wie sie über ihr Projekt reden, die Städte aussuchen, sich mit den Bewohnern unterhalten und die Fotos aufkleben. Am schönsten sind ist das Gruppenfoto der Arbeiter aus einer Fabrik. Sie wurden in zwei Gruppen fotografiert, nicht frontal wie sonst immer, sondern von der Seiten mit einladenden Armbewegung, einmal nach rechts, einmal nach links. Das Ergebnis ist eine humorvolle Aufforderung zum Hinsehen, die auch dazu einlädt über die Arbeiter und ihre Arbeitsbedingungen zu fotografieren. Das markanteste Hausgesicht zeigt eine junge Frau mit Sonnenschirm an einer hohen schmalen Hauswand im Brigitte-Bardot-Stil. Die Fotografierten freuten sich, die lachen viel und freuen sich über ihre neuen kunstvollen Häuser. JR stellt seine Monumentalfotowände in Museen in aller Welt aus, in Deutschland zuletzt 2014 in Baden-Baden, der Film entstand für das Museum of Modern Art in New York.

Andrea Dittgen

eastwood

„Wir haben unseren Sinn für Humor verloren“

Eineinhalb Stunden standen etwa 700 Fans für die 200 freien Plätze bei der „Leçon du cinéma“ (Kinolehrstunde) mit Clint Eastwood an. Das ist öffentliches Gespräch, in dem ein Kritiker dem Star Fragen stellt und er aus seinem Leben erzählt. Eastwood (86) hat zurzeit keinen neuen Film, aber in der Retrospektive läuft sein frisch restaurierter Western „Erbarmungslos“ (1992) und im Wettbewerb ein Remake eines Film, in dem er mitspielte,  das Bürgerkriegsdramas „Betrogen“ (1971 von Don Siegel). Der Mythos Eastwood lebt in Cannes mehr als anderswo in Europa, denn er war 1994 (in meinen ersten Cannes-Jahr) Jurypräsident und sorgte dafür, dass „Pulp Fiction“ die Goldene Palme bekam, was die Karriere von Quentin Tarantino startete.

Eastwood also. Er sieht immer noch gut aus, ist fit, spricht deutlich antwortet sehr freundlich auf alle Fragen, die man ihm stellt, gibt Autogramme, posiert für Selfies – der vierfache Oscar-Gewinn ist frei von Star-Allüren und plaudert munter. Und was sagte er?

Über Film:
Film ist eine emotionale Kunstform, keine intellektuelle. Sie zu intellektualisieren oder zu pseudo-intellektualisieren, steckt dich schnell in eine Schublade.

Über politische Korrektheit:
„Dirty Harry“ war ein Traum, große Gewehre, der Traum eines jeden Kindes. Der Film wurde als politisch inkorrekt angesehen – das war der Beginn der bis heute andauernden Ära von politischer Korrektheit. Aber wir töten uns selbst, in dem wir politisch korrekt sind, wir haben unseren Sinn für Humor verloren.

Über seinen Mentor Don Siegel („Dirty Harry“):
Die ersten drei Filme mit großen Rollen jenseits des Fernsehens drehte ich mit Don Siegel. Don Siegel arbeitete sehr effektiv, schneller als jeder andere, weil er schneller dachte. Er hasste Produzenten. Ich habe viel von ihm gelernt.

Über Western:
Ich wuchs in den 30er und 40er Jahren auf, als Western in waren, als Kind mochte ich Western, ich wollte unbedingt auf einem Pferd reiten. Gary Cooper, John Wayne, James Stewart und Co. mochte ich ich besonders. Western sind populär, weil sie dir eine Flucht aus dem Alltag ermöglichen.

Über die Wirtschaftskrise:
Ich bin zur Zeit der Depression aufgewachsen, aber wenn man vier, fünf Jahren alt ist, kriegt man schon mit, wenn Leute verhungern. Aber wenn man älter wird, lernt man seine Eltern zu schätzen, die dafür sorgen, dass du immer etwas zu essen hast. Wir sind alle sechs Monate in eine andere Stadt gezogen, wenn mein Vater eine neue Stelle bekam. Das sorgte dafür, dass ich lernte, zu überlegen, was man wofür ausgibt.

Über die Anfänge als Schauspieler:
In der Junior High School spielte ich in einem Theaterstück die Hauptrolle, ein Kind, das zurückgeblieben war. Ich spielte so schlecht, dass es lustig war. Das war mein Anfang als Schauspieler. Ich wollte nie wieder spielen, aber im College ging ich in die Schauspielklasse weil ein Freund auch da war und weil die schönsten Mädchen drin saßen. Ende der 50er Jahre machte ich Testaufnahmen fürs Fernsehen für die CBS-Show, bekam den Job und konnte von der Schauspielerei leben. Dann sagte mein Agent, es gibt das Angebot, in Italien einen Western zu drehen, das Remake eines japanischen Films, ich sagte nein. Dann las ich das Drehbuch, sagte, das ist Mist. Es war ein Remake von Akira Kurosawas „Jojimbo“, und ich war eine großer Fans des Films. Ich dachte, ich war noch nie in Italien, und machte es, Es war ein kleiner Film, für 200.000 Dollar. Ich machte den Film und es wurde ein Hit.

Über seine erste Regiearbeit „Play Misty for Me“ (1971):
Als mir das Studio den Film angeboten hatte, sagte ich zu. Ohne Gage, das Studio wollte mich nicht bezahlen, und ich fand das okay, man hätte es bezahlen sollen, dass es mich Regie führen ließ.

Andrea Dittgen

 

Die Ministerin und ihre Männer (von links): Ronald Zehrfeld, Louis Hofmann, Monika Grütters, Volker Buch und Alexander Fehling.

Auf engem Raum

German_Films_Empfang_3Beim deutschen Empfang sind die Deutschen in Cannes weitgehend unter sich: Filmemacher, Schauspieler, Produzenten, alle, die in der Branche arbeiten. Die Kulturstaatsministerin ist da und hält eine kurze Rede, in diesem Jahr wurden erstmals sechs Schauspieler unter dem Titel „Face to Face“ präsentiert, es gibt viel zu trinken (allein vier Sorten Pfälzer Wein) , so gut wie nichts zu essen (Oliven und Erdnüsse), aber die Stimmung in der von German Films  angemieteten Villa mit großen Garten, etwa zwei Kilometer vom Festivalgeschehen entfernt, am späten Samstagabend (nach der überstandenen Evakuierung) ist immer gut.

Warum Cannes und dieser Empfang wichtiger ist als Veranstaltungen in Berlin, erklärte mir dort ein Rheinland-Pfälzer: der 1980 in Mainz geborene (und inzwischen in Berlin lebende) Kurzfilmer Erik Schmitt. Er ist zum dritten Mal hier, Sein witziger Fünf-Minuten-Kurzfilm „Santa Maria“ wurde als „Next Generation Short Tiger“ im Filmmarkt präsentiert: „Das Besondere an Cannes ist, dass sich hier die ganze deutsche Filmwelt auf engem Raum trifft, die sonst überall verteilt ist. Selbst in Berlin sitzen alle in ihren Wohnungen, und hier sind alle am selben Ort, am hat Zugang zu Leuten, die man sonst nicht sehen würde. Am Anfang war es spannend, eine neue Welt. Dann wird es immer mehr Business. Man lernt Leute kennen und knüpft Kontakte, die später wichtig sind, lernt Schauspieler kennen, die interessant sind.“ In Cannes lernte er auch die Hauptdarstellerin für seinen ersten langen Spielfilm kennen, den er im Sommer dreht, verriet er beim Kurzinterview.

So war es kein Wunder, dass Kulturstaatsministerin nach zweiGerman_Films_Empfang_akinwe Sätzen auf Englisch für die ausländischen Gäste auf Deutsch weitermachte und sogar Filmwissen an den Tag legte (oder einen guten Redenschreiber hatte):

„Ich freu mich hier zu sein, weil der deutsche Film lange nicht ein so starkes Statement auf der internationalen Bühne vorweisen konnte. Allein 16 Filme mit deutscher Beteiligung hier in Cannes, mit Valeska Grisebachs „Western“ und einem Wettbewerbsbeitrag mit Fatih Akins Film „Aus dem Nichts“  – letztes Mal Maren Ade, die diesmal in der Jury ist – und überhaupt die Frauen machen wieder Lust auf den deutschen Film. Fatih Akin natürlich auch. Das können Sie ruhig mal beklatschen! Damit die Künstlerinnen und Künstler Filme machen können, machen wir in der Politik das Einzige, was wir können, wir schaffen die Möglichkeiten, damit sie ihr Dinge machen können. Wir haben die kulturelle Filmförderung erhöht, damit Fatih Akins beispielsweise in letzter Sekunde das nötige Geld für seinen Film noch bekommen hat und der Film fertig geworden  ist. Ich freue mich, dass die neuen Regeln erfolgreich sind. Es war William Wyler, der gesagt hat – er hat vor 60 Jahren hier die Goldene Palme bekommen, er hat über40 Jahre Western gemacht – er würde nur darüber nachdenken, auf welche Weise man am besten auf ein Pferd rauf- und wieder runterkommt. Und ich denk, unsere Aufgabe ist es, Sie zu unabhängig zu machen von allen lästigen Behinderungen, dass Sie wirklich alles tun können, um 40 verschiedene Wege zu finden, um auf ein Pferd rauf und runterzukommen. Schön, dass wir mit „Western“ einen guten Auftakt in Cannes haben.

Der Film, der 1957 gewann war William Wylers „Lockende Versuchung“, ein Western mit Gary Cooper und Anthony Perkins.

Erik Schmitts Film „Santa Maria“ ist der seltene Fall eines Vertikalfilms, also ein Film, der für das senkrechte Format auf dem Handy gedreht ist (so wie Anfang und Ende von Michael Hanekes Wettbewerbsfilm „Happy End“), sein Kameramann Johannes Louis ist auch aus Mainz.

Von den sechs Schauspielern, die auch filmisch vorgestellt wurden, waren nur Volker Buch, Alexander Fehling, Louis Hofmann und Ronald

Zehrfeld beim deutschen Empfang in Cannes (Tom Schilling und Jannis Niewoehner fehlten). Man ließ sie auf der Bühne für die ausländischen Gäste auch Fragen auf Englisch beantworten, bei denen sich überraschenderweise der in der DDR (Ostberlin) aufgewachsene Ronald Zehrfeld mit dem besten Englisch glänzte.

Der Ministerin gefiel es beim Empfang gut, sie sprach auch mit den Schauspielern und wurde sogar nach Mitternacht noch gesichtet.

Andrea Dittgen

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Evakuierung!

2000 Journalisten standen gestern ratlos und ungeduldig im Freien vor dem Saal Debussy, dem zweitgrößten Saal im Festivalpalais, wo um 19.30 Uhr die Pressevorführung von „Le redoutable“ (Der Zweifelhafte) über das Liebesleben des Regisseurs Jean-Luc Godard in den 60ern von Oscar-Preisträgers Michel Hazanavicius laufen sollte. Aber um 19.30 Uhr war immer noch kein Einlass. Es waren auch keine der üblichen Wächter zu sehen, die mit Scannern die Festival-Badges der Besucher noch vor der Treppe kontrollieren. Die Journalisten werden unruhig, ungeduldig und laut – sind sie doch durch die viel Zeit kostenden Sicherheitskontrollen ohnehin nicht in bester Laune.

Doch wie immer in solchen Fällen der unerklärbaren Verspätung zeigt sich kein Verantwortlicher, der erklärt, was los ist. Es passiert einfach – nichts. Nur große Verwirrung. Spekulationen machen die Runde: Haben sie eine Bombe gefunden? Bis um 19.50 Uhr alle Saalbediensteten herauskommen. „Es wird evakuiert!“ ist zu hören. Und der Obersaalwächter liest die Vornamen der zwei Dutzend Mitarbeiter vor, die wie Schulkinder „hier“ rufen. Hat man doch eine Bombe in den Saal geschmuggelt? Alle wartenden Journalisten wurden gebeten, sich vom Gebäude zu entfernen, was bei der Masse der Wartenden in den engen Gassen zwischen Laufgittern nicht einfach ist. Während ein Wächter meinte, „Die Vorstellung fällt aus“, kam nach 30 Minuten die Entwarnung. Der Einlass begann, weitere 15 Minuten später dann die Vorstellung, was sofort zu Scherzen führte: „Ein Coup von Godard“ hieß es schnell, war der Regisseur doch früher immer für Provokationen gut. Endlich war etwas los, von dem man noch nach Jahren erzählen wird!

Erst Stunden später wurde bekannt, was die Evakuierung auslöste: eine vergessene Tasche im Debussy-Kinosaal. Was ungefähr so gefährlich ist wie ein herrenloser Koffer am Flughafen. Polizisten mit Spürhunden kamen ins Gebäude. Wahrscheinlich war Spürhund Falc dabei, den ich morgens schon vor dem Saal sah und ablichtete. Ob die Hunde

Der leere Saal Debussy in Cannes fast über 2000 Besucher.

Der Saal Debussy in Cannes fast über 2000 Besucher. 

etwas gefunden haben weiß man nicht. Ob das komplette Festivalpalais evakuiert wurde, ist auch nicht bekannt. Die Sicherheitsmaßnahmen sind in diesem Jahr wegen der Terroranschläge in Frankreich so hoch wie noch nie, aber der Fall der vergessenen Tasche zeigt, dass es mit der Kommunikation im Fall der Fälle doch sehr im Argen liegt – was doch überrascht.

Andrea Dittgen