Kategorie-Archiv: Bologna 2019

Deutsch nur, wenn sie wütend war

Selbst nach ihrem Tod bewegt Romy Schneider (1938-1982) die Gemüter. Vor allem dieses Interview, das sie 1976 Alice Schwarzer gab. Die beiden hatten sich in Paris bei der Kampagne „Ich habe abgetrieben“ kennengelernt, wie die deutsche Feministin in der Doku „Conversation avec Romy Schneider“ (2017) erzählt, die beim Festival „Il Cinema ritrovato“ in Bologna gezeigt wurde. Das berühmte Interview, das bereits in Schwarzer Romy-Schneider-Biografie einfloss, und das nur auf Tonband existiert, wollte der französische Regisseur Patrick Jeudy (70) mit Filmbildern versehen.

Patrick Jeudy in Bologna. Foto: Dittgen

Patrick Jeudy in Bologna. Foto: Dittgen

„Die Familie von Romy Schneider hat mir nicht die Erlaubnis verweigert“, sagte Jeudy in Bologna. Er habe mehrfach angefragt. Bis er auf die Idee kam, Alice Schwarzer (76) dazu zu interviewen, dieses Interview zu filmen und mit Szenen aus Romy-Filmen zu illustrieren. Nun erzählt Schwarzer in perfektem Französisch, wie es zu dem Interview kam, was Romy zu ihr sagte und in welchem Zustand sie sich damals befand. Das Dokument wurde bereits 2018 auf Arte gesendet.

Die damals 38-jährige Romy Schneider, damals auf dem Höhepunkt ihrer Karriere,  kam zu der vier Jahre älteren Alice Schwarzer nach Köln, die sich nichts aus Stars machte, und erzählte ihr eine Nacht lang, was sie bewegte: ihr Image, das sie hasste. „Wir sind die beiden meist beschimpften Frauen Deutschlands“, meinte Schwarzer. Romy, weil sie nicht mehr Sissi sein wollte, Alice, weil sie Feministin war (ihre Zeitschrift „Emma“ gab es jedoch zum Zeitpunkt des Interviews noch nicht). Romy sprach Französisch, die Sprache ihrer Wahlheimat, „Deutsch nur, wenn sie wütend war“, erinnert sich Schwarzer. Die beiden duzten sich wie Freundinnen.

Romy Schneider und Alice Schwarzer 1976. Foto: Cinema ritrovato

Romy Schneider und Alice Schwarzer 1976. Foto: Cinema ritrovato

Romy erzählte, dass ihr Hass auf Deutschland, wo sie aufgewachsen war und ihre ersten Erfolge feierte, nicht nur damit zu tun hatte, dass man in der deutschen Presse nur die ewige „Sissi“ sah, sondern dass sie geschockt war, als sie erfuhr, dass ihre Mutter Magda Schneider mit den Nazi-Größen verkehrte. Sie baute ihr Haus in Berchtesgaden so, dass man Hitlers Berghof sehen konnte. Sie war öfter dort – und Romy war überzeugt, dass ihre Mutter eine Affäre mit Hitler hatte. Ob es stimmt, weiß man nicht, aber Romy war davon überzeugt und kehrte Deutschland den Rücken: „Ich will nie wieder in Deutschland leben“, sagte sie – und tat es auch nicht.“ Sie war ein extrem zerrissener Mensch“ meint Schwarzer rückblickend. Romy erzählt auch, dass sie als Kind sexuell belästig wurde, sogar von dem eigenen Schwiegervater. Und dass Otto Preminger ihr geraten habe, jede Rolle anzunehmen. Romy immer versucht, sich von ihrem Image zu befreien, etwas sie zum ersten Mal in diesem Interview tat. Der interessante und gut gemachte Film von Jeudy ist inzwischen auf Französisch im Internet verfügbar.

Andrea Dittgen

Frühes Plädoyer gegen die Todesstrafe

Wann wurde in Deutschland die Todesstrafe abgeschafft? 1919, 1929 oder 1949? Bei Filmfestivals wie dem „Cinema ritrovato“ in Bologna erfährt man solche Fakten: Es war erst 1949. Wann wurde in Deutschland die letzte Filmkopie hergestellt: 2015, 2017 oder 2019? Auch das erfährt man: Am 18. Juni dieses Jahres stellte das Bundesarchiv-Filmarchiv die Herstellung von Filmkopien im analogen Kopierwerk ein.  Seitdem ist alles nur noch digital. Der letzte Film, von dem das Bundesarchiv eine analoge Kopie herstellte, war in Bologna zu sehen: „Tötet nicht mehr!“ von und mit Lupu Pick von 1919, ein Plädoyer gegen die Todesstrafe.

Das österreichische Filmarchiv hatte beim Bundesarchiv angefragt, ob es eine Kopie gibt, der Film war seit den 20er Jahren nicht mehr zu sehen. Auch das erfährt man. Nun kann man das 127-Minuten-Werk endlich sehen. Der sozial engagierte Regisseur und Schauspieler Lupu Pick (1886 – 1931) argumentiert darin in einer langen Sequenz, dass die Todesstrafe vor allem deshalb unmenschlich ist, weil zwischen dem Urteil und der Vollstreckung eine lange Zeit liegt, in der die Verurteilten und ihre Angehörigen verzweifeln.

Diese Geschichte wirkt arg konstruiert, ist aber spannend inszeniert. Der Sohn des Geigers Erik Paulsson wurde bei einer konspirativen Dichterlesung verhaftet und mit der Todesstrafe bestraft: Er wurde im Kasernenhof erschossen. Paulsson sieht in einem Café den Gouverneur, der das Urteilt fällte und erwürgt ihn. Dafür muss Paulsson ins Gefängnis. Er bekommt lebenslänglich, wird aber 18 Jahre später wegen guter Führung entlassen. Er lebt nun bei seiner Tochter Karin, die Sebald Brückner, den Sohn des Staatsanwalts liebt. Beide sind Schauspieler, die mit einer Pantomime Erfolge feiern. Als der Theaterdirektor Karin gegenüber immer zudringlicher wird und beide rauswirft, als sie sich ihm nicht hingibt, tötet Sebald ihn. Er wird gefasst und zum Tod verurteilt. Obwohl sein Vater, Karin und Paulsson alles versuchen, dürfen sie nicht zu ihm. Das Gnadengesuch wird abgelehnt, man sieht, wie Sebald in seiner Zeller verzweifelt.

In die Geschichte eingebettet ist eine Szene, in der der Staatsanwalt und seine Kollegen zu Hause auf dem Sofa eine Ausstellung vorbereiten zum Thema „Die Todesstrafe im Wandel der Zeiten“ mit Fotografien der Hinrichtungsarten vom Mittelalter bis heute. Da hat der Staatsanwalt noch keine Bedenken gegen die Todesstrafe, was sich natürlich ändert, als sein Sohn betroffen ist.

Dieses Fotos gehört nicht zur Handlung, es zeigt ein Foto aus der dem Ausstellungskatalog "Die Todesstrafe im Wandel der Zeiten", den sich Staatsanwälte und Richter in dem Film ansehen. Foto: Cinema Ritrovato

Dieses Fotos gehört nicht zur Handlung, es zeigt ein Foto aus der dem Ausstellungskatalog „Die Todesstrafe im Wandel der Zeiten“, den sich Staatsanwälte und Richter in dem Film ansehen. Foto: Cinema Ritrovato

Dass der aus Rumänien ins Deutsche Reich eingewanderte Lupu Pick den ersten deutschen Film zu dem Thema dreht und in auch mit seiner Firma Rex-Film produziert, liegt daran, dass Rumänien im Gegensatz zu vielen anderen europäischen Ländern bereits 1865 die Todesstrafe angeschafft hat, wie dem Festivalkatalog zu entnehmen ist. Am Drehbuch schrieb der Berliner Gerhard Lamprecht mit, der Regisseur, der sei seiner Schulzeit auch Filme sammelte. Seine Sammlung bildete die Basis der Deutschen Kinemathek, die Lamprecht bis 1966 leitete. Umso überraschter ist man, dass „Tötet nicht mehr!“, der auch sein Film ist, erst jetzt wieder zugänglich. Eine DVD gibt es vorerst nicht, am 11. August 2019 ist er in Deutschland zu sehen: im Berliner Zeughauskino des Deutschen Historischen Museums.

Andrea Dittgen

What Shall We Do with the Drunken Sailor?

Er war der Böse: Er sagte vor dem McCarthy-Ausschuss gegen un-amerikanisches Verhalten, der in   in den USA der 50er Jahre Jagd auf Kommunisten machte aus. Und ernannte Namen von Kollegen, die Mitglieder der Kommunisten Partei waren (wie er selbst) oder sind. Es geht um den Schauspieler Sterling Hayden (1906-1986). Den Gangster aus „Asphalt-Dschungel (1950),  den Cowboy aus „Johnny Guitar“, den General aus „Dr. seltsam oder Wie ich lernte, die Bombe zu lieben“ (1964). Der deutsche Filmkritiker Wolf-Eckhart Bühler hat 1981 einen Interview-Film mit ihn gedreht, obwohl er das gar nicht vorhatte. Das Ergebnis ist ein Film über einen Hollywood-Star, wie es keinen zweiten gibt. Er war beim Festival „Il Cinema ritrovato“ (das wiedergefundene Kino) in Bologna zu sehen.

Sterling Hayden auf seiner Barkasse. Foto: Edition Filmmuseum

Sterling Hayden auf seiner Barkasse. Foto: Edition Filmmuseum

Bühler wollte Haydens autobiografischen Roman „Wanderer“ verfilmen. Der schenkte ihm die Rechte. Nach mühsamer Recherche fand  Hayden auf seiner Barkasse im Hafen von Besançon. Hayden, Mitte 50, hatte einen wolligen weißen Seemannsbart, sah 20 Jahre älter aus und war permanent betrunken, konnte aber klar artikulieren. „Nach zwei Tagen meinte er, es sei schade, dass er keine Kamera dabei habe, um das Treffen zu filmen“, erinnert sich Bühler (73), ein Mann mit langen weißen Haaren,  in Bologna. „Ich sagte, gib‘ mir fünf Tage“, so Bühler weiter. Dann kam er zurück mit einer kleinen Crew und filmte fünf Tage auf dem Boot.

Doch wie filmt meinen einen betrunkenen Seemann? Er ließ Hayden erzählen. Doch über seine Hollywood-Karriere wollte der gar nicht reden. Auch gab er nicht damit an, was er für ein toller Hecht er doch sei. Er sah sich nie als Schauspieler, sondern als Seemann, das wird schnell klar. Schon als Teenager war er zur See gefahren, auf einem Fischkutter. Zur Schauspielerei kam er durch Zufall. Nach dem ersten Erfolgen wollte er auch damit aufhören, aber so verdiente er genug Geld, um sich Segelboote zu kaufen, von denen so manches unterging. Er reiste gern, war zu erfahren – und dass er, der Ex-Kommunist, es später bereute, vor dem Ausschuss ausgepackt zu haben. Warum er es tat, sagte er allerdings auch. Hätte er es nicht getan, hätte er keine Rollen mehr bekommen, also kein Geld für Boote. Nachdem er ausgesagt hatte, war er besser im Geschäft denn je. Viel mehr sagte er über Hollywood nicht, nichts über die Kollegen, nichts über die Regisseure, die Studios. Diese Vergangenheit erzählt Bühler aus dem Off. Und er fügt Filmszenen ein.

Hayden philosophierte über Gott und die Welt, sprach über seinen Sohn, der mit ihn auf dem Schiff lebt, und seine Frau, die in Amerika geblieben ist. Er las aus seinen veröffentlichten Romanen vor, und aus dem, an dem er gerade schrieb: „Leuchtturm des Chaos“. So heißt Bühlers Film. Hayden wiederholte sich oft, man hätte locker eine halbe Stunde aus dem zweistündigen Film rausschneiden können, aber die Länge macht das Interview, das eigentlich ein Monolog ist, unterbrochen von zwei Landgängen, authentisch. Was man Bühler lassen muss: Nie sieht man Hayden mit dem Whiskey-Glas, er sitzt barfuß  im Sessel wie ein alter Opa und redet ununterbrochen. Aber Bühler zeigt ihn auch, wenn er schläft und wenn er, gestürzt auf ein Stöckchen à la Chaplin, durch die Stadt geht und „Bonjour“ sagt. Der Film ist ein Porträt, ein manchmal mühsames, in ernster Linie aber die Demontage eines Hollywoodstars (Hayden drehte von 1941 bis 1982 über 70 Filme). Allerdings eines Stars, der nie einer sein wollte.

Wolf-Eckart Bühler, Foto: Dittgen

Wolf-Eckart Bühler, Foto: Dittgen

„Als der Film fertig war, mietete Hayden ein Kino, und sah ihn sich allein an. Es sei ein außergewöhnlicher Film meinte er. Aber er könne ihn sich nicht noch mal ansehen, weil er sich schämte“, berichtet Bühler. Denn da hatte kurz drauf machte Hayden eine Alkoholkur und trank nie wieder. Fünf Jahre später starb er. Bühlers Film war einmal im Fernsehen zu sehen – und dann nie wieder. Bis er im Vorjahr beim Festival von Locarno zu sehen war und nun in Bologna. Und heftig beklatscht wurde. Man kann ihn sehen: Das Münchner Filmmuseum hat ihn auf Doppel-DVD herausgebracht – zusammen mit zwei weiteren Filmen von Bühler über Hayden („Der Havarist“, ein Spielfilm nach Haydens „The Wanderer“ von 1984, und einen weiteren Film mit Hayden). Es ist Bühlers Gesamtwerk, denn mehr Film hat er nicht gedreht.

Andrea Dittgen